Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1936)
- Date
- 1936-05-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450927--82088-2540021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Nr. 19 Der Israelit 7. Mai 1936 und blicken grimmig über ihre weißen Pfeifen; aber sagen noch nichts . . . Sahst du das? Erst kam der Dampf aus der Schiffspfeife, und dann hörte man es erst! Her unter! Herunter! . . . Ja, ja, wir gehen schon, wir sind schon weg! Ein Mann rollt schwarze Fässer heran, es dröhnt wie Donner, und zwei kippen große, weiße Kisten wieder und wieder, daß der Staub aus den Brettern fliegt, paß auf deine Füße auf, solche Männer sehen sich nicht vor. Man sieht die Passagiere bereits auf 'dem Deck, man hört das Schiff stampfen und dampfen , . . jetzt auf einmal nicht mehr ... nun muß der Kapitän etwas durch das Sprachrohr nach unten gerufen 'haben . . . das Schiff treibt ohne das geringste Geräusch ... es treibt langsam an den Steiger heran . . . alles an ihm wird mit jeder Sekunde größer und deutlicher ... es gibt sich nun keine Mühe mehr . . . aus ist die Reise, und eine kleine halbe Stunde darf es ausruhen, wird in dieser Zeit entleert und wieder vollgeladen — und ist dann das Boot von sechs Uhr geworden. „Tag, Vater! Tag, Vater!" Trägt Vater schwer an seinem Koffer? Ach, woran soll man das sehen? Auch 'wenn er mit Blei gefüllt wäre, könnte man es Vater noch nicht anmerken, so einem starken Mann . . . Die Reisenden kommen über die Lauf brücke und passieren die Barriere. Vater gibt seine Karte dem ältesten Mann, endlich . . . „Tag, Vater! Tag, Vater!" Wer darf Vaters Koffer tragen? Beide abwechselnd; aber das Mannsvolk geht vor. Der Knabe nimmt ihn froh und behende dem Vater ab, und hinter Vaters Rücken fragen ihre Augen und antworten die sei- , nen ... ja, er ist schwer, kolossal schwer! Also . . . also . . : also . . . Aber sie dürfen nichts fragen, nicht einmal sich etwas merken lassen. Und da dem Mädchen wieder wie nachmittags vor lauter Fragen ein dicker Pfropfen im Halse steckt, sagt sie nicht, sieht nur schräg in die Höhe nach Vaters Gesicht, nach ihrem tüchtigen Vater! Bis zu dem Lebensmittelhändler an der Ecke darf der Junge den Koffer tragen, dort bleiben sie stehen und er übergibt ihn seiner Schwester. War er sehr schwer? Ja, wenn Vater es selbst fragt ... sie werden alle beide rot und brechen beide in Lachen aus, Vater lacht auch, und sie gehen weiter. Und wenn der Koffer auch schwer ist, er hängt an ihrer Hand. Herrlich, so alle drei nach Haus zu Mutter zu gehen, zwischen den fremden Menschen hinduroh . . . Und Vater weiß doch nicht genau, was sie wissen, aber sie wissen auch nicht, was Vater weiß, das sie wissen. Nun gehen sie den schmalen Pfad zwischen den Gartenzäunen hinab, nun sind sie in der Stille ihrer Straße und gleich zu Haus. Totenstill steht das Wasser in den Gräben, zu beiden Seiten der kleinen'" Brücke, totenstill und grün und sieht beinahe so dick aus wie Erbsensuppe. Mutter steht auf der Schwelle und späht und späht, aber sie sieht nicht, und sie sehen Mutter schon lange, sie ist auch ein bißchen kurzsichtig; „Tag, Mutter! Tag, Mutter!" Ha, nun winkt sie endlich zurück. Verstohlen schaut das Mädchen nach Vater und hebt dann mit einem gespielt schmerzlichen Gesicht — so schrecklich schwer ist der Koffer! — ihre Last ein Endchen in die Höhe. Ob Mutter begreift? 0, sie lacht, sie lacht ... Nun braucht man nicht zu denken, daß Vater sofort zu erzählen anfängt, sobald sie zu Haus sein werden. 0 nein, bei Vater geht alles seinen geregelten Gang. Hut und Mantel an den: Garderobenständer und Mutter bekommt einen Kuß. Und dann ist immer die erste Frage: „Briefe oder Bestellungen?" Hat Vater es diesmal gefragt? Das Mädchen wollte darauf achten und hat es doch nicht .getan. Vater hat den Koffer auf den Tisch gestellt und sie stehen rund herum. Und Mutter' blickt Vater an und fragt mit den Augen. An Vaters Gesicht kann man nichts sehen. Es könnte ebensogut schlimm wie gut sein, was er zu erzählen hat. Aber der Koffer war doch so schwer! Die Kinder sehen deutlich, wie Mutters Gesicht bereits ängstlicher wird, ihr Mund öffnet sich . Und?" „Elf . . ." Wie schroff und trocken das klingt! Sie blicken einander an, sie schauen nach Vater, sie schauen nach Mutter . . . 0, sieht Mutter blaß aus! „Elf Groschen . . .?" Mutter sagt es so leise, als ob sie es beinahe nicht herausbringen kann. Ja, es muß wohl auch sehr wenig sein. „Elf Gulden . . ." Es klingt wieder genau so unerschütterlich ruhig. Aber plötzlich begreif fen sie. Es ist alles nur Scherz, daß Vater so spricht, daß Vater so tut. Denn sieh nur Mutters Gesicht! Und ja, nun lacht Vater selbst auch, und die Kinder ebenfalls. Ja, Mutter, wir wußten es sofort, denn fühl' nur mal, wie schwer der Koffer ist . . . (Berechtigte Uebersetzung aus dem Holländischen von Willy Blochert,)" Das alte Testament wird verlebendigt- Eine der interessantesten. Erzählungen in der ganzen Weltgeschichte ist die der Einnahme von Jericho. Die Archäologen, haben eine ziemlich vollständige Kette von Belegen über das Eindringen der Israeliten, das die Belagerung Hind Zerstörung der Stadt zur Folge hatte, aneinandergereiht. Zunächst sind Briefe vorhanden, die ungefähr im 15. Jahrh. v. d. übl. Ztr. auf Tontafeln geschrieben wurden, und in denen die Statthalter der größeren Städte Palästinas die damalign Pharaonen um Kampfwagen und Reiter gegen das einbrechende Heer eines „Haibiru" genannten Volkes anflehen. Dies Wort bedeutet anscheinend Hebräer, und angesichts der Uebereinstimmung des Zeitpunktes, zu dem diese Briefe geschrieben sein müssen, und der Zeit des Einzuges der Hebräer in Palästina am Schlüsse ihrer 40jährigen Wüstenwanderung nach dem Entrinnen aus der ägyptischen Knechtschaft scheint kein Zweifel zu bestehen, daß diese Eroberer die Stämme waren, die, nachdem sie eben ihren gewaltigen Führer in Moses verloren hatten, nun auf Befehl Josuas, seines kriegerischen Nachfolgers, vorwärtsdrangen. Professor Langdon hat, gestützt auf andere Entdeckungen, mit Bestimmtheit festgestellt, daß die Habiru mit den Hebräern identisch sind, obgleich es natürlich^ außer den Israeliten noch andere Habirustämme gab. Manche halten " den Pharao des zweiten Buches Mosis für Amenhotep II., der im Jahre 1447 v. der übl. Ztr.,'kurz nachdem die Israeliten Aegypten verlassen hatten, den ägyptischen Thron bestieg. Als die Israeliten, von der Feuersäule bei Nacht und der Wolke "bei Tag geleitet, vierzig Jahre gewandert waren, faßten sie endgültig den Beschluß, Jericho, das Tor zum gelobten Lande Palästina, anzugreifen. Wenn diese Rechnung richtig ist, können wir also den Zeitpunkt der Eroberung der Stadt auf etwa 1400 v, der Übl. Ztr. ansetzen. Das war etwa die Mitte der späteren Bronzezeit. Und dieser Zeitpunkt stimmt mit den Schätzungen überein, die von den Urhebern jener Theorie über den Angriff Josuas gegen Jericho gemächt wurden. Die Geschichte des kriegerischen Umzuges der Priester um die fast uneinnehmbaren Mauern ist jedem Schuljunigen vertraut. Wieder und wieder gingen sie um die Stadt, während Posaunen geblasen wurden und die Männer auf ein verabredetes Zeichen ihre Stimmen zu einem großen Feldgeschrei erhoben. Wir können uns vorstellen, wie die Einwohner und die Krieger auf den Mauern höhnten, schrieen, Wurfgeschosse und Schmähreden herabschleuderten und schließlich ängstlich und still wurden durch die starre Entschlossenheit und äußerste Zuversicht der bärtigen Priester. Plötzlich begannen die großen Mauern, so wird uns berichtet, bei einem bestimmten Felipeschrei und dem Blasen der Posaunen nach außen zusammenzustürzen; die Schreie der Verteidiger mischten sich mit dem Krachen und Dröhnen des fallenden Mauerwerks, und Jericho, das unbezwingliohe, lag offen und unverteidigt vor dem Ansturm siegesgewisser Angreifer, gegen die sich zu verteidigen die bestürzten* Bewohner nun zweifellos allzu schreckbefangen waren. Ueber diese Erzählung von den einstürzenden Mauern wurde vor fünfzig Jahren als eines der übertriebenen Berichte aus der alten Stammesgeschichte der Hebräer sehr viel gespöttelt, heute aber nicht mehr. Zur Erklärung für den Einsturz sind neuerdings Tjheorien vorgebracht worden, wie etwa die Möglichkeit eines gerade im, richtigen Augenblick sich ereignenden Erdbebens oder der Gedanke, daß die Priester auf ihren Posaunen den auf die Mauern zerstörend wirkenden Ton bliesen. Wie diese Hypothesen " läuten mögen, es bleibt bestehen, daß Prof. Garstang bei seinen vor einigen Jahren an der Stelle des alten Jericho vorgenommenen Ausgrabungen die Mauern platt liegend> wie sie hingestürzt waren, tief unter Triebsand begraben fand. Seine Entdeckungen scheinen die Berichte des Alten Testaments über diese Begebenheit vollkommen zu bestätigen. Man wird sich erinnern, daß Josüä gebot, die eroberte Stadt solle geplündert werden — „und sie verbannten alles, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwertes), beide, Mann und Weib, jung, und alt, Ochsen, Schafe und Esel", alles mit Ausnahme des Hauswesens der Frau Rahab, die Josuas Kundschaftern Hilfe geleistet hatte. Alles Silber und Gold -und eherne und eiserne Geräte taten die Hebräer zum Schatz in das Haus des Herrn, und sie; verbrannten die Stadt mit Feuer, machten die Häuser und Innentürme dem Erdboden gleich und ließen nur einen Haufen rauchender Trümmer übrig. In der Stadt der Kanaaniter und Hirtenkönige zu Ghasa sind durch Ausgrabungen höchst wichtige Entdeckungen gemacht worden. Es ist z. B. nicht allgemein bekannt, daß zu Abrahams Zeiten schöne goldene Ohrringe aus Irland als Handelsware nach Ghasa gebracht wurden. Zu jener Zeit war Irland die größte- Goldquelle in Europa. Sicher trieb es mit «■einen goldenen Ohrringen Handel mit dem alten Troja, "denn, man hat sie unter den Trümmern dieser Stadt gefunden. Andere hat man in Zypern ausgegraben; die aber,, die tief unter der Erde vergraben, dort, wo zu Abrahams. Zeiten Ghasa stand, entdeckt wurden, waren die ersten Beweise der Handelsbeziehungen zwischen. Irland und Palästina vor 4000 Jahren. Zusammenhänge mit der Geschichte von Abraham sind von Forschern an verschiedenen Stellen gefunden worden. Vor ein bis zwei Jahren legte Pater Mallon 15 ha der vermutlichen Stelle des alten Sodoms frei und stieß auf unzweifelhafte kalzinierte Trümmerstücke, die zu bestätigen schienen, daß die Stadt, die hier ursprünglich stand, durch Feuer zerstört wurde, und zwar durch Feuer und Schwefel" vom Himmel. Auch hat Leonard Woolley vom Britischen Museum an der Stelle, wo einst die Stadt Ur der Chaldäer stand, wichtige Entdeckungen gemacht. Man fand zwei sich voneinander unterscheidende Schichten von Ueberresten, die durch ein zweieinhalb Meter tiefes Lehmbett voneinander getrennt waren. Unter diesem Lehmbett fanden sich Anzeichen einer Frühzivilisation keiner hohen Kulturstufe. An der Tiefe und dem allgemeinen Aussehen der Lehmablagerung glaubte man djg Zeichen einer in früher Zeit erfolgten Ueberschwemmung von ganz außerordentlicher Tiefe und Ausdehnung zu erkennen, die alles menschliche Leben in weitem Umkreise — mit Ausnahme vielleicht des Lebens in ein paar zerstreuten Lagern auf Bergesgipfeln — vernichtete und sehr wohl jene Sintflut gewesen sein konnte, der Noaih durch den Bau seiner Arche entkam. Bibelfremde Forscher sind freilich der Ansicht, daß die Ueberschwemmung zwar, all das den alten Hebräern bekannte Land heimsuchte, sich aber nicht auf die übrige Welt erstreckte: Ghasa, wo Sir Flinders Petrie seinen Untersuchungen nachgeht, könnte man gleichsam als< den Kreuzungspunkt bezeichnen, in dem die beiden Hauptlinien des Jugendalters der Welt, d. h. die Geschichte Aegyptens und die Palästinas, zusammentreffen. Die in den letzten ein bis zwei Jahren in , Ghasa gemachten Entdeckungen haben eine völlig neue Auffassung von den Zeitaltern nötig gemacht, die ohne diese Entdeckungen nicht hätten geschrieben werden können. Viele Blätter der biblischen Geschichte Hegen hier in Ghasa noch ungewendet. Es ist möglich, daß' weitere Ausgrabungsarbeiten Abraham, die Richter und die Propheten wie auch einige der größten der Pharaonen zu neuem Leben erwecken. F. S. S. (Aus dem New Yorker „Herold".) Eine geographische Notiz. An verschiedenen Stellen der mw wird der Hain Mamre erwähnt. Im ersten Buch Kap. 12, 6; 13, 18; 14, 13; 18, 1; im fünften Buch II, 30, allgemein wird angenommen, daß es sich in allen erwähnten Fällen um die gleiche Oertlichkeit handelt. Auch Hirsch weist zu 5, II, 30 darauf hin, daß die dort genannte Stelle wohl identisch sei mit der I, 12, 6 ^genannten. In Wirklichkeit scheinen wir es mit drei verschiedenen Stellen zu tun zu haben. V 11, 30 ms -»nVs I 12, 6 mm y^K * I 13, 18 man »ab« (14, 13; 18, 1.) Der erstgenannte liegt bei Gilgal, der zweite bei Sichern, der dritte bei Chebron. Auch die Namen der genannten Männer sind, wie ersichtlich, nicht dieselben; es sind drei verschiedene Menschen. Desgleichen hat der erste mehrere Haine, der" zweite einen Hain, der dritte mehrere kleine Haine (ohne waw} besessen. Siehe dagegen Sota 33b. Dort werden beide Orte, ja alle drei identisch gesetzt. Die geographische Lage der drei weit voneinander getrennt liegenden Orte läßt das unwahrscheinlich! erscheinen. J. in Kr. '