Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1936)
- Date
- 1936-05-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 19 1936 Vaters Buch, Von Carry van Brüggen. Ist Vater nicht zu Haus? Kommt Vater nicht zu Tisch? Nein . . . Vater ist nach der großen' Stadt- Das kommt öfter vor, aber heute hat es einen besonderen Grund, Die Kinder sehen es, sie fühlen es . . . Mutter braucht nichts mehr zu sagen, sie kennen (Mutters Gesicht. Es ist bestimmt ein angenehmer Grund. Aber was wohl? Vater ist doch jetzt noch nicht in die Stadt gegangen, um Feigen und Datteln und Trauben und Mandeln für das bevorstehende Fest im nächsten Monat zu kaufen? Nein, Mutters Gesicht lächelt verschmitzt. O, es hat vielleicht etwas zu tun mit dem, was in den letzten Monaten im Hause geschehen ist und was sie nicht wissen durften? Abend für Abend saß Vater allein im Vorderzimmer, und sie durften nicht hereinkommen, nicht stören, aber doch haben sie, draußen spielend, manchmal durch das Fenster gesehen, wie Vater am Tisch saß und immerfort auf großen Bogen schrieb . . . und ein paarmal haben sie Mutter (hereinkommen und über Vaters Schultern auf das Papier blicken sehen, aber seit einer Woche hat Vater nichts mehr des Abends geschrieben, nicht wahr, Mutter? Ja, das ist so und es hat auch damit zu tun, daß Vater heuter-nach der Stadt gegangen ist, das sehen sie Mutter am Gesicht 'an. Aber was hat es zu bedeuten? Vater 'hat ein Buch geschrieben, sagt die Mutter. Ein wirkliches Buch, zum Lesen? Ja, und vergangene Woche war es fertig, und da hat Vater es eingepackt und in die Stadt geschickt. Und 'heute morgen kam ein Brief, gerade als sie zur Schule gegangen waren, und Vater ist mit dem Dampfer um zehn Uhr fortgefahren und kommt iheute nachmittag mit dem Schiff von halb sechs zurück. O, was möchten die Kinder jetzt alles auf einmal fragen, die Brust ist ihnen bis zum Zerspringen voll, aber da sie alles zugleich fragen wollen, fragen sie nichts. Stocksteif stehen sie da und blicken einander an. Vater hat ein Buch ..geschrieben . . . Daß Vater unglaublich tüchtig ist, das wußten sie — wie könnte Vater sonst vier Berufe haben? — aber ein Buch, ein Buch. — Und was für ein Buch, Mutter? Und kommt es hier ins Haus und dürfen wir es lesen? Ja, ijede Woche kommt ein Teil davon ins Haus, in der „Jüdischen Wochenschrift", denn es ist eine Erzählung in Fortsetzungen. O, und wovon handelt es? Ist es schön, Mutter? Ja, es ist sehr schön. Mutter hat darüber geweint, denn es ist sehr ergreifend. Mutter soll doch bitte etwas erzählen, was in dem Buch vorkommt. Ihre Herzen zittern; es wird plötzlich ganz still . im Zimmer. Nun denn, beginnt die Mutter zögernd, in Vaters Roman kommt ein vornehmer christlicher Herr vor, der nicht will, daß sein Sohn Alonzo die Tochter von Rabbi Salomon ben Adaza heiratet. Aber Alonzo will Jude werden und sogar Rabbiner und er liest im Talmud alle Abende mit . Rabbi Salomon. Und Rabbi Salomon liest den Talmud bis tief in die Nacht. Dann ist die ganze Welt still . . . und so hört er die Räuber, die in der dunklen Straße" hinter seinem Hause flüstern; er hört, daß sie den Väter von' Al^orizo überfallen und berauben* und ermorden wollen, und der Väter von Alonzo ist sein erbitterter Feind, der hätte Rabbi Salomon vor dem Gericht angeklagt. Aber nun ist sein Leben in Gefahr und auch das von seiner Frau. Da geht Rabbi Salomon auf die Straße und eilt nach dem Hause des Edelmannes und weckt ihn gerade rechtzeitig, denn die Banditen sind bereits auf einem kürzeren Wege angelangt, und nun werden sie alle gefangengenommen, Ja, aber Alonzo? Durfte er dann Jude werden? Durfte er Rebekka heiraten? Wurden Rabbi Salomon und der Edelmann später gute Freunde? Ja, alles kam in Ordnung, nur die stolze Mutter konnte es nicht verschmerzen und sie starb vor Wut und Empörung, Und das alles steht in Vaters Buch und noch viel mehr, was Mutter nicht so schnell erzählen kann. Und ist es denn alles wa'hr? Ja, es ist sehr lange her, in alter Zeit, da hat sich das alles zugetragen in einer Stadt in Spanien, die Zaragossa heißt. Wieder sind die Kinder ganz still, schlucken und atmen tief, und noch, als die Mutter längst wieder an ihre Hausarbeit gegangen ist, müssen beide, der Junge und das Mädchen, .an die schöne Geschichte von Vater denken, an die Stadt mit dem prächtigen Namen und an den edlen Rabbiner. Ja, Väter kann viel . . . Hat er nicht unlängst auch etwas für die Zeitung geschrieben, gegen einen Professor, es handelte von der Schechita, und der Professor hatte etwas dagegen geschrieben. Sie haben über alles etwas zu sagen, meint Vater, und sie wissen nichts davon, vielleicht keine fünfundzwanzig von den sechshundertunddreizehn Ge- und Verboten kennen sie, sie tun es nur, um wieder einmal etwas einwenden zu können. Für den Artikel über die Sohechita haben sie jeder einen Groschen von Vater bekommen, für das Abschreiben, jeder abwechselnd eine Seite, schön geschrieben mußte es sein, und es kamen eine Menge fremder und schwieriger Wörter darin vor. „Nun hat Vater fünf Berufe," sagt der Knabe zu seiner Schwester. „Fünf?" „Ja. Denn erstens ist Väter Schaumer des Rabbinats, für die Bauern, die koscheren Käse machen. Da geht Vater hin. und er kommt zu unerwarteten Zeiten, um zu sehen, ob sie keinne „wrongel" für den Käse gebrauchen, denn wrongel ist aus einem Kalbsmagen und man darf natürlich kein Fleisch mit Milch vermengen. Darum ist treifener Käse dann auch treife . . . Nun kannst du sehen, wieviel Vertrauen der Oberrabbiner zu Vater hat, ohne Vater äßen die Leute in der Stadt vielleicht gar treifenen Käse. Zweitens ist Vater Vertreter. Tn dem Oberzimmer hinter dem Laden von Zadok Krant, der nun tot ist, stehen die Kisten mit den schönen und gewöhnlichen Tefillin und jüdischen Büchern, die Kartons mit teuren und billigen Tallesim, mit den Arba kanfos, den viereckigen Tüchern für Feiertag und Alltag, und den Päckchen weißer und farbiger Havdolo- Kerzen, die die Leute einander schenken wollen, und die sie darum bei Vater aussuchen. Vater ist kein ■Ladenbesitzer, Vater ist. Vertreter und es ist Vaters zweiter Beruf, und dadurch hat Vater auch seinen dritten Beruf bekommen. Denn seitdem Zadok Krant gestorben ist; führt Vater der alten Frau die Bücher. Das sind die Bücher, die auf den Ladentischen liegen, die dicken Bücker mit roten und blauen Linien und schrecklich viel Zahlen. Solohe Bücher werden nicht geschrieben, sondern „geführt", und das tut Vater für Frau Krant, das ist sein dritter Beruf. Viertens ist Vater noch Sekretär. Manchmal muß er mit Briefen zu dem reichen Herrn Israels und auf Antwort warten. In den offenen PlätzV den Vater frei ließ, schreibt er dann: „L Israels, Vorsitzender." Aber Väter schreibt viel schöner ..." Und alsr Mütter wieder hereinkommt, fragt das Töenterchen sie, öfo Väter nun wirklich fünf Berufe hat statt vier. „Vier?", fragt die Mutter und steht mit der Schüssel voll Eiern in der Hand still. „Alles, was der Mensch tut, nennt man noch keinen Beruf. Schaumer sein, ist ein Amt. Und ein Buch schreiben — nun, ein Beruf ist es in jedem Falle nicht." Also bekommt Vater auch kein Geld dafür? O ja, das schon, das hofft Mutter zum mindesten stark, es würde sogar schrecklich sein, wenn Vater kein Geld dafür bekäme. „Viel Geld, Mutter, und bringt Vater das heute abend mit?" Mutter kommt auf halbem Wege zurück, stellt die Schüssel auf den Tisch und bleibt dabei stehen. Das ist nun gerade die große Frage, ob Vater Geld mitbringt und wieviel. Es muß erst noch etwas abgerechnet werden. Mit wem denn? Mit Herrn Wittelsthal, dem Verleger der Zeitschrift; denn er ist derselbe, dem auch die jüdischen Gebetbücher und Betkleider gehören. Was? Die gehören nicht Vater? Nein, denn dann wäre Vater Ladertbesitzer; aiber yt^iil die Kisten, Pakete und Schachteln in dem Oberzimmer hinter dem Geschäft von Krant Herrn Wittelsthal gehören, darum ist Vater Vertreter. Aber wer bekommt denn das Geld? Herr Wittelsthal kriegt das meiste, aber Vater bekommt „Kommission" — so nennt man das. Vater empfängt zuerst das Geld von den Leuten, die gekauft haben, und dann schickt er es gleich an Herrn Wittelsthal. Warum macht Mutter nun so ein sonderbares Gesicht, als wüßte sie selbst nicht, ob sie lachen oder betrübt aussehen soll? Geht es denn so nicht? Meistenteils wohl . . . aber manchmal läßt Vater es erst etwas auflaufen; denn das Schicken von kleinen Beträgen ist oft zu umständlich, dazu hat Vater auch nicht immer Zeit mit seinen vielen Berufen, und so hat Vater nun gerade in der letzten Zeit getan, und es war sogar ziemlich viel zusammen gekommen . . . und darum weiß Mutter nicht, ob Vater wohl noch etwas nach Hause bringt von dem Geld für das Buch, wenn alles ausgerechnet und abgerechnet ist. Und darum möchte Mutter nur, daß es schon halb sechs wäre. Ach ja, das wollten die Kinder auch. Dürfen sie Vater vom Schiff abholen? Ja . . . und wenn Vaters Koffer schwer ist, dann können sie ruhig glauben, daß Vater auch noch Geld in seiner Tasche hat. Aber nicht gleich merken lassen, daß Mutter ihnen schon soviel von allem erzählt hat. Wenn man aus der Enge des steilen Weges, zwischen den hohen Gartenzäunen der großen Häuser um die Ecke, aus i?er Straße kommt, sieht man gleich das Wasser breit vor sich, und das Wasser ist immer schön und gibt einen herrlichen, frischen Geruch von sich. An dem kupferroten Schimmer der kleinen Wellen, an der tiefen Farbe des Turmes, der rundherum in der Sonne steht, sieht man, daß die Tage bereits kürzer werden, daß es jetzt schon auf den Abend zugeht. Nun schnell über die Schleuse, ehe sie geöffnet wird . . . um die Ecke, hinunter, da ist der Steiger, nun riecht man das Wasser erst richtig, und immer wieder weht aus der Ferne eine leichte Holzluft vom Hafen heran. Das Schiff! Rauch steigt üfoer den fernen Bäumen auf, jetzt fährt es um die Ecke, und ist noch unsichtbar, noch einen Moment . .. und man sieht es . . . da . . . quer hält es auf die Mitte zu, hart an dem Schleppboot vorbei — ein Angstschrei ertönt. Es fährt vor der Sonne her und sieht ganz schwarz aus, es dreht den Vordersteven zum Steiger und erscheint nun kurz undschmal, es mächt eine Schwenkung und wird wieder br.eiter und. länger . . . gleich wird es pfeifen, dann werden die Kinder den Steiger hefuntergejagt . . . dann werden die Gitter gescftlöigselri, die (Männer hatten sie schon bereit