Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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e 14 Nr. 18 Der Israelit 30. April 1936 Empfindlichkeiten. Aberglaube, Beschränktheit war es, einem — Talisman Wert beizumessen. Er war ein Mann der Zeit, er wollte aus dem Ghetto heraus, dort mußte er sein, wo Geld war. Er nahm die Silbermünze und putzte sie mit dem Aermel. Das blinkende Relief der Schale, aus der das Räucherwerk schwelte, die hebräischen Zeichen: Schekel Israels, und an der andern Seite der blühende Zweig und rund herum, silbern glänzend, Jeruscholajim, das heilige Jerusalem, diese Münze faszinierte ihn. Dieses kleine Stück Silber sollte ihm eine neue Zukunft eröffnen. Aus dem Verbannten würde ein Pariser werden, aus dem Hausierer mit Cacahouettes ein Händler in Südfrüchten. Er würde in der Synagoge vorn in den ersten Reihen sitzen. Und er würde den Juden von Belleville Wohltätigkeit erweisen. Dies letzte bedachte er, um sein Gewissen zu beruhigen, das in seiner Seele zu flüstern begann. War es Rüben, sein Vater, der Worte "aus dem Talmud nfurmelte? War es seine Mutter, die mit leiser Stimme mahnte? War es Mirjam, die von Pietät gegen die Toten sprach? Mirjam? Tat er es nicht auch um ihretwillen? Ihre großen, dunklen Augen drangen ihm vorwurfsvoll in die Seele. Erschüttert legte er die Münze in die Dose zurück. Dooli am nächsten Tage war es wieder dasselbe Wort, das er von allen Seiten hörte: ein Kapital! Die Passanten sangen es, die Käufer flüsterten es ihm in die Ohren, summend tönte es aus den Autos, es kreischte aus den Straßenbahnen. Das Wort bedrängte ihn unaufhörlich. Dort in seinem Zimmer lagen 1.0 000 Franken, und er stand hier und rief; „Cacahouettes!" Rief er es denn noch? Rief er nicht auch schon: „Ein Kapital! Ein Kapital!" Früher als gewöhnlich ging er mit seinem Wagen nach Haus. Mirjam trat zu ihm „Du bist doch nicht krank, daß du schon so früh und mit deinem halben Vorrat . . ." „Nein, ich bin nicht krank!" fuhr er sie an. Die Mädchen zuckten die Achseln, und Mirjam sah ihm erschreckt in das blasse Gesicht. Sie hörten, wie die Tür seines Zimmers mit einem schweren Schlag zugeworfen wurde. Die Mädhcen sahen einander fragend an, und Mirjam ging schweigend ins Haus. Isai sank in Rubens alten Stuhl, sein Kopf fiel auf den Tisch, seine Fäuste ballten sich. Ein Kapital habe ich, ein Kapital habe ich! Plötzlich sprang er auf: Wer rief da? Wer rief da: Isai? Da war wieder die Vision, doch stärker; Rüben drohte, Tanja, seine Mutter, sah ihn erschreckt an. So hatte ihn Mirjam vorhin auch angesehen. Dieser Wahnsinn mußte aufhören. Vater und Mutter waren tot, und was er hörte und sah, war nur seine Einbildung. Er schlug sich mit der Faust gegen die Stirn. Ich werde den Schekel verkaufen, morgen. Da sah er, bleich wie Schatten, Vater und Mutter, Hand in Hand, flüchten — * * Im Geschäft des großen Antiquars m der Rue Richelieu wurde der Schekel unter eine Lupe gonemmen. Gespannt sah Isai zu. Auf dem Gesicht des Kaufmanns lag völlige Gleichgültigkeit, als er Isai die Münze zurückgab. „Ich danke Ihnen, mein Herr. Ich habe kein Interesse an dieser Münze." „Mein Herr, sie soll zehntuasend —", brachte Isai stammelnd hervor. „Versuchen Sie es hei jemand anders." Höflich begleitete ihn der Kaufmann zur Tür. Er ging zu einem andern Antiquar in der Gegend. Der besah den Schekel ohne Lupe im Tageslicht vor dem Fenster. „Einhundert Franken, mein Herr." „Hundert — hundert — zehntausend ist sie wert!" Wie ein Verzweifllungsschrei kam es heraus. Der Händler lachte spöttisch, öffnete die Tür, und bevor Isai sich Rechenschaft von seinem Unglück geben konnte stand er in der stillen Straße, i Nun fiel, grau und beklemmend, die Enttäuschung in seine Seele. Das Haus seiner Zukunft stürzte über ihm zusammen und er kroch unter den Trümmern hervor wie eine arme Ratte. Er ballte die Fäuste. Grinsten Teufel ihn an und kreischten sie spöttisch: „Ein Kapital! Ein Kapital!"? Dort, aus dem riesigen Gebäude, schrieen sie ihm zu, und aus allen Fenstern steckten sie die Köpfe. Der eine glich dem Händler an der Seine, der andere dem Antiquar mit der Lupe und wieder ein anderer dem mit den hundert Franken. Isai stieß einen Fluch aus und rannte an dem großen Haus vorbei, das in seiner düsteren Starrheit wie ein Gefängnis 'die Straße beherrschte. Plötzlich blieb er stehen. Dort an der Vorderseite stand mit goldenen Lettern: „Musee de la Mcnnaie." Ein Hoffnungsschimmer fiel ibeim Lesen dieser Worte in seine Seele. Dort mußte man wissen, ob der Schekel 10 0O0 Franken wert war. Zögernd öffnete er die Tür, in ängstlicher Spannung schritt er durcih die Säle mit den Vitrinen voll goldener Münzen. Denn hier würde über seine Befreiung aus der armen Judenstraße von Belleville entschieden werden. Ein freundlicher Herr ibesah den ßohekel, den Isai ihm zitternd, blaß vor Erregung, überreichte. Er holte ein großes Buch aus dem Schrank und zeigte Isai die Abbildung seines Schatzes. „Sehen Sie, hier ist sie abgebildet. Aber es ist nicht die echte. Diese Münze ist im siebzehnten Jahrhundert nachgemacht worden, sie hat wenig Wert. Hier daneben ist die echte. Ja, wenn Sie die hätten, dann wären Sie reich." Isai biß sich auf die Lippen und lehnte sich gegen die Wand. „Sie hatten sich viel von diesem Besitz versprochen?" fragte der Herr interessiert. „Alles," nickte Isai. Mit gesenktem Kopf ging er durch die Säle zurück, klein und armselig zwischen den goldenen Kaisern von Rom und den stolzen Königen des Ostens, die an beiden Seiten von ihm in den Schränken schimmerten. * Zusammengesunken saß er in seiner Kammer. Er hatte vergessen, die Tür zu schließen und die Lampe anzuzünden. Im Dunkeln klagte er. Er würde weiterrufen: „Cacahouettes — cacahouettes!" auf den Boulevards. Aus der Heirat mit Mirjam würde nichts werden. Ja, auch noch die Sorgen für Mirjam, für Kinder. Aber war der Verlust eines Ladens, eines stofflichen Besitzes, eigentlich das Schlimmste? Er fühlte plötzlich, daß er mehr verloren hatte. Er hatte den Segen von Rutben und Tanja verloren. Krampfhaft drückte er den Schekel Israels in seiner Hand. Der Talisman von seinen Eltern und Großeltern, er hatte ihn entweiht. Er hatte die schöne Illusion zerstört, die Tanja gehabt hatte, und Rüben, die Illusion, daß sie etwas aus dem heiligen Jerusalem besaßen und ihrem Sohn hinterließen. Und hatte er durch seine Tat nicht auch Mirjam verloren? Mirjam war so gut und edeldenkend. Er mußte sich vor ihrem Antlitz verkriechen wie ein verächtlicher Mensch, der ausgestoßen war. Isai weinte und bat seine Eltern und Mirjam um Gnade. Auf seinen Kopf legten sich sanfte Hände. Er fühlte eine Welle von Zärtlichkeit um sich. „Ich bin ein schlechter Mensch, Mirjam." „Und du weinst darüber, Isai? Dann ist dir jede Sohlechtigkeit vergeben." „Durch meinen Vater?" „Ja." „Durch Tanja, meine Mutter?" „Ja." „Durch — dich?" „Ja, Isai. Laß mich nun die Lampe anzünden." - Die Milch. Von Hanni Ruth Rosenwasser in Berliin. Rabbi Mosche Sofer, ein Sohri Frankfurts, der stets sehr stolz auf seine Gelburtsstadt Frankfurt war, machte einmal einen Besuch bei dem Grafen Esterhazy, .dem berühmten Minister der österreichischen Krone und zwar auf seinem Gute in Ungarn. Nachdem die beiden Männer die wichtige Angelegenheit zu beider Zufriedenheit erledigt hatten — es handelte sich um eine große Gefahr, .die den Juden Ungarns drohte und die nun abgewendet' werden sollte — sagte Se. Excellenz zu Rabbi Mosche Sofer: „So, nachdem Sie mit mir zufrieden sind, müssen Sie auch bei mir etwas genießen. Ich weiß, Ihr Juden habt strenge Speisegesetze, aber ein Glas Milch werden Sie Rabbi, schon bei mir trinken können." Rabbi Mosche Sofer lehnte ab. Graf Esterhazy, der auf seine universelle Bildung, die er sich auf den besten Schulen Europas geholt hat, sehr stolz war, besonders auf seine reichen Kenntnisse in Dingen von Juden und Judentum, forderte energisch Aufklärung. Rabbi Mosche Sofer sagte, daß selbst bei der Milch zu befürchten sei, daß andere, für uns Juden verbotene Milch beigemischt werde. „In meinem Betriebe," schrie förmlich der Graf, „ist das gänzlich ausgeschlossen. Wissen Sie nicht, daß die Güter des Grafen Esterhazy in Ungarn als Musterbetriebe gelten!?" Die Milch wird üv einer Silberkanne aus dem berühmten Silberschatz der Esterhazy, auf den Tisch gebracht. Auf dem Silbertablett neben der Kanne steht ein noch nie gebrauchtes kostbares Glas. Da Rabbi Mosche Sofer keine Miene macht, den Trunk zu nehmen, befiehlt Se. Excellenz, den ersten Gutsverwalter kommen zu lassen, der in eigener Person bezeugen soll, welche Kuh das seltene Glück hatte, für Rabbi Mosche Sofer, den berühmtesten damaligen Juden, gemolken zu werden. Der Gutsverwalter Esterhazys hat das Wort: „Ich habe gesehen," sagte der Gutsverwalter, glücklich, seinem hohen Herrn einmal zu dienen, „wie Euere Excellenz befriedigt über den hohen Besuch des Juden seien, so habe ich dieses Mal den Befehl gegeben, nicht unsere beste Kuh, sondern das kostbarste Schwein für den Besuch zu melken." Graf Esterhazy,. ein leutseliger Herr, sprach kein Wort, winkte dem Gutsverwalter, abzutreten und dem Rabbi drückte er herzlichst die Hand zum Abschied. Um das Alte Testament. Im Rahmen der „Evangelischen Woche", die in der ersten Aprilwoche stattfand, -stand eine Reihe von Vorträgen unter dem Hauptthema: Das Alte Testament. Konsistorialrat D. Baumanji (Stettin) sprach über „G'tt als Hüter des Rechts im Alten Testament". G'tt walte als Hüter des Rechts im Alten Testament unbeschränkt und unbedingt. Er sei nicht irgendein Stammesg'tt, sondern er richte alle Völker, nicht wegen des Unrechts, das sie an „seinem" Volke getan hätten, sondern um des allgemeinen Rechtes willen. Die Geschichte der Völker sei nichts anderes als ein fortdauernder Rechtsprozeß. Prof. D. Dr. Schreiner (Rostock) berichtete über „Das Alte Testament als E r z i es h u n g s - b u c h ". Manche Gruppen, so sagte er, verkündeten heute das gleiche wie die Synagogen, das Alte Testament habe mit dem Neuen Testament nichts gemein. Und doch sei es unmöglich, beide zu trennen. Wäre das Alte Testament ein Jud'enbuch, so wäre es im Ghetto untergegangen wie der Talmud, es gehe im Alten Testament nicht um Israel, nicht um die Assyrer, Babylonier, Midianiter, Perser u. a., sondern um G'ttes Geschehen. Vermischtes. Nürnberg, 21, April. Die Galilleitung Bayern der Esra-Pirche Agudas Jisroel veranstaltete in Nürnberg am Sonntag, den 19. April, ein Treffen für die bayerischen E. P. A. J.-Gruppen, das von Chawerim und Chaweroth aus München, Kitzingen, Ansijach, Erlangen und Fürth gut besucht war. Bereits am Sabbat fand als Auftakt, anläßlich der Anwesenheit der Kitzinger Gäste, die schon Freitag in Nürnberg eingetroffen waren, eine durch Bundeslieder umrahmte Lernveranstaltung (Sidralibetrachtunig) statt, die den Teilnehmern die erste Gelegenheit zu einer persönlichen Fühlungnahme gab. Nachmittags wohnten die auswärtigen Gäste, ihrem Alter entsprechend, den Heimnachmittagen der eimzeinen (Nürnberger Gruppen bei, um sich nach Mincha zu einer, in Anwesenheit unseres Raw, Herrn Rabb. Dr. Klein, veranstalteten Seuda Schllischit zu vereinen, die den Höhepunkt der sabbatlichen Veranstaltungen bildete. — Am Sonntag Vormittag erfolgte nach dem Eintreffen der weiteren auswärtigen Teilnehmer die Eröffnung des Galil- Treffens, idie schon durch die Zaihl der teilnehmenden Jugendlichen (ca. 250) einen imposanten Eindruck bot. Nach einer kurzen Begrüßung des Galiileiters,