Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-04-30 · Heft 18 (30.4.1936) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 18 (30.4.1936)
Date
1936-04-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450926--82072-2540004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton- Beilage Nummer 18 1936 Der Schekel, Eine Erzählung von Johan WesSelink. (Berechtigte Uebersetzung aus dem Holländischen von Willi Bloch/er.) . Rubens Tage waren vorüber. Sie waren dahingegangen in 'dem lärmenden Ghetto: von "Paris. Tanja, seine Frau, war hingesiecht vor Heimweh nach Polen. Er war klagend zrüückgeblieben, allein mit seinem Sohn Isai, der sein einziger Trost war. Der Rest seines armseligen'Lebens versank zwischen 'den verbeulten Kesseln, den Kupfergefäßen und Kannen, in dem Gerümpel seines Trödlerladens. Die Nachbarn hatten es; 'bereits' b emerkt,c und ' ,in. deh. Ghettqstraßen wurde ^e^stert,1 daft der!'alte Rubep. aüfj dem Wgg n^ch; dem ewigen Jerusalem t, sei> Et-isaß noch'immer in der dunklen Höhle seines Ladens, aber er gab sich keine Mühe mehr, Käufer hereinzurufen. Seine Hände zitterten, wenn der Besitzer des: Restaurants ihm. die Schale mit der koscheren Suppe reichte. Seine Augen suchten, über denr bunten Schaufenstern in der Straße, über den schiefen, baufälligen Giebeln,, den schmalen: Himmelsweg. Die Aeltesten aus dem Ghetto, die polnischen Freunde, pflegten Rüben an den. So^abehHen und des Abends zu besuchen, wenn das Geschäft ruhte. Schweigend 'begleiteten sie ihn so ein Stück auf seinem letzten Wege. Auch der Räbbi kam gelegentlich.1 . s „Was wird aus deinem Sohn werden, Rüben?'* fragte der Rabbi.; •*d">; V» .... - - c - I ■ ■ ,:. : . ' ";. „Er macht gute Geschäfte, auf den Boulevards," flüsterte Rüben. i. „Er bleibt allein zurück*,,., ßiü'beii/'" „Isar wird seinen Weg schon machen, Rabbi. Er hat Verstand,, und er hat Freude am Leben." „Hat er , davon nicht etwas zu viel, Rüben? Ist er nicht zu viel dort auf den Boulevards mit seinen gerösteten Nüssen? Es wäre eine Beruhigüng für dich, Rüben, an deinem letzten Tage, wenn Isai heiratete." „Das habe ich ihm auch gesagt, Rabbi." . „Und was hat er geantwortet?" „Er dächte nicht daran. Soll ich mir Sorgen auf den Hals laden) Vater?''hat er .gesagt:" : Der Rabbi faltete Seine Hände orndcschwieg; Rüben lächelte. Er 'dachte an sein einziges Kind; das stärk' und verständig #är. Er sah Isai durch die breiten Straßen von Paris lauf eh, wo die Sonne'war. Er sang hinter seinem Wagen und machte;Späße mit den Mädchen von Paris. Sie. drängten sich umihn, weil seine Cacahbuettes so frisch waren und Isar so hübsch und /wrtzig.; — Der Rabbi schloß seinen Mantel. Schweigend* nahm er Abschied und verschwand im Schatten der Ghettostraßen. ...... * ' „Caca—'huettes—thuettes — cacabuettes!" — das %är! Isais"'.Lied, wenn er des Abends aus der Stadt in die dämmernden Straßen des Ghettos kam. Sein Wagen rasselte über das schlechte Pflaster, aber alles, übertönte seine sangesfreu- .dige Stimme. Diejüdischen iMadoKen an. deaiysfü-f len Stuben hinter den käden und hoch unter den Dächern sprangenauf und riefen auf der Trepperiiyl^ai!! Isai!" Sie feilten lachend aus <feh, dunklen ^preh 'auf' ilili!zifc* und er teilte seine- - * : ltH' P iTJ? t J V >i!;".tl,.: j Ii .v ~-i ' T-i- ' - i fetzten J$üsse. , freigebig z itfei (i «volle; Hände | in ihre Schürzen. -Miriam, Hie Pöting j&ußteihm! ' Einhält tun,' söh^f "würde er ihr für einen" Sou * seihen 'ganzen :lTörti£'is&§&erL})^iyen. Ais sein Wa^en sc]{oa Jeer ^ar^'sang er noch immer sein Lied von den Cacaiiouettes. Rüben hörte ihn kommen, er lächelte ujid streckte ihm tastend beide Hände entgegen, denn der Laden war dunkel. ' .. ' Isai trug die Kleinodien, wie er ironisch die Waren seines Vaters nannte, ins Innere und schloß die Läden. Paris, die Boulevards, das Ghetto,und sein .Handel; waren .vergessen. .Eine Oellampe verbreitete goldenen Schein. „Mein Sohn," begann Rulben, „es sind meine letzten Tage. Der -Rabbi war bei mir, auch er meinte, daß .du heiraten solltest." „Vater, wen denn?" :! „Mirjam, mein Junge. Sie ist Polin, wie deine 'Mütter:"; '; . „Sie ist schön, Vater, aber. arm. Es werden Sorgen kö^nmenmit' ihr." I ... Sorgen haben - wir hier alle." „Ich möchte keine Sorgen haben, Vater; ich heirate lieber nicht." .t . .. , -,. .■:,.■>;.■■ ' VAy\Y\' . -V'.- > . -. t. v! , """ „Tanja,' aehie Mutter, war auch arm. Sie hat mich glücklich gemacht." „Wenn sie. nicht: arm gewesen wäre, Vater, hätte sie es auch getan." Ja, dachte 'Rüben, das hätte sie gewiß gejan. 5 Und -der. alte Mann -;konnte seinem Sohn' nicht tinrecht geben. iSegnerid legte er ihm die Hände auf den Kopf. „Tu, was dir gut erscheint, mein - Sohn," flüsterte er mit heiserer Stimme. „Cacähouettes!" .• Wieder drang durch den dämmernden1 Abend Isais. frohe Stimme in :die . Straßen des Ghettos. - Doch die Mädchen eilten \ nicht an seinen Wagen. Mit ernsten Gesichtern »ständen sie vor den Häusern, und Isais Ruf erstarb in der drohenden Stille." Mirjam trat auf ihn zu. „Geh nach Haus, Isai. Es steht nicht gut mit deinem Vater."' - ... Isai ließ seinen Wagen stehen und rannte fort. Mit einem Blick sah er, daß es mit dem Va- >. ter zu En^e ging. Der Doktor schüttelte den; Kopf iund ging fort. Der Rabbi, in seinem Mäntel fast verborgen, saß wie ein Buddha in einer Ecke des Zimmers. Rüben, in einen Lehnstuhl versunken, winkte seinem Sohne. Schwach klang 'seine Stimme. „Ich sterbe so arm, wie ich gelebt habe, Isai. Reine Schätze hinterlasse ich dir. Erhalte dir deine. Lebensfreude, Isai. Und hüte das Gesetz. Nimm diese Dose. Du weißt, darin ist der Schekel Israels, die, silberne Münze aus; deth alten Jerusalem, der Talisman von Tanja, von. Tanjas Vater, von ihrem Großyat?r. Bewahre die-Müaze gut,. Isai, und: denke immer an deine selige Mutter." ' '•• "; Der Rabbi' erhob sich/ Ein; Licftt&chein fiel .:^berl'*R^t>€^''^|titz ..und;ein Lächelp, glitt weg •in. den grauen Bart. Rüben war erlöst, von;seiner Verbannung. Der Rabbi 'betete still, streichelte Isai die toten Hände. Und in dem offenen Kästchen lag, dunkelsilbern, der Schekel Israels." Isais fröhlicher Ruf sphallte nicht mehr des Abends durch die Straßen des Ghettos. Schweigend und langsam ging er jetzt nach Haus, nur auf das Geräusch seines ratternden Wagens kamen die Mädchen heraus und kauften wie vorher ■■ für. einen »Sau seine Nüsse. Gelächter war .nicht; mehr um ihn, und Mirjam sah ihn mijt ihren po-\ 'ßenvd^nMen Augen ernst £ra|end an. Isai mtißte j -*TQit< diesen. Augenjü-jdie; seinen!.; niedersctdagenj Dean es war niShbmiir die Trauer üm des. Va-j ters Tod, die'ihn so schweigsam und in sich gekehrt machte. Des Nachts, in der Einsamkeit seiner armseligen Kammer, bei dem Gedanken an Mirjam, befiel ihn eine tiefe1 Zärtlichkeit. Doch hätte sein seliger Vater ihn' nicht immer seines Verstandes wegen gelobt? Er wollte seinen Verstand gebrauchen; Der Großhändler in den Hallen, bei dem er seine Nüsse zu kaufen pflegte, hatte ihm geraten, sich ein kleines Kapital für einen Laden zu beschaffen. Isai berechnete alle, /Möglichkeiten, er rechnete. die täglichen Verdienste in wöchentliche um, in monatliche, in jährliche,w aber die Endziffer ergab noch immer keine nennenswerte Summe. Die Berechnungen verwirrten seine Gedanken. Er besaß nur den "Silberschekel und das alte Gerümpel seines Vaters. Er starrte in die Dunkelheit. Er sah sich auf einem Berg von Cacähouettes stehen, und der Teufel warf ihn grinsend herab. Mirjam wollte ihn aufheitern, doch er flüchtete1 von ihr fort in einen feuchten Winkel mit ^Ratten, und Schimmel, üjid der Dämon sah;,d'ü'fch*'ein .Fenster und z'eigfe ihm,, eine blinkende Münze, einen SilberscheiceJL ... Isai ging an der Seihe entlang und betrachtete die Auslagen der Bücherverkäufer. Er entdeckte einen Stand, in dem Denkmünzen und Geldstücke lagen; ein alter Händler stand dabei. „Was kostet so eme..äi.te^Münzefragte!Isai. „Das kommt drauf an. Diese silberne, spanische, 18... Jahrhundert, 500 Franken, diese kupferne,, russische, auch aus dem 18, Jahrhundert — sehen Sie den prachtvollen Zarenkopf? — kostet 300," „Haben Sie keine älteren?" r ,iNein, die sind vzu teuer für einen armen Händler." 'M: ': . „Ich habe einen silbernen Schekel Isräe'ls, stammt aius" dein alten Jerusalem, aus der Römerzeit. 2000 jähre." ' " „Ist das sicher?" „Absolut sicher. Mit dem blühenden Stab Aarons, mit der heiligen Schale. Was ist der wohl wert?" „Ein Silberschekel, 2000 Jahre, das ist ein Kapital! Das sind bestimmt zehn Tausender." Der Händler sah Isai respektvoll an. „Würden Sie die dafür geben?" „Ich nicht. -Ich habe kein Geld für solche Käufe. Aber in der Rue Richelieu, da gibt es reiche Antiquitätenhändler, dort müsseh Sie hingehen. 200'0 Jahre! Ein Kapital, mein Herr!" Isai erschrak bei dem Gedanken, daß er über Tanja's Talisman gesprÖchea,hatte,, als ob es eine Handelsware wäre.: l£r fühlte, daß er gesündigt hatte, und mit 'gesenktem Köpf ging er über die 'Brücke nach Hause. Doch die Worte des Hähd- 'ilers an der Seihe' summten ihni durch den Kopf. •»•Ein "Kapital; ein -Kapitale der Schekel war ein Kapifair'Isaii: schob sich: dicht an den Häusern entlang.; Die Straßenbahnen und' Autos' schrien: ein Kapital, ein Kapital! Ueber ihm aus den Fenstern wurde gerufen: ein Kapital, ein Kapital! Ganz Paris rief es und alles bewegte sich nach dem Rhythmus: ein Kapital; ein Kapital! Uebe*all, immerwährend kreiste ihm der Gedanke durch den Köpf:' Wenn ich den Schekel verkaufe, habe ich 10 ÖÖO Franken, habe ich ein Geschäft, kann Mirjam heiraten. In seinem Ziinnier schloß er sich ein, machte Türen und Fenster zu, daß nichts von außen seine UebeHegimgen stören konnte. Er öffnete :;däs Käst<5henV doch" plötzlich ständen-sein Vater { und seihe-Mutter^vor ffim.'Tania Reihte und Rüben iftob' änigstKöK;beide Hände*r~ empor.' Isäi ' schüttelte T'die ViMön von sich!ab; Törheit, ■ dieäe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.