Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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30. April 1936 Der Israelit Nr. 18 Seite 9 heute in Tel Awiw die Eröffnung des Jüdischen Aerztekongresses statt. Chajira Weizmann kennzeichnete den Aerztekongreß als eine symbolische jüdische Antwort für all die Leiden, die destruktive Kräfte in den letzten Tagen über den Jischuw gebracht haben. Er erklärte, die Sympathie der gesamten zivilisierten Welt sei auf Seiten der Opfer der Unruhen, Die Judenheit werde fortfahren, trotz allem ihr konstruktives Werk aufzubauen. Der Kongreß, der trotz der gegenwärtigen Lage in Tel Awiw starke Beachtung findet, ist von 300 Delegierten besucht. Personalien. Amtseinführung von Oberrabbiner Dr. Jos, Carlebach Leipzig, 27, April. Am ersten Tag noa"? wurde Herr Rabbiner Dr. D. Ochs in feierlicher Weise in sein Amt des Gemeinderabbiners in der Ez-Chaim-Syna- Die Woche, Berlin, Die Palästinafilmstelle in Berlin führte einen Filmstreifen vor, der eine Reportage durch Palästina zeigt. — Der Preußische Ministerpräsident hat, wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, bestimmt, daß Materialien der preußischen Staatsarchive zur Geschichte des Judentums im 19. und 20. Jahrhundert im Einzelfall nur mit seiner Genehmigung zur Verfügung gestellt werden dürfen, und daß im Falle der Genehmigung Aktenauszüge und Darstellungen vor der Freigabe zum Druck einer Prüfung unterzogen werden sollen. Köln. Nach Meldung des „Westdeutschen Beobachter" ist eine nur für jüdische Gäste bestimmte Schankwirtschaft gegenüber der Alten Synagoge in Köln in der Glockengasse vom Gerichte genehmigt worden. Ebenso wurde unter den bekannten Bedingungen der kürzlich ergangenen Sperrverordnung der Ausschank alkoholfreier Getränke eines jüdischen Mittagstisches genehmigt. München. Da die Schülerzahl der jüdischen Volksschule in München so stark angewachsen ist, daß die bisherigen Räume nicht mehr ausreichen, sind im städtischen Schulhaus an der Gabelsbergerstraße der jüdischen Volksschule Unterrichtsräume zur Verfügung gestellt worden, in denen die vier Oberklassen (5. bis 8. Schuljahr) unterrichtet werden. Gießen. Das Schöffengericht verurteilte sechs jüngere Männer, die am 15. und 16. September in Niederohmen mehrere Fenster und Türen bei jüdischen Einwohnern beschädigten und Einrichtungsgegenstände in der Synagoge zerstörten, wobei nach Schätzung der Gemeinde ein Schaden von RM. 5000.— entstanden ist, zu je drei Wochen bis zwei Monaten Gefängnis. Strafmildernd wirkte, daß sie an dem Abend sinnlos betrunken waren. Die Untersuchungshaft wurde ihnen angerechnet. Warschau. Trotz der großen Not in Polen hat die Warschauer Jüdische Gemeinde eine Sammelaktion zugunsten der jüdischen Opfer der Palästinaunruhen eingeleitet. In den Proklamationen heißt es, daß es Pflicht der größten jüdischen Gemeinde Europas sei, ihre Solidarität mit dem Jischuw auf diese Art zum Ausdruck zu bringen. — Zwölf Mitglieder einer verbotenen Partei wurden in Otwozk wegen verübter Bombenanschläge gegen jüdische Geschäfte verhaftet. Auch in G r a u d e n z wurde eine Bombe gegen ein jüdisches Geschäft geworfen, die großen Sachschaden anrichtete, — Die vor zwei Monaten infolge der antijüdischen Ausschreitungen eingestellten Vorlesungen an der Warschauer Universität wurden wieder aufgenommen. Zwischenfälle haben sich dabei nicht ereignet. — Das Städtchen ■K o s 2 a n e r u d a k ist von einer großen Feuersbrunst heimgesucht worden. Viele hundert Juden sind ohne Obdach. Hundertfünfzig jüdische Kinder bedürfen dringender Hilfe. Die Ortsgruppe der „Zentos" in P i n s k hat Vorkehrungen getroffen, um die Not der jüdischen Kinder zu lindern. Kowno. Der litauische Unterrichtsminister hat die Schließung aller jüdischer L e hr e r a u s b i 1 d u n g s i n s t i t u t e verfügt. In Zukunft darf nur noch das litauische Lehrerseminar bestehen, in dem jüdische Fächer nicht gelehrt werden. Prag. Der Präsident der Tschechoslovakischen Republik, Dr. Eduard Benesch, hat das Protektorat über die tschechoslovakische Ausstellung auf der Levante- Messe in Tel Awiw übernommen. — In Trnovec bei Neuhäusel stürzte die kürzlich erst renovierte Synagoge ein, da das aus alten Ziegeln gebaute Fundament die neuen Mauern nicht zu tragen vermochte Aus dem Gebethaus hatten sich kaum eine Viertelstunde vorher die Betenden entfernt, so daß der Einsturz glücklicherweise keine Menschenopfer gefordert hat. Jerusalem. Die arabische Tageszeitung „Feiestin" veröffentlichte B i a 1 i k s Legende „König Salomo und die Biene" in a r a b ischer Sprache. — Die arabische Zeitung "A-Difaa" meldet, daß die Gendarmerie an der Grenze zum Libanon elf Juden verhaftet hat, die illegal nach Palästina einwandern wollten. Tel Awiw. Hier ist der erste Band eines „Sefer Tel Awiw" erschienen, das dem Bürgermeister der Stadt, Meir Dizengoff, anläßlich seine® 75. Geburtstages gewidmet worden ist. Der Band enthält Aufsätze über die Geschichte des Jischuw von den Zeiten des T'nach bis zur Gegenwart und insbesondere Beiträge zur Entwicklung von Tek Awiw. _=_ goge eingeführt. Während Chor und Jtn ein Ntan yra vortrugen, geleiteten ihn die Wtni vor den «nipn» wo ihn der Gemeindevorsteher Herr Carl Goldschmidt namens der Großgemeinde begrüßte. Herr Rabbiner Rogosnitzki gedachte des Zusammenhangs zwischen nos» dem Feste unserer Befreiung und Entlassung, und dem Tage der Berufung des neuen Raws, dessen Wirken im Zeichen von mi und wahren mbv stehen möge. — Herr Rabbiner Dr. Ochs wandte sich dann in eindrucksvoller Rede an seine neue Gemeinde und gab hierzu einen von jüdischen Gedanken getragenen Umriß der Tätigkeit, die er mit G'tte9 Hilfe zu entfalten sich bemühen wolle. Wie ein wahrer myn bs. r« wolle er an den Grundfesten der jüdischen Gemeinde bauen und sie stützen helfen, vor allem n*nn und rrmy fördern. Ein besonderes Maß gelte aber heute den Aufgaben der Jugend Und allem, was mit in Zusammenhang stehe. Hierzu erbat er sich den Segen G'ttes, daß es ihm gelingen möge, das Werk seines verdienstvollen Vorgängers, Herrn Dr. E. Carlebach '"Jzum Wohle der p"p Leipzig und von Vs-w bbo fortzusetzen. — Es ist zu wünschen, daß die Leipziger nbtip unter Führung des bereits anderen Orts bewährten neuen Raws Stützpunkt des thoratreuen Judentums in Deutschland n"a bleiben möge. Karlsruhe, 23. April. Am n*"i wurde Frau Rabb. Dr. Spitz plötzlich dem Kreise ihrer Lieben entrissen und wunschgemäß an der Seite ihres Gatten, des ehemaligen Gailinger Raws, Dr. Josef Spitz V's: auf dem ivna der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a, M. zur Ruhe gebettet. Die durch den Festmonat gebotene nachruflose entsprach ganz dem Wesen dieser Frau, deren Sinnen und stilles Wirken nur dem Wohle ihrer Mitmenschen galt. Einem früh der Mutter beraubten Elternhaus wurde sie zielbewußte Erzieherin der zahlreichen Kinder, an der Seite ihres Gatten besonders in den Kriegsjahren, war sie Helferin in allen Nöten ihren Kehillohmitgliedern. Sie übte treue Fürsorge für die zahlreichen Kriegsgefangenen und Internierten auf dem Heuberg. Auch die wenigen Jahre ihres Weilens in Frankfurt und zuletzt hier am Hause ihrer Kinder waren dem unauffälligen Helfen gewidmet, so daß besonders in diesen beiden Orten ein zahlreicher Kreis tiefen Schmerz empfindet über den Heimgang dieser klugen Beraterin und stets hilfsbereiten Freundin. •«i"3xan Bad Mergentheim, 23. April. Hier ist Gerson Rothschild in die künftige Welt einegangen. Er war ein Mann, welcher in aufrichtiger Frömmigkeit den Geboten der Thora nachstrebte. So gehörte er auch zu den eifrigsten Besuchern unseres G'ttes- ■hauses. Als Weinbergbesitzer pflegte er seinen Weinberg selbst und es war Herkommen in unserer Gemeinde, den Koscherwein bei Gerson Rothschild zu holen. Seine Beerdigung versammelte seine zahlreichen hiesigen und auswärtigen Freunde um seine Bahre. -n-awn Weener (Ostfr.}, 28. April. Am Sonntag, den 10. Mai begeht unser ältestes Gemeindemitglied und langjähriger Repräsentant, Herr Moses Heß und Frau Amalie geb. Kahn, das seltene Fest der goldenen Hochzeit. — An eben diesem Tage feiern auch unser früherer erster Vorsteher und jetziger Ehrenvorsteher Herr Jos. A r o n s und Frau Sophie geb. Israels, welche in seltener Rüstigkeit das Amt der ersten Vorsitzenden des Israelitischen Frauenvereins wahrnimmt, ihr goldenes Ehejubiläum. Die Gemeinde Weener wird es sich nicht nehmen lassen, diesen seltenen Festtag würdig zu gestalten. Vermischtes. Frankfurt a. M., 22. April. Die „Frankfurter Zeitung" meldet aus Wiesbaden: Eine 19jährige Hausangestellte hatte ihrem nichtarischen Arbeitgeber nach und nach 700 Mark gestohlen. Um der Strafe zu entgehen, beschuldigte sie ihn eines rass'eschänderischen Vergehens und behauptete, das Geld habe sie als Schweigegeld erhalten. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben aber die völlige Haltlosigkeit der Aussage. Das Schöffengericht verurteilte das Mädchen wegen wissentlich -falscher Anschuldigung und verleumderischer Beleidigung mit Rücksicht auf die Gemeinheit der Handlungsweise zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und vier Monaten; dem Beleidigten wurde Publikationsbefugnis zugesprochen. Koblenz, 21. April. Das „Nationalblatt" in Koblenz meldet: Das Schöffengericht in Limburg verurteilte den jüdischen Viehhändler Moritz Salomon aus Dierdorf (Westerwald) wegen Beleidigung eines Amtswalters der NSDAP, zu 50 RM. Geldstrafe. Der Jude hatte behauptet, der Amtswalter habe im November 1935 in Koblenz von einem jüdischen Viehhändler ein Rind gekauft. Das Gericht schloß sich der Auffassung des Staatsanwaltes, daß es nicht nur für jeden Parteigenossen, sondern auch für jeden arischen Volksgenossen ehrenrührig sei, wenn man ihm Geschäfte mit Juden nachsage, in seiner Urteilsbegründung an. Hamburg, 25. April. Am vergangenen Mittwoch, Rausch-Chaudesch Ijor, fand die feierliche Amtseinführung des neuerwählten Hamburger Oberrabbiners, Dr. Jos. Carlebach, in der Gemeindesynagoge Bornplatz statt. Das große G'tteshaus strahlte in heller Festbeleuchtung und war in überaus sinnvoller Weise im Zeichen des Schowuauth-Festes geschmückt. Schon geraume Zeit vor der festgesetzten Stunde war die Synagoge bis zum letzten Winkel gefüllt, wohl 2000 Personen mochten anwesend gewesen sein und viele hundert konnten wegen Ueberfüllung keinen Einlaß, erhalten. Die in den Händen der Synagogenkommissare liegende Festleitung hatte daher die Errungenschaften der Technik zu Hilfe genommen und die Feier durch eine moderne Lautsprecheranlage in die nahegelegene Aula der Talmud-Thora-Oberrealsohule übertragen. Auf den Ehrenplätzen bemerkte man alle in Hamburg- Atona lebenden Talmide Chachomim, die Rabbinen der Nach barg emeinden und des nord westdeutschen Bezirks, sowie als Vertreter des Präsidialausschusses der Reiohsvertretung der Juden in Deutschland Herrn Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann, Frankfurt a. M.; vollzählig waren die Verwaltungskörperschaften der Deutsch-Israelitischen Gemeinde neben allen Verwaltungsmitgliedern des Verbandes, die Vorstände der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde," sowie Vertreter aller für das gesetzestreue Judentum in Hamburg wirkenden Institutionen und Vereine erschienen. — Nach dem die Feier einleitenden Gesang des Ma Tauwu ertönte in hellem Sologesang, in den dann der Chor und die gesamte Gemeinide freudig einstimmte: „Boruch Habo . . ., während der neue Raw, begleitet vom Präses der Gemeinde und dem Vorstand des Verbandes, das G'tteshaus betrat. Der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Z u n t z , begibt sich zum Rednerpodium, um Worte der Begrüßung an den Raw zu richten. Die formvollendete und inhaltsreiche Rede war aber weit mehr als eine Begrüßungsansprache. Dr. Zuntz umriß das ganze weite Aufgabengebiet eines Rabbiners, indem er sich zur Skizzierumg der einzelnen Aufgaben, der Anführung bedeutsamer Reden der allen unvergeßlichen Amtsvorgänger Oberrabbiner Dr. Spitzer b"m> Dr. N. A. Nobel b"&\> und Oberrabbiner Markus Hirsch b"su bediente und schloß seine Ausführungen mit Wünschen für das persönliche Wohlergehen des neuen geistigen Oberhauptes des Verbandes. Alsdann überbrachte namens des Präsidialausschusses der Reichsvertretung sowie im Auftrage de» Preußischen Landesverbandes und des traditionell gesetzestreuen Rabbinerverbandes Herr Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann dem neuen Oberrabbiner idie Grüße und Wünsche dieser Gremien, unter besonderer Hervorhebung der Bedeutung des Hamburger Rabbinatssitzes und der diesem gerade in heutiger Zeit erwachsenden Aufgaben. Nach weiterem Gesangsvortrag betrat unter großer Spannung der ganzen Gemeinde Herr Oberrabbiner Dr. Carlebach die Kanzel. Ausgehend von den in die fernste Zukunft weisenden Verseni de® Propheten Secharja (Kap. 8, V. 20—23) fesselte der Raw die große Zuhörerschaft in einer überaus bedeutsamen Rede, die Im einzelnen wiederzugeben im Rahmen eines kurzen Berichtes unmöglich Ast. Aus dem Inhalt sei nur hervorgehoben, daß Öberrabbiner Dr. Carlebach es in einer seine Zuhörer packenden und aufrüttelnden Weise verstand, das Weltbild des .geschichtlichen Judentums und seine Mission aufzuzeichnen, daß alle ergriffen wurden bei der Schilderung des Ideals der rabbinischen Persönlichkeit, und man darf überzeugt sein, daß sein Ruf nach Freundschaft und Eintracht innerhalb der Orthodoxie nicht ungehört verhallen wird. Ein in klassischem Hebräisch vom Raw verfaßtes und bei geöffnetem Oraun Hakaudesch vorgetragenes Gebet bildete nach weiterem Gesang den Abschluß der erhebenden Feierstunde. Die Leistungen der Oberkantoren Bürger und Hornstein sowie des unter bewährter Leitung seines Dirigenten, Herrn K. Rothschild, stehenden Synagogenchores trugen wesentlich zum würdigen Rahmen der Feier bei.