Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 30. April 1936 bei den Unruhen getöteten Juden tausend jüdischen Einwanderern die Möglichkeit einer Niederlassung in Erez Israel zu verschaffen. Das jüdische Volk habe den Wunsch, mit den Arabern in Frieden zu leben. Rabbi Wise erklärte, daß die Vorfälle in Jaffa nichts weiter als vorübergehende Unruhen in einer Periode fortlaufenden Ausgleichs seien. Die „New York Times" bespricht die Vorfälle in Palästina in einem Leitartikel. Die Zeitung ist der Ansicht, daß der arabische Streik, der die Sperrung der jüdischen Einwanderung herbeiführen will, eine direkte Herausforderung der Mandatsmacht sei. Die Unruhen seien auf den Fanatismus der Mohammeda ner zurückzuführen, der noch durch den Gegensatz zwischen dem Konservativismus sowie der Trägheit der Araber und der von den Juden gezeigten Tätkraft verschärft werde. Der jüdische Aufbau helfe, so wird gesagt, den- Arabern. Jerusalemer Brief.*) Jerusalem, 23. April. Die Schreckenstage in Jaffa. — Ein ineues Bruder grab in Tel Awiw. — Audienzen beim High Com missioner und anderen hohen Regierungsbeamten. — Eine Intervention für die Illegalen__Der Gerer Rebbc verläßt Erez Israel. Wieder geht ein Beben durch das Heilige Land, schwarze, oder richtiger gesagt rote Tage liegen hinter uns. Die Golah mag von den Vorfällen überrascht worden sein, wir, die im Lande sind und die täglichen Hetzreden und Hetzartikel in der arabischen Presse hören und lesen, sahen die Dinge kommen. Wir haben längst eine gute Witterung für kommende Dinge. Die Hetzversammlungen in Nablus und anderen arabischen Zentren, die Hinstellung arabischer Räuberbanden als „heilige Märtyrer", all das ließ uns schon längst ahnen, was sich aus diesem gefährlichen Spiele entwickeln müsse. Die Ueberfälle auf die Autobusse, die sozusagen das Signal waren, sind in ihren Einzelheiten bekannt. Was die arabische Presse aus dem zweiten Autobusüberfall gemacht hat, war „ein jüdischer Aufruhr gegen Arabien". Eine Kuriosität sei dabei verzeichnet: Der eine der zwei Araber, die angeblich von Juden getötet worden seien, ist gar kein Araber, sondern ein Jude, der irrtümlich für einen Araber gehalten wurde und auf dem mohammedanischen ■Friedhof von Jaffa zur Bestattung kam. Der Irrtum ist bereits aufgeklärt und der getötete Jude fand die ihm zukommende letzte Ruhe in ^SW 13p- Die arabische Hetze wegen der getöteten „zwei Araber" läßt aber darum nicht im geringsten nach. Die Bestattung des Märtyrers Awraham Israel C h a s a n aus Saloniki am Freitag (wie bereits wiederholt mitgeteilt) verlief in aller Ruhe und Würde. Die Beteiligung war gewaltig, die allgemeine Ergriffenheit tief. Die Alten gingen nach der Beerdigung, bei der keine Reden gehalten werden durften, still und gesenkten Hauptes nach Hause. Auch die Zugbildung einiger junger Menschen verlief zunächst ganz ruhig. Der Zusammenstoß mit der Polizei und *) Obwohl einige Einzelheiten unseren Lesern durch die laufenden Berichte längst bekannt sind, so wollen wir doch die Darstellung unseres Jerusalemer Korrespondenten in ihrem Zusammenhange bringen. das damit verbundene Blutvergießen geschah erst später, fast unabhängig von dem Begräbnis. Der darauffolgende Sabbat verging in einer Ruhe, der die eigentliche Weihe fehlte. Es war die Ruhe vor dem Sturm, man wußte und munkelte, daß drü ben in Jaffa etwas vorgehe. Besonders groß war die Gärung unter den fremden Arabern, die aus an deren Gebieten Arabiens erst in letzterer Zeit halb verhungert herkamen und bei Juden Arbeit und Brot fanden. Die ansässigen Araber, an sich ruhiger und den Juden näher stehend, haben noch die Ereignisse von 1929 gut in Erinnerung, die ihnen zum Teile teuer zu stehen kamen. In den fremden, entwurzelten Elementen fanden aber die Hetzer das beste Material. Die erste Zusammenrottung am Sonntag in Jaffa begann vor den Regierungsgebäuden Schon nach wenigen Minuten wälzte sich das erste Opfer in seinem Blute, ein älterer Jude, der ahnungs losden Weg zu einer Jaffaer Behörde nahm, wo er etwas zu erledigen hatte. Die Ueberfälle auf ein zelne wehrlose Menschen wiederholten sich in rascher Folge. Die Araber waren ausgestattet mit Flinten und Dolchen und kannten, nachdem das erste Blut geflossen war, keinen Halt mehr. Bald aber war die Polizei auf dem Platze. Die jüdischen Läden in Jaffa wurden rasch geschlossen, die Autobusse, die sich aus den Kolonien auf dem Wege nach Jaffa be fanden, bekamen eine Warnung, umzukehren oder andere Wege einzuschlagen. Das Leben in der Stadt um das Schlachtfeld herum erstarb vollkommen. Das Leben erstarb auch in dem stets rauschenden und frohbewegten Tel Awiw, wo auch in den folgenden Tagen infolge des verhängten Belagerungszustandes die Bewohner sich nach 7 Uhr abends nicht mehr auf der Straße blicken lassen durften. Die Schlachten im Grenzgebiete zwischen Jaffa und Tel Awiw hielten die Stadt eine Woche lang in Schrekken. Denn, obwohl die Administration immer und immer wieder bekanntgab, daß sie Herrin der Lage sei, so gab es auch noch am Mittwoch und gibt es auch heute Donnerstag vormittag Ausschreitungen, wie auch schwere einzelne Ueberfälle. Entgegen allen anderen Meldungen steht jetzt fest, daß die Unruhen 21 jüdische Opfer gekostet haben. 21 jüdische Menschen haben ihr Leben hingeben müssen, Tel Awiw, die erste junge jüdische Stadt, ist um ein B r u d e r g r a b reicher. Felder in der Umgegend von Tel Awiw gingen in Flammen auf, jüdischer Schweiß und jüdische Arbeit wurden vernichtet. Auch im Moment, da ich dieses niederschreibe, herrscht noch keine völlige Ruhe, obwohl, wie die amtliche Versicherung lautet, „die Ordnung wieder hergestellt" sei. In Hebron kann man es der von Truppen unterstützten Polizei danken, daß nichts passiert ist. Die Atmosphäre war dort genug geladen. Die Juden wurden gleich zu Anfang der Unruhen gemeinsam in das jüdische Schulhaus geschafft und beschützt und zuletzt unter starkem Schutz nach Jerusa- 1 e m verbracht. Ueberfälle auf jüdische Autobusse werden auch heute noch andauernd gemeldet. Das Blutvergießen im Großen hat aufgehört, ihm folgte die Stillegung des Geschäftslebens durch den in den Städten durchgeführten Generalstreik. Zunächst sind die Leidtragenden die Araber selbst, die ohne Arbeit und Verdienst in den Straßen herumlungern und so das beste Element für neue Verbrechen bilden. Die Disziplin der hebräischen Zeitungen, des gesamten Jischuw, besonders der in den verschiede-! nen Parteien organisierten Jugend war und ist musterhaft. Jede von der Führung ausgegebene Parole wird peinlich befolgt. Trotz der tiefen Bestürzung bei den an vier Tagen nacheinander stattgefundenen Sammelbegräbnissen in Tel Awiw wußten die jungen Menschen sich zu beherrschen und Ruhe zu wahren. In all den kritischen Tagen blieben die jüdischen Organisationen, auch Agudas Jisroel, miteinander in engster Fühlung und alle zusammen in Fühlung mit den maßgebenden Behörden. Ueber die Unterhaltung des High Commissioners mit den ins Regierungsgebäude gebetenen a r a b isehen Führern weiß man nichts Genaues. Man will wissen, daß die Verwarnung nicht in der gewünschten Schärfe vor sich ging. Die Araber verlangten bei dieser Gelegenheit gewissermaßen als Prämie für ihre Untaten die absolute Einstellung der jüdischen E i n w a n d e r u n g. Von den jüdischen Führern wurden vom High Commissioner empfangen: Rabbi Mosche Blau für die ''Agudas Jisroel, Ben Zwi und Rabbi Berlin vom W a a d 1 e u m i. Die Herren schilderten die Lage mit den schwärzesten Farben. Rabbi Mosche Blau betonte die Gefahr, die von den infolge des Generalstreikes müßig herumgehenden Arabern droht und wünschte, daß auf Anordnung der Regierung die Läden und Betriebe geöffnet werden. Rabbi Blau schildert« auch, wie schwer es den jüdischen Führern fällt, bei dieser Sachlage die jüdischen jungen Menschen im Zaune zu halten, ein Grund mehr, mit eiserner Hand einzugreifen, um die jüdischen Massen zu beruhiegn. Der High Commissioner merkte sich alle Anregungen und fuhr dann ins Unruhegebiet, nach Jaffa und Tel Awiw, um die Dinge an Ort und Stelle zu prüfen. Die Beratungen der Agudas Jisroel mit dem Waad leumi gehen inzwischen weiter. Schon am Freitag vor den Unruhen empfing der Generalsekretär der Palästinaregierung Oberrabbiner Dusch inski, den Ger er Rebben und Rabbi Mosche Blau. Bei dieser Zusammenkunft wurde auch die Zertifikaten frage behandelt. Darauf begab sich die Delegation zum High Commissi on e r. Der High Commissioner. erkundigte sich beim Gerer Rebben besonders über die Lage der Juden in Polen, für die er tiefes Interesse zeigte. Er würde es als Gewinn für die palästinensische Judenheit erachten, sagte er, wenn der Rabbi seinen dauernden Aufenthalt in Erez Israel nähme. Die Unterhaltung ging in freundschaftlicher Weise vor sich. In Sachen der sogenannten „Illegalen" sprachen die beiden Oberrabbiner von Tel Awiw, Rabbi A m i e 1 und U s i e 1, zusammen mit R abbi Mosche Blau beim Generalsekretär der Palästina-Regierung vor und baten ihn, daß man wenigstens zunächst den eingewanderten Familienvätern erlaube, in Palästina dauernden Wohnsitz zu nehmen und sich eine Existenz zu errichten. Man hatte den Eindruck, daß der Generalsekretär dieser Angelegenheit sympathisch gegenüberstehe. Am Mittwoch morgen reiste der Gerer Rebbe von Jerusalem ab. Am Bahnhofe kam eine gewaltige Menge, um sich vom Rabbi zu verabschieden. Man sah auch Vertreter der Agudas Jisroel, der Charedimgemeinde, auch der P o a 1 e und Zeiirei Agudas Jisroel. Ein Extrawagen war „Nach dem Tode" (mö ^nK). Aus einem Hesped auf Rabbi Josse! Ro^in, den Rogatschower Gaoin, gehalten am 26. April in Agudas Jisroel und Mekor Chajim in Frankfurt a. M. Schon einmal wurde der tragische Tod der Ahronssöhne im Abschnitt 'rns? ausführlich erzählt. Hier wird noch einmal darauf Bezug genommen. Es ist das Kapitel der Reinheit, die sich der Hohepriester für seinen Dienst am heiligsten der Tage erwerben muß. Es folgen die Gesetze über die Fernhaltung des jüdischen Volkes von allem, was unser Leben trübt, und in dem damit verbundenen Abschnitt erpsnp die Bezeichnung des Weges, der uns zur höchsten Stufe menschlicher Heiligkeit hinaufführt. Da werden uns noch einmal die Gestalten jener Großen und Heiligen vor Augen geführt, „die sich G'tt nahten" und dafür ihr Leben hingaben. Wohl hat es in den sieben Wochen seit dem Heimgange des Rogatschower Gaon nicht an Kundgebungen der Trauer gefehlt. In diesen Wochen aber, da wir uns rüsten und weihen und die Tage zählen zwischen Auszug und Sinai, in diesen Tagen, da uns mit der Perek-Lektüre der Weg der Läuterung, des geistigen Aufstieges gezeigt wird, rufen wir uns noch einmal die Gestalt, das geniale Lehren und das reine Leben des Großen vor-das geistige Auge, damit wir es, nach dem Psalmwort, „lernen, unsere Tage richtig zu zählen und ein weises Herz zu gewinnen ..." * A * ntt'nai? max» nrso^» '1K „Wehe um das Schiff, das seinen Führer verloren hat!" weinen unsere Talmudweisen über den Tod eines großen Meisters. Der Führer des Schiffes steht nicht immer an sichtbarer Stelle, oft sogar in entlegener Ecke. Vom dunklen Maschinenraum aus muß er zuweilen das Schiff lei-" ten, in der Fahrlinie halten, ihm Ziel und Richtung geben. Das jüdische Schifflein ringt mit den sturmgepeitschten Wellen, wie noch nie. Q'a riBTiöftn ni^SDD und da hatten wir in entlegener Ecke, in einer verhältnismäßig kleinen lettischen Stadt, den Führer, der uns Ziel und Richtung wies, den Mann, zu dem wir hinaufschauen durften. Ein nws rnjsx war Rabbi Josse! R o s i n , dem die T>m , die tiefsten Geheimnisse der Thora, offenbar waren, aber auch ein vatfttii «löV. der auch im Kleinen uns geistig versorgte. Es gab für ihn in der Halacha keine großen und keine kleinen Fragen, alle beantwortete er mit gleicher Souveränität und umfassend. Wir verstehen die Klage des Schiffes, das bei stürmischer Fahrt den Führer verloren hat . . . Gewiß war der große Rabbi in die „vier Ellen der Halacha" eingesponnen, aber von diesen vier Ellen aus sah er die Welt nvsan ">*)l>pSDja3. mit dem prophetischen Blick eines Sehers. Er kannte die jüdische Not in all ihrer Tragik und wußte nur eine Lösung: Die Thora ] Man seihe sich nur seine letzten Gutachten an über Frauen Wahlrecht, Awodah Iwrith in Erez Israel u. v. m., um die Weltkenntnis dieses Führers zu bewundem. Jüdische Arbeit? Natürlich, ein klares Gebot der Thorä *ps> yn« Tn „Laß Deinen Bruder neben Dir leben!" Auf dieses Recht hat aber nicht allein der Arbeitnehmer, sondern auch der Arbeitgeber Anspruch, und auch der Nichtjude muß leben, ergo hat auch die Awoda Iwrith ihre Grenzen ... Es gab de facto keine Frage im jüdischen Leben, zu der er nicht in seinem stillen Kämmerlein Stellung nahm. Warum er nicht sein Zelt in Erez Israel aufschlage, wo man ihn mit freudigem Herzen begrüßen würde?, fragte man ihn. „Ich kann von Natur aus nicht schweigen," antwortete der Rabbi. „Reden hat aber heute dort für einen Warner seine Gefahren. Wo aber Gefahr für Leib und Leben ist, tritt die Pflioht, in Erez Israel zu wohnen, zurück. So hat es auch mein Rebbe, der Ramtaia, gehalten, da er von Erez Israel nach Kairo ging, um dort in seinem Chibur das jüdische Staats- und .Gesellschaftsleben in Erez Israel in all seinen Ausstrahlungen) festzulegen." Der Rambam war sein Rebbe, er fühlte sich als sein unmittelbarer Jünger, was ihm erlaubte, sich in seinen halachischen Entscheidungen' zuweilen. sogar über namhafte Lehrer der späteren Generationen hinwegzusetzen. , Als man ihm voriges Jahr von den Mai m o n i - d e s f ei e r Ii c h k ei t en in der Welt aus Anlaß des 800jähxügen Geburtstages Rambams erzählte, kam er in einige Erregung. Was haben diese Leute mit Rambam«u tun? Er erfaßte das abgegriffene Rambamwerk auf seinem Tische und küßte es inbrünstig?