Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1936)
- Date
- 1936-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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30. April 1936 Der Israelit Nr. 18 Seite 3 Aufbau und (Fortsetzung von Seite 1.) fes an Juden den Jischuw jns Herz treffen wollen. Man kann dem Organismus nicht Herz und Kopf wegamputieren, ergo ist der Weg zur Ver ständigung noch versperrt. T u n können wir zur Stunde nicht viel, allein, was wir nicht tun sollen und dürfen, ist Jedermann klar;, nämlich nicht reizen, nicht provozieren, in keiner Form das Odium auf uns nehmen, als wollten wir, gestützt auf unseren Erfolg in Erez Israel, die In teressen des Nachbars irgendwie schädigen und Verordnungen 'der englischen Macht, die wahrlich zwischen Hammer und Amboß keine leichte Stellung hat, sabotieren. Gegen dieses primitive Gesetz der Selbsterhaltung verstoßen Gassenjungen, die zwar nicht die Parteien sind, aber aus den linksgerichteten Parteien des Jischuw hüben und drüben kommen, dauernd. Diesmal haben sie eine um so schwerere Schuld auf sich geladen, als sie aus tieftraurigem Anlaß, trotz Mahnung und Warnung der berufenen jüdischen Instanzen, durch ihre Demonstration Menschenleben aufs Spiel setzten. Seit wann endigen Begräbnisse bei Juden mit Demonstrationszügen? Der Jude, der an der Bahre eines Juden ,,den Hort Israels lobt, dessen Werk stets gerecht und vollkommen ist," verabschiedet sich vom „Heiligen Orte" nicht mit Steinwurf, sondern indem er ein paar Gräslein ausreißt und nach hinten wirft, um zu bekunden, daß der Mensch gleich dem Grase dem g'ttlichen Gesetze von Blühen und Welken unterworfen ist . . . Er wäscht des Todes Unreinheit von den Händen •ab und kehrt still zum Leben und seinen Pflichten zurück. Ein Jude wurde am Freitag in Tel Awiw begraben, ein Märtyrer, der meuchlings erschossen wurde. Man hat ihm letzte Ehre erwiesen, wozu dann die turbulenten Szenen und Straßenumzüge? Eine kindische Angelegenheit, wenn es die Polizei nicht verboten hätte, ein .schweres Verbrechen gegen unschuldiges, kostbares Menschenleben, nachdem die Polizei den Zug untersagt hatte. Waruni wirft man mit Steinen gegen Polizeibeamte, Juden und Engländer, die ihre schwere Pflicht tun? Die wahren Chaluzim, die Arbeiter und Kärrner des Aufbaues, ■brauchen die Steine für bessere Zwecke, sie tragen sie zusammen und schichten sie aufeinander, damit jüdische Häuser und Anwesen entstehen. Diejenigen aber, die die Bausteine des Jischuw zu Wurfgeschossen gegen pflichttreue Beamte benutzen, gehörennicht zum Aufbau, sind auch keine Märtyrer, haben den blutigen Ausgang vorauseshen müssen und gewissenlos Gefahren und Unheil für Unbeteiligte heraufbeschworen, Gefahren auch für den Jischuw insgesamt. Die Araber ging freilich diese Auseinandersetzung in der jüdischen Stadt nichts an. Aber nun hatte die Bestie — wir meinen damit die Verbrecherelemente in den Altjaffaer Gassen — Blut gerochen. Was dann folgte, wäre sicherlich auch sonst gekommen. Aber es ist die- Schuld jener Rowdies, daß Tel Awiw nun in den Ruf kommen muß, die bekannte „Lunte" für das übervolle Pulverfaß geliefert zu haben. Einige .Lichtpunkte lassen sich bei allen schwarzen Schatten nicht überseihen. Wir wollen nicht sagen, daß diese spärlichen Lichtblicke der Opfer wert waren. Wir beweinen die Menschen, selbst jene, die zu Anfang der Ereignisse aus purem Leichtsinn ihre Knochen auf den .'Mahlet trugen, ' um wieviel mehr die Märtyrer, die j unbeteiligt, vielleicht auch im Heldenkampf für Israels Boden und i Menschen; ihr Leben hingaben. Die Lichtpunkte bestehen darin, daß ' der jüdische J i s c h Hl w. im Ganzen eine Haltung in den kritischen Tagen bewährt (hat; die sogar der Macht Anerkennung und Bewunderung abringen mußte. Die Zusammenstöße beschränkten sich auf verhältnismäßig kleinen Raum, vmä d&e Regierungsbehörden verstanden es, mit starker Hand den Brand zu lokalisieren und schließlich auch den Herd selbst zu löschen. Ein „August 1929" wird sich sGw. nicht wiederholen, ein zweites ,,Hebron" wird es nicht geben, so lange die von London und der Pa lästinaregierung dirigierte Polizei- und Truppenmacht so auf dem Platze ist. Das Hauptaktivum der blutigen Ereignisse besteht aber darin, daß bei dieser Gelegenheit die Araber England und die Engländer die Araber gründ lieh kennen gelernt haben. Die auf. Zerstörung, — Zerstörung auch ihrer eigenen Existenzbasis — ausgehenden Araber wissen nun zur Genüge, daß in einem gewissen Punkte England keinen Spaß versteht und daß es nicht gewillt sei, das Land, für dessen Aufbau es sich durch die Uebernahme des Mandates verpflichtet hat, zu einem Schlachtfelde zu verwandeln, Sie wissen jetzt ganz genau, daß die englischen Tanks nicht zum Zeitvertreib durch die Straßen der Städte spazieren gefahren werden, sondern daß diese stummen Maschinen auch reden können, wenn die Stimme der Vernunft, wenn die mahnenden und warnenden Rufe zur Ruhe versagen, Es ist gut, daß Volk und Führer in Arabien dieses wissen und sich, wenn auch gezwungenermaßen, gewöhnen, Ruhe und Ordnung zu halten. In Zeiten erregter Leidenschaften ist dem Menschen der klare Blick auch für die eigenen Interessen getrübt. In Zeiten der Ruhe, and wäre sie auch aufgezwungen, werden sie ablägen können zwischen dem Vorteil eines gemeinsamen Aufbaues und dem Nachteil einer Zerstörungsarbeit, die Selbstzerstörung ist. Auch im Politischen wie im Wirtschaftlichen bleibt das Wort der großen Talmudpsychologen wahr: ■nmb KU naw1? i6w "pna Auf der anderen Seite kennen aber jetzt die Engländer genau die arabischem Intentionen, die glücklicherweise nicht alle Teile der arabischen Nation beseelen. Die Araber gehen aufs Ganze, Ihre Forderungen gehen auf Zerstörung des gesamtenjüdischen Jischuw hinaus.- Lieber selbst zugrunde gehen, als dem jüdischer Vetter nur das kleinste Plätzchen an der für alle so herrlich scheinenden palästinensischen Sonne zu gönnen. Das zeigt sich an dem, allerdings vielfach an der Vernunft des kleinen, einfachen Volkes gescheiterten Generalstreik. Eine gemeinsame Basis zur Verhandlung kann es, so lange einige arabische Führer so denken, nicht gebe'n und am wenigsten wird der geplante Legislative Council diese Basis abgeben. Das haben ja die Araber selbst eingestanden, indem sie vorerst ihre Delegation für London zurückzogen. Noch verspricht ihnen das Parlament, so wenig es unter den heutigen Umständen den Juden böte, nicht Bewegungsraum genug, noch scheint es ihnen billiger, durch Mobilmachung von Verbrecherbanden und mit Generalstreiks zu arbeiten, als auf Gesetzeswegen zu wandeln. Sieht aber England endlich ein, daß eine Gesetzgeberische Körperschaft ein Nonsens ist in einer Zeit, da die Herren, die diese Körperschaft repräsentieren sollen, sich in Geset- ,zeslosigkeiten so wohl fühlen, so hätten wir damit für den Augenb.lick schon, recht vi e 1-g e w o n n e n. Und noch ein kurzes Wort vom rein jüdischen Standpunkt aus: Führer des jüdischen Jischuw gelobten dieser Tage, für jeden Tropfen vergossenen jüdischen Blutes hunderte von Juden, nach Erez Israel zu schicken. Das soll die Antwort auf die Ereignisse, die Antwort an die Araber und ah die Engländer sein! Wir aber meinen: Wir sind weder England noch Arabien Aritwort schuldig, sondern einem Einzigen, dem Seh ö! p f e r d e r Welt und dem Lenker d er j üdischen Oes cihick e , der mit diesen Schickungen wieder einmal wie so oft die Frage an uns gestellt hat: Wollt ihr dea jüdischen Boden auch jüdison erhalten oder nicht? Unsere Antwort auf die Ereignisse, die wir Ihm schulden, muß lauten: Für jeden Tropfen vergossenen jüdischen Blutes ein Sabbat, eine Ko s eherküc'he, ein Minjan frommer jüdischer junger Menschen, die gewillt sind, das Land G'ttes im Geiste der Thora und Messora aufzubauen! Diese Antwort will G'tt von uns. Wir haben das Schicksal nicht verschuldet, den Menschen gegenüber stehen wir mit reinem Gewissen da. Aber -y>jsh IHNOlr vor G'tt haben wir Rechenschaft und Schuldbekenntnis abzulegen.. Uns war die große historische Gelegenheit gegeben, das Land aufzubauen. Und Israels Söhne in der Mehrzahl bauten es nach dem Grundsatz, vor dem die Vätersprüche warnen m vi nmi n»' m fr* niu na» „Wie schön ist dieser Baum, wie wundervoll diese Flur!" Baum und Flur, Plantage und Feld, und man beachtete zu wenig die Tatsache, daß man bei Feld und Flur, mit Arena und Spielplatz allein WBIZ STTriö ist, Lernen wir in unseren eigenen Reihen, auf dem Wege von Hachscharah ruchanith unserem Erez Israel die Kräfte zuzuführen, die es so bitter nötig braucht und sie in den Stand zu setzen, in unserem Geiste zu bauen, unseren Kindern die Wege zu bereiten, uns allen ein Erez Israel mit Thora und Sabbat zu errichten. Vielleicht ist das, was wir als Hoffnung in den Festgebeten G'tt entgegenrufen, auch Sein Ruf an uns: nV'rinnD rm- Das Echo in der Welt. Im englischen Unterhause. Schritt der Agudas. Jisroel. Im Unterhaus wurde durch eine Anfrage des Abgeordneten Graham White am 22. April die gegenwärtige Lage in Palästina zur Sprache gebracht. In seiner Erwiderung verwies Kolonienminister J. H. Thomas darauf, daß dem Hause ein Bericht über die Unruhen, die bisher sechzehn jüdische und fünf andere Tote sowie fünfundsiebzig jüdische und zweiundsiebzig andere Verletzte gefordert hätten, vorgelegt werden würde. (Inzwischen werden die Namen von 21 getöteten Juden genannt, Red.) Die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung sei ausschließlich eine Angelegenheit S einer M a j estät Regierung, und alle Machtmittel werden gegen denjenigen eingesetzt, der das Gesetz verletze. Die Regierung werde sich von dieser Politik nicht durch Aufruhr oder irgendwelche Drohungen abbringen lassen. Auf eine Frage des Abgeordneten Silverman, ob die letzten Ereignisse in Palästina die Verwaltung nicht davon überzeugen würden, daß die Zeit jetzt für 'eine Gesetzgebung nicht reif sei, erwiderte Kolonienminister Thomas, er hoffe nicht, daß' der Abgeordnete zu saigen beabsichtige, die Entscheidung des Unterhauses oder eine in ihm gefallene Aeußerung sei für die Unruhen verantwortlich, „Ich bin weit mehr daran interessiert, jedermann in Palästina zu sagen, so bemerkte er, daß S. M. Regierung entschlossen ist, Gesetz und Ordnung aufrecht zu erhalten und daß sie dies auch tun wird." Die Exekutive der Weltorganisation Agudas Jisroel hielt in London eine Sondersitzung anläßlich der Vorfälle in Palästina ab. Es wurde beschlossen, mit dem Kolomenminister sich in Verbindung zu setzen und ihm die tiefe Betrübiiis ztiin Ausdruck zu bringen, die die Agudas Jisroel über das Blutvergießen im heiligen Lande hege. Der Kolonienminister soll darum gebeten werden, Zusicherungen zu geben, daß jede nur mögliche Maßnahme ergriffen werde, um vollständige Ordnung und Sicherheit im Lande wieder herzustellen. lu Polen. Die Agudat Harbonim von Polen hat an den Rabbinischen Rat von Palästina in Jerusalem ein Telegramm geschickt, in dem die gefallenen jüdischen Opfer bedauert und dem Jischuw Trost und Mut für den weiteren Aufbau des Landes zugesprochen wird. , Das Warschauer Rabbinat veranstaltete eine besondere Gedenkfeier für die jüdischen Opfer der Palästina-Unruhen. Am Montag und Dienstag:'wurden auf Anordnung des Räbbinats Selichot geasgt. In Amerika. ( i' Der United Pal est ine Appeal hat 100.000 Dollar nach Palästina überwiesen/ die als Ausdruck der Sympathie und der Ermutigung für den Jischuw gelten sollen. In New York hielt Rabbi Stephen S. W i s e eine Radio -Anspr a c he, in der er das jüdische Volk aufforderte, für jeden während der letzten Tage