Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450925--82054-2539985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Nr. 17 D Israelit 23, A>ril,1936 sie .so von-Haus zu: Häus pilgerte, die Köpfe hochriß, um die Hausnummern zu studieren und immer wieder stehen blieb, um sich laut,und vielstimmig zu unterhalten —- wie die Gänse. Als sie jetzt wieder stehen blieben und sich auseinandersetzten, verlor er die Geduld und" ging auf . sie los, diesmal aber mit mehr Forsohheit -und Angriffslust. Als sie den Feind so nahe vor sich erblickten und die Gefahr erkannten, erstarben unsere Abgesandten und waren sich einig, daß man fliehen, sich retten müßte. Doch wohin? Zurück? Das hieße, ihm in die Arme laufen.-— So stürzten sie sich alle zugleich .auf die Klingel und rissen mit aller Kraft an ihr. Und siehe da, G'tt half, die Türe öffnete sich in der Tat, wie durch ein Wunder, und es erschien ein (Mann mit einem roten verfressenen Gesicht, mit offenen ausge schnittenen Rockschößen und weißen Handschuhen an den Händen. Er kam voller Wut heraus gestürzt, gestikulierte, schrie, schimpfte und stellte sich an, als wären sie Wilde, Räuber oder Gesindel, das am hellichten Tage einen Ueberfall auf das Haus seines Herrn unternommen hätte. Zuerst, als sie den Eingang vor sich offen sahen, versuchten die Kaßrilowker Verbrecher, alle miteinander einzudringen. Doch der Mann mit dem feisten Gesicht und den weißen Handschuhen drängte sie mit aller Gewalt wieder hinaus. In diesem Augenblick eilte der bewaffnete Polizist herbei und ließ einen schrillen Pfiff ertönen, worauf ein zweiter, wie dieser von Kopf bis Fuß bewaffnet, wie aus dem Boden hervorwuchs. Vergeblich baten die Kaßrilowker Erwählten den Mann mit den weißen Handschuhen, ihnen, wenn auch nur in den Vorraum oder in die Küche, Einlaß zu gewähren. Vergeblich hoben sie die Augen in die Höhe zu den hohen Fenstern, ob vielleicht der Ewige ein Wunder geschehen ließe. (Er kann's, wenn ER will), und der Reiche selbst oder jemand von seiner Familie die Juden in solcher Gefahr erblicken und von oben den Befehl erteilen würde, sie ungeschoren zu lassen ... Allein zu ihrem Mißgeschick sah niemand aus den hohen Fenstern hinab, und unsere Abgesandten, die vornehmsten Hausväter von Kaßrilowka mit ihrem Rabbi Reb Joißifl an der Spitze wurden mit allen gebührenden Ehren an einen Ort abgeführt, wo es keine Miete kostet, und wo alle gleich vornehm sind: selbst Juden und sogar Juden aus Kaßrilowka dürfen dort jahrelang sitzen bleiben Wenn einer meint, daß heutzutage keine Wunder mehr geschehen, dann befindet er sich in einem Irrtum. Zwar sind die Wunder heutzutage selten, sehr selten, aber sie geschehen doch. Der beste Beweis dafür sind unsere Kaßrilowker Gefangenen. Die Leser werden wohl denken, daß wir, wie alle Schriftsteller, übertreiben und Dinge erzählen, die „nicht gestogen und nicht geflogen" sind. Doch wir versichern, daß was wir hier erzählen, lautere Wahrheit ist. Just in dem Augenblick, als der oben beschriebene Vorfall vor der Tür des Großen, des „Löwen unter den Tieren" sich ereignete, im gleichen Augenblick, als sie vor Angst zitternd dastanden und zu den hohen Fenstern hinaufsahen und ein jeder bei sich im Herzen dachte: „Woher wird Hilfe kommen? Von G'tt oder von einem Menschen?", da mußte es just geschehen, daß die uns von der Eisenbahn bekannte Persönlichkeit, der „Mann, der welcher . . ." vorbeikam ... Er kam in seinen eigenen Geschäften vorbei, , hastig, wie es seine Art war, das Hütchen im Nacken und tief in Gedanken, wie es schien, Als er plötzlich seine Reisegenossen von Polizei eskortiert erblickte, blieb er stehen. Er roch sofort, was hier los war, und war in der ersten Erregung bereit, einzugreifen und einen wüsten Krach zu schlagen. „Wofür? und warum? Was haben sie verbrochen?" Doch er überlegte es sich anders. Oeber nicht. E;f kannte si'üh selbst zu gut, er ist zu unbeherrscht. Wer weiß, was für Ausdrücke ihm dabei entfahren würden . . . Er überlegte,- daß man mit Gewalt nicht durchkomme, besser man bedenkt sich. Darauf rückte er sein Hütchen zurecht, strich, sich das Bärtehen, kniff ein Auge zu, ein Zeichen, daß der Kopf arbeitet, und wandte ^siöh raschen Schrittes -zurück, wie einer, der einen guten Einfall hat und entschlossen ist, ihn durchzuführen. .. Wohin ging er? Wir wissen es nicht, dürfen jedoch vermuten, daß er stracks und direkt zu dem ,,Löwen unter den Tieren" sich begab. Denn am gleichen Nachmittag begann das Telefon hinter den hohen Fenstern auf Tod und Leben zu arbeiten. Auch auf der Polizei war großer Betrieb, Federn kratzten, Tinte wurde verschüttet, Akten wurden geschrieben, und die Gefangenen, die schon darauf gefaßt waren, den langen Weg nach Hause per Schub .zurückzulegen, wurden mitten in der Nacht geweckt, aus der Finsternis herausgeholt und mit solcher Geschwindigkeit in eine große Helle überführt, als wären sie nicht „kleine Leute" aus Kaßrilowka, sondern wer weiß wer . . . Freilich ibot man ihnen keine Sessel an und forderte sie auöh nicht zum Sitzen auf, und von einer Entschuldigung war nicht einmal die Rede. Dafür aber wurden sie auch nicht angebrüllt und nicht mit dem Titel ,,Jud" beehrt, es wickelte sich im Gegenteil alles in Ruhe, geradezu vornehm, ab, nur daß die Befreiung der Kaßrilowker Verbrecher in großer Hast, wie beim Auszug aus Aegypten vor sich ging. Die kleinen Schreiber und Schreiberlein konnten sich nicht genug darüber wundern: „Wegen dieser Juden solche Aufregung!" Als man zu unseren Gefangenen kam und ihnen befahl, sich hinauszübemühen, hatten sie im ersten Augenblick einander stillschweigend angesehen und wortlos voneinander Abschied genommen. Was mochte sie erwarten? Das wußte allein der Herr im Himmel. „Möchten wir doch, o Herr der Welt, mit einer Gefängnisstrafe davonkommen!" Denn was bedeutet schon Gefängnisstrafe in einer Zeit, da der Galgen etwas Alltägliches geworden ist? . . . Damit hat es; aiber noch nicht sein Bewenden — jeder von ihnen hat doch auch Frau und Kinder, und wenn es sich um die handelt, dann sind die Juden, das müssen wir bekennen, gefährliche Egoisten. Mit wankenden Knien und zerbrochenen Herzen wurden unsere Erwählten vor Jene gebracht, in deren Händen ihr Geschick lag. Nur einer ging wie immer festen Schrittes voran, obgleich recht gebückt und auf seinen Stock gestützt. Das war der alte Reb Joißifl. „Wer ist unter euch der Rabbi selbst?", wurden sie halb ernst, halb spöttisch, gefragt. „Ich bin's," antwortete Reb Joißifl und trat mit solcher Kraft hervor, mit einer Todesverachtung, als wollte er die ganze falsche Anklage auf sich nehmen, bereit für seine Juden das Schafott zu besteigen. Schön, wunderbar schön war in diesem Augenblicke der. achtzigjährige Greis: sein gelbes zerfurchtes bis zur Durchsichtigkeit geläutertes Gesicht leuchtete, als ruhte die Scheohina auf ihm. In seinen alten Augen flammte ein jungse Feuer, nur die Hände zitterten ihm, und seine Schultern wankten. Er stand und wartete darauf, was man ihm mitteilen werde, alles, das Schlimmste zu hören gefaßt, das böse Menschen nur ausdenken können. Wem gehorcht dieser Greis mit seinen achtzig Jahren, wer steht hinter ihm? Er hielt sogar eine; Hand auf dem Rücken und blickte mit einem Stolz und einer Kühnheit dem Beamten gerade in die Augen, wie ihn die zu Tode erschrockenen Erwählten nie zuvor an ihrem Rabbiner gesehen. Das war ein erhabener Augenblick,, der lange, lange sich hinzuziehen schien, eüVe ^anze . F^wigkeit . . , „Also du 'bist der Rabbiner selbst?" wiederrholte' der Beamte in dem'gleichen halb f ernsten halb spöttischen vTon. „Hier bast du sdein .Geld wieder, das ihr für eure abgebrannten^ Jufden * zusammengebettelt habt, und jetzt nehmt eure sieben Sachen (gemeint waren Gebetmäntel und Riemen) und dalli, dalli, mit der Bahn zurück nach HauseJ Bis zum Tagesanbruch darf hier keine Spur; mehr von euch bleiben, marsch!" Nach Hause zurückgekehrt, hatten unsiere Erwählten genug Neuigkeiten, Wunder und- Begebenheiten von ihrer Reise und von den Prüfungen, die sie der Abgebrannten wegen auszustehen hatten, zu erzählen: wie man gereist und angekommen war, was man gebort und gesehen hatte, wie die Spenden sich über sie ergossen — eine Sintflut von Spenden (war es früher ein Regen, so wurde es jetzt eine Sintflut), und wie sie vor den hohen Fenstern verhaftet und an den „bestimmten Ort" abgeführt, ihnen das Geld abgenommen und sie ins Gefängnis gesperrt wurden. Und dann das Wunder, womit der Ewige ihnen bewiesen hatte, was ER vermag: sie wurden in Freiheit gesetzt, das Geld wurde ihnen bis auf den letzten Pfennig zurückgegeben und darüber hinaus — als sie" schon im Begriff waren, die Heimreise anzutreten, hatte sie ein Mannin einem steifen Hut eingeholt und ihnen eine anständige Summe, eine Spende für die Kaßrilowker Abgebrannten überreicht. Die war von ihm selbst, von „dem Löwen unter den Tieren", wie ihn jener Mann in der Eisenbahn genannt hatte. Und jetzt soll Einer kommen und sagen, es gäbe keinen G'tt auf der Welt! Ja, die Erwählten von Kaßrilowka hatten was zu erzählen und haben es immer noch. Ich glaube, es langt für den ganzen Winter und vielleicht wird sogar noch etwas für den Sommer übrig bleiben. Nur Reb Joißifl erzählte "nichts. Als hätte er den Mund voll Wasser, so schwieg er! Sehr erschöpft, schwach und gebrochen war er zurückgekehrt. Nicht so sehr am Leib, wie an der Seele . . . Außerdem war er sehr beschäftigt, diesmal allerdings mit sich selbst. Er rüstete sich, versteht mich recht, zu einer andern Reise, er machte sich bereit, einen weiten Weg zu ziehen, einen Weg, von dem niemand bis jetzt zurückgekehrt ist . . . .Auch ein Mann, wie Reb Joißifl, mag er Rabbiner sein und ein Gr eis. von mehr als achtzig, dazu ein alleinstehender Mensch ohne Familie und Anhang, ohne jeden /Besitz — sobald er im Begriff ist, aus dieser sündigen Welt zu gehen, hat er viel, gar viel zu tun . , . Ein siebzigjähriger Arzt und Menschenfreund. Dieser Tage beging Sanitätsrat Dr. Erich Rosenthal in Bad Homburg seinen 70. Geburtstag, Und viele . Hunderte, die in den 36 Jahren seit Bestehen des Rosenthal-Saniatoriums Gastfreundschaft in diesem Heime genossen und Heilung gefunden haben, werden dies« Kunde nicht ohne ein Gefühl tiefer Dankbarkeit für das Haus und seinen als Jude, Arzt .und. Menschenfreund gleich hervorragenden Leiter vernehmen, '-.. -;. Dr. Erich Romenthal, der aus einer angesehenen GelehrtenfamiEe entstammte, hatte sich in früher Jugend ein großes Maß von jüdischein Wissen angeeignet und war für den Rabbmerberuf bestimmt. Er saß auch einige Jahre zu Füßen von Esriel Hildesheimer ^"si am Berliner Rabbinersgminar." Dann aber wandte er sich, einer Neigung seines Herzens folgend, der Medizin zu. So wirkt er heute noch in diesem herrlichen Badeort, wo er vor 36 Jahren in schönster Lage mit der gleichgearteten Gattin das Kurheim errichtete, als vielbesuchter und beliebter Arzt, hoch geachtet von der gesamten ,,Homburge-r Bevölkerung. In diesem Heime, in dem zuweilen, wie auch am letzten Pesisachifeste, 50 Gäste' und mehr aus allen Kreisen und Schichten und allen Gegenden zusammentreffen, fühlt sich keiner als Patient. Es ist eine Gaststätte im eigentlichen Sinne des Wortes, im Sinne schönster jüdischer Gastlich k e i t. Wer aber den Arzt braucht, der hat ihn gleich zur Hand, dehn der Leiter, Herr Sanitätsrat Dr. Rosenthal,;.,h<at, still und unaufdringlich wie er. ist, jeden Gast im Äuge, iim ihn zu betreuen, ihn aus der Fülle seiher ärztlichen Erfahrung zu beraten und au^ 'den Weg der Gesundung zu leiten. . . .. Das geistige Niveau im/ Hause, gönnten _wir7!erst vor kurzem bewundern. Diese heterogen zusammengesetzte Gästegruppe .fühlte sieb' unter der fast un-