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Der Israelit · 1936-04-23 · Heft 17 (23.4.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 17 (23.4.1936)
Date
1936-04-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 17 1936 ...JPm. 84;*?3Cy***^&tyn^l ifim Die Auserwählten* Kaßrilowka ist abgebrannt, bis auf den Grund vernichtet. Die Auserwähiten des Städtchens entschließen sdch, unter Führung ihres achtzigjährigen Rabbi in die Welt hinausizugehen, zunächst nach Jehopez (Kiew), tun die Gelder für den Wiederaufbau der alten heiligen Gemeinde aufzubringen. Was »die Provinzler auf der Fahrt und in der Großstadt selbst erlebten, wird in dem Schockenbüchlein „Ann und Reich" erzählt, so erzählt, wie eben nur Scholem A 1 e c h e m erzählen kann. Wir geben hier mit Genehmigung des Verlages einiges aus diesem Kapitel wieder. Die Zwischenwelt, wie sie in unseren heiligen Büchern beschrieben wird — das war für unsere Erwählten die große Stadt mit ihren „Großen". Der ganze Dreh jener Zwischenwelt besteht nämlich darin, daß die Seele auf Erden, in allen ihren Ecken und Winkeln herumirrt, alles sieht, hört und fühlt — nur der Körper ist dabei nicht anwesend. War es infolge der großen Aufregung durch die Geschichten, die sie in der Eisenbahn von dem „Mann, der welcher . . ." gehört hatten, oder weil sie 'zum erstenmal in die große freie Welt versetzt waren, — jedenfalls fühlten sie sich so, als wären sie auf dieser Welt nicht gegenwärtig, das heißt, ihre Seelen irrten wohl da zwischen den Großen herum, der Leib aber war weit weg, wer weiß wo. Vom ersten Moment an erging es ihnen nicht ganz geheuer, jedenfalls anders, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie folgten zwar einem gewissen Plan, einem System, wie es ihnen jener Mann mit den glühenden Augen beigebracht und dem Verzeichnis der Straßennamen und Hausnummern, die er ihnen aufgeschrieben hatte. Sie begannen bei den kleineren „Großen", gingen dann zu den größeren „Großen" über und stiegen so immer höher und höher. Man kann nicht behaupten, daß sie keinen Erfolg gehabt hätten. Spenden gab es genug, oder wie sie sich später zu Hause vor ihren Leuten rühmten: „Ein Regen von Spenden ergoß sich über unsere Häupter." Ob das buchstäblich zu nehmen ist, wissen wir nicht, sicher aber ist, daß es nach Kaßrilowker Begriffen ungewöhnliche Gaben und Summen waren, die sie hier bekamen, sie übertrafen ihre Vorstellungen. Was also bedrückte sie hier? Eins vor allem: es schien ihnen, als seien sie nicht unter Eigenen, unter Juden: sie wurden wie Wildfremde, ganz Fernstehende abgefertigt, bekamen ihre Gabe, und im übrigen — nichts für tingut. Manche, bei denen sie vorsprachen, wollten sie nicht einmal sehen, sie schickten ihnen ihre Gabe entgegen, bevor sie noch über die Schwelle traten. Andre waren sogar böse, ließen sie nicht (zu Worte kommen: „Abgebrannt? Wir haben dergleichen schon gehört, ihr seid nicht die Einzigen." Es kam auch vor, daß sie angeschrieen, mit unwürdigen Namen, „Parasiten", „Abgebrannte", „Schnorrer" belegt wurden. Ein blasser junger Mann mit spitzer Nase und seitwärts säuberlich zurechtgestrichenen Bartkottelettes verlangte, sie sollten ihr Buch vorzeigen. „Was für ein Buch?" „Das Buch, in das die Spenden eingetragen werden." Das war zuviel, der alte Reb Joißifl trat ihm entgegen: „Die Spenden für unsere Abgebrannten werden mit einer solchen Schrift und in einer solchen Sprache eingetragen, die weder Ihr noch ich lesen können . . ." Reb Joißifl sprach diesmal verhüllt, zwar mit dem gleichen einnehmenden Lächeln wie sonst, doch klang in seiner Stimme ein Ton von Gekränktheit mit. Er war nicht darüber beleidigt, daß man Untadelige verdächtigte. Nein, ihn berührte nur die Kälte, mit der man ihnen überall, in jedem Haus fast dieser jüdischen Großen, begegnete, so schmerzlich. Reb Joißifl war es von- Kaßrilowka her gewohnt, daß ein Jude seine Spende, und wäre es nur ein Pfennig oder ein halber, von ganzem Herzen gibt. Denn abgesehen davon, daß man einem Armen hilft, tut man doch damit ein gutes Werk und erfüllt ein Gebot ... Er wunderte sich auch, daß keiner von all diesen „Großen" ihnen den einfachen gemütlichen jüdischen Gruß „Friede sei mit Euch" entbot. Es fand sich auch keiner, der sich nach Kaßrilowka näher erkundigt hätte, der den Wunsch gehabt hätte, eine Schilderung ihres Unglücks, ihres Kummers anzuhören. Sobald sie nur anfangen wollten, sich auszusprechen, die große Zerstörung, die sie erlebt, zu erzählen gleich wurde die Börse geöffnet, als wollte man ihnen bedeuten: „Hier, nehmt und geht eurer Wege ..." Stets gewohnt, jeden Menschen zu rechtfertigen, suchte Reb Joißifl auch für die Großen nach einer Entschuldigung. „Wenn Menschen sich in einem solchen Fegefeuer aufhalten müssen!" dachte er bei sich und schritt noch rüstiger aus, gar nicht wie es seinem Alter entsprach, unermüdlich weiter und weiter. Es war schon ziemlich spät am Tage, als unsere Gesandtschaft das Haus des ganz Großen erreichte, des „Löwen unter den Tieren", wie ihn jener Mann in der Eisenbahn genannt hatte. Da fiel ihnen auch jene Andeutung über diesen Mächtigen ein: „Ja, wenn ihr keine Juden wäret, he-he-he!" . . . Jenes Lachen damals und die Kälte, mit der ihnen überall begegnet wurde, bewirkten, daß sie den Mut verloren, an der Tür dieses Mächtigen die Glocke zu ziehen . . . Eine Weile standen sie unschlüssig und überlegten, ob man einfach so klingeln soll wie überall, oder viel' leicht ... „Was. vielleicht?" „Nichts." „Warum also sagt Ihr .vielleicht?' " „Wer hat vielleicht gesagt?" „Habt Ihr nicht vielleicht gesagt, warum klingelt Ihr nicht?" „Wer sagt, daß ich es soll? Warum nicht Ihr!" „Muß das immer so unter Juden zugehen?" „Ruhe, Ruhe, meine lieben Kinder, nur ruhig!" ruft Reb Joißifl und zieht die Glocke ganz leise, so schwach wie es ihm seine achtzig Jahre erlauben . . . Während sie so bei dem größten der Großen, bei dem „Löwen unter den Tieren" vor der Türe standen, hatten unsere Erwählten Zeit, sich in Betrachtungen über die oberen Regionen zu vertiefen. Was geschah dort? Was, zum Beispiel, treiben die Großen in ihren Gemächern, während die „kleinen Leute" an der Türe warten, mit ihrem kleinen Anliegen, Geschäften, Bitten, Plänen und Träumen? Sitzen sie indessen da oben über ihren großen Geschäftsbüchern, strengen ihr Gehirn an und sind so vertieft, daß sie nicht ahnen, was unten geschieht? . . . Oder denken sie vielleicht darüber nach, was sie mit der Macht des Geldes, womit der Höchste sie beschenkt hat, zum Wohl ihres Volkes oder der ganzen Menschheit in der Welt ausrichten oder verbessern könnten? Oder sitzen sie einfach da, idie Hände im Schoß, »und genießen alle schönen Gaben dieser Welt, essen, trinken, schlafen, wie ganz gewöhnliche Menschen? Das zu überdenken hatten unsere Abgeordneten genügend Zeit: auf das schwache Läuten des alten Reb Joißifl kam niemand herbeigestürzt, um zu öffnen. Sie hatten auch Zeit, sich darüber einig zu werden, auf welche Weise man dem Mächtigsten unter den Großen entgegentreten und wer mit ihm sprechen sollte. Natürlich mußte Reb Joißifl der Sprecher sein. Wer denn sonst? Die Frage war nur, wie er beginnen sollte? Denn nach dem Schrecken, den der Mann in der Eisenbahn ihnen eingejagt hatte, mußte man sich vorher genau darüber klar sein, wie man ihn behandeln und was man ihm sagen sollte. Nicht umsonst steht geschrieben: „Tod und Leben liegen im Wort", der Sinn ist: man kann mit einem Wort soviel verderben, daß es nachher auch mit zehntausend Worten nicht mehr gutzumachen ist. Die Meinungen teilten sich nach zwei Gruppen, eine rechte und eine linke. Die rechte, die aus den älteren der Erwählten bestand, ging den rechten Weg. Sie drang darauf, daß man vor einem so Mächtigen, Reichen nur als Schutzflehende auftreten, daß ihm die Zerstörung von Kaßrilowka mit allen Schikanen und Schrecknissen dargestellt werden müßte. Etwa so: Da war vor kurzem noch eine Stadt, wie alle anderen Städte. Doch mitten in der Nacht erhob sich ein Sturmwind und ein Feuer von G'tt, und die ganze Stadt ging in Rauch und Flammen auf, und Kaßrilowka ist von der Erdoberfläche getilgt . . . Dabei sollte man mit düsteren Farben nicht sparen, wie da nackte, barfüßige, hungrige Menschen unter G'ttes Himmel herumlungern und um Brot flehen. Man dürfte sich nicht scheuen, einige Tränen sehen zu lassen, und warum auch nicht sich ausweinen, wie es sich gehört? . . . Die linke, junge Leute natürlich, meinte im Gegenteil: „Wie kommen wir dazu, plözlich in Weinen auszubrechen? Sind wir Weiber? Oder glaubt ihr, daß reiche Leute gerade auf Tränen erpicht sind? Man muß ihnen mit Gerechtigkeit beikommen, man muß die Frage so stellen: ist es denkbar, daß zu gleicher Zeit, wo hier das Gold auf der Straße liegt und die Menschen nicht eine Hand rühren, dort andre um ein warmes Essen sterben, lebendige Menschen, unser Fleisch und Blut?" . . . „Ei-ei! Eiei!" faßten sich die Rechtsstehenden entsetzt an ihre Köpfe „ihr wollt uns wohl ohne Messer die Gurgel abschneiden? So sind die Jungen . .." Zum Glück war Reb Joißifl dabei und konnte sie mit sanfter Rede, wie es seine Art war, beschwichtigen. „Kinderchen," hob er an, „euer Streit ist müßig. Was kann ein Mensch, ein armes Geschöpf aus Fleisch und Blut wissen, was ER sagen wird? Als der Frevler Bileam bestochen wurde und bereit war, den Juden zu fluchen, hatte er erwartet, daß der Ewige ihm die Worte im Munde ins Gegenteil verkehrt? Wir werden ihn, so der Höchste es will, nicht durch Flehen und nicht durch Forderungen gewinnen, sondern mit einem Gleichnis. Wenn es dem Ewigen gefällt, werde ich ihm ein Gleichnis von einem König erzählen, der gegen seine Dienstleute in Zorn geriet und seinen eigenen Palast in Brand steckte ..." Schade, daß das schöne Gleichnis plötzlich eine Unterbrechung erfuhr, an der weder Reb Joißifl noch die Erwählten schuld waren. Schuld war eine völlig außenstehende Person, jenes bewaffnete Individuum nämlich, das wir im Anfang unserer Erzählung erwähnt haben. Es liegt nahe zu denken, daß der Polizist, dessen Aufgabe es war, die Straße zu überwachen, die ganze Zeit schon unsere Kaßrilowker im Auge behalten hatte. Die 'Gesellschaft mißfiel ihm, wie

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