Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 17 r I &lr a e I i t 23, April 1936 rer in Luzern sich nicht im mindesten dazu bewegen lassen wollten, ihre Arbeiterküchen in Koscherküchen, ihren sozialen Ruhetag in einen wahren Sabbat umzuwandeln. Man vertröstete den ungeduldigen Misrachi damit, daß eine solch radikale Umstellung einer gewissen Uebergangszeit bedarf. Nun sind lange Monate verstrichen und alles (blieb, wie es war.- Im Gegenteil, die religiösen Verstöße häuften sich an und nahmen erschreckende Formen an. Lange genug hatte man in Misrachikreisen das Luzerner Abkommen als hervorragenden Sieg des religiösen Gedankens innerhalb des Zionismus gefeiert. Nun gehen die Siegeslieder in Proteste über, die unserer Auffassung der Dinge in vollem Umfange recht geben. Wir freuen uns nicht, daß wir recht behielten. Wir hätten es viel lieber gesehen, der Wunsch der Misrachiführer, der Vater ihrer Hoffnung war, wäre voll in Erfüllung gegangen — um'Erez Israels willen, um der Thora und der jüdischen Seelen im Lande der Väter willen, von denen wir keine einzige aufgeben möchten. Um aber diese jüdische Seelen für das Judentum zurückzugewinnen, — das zeigt sich auch in diesem Falle — kann es nicht genügen, Versprechungen zu erhalten und Abkommen zu treffen. Eine Reform an Haupt und Gliedern muß einsetzen. Mit der Schule, mit dem jüngsten Kind muß es beginnen. Gleich den anderen Völkern, die die Jugend vom kindlichen Alter an für ihre Ideen und Ideale erfassen, müßten auch wir es darauf anlegen, das Kind schon als junge zarte Pflanze für unser Ideal, für die Thora, zu gewinnen. Dazu bedarf es aber ganz anderer Pflanzstätten, als wie sie in Erez Israel mit dem Geiste und dem Gelde der zionistischen Instanzen genährt werden. Hier müßten die Hebel angesetzt werden und der Einfluß des Misrachi sich geltend machen. Mit den jetzigen Protesten können höchstens neue Verträge erzielt werden, aber keine Menschen, die die Verträge — sie können nicht bindender sein, als die alte Vertragsverpflichtung auf den Sinai — einhalten. Wieder Pessach in Sowjetrußland. ^ic kommunistische Presse in Moskau leitete PeSSfrüU _ V_____r__x~,c„~ 'Air. vor , .. , . t~ Q,u\e Kampagne gegen die aus landische a.c h h i 1 f s a k t i o n für die russischen Juden 'e*n, Gaflze( behaupten die Zeitungen, sei nur als Hetgafoye^ Herfen "de» Roten Verband gedacht, um in der " Wen' den Anschein zu erwecken, als herrsche in Sowjetrußland Hungersnot und als seien die Juden Re-" ligionsverfölgungen ausgesetzt. In Wahrheit Erfreue sich Sowjetrußland heute eines Ueberflüsses an Lebensmitteln, und den Juden, die religiös leben wollen, werden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Man weiß, :tyie diese Dinge zu nehmen sind und wie hier durch eine Vermischung von Wahrheit und Unwahrheit ein grundfalsches Bild von der Lage der Juden in Sowjetrußland geschaffen wird. Es zweifelt keiner daran, daß in Rußland Lebensmittel genug vorhanden sind ^— für diejenigen, die „in der Nähe der Krippe" sind, für die Arbeiter, das Heer der Beamten und alle, die, wie hier richtig gesagt wird, sich aktiv am „Roten Verband" beteiligen. Die große Menge der Deklassierten, zu denen vor allem die jüdischen Händler und die Kultusbeamteh, vom Rabbiner bis zum Synagogendiener, gehören, gehen aber leer aus, sie haben keinen Anspruch auf die Brotkarten, werden im Regierungsladen, wo die Artikel des täglichen Bedarfs zu normalen Preisen in russischer Währung verkauft werden, nicht bedient. Sie sind auf den „freien Markt" angewiesen, wo die Ware zu gesteigerten Preisen nur nach Dollarkurs abgegeben, wird. So sieht die Lage der Juden in Rußland aus, ohne im eigentlichen Gegensatz zu jener Meldung zu stehen, wonach — für gewisse Kreise — alles im Ueberfluß vorhanden ist. Wohlberechtigt und der Wahrheit entsprechend sind aber die Klagen der kommunistischen Zeitungen über die U na usrott barkeit des r e 1 i g i Ösen Geistes im Lande. Man hat sogar das Gefühl, daß die Herren den aussichtslosen Kampf aufgegeben haben und ihrem machtlosen Zorn nur noch in Presseäußerungen, in Klagen und Anklagen gegen die lokalen Bevollmächtigten Luft machen. Seit Jahren war man gewohnt, Straßendemonstrationen in Moskau, Kiew und anderen Städten gegen Jom üCippur zu stehen, Einladungen' zu Ballveranstaitunigen in der Nähe von Synagogen ästn Kol N'dre-Aibend und Zeitungsberichte über den R o t e n S e'd e<r bei Bier und' Schiwärzbrot am Vorabenddes Pessachtages zu lesen. 'Man hat scheinbar diese kindischen Ausflüsse- 'eines antireligiöse*u Zynismus' als untaugliches Mittel latdtgegeb-önV Besonders blieb dieses Jahr 'die Aritipessach'kampagne fast vollkommen aus. Wohl Jas man hie und da noch Anklagen gegen 'diejenigen,o die „aus der Religion einen Klassenkampf gegen die. rote Macht" machen und Aufmunterung zur gesteigerten antireligiösen Propaganda, aber das Pessachfest als solches blieb dabei unerwähnt. Man ließ auch die M a z z ohfo ä c k e r e i e n gewähren — wohl um der Welt zu zeigen, daß die ausländische Mazzohaktion überflüssig und schädlich sei. In Moskau, so lauten die Berichte in den uns zugegangenen Rigaer Zeitungen, ging schon Monate vor Pessachx das Mazzohib acken vor ■ sich fast wie in den früheren Zeiten. Das. Mehl wurde zu diesem Zwecke in freiem Verkaufe ohne Begrenzungen hergegeben. Auf kleineren Plätzen stieß die Mazzohbeschaffung noch auf Schwierigkeiten, daher der Zustrom von Hunderten nach Moskau und den anderen Größstädten, wo die Provinzler, wohl gegen teures Geld, aber ungehindert ihren Mazzohbedarf decken konnten. Die Sederabende, wie die G'ttesdienste verliefen ohne jegliche Störung, die Synagogen waren so stark besucht, wie noch nie. ,,Emes" und „Apikores" haben wahrlich Grund zu ihren Klagen. Und so lange sie mit Recht klagen, dürfen;wir gewiß sein, daß „der letzte Rest Israels',',,auch in Spwjetrußland, nicht verloren ist. Zahl und Wesen. Sefiragedanken von B. Cohen, „Er weiß eine Zahl den Sternen; sie alle mit Namen ruft er." (Jes. 40, 26; Ps. 127, 4.) 1. Die Wissenschaft des Altertums und die des Mittelalters suchten die Ursachen der Erscheinungen in der Schöpfungswelt zu erforschen, die Herkunft ihrer Wirkungen und das Entstehungs^rinzip ihrer Kräfte. Da stand denn Theorie gegen. Theorie und Hypothese gegen Hypotiiese,;.'~und "-dif mchtgelehrte Außenwelt stand diesen Kämpfen ebenso "Unbeteiligt^gegenüber wie die Gelehrten den Sorgen der Außenwelt. Da wurden seit anderthalb Jahrhunderten einige Möglichkeiten entdeckt, Kräfte der Sohöpfungswelt in den Dienst des iMenschen zu stellen. Die Oeffentlichkeit fing nun an, sich für die Arbeit der Gelehrten zu interessieren. Aber sie fühlte sich in keiner Weise mitbewegt von den alten Doktorfragen nach dem Woher und Wohiff dieser entdeckten Kräfte und Verwendungsmöglichkeiten, sondern nur von der sehr weltlichen Frage, in welchem Maße und Zahlenyerhältnisse diese Kräfte der Schöpfungswelt: Licht, Wärme, Elektrizität, Dampf, 'Gase, sichtbare und unsichtstiegen, heulten und heulten und in der damals noch ungeschützten, unglaublich enggassigen Altstadt von Tiberias die Häuser ganzer Straßenzüge niederrissen Auch jetzt ist ein Teil der Ruinen nicht fortgeschafft, während andere breiten Straßen und Neubauten weichen mußten. Bei schönem Wetter wirkt das Milieu von Tiberias wie ein Märchen. Der Mensch glaubt mitunter zu träumen, so 'Unsagbar schön ist >das Bild. Jenseits des Kinereth — sein Umfang mißt übrigens einundzwanzig mal elf Kilometer — zeigen sich links auf hohem Berge die Bergmauern von Safed, daneben weit zurück das ganze Libanongebirge mit den weißen Schneefeldern des Hermon und die übrige ganze Seite des Kinereth hinunter die gezackten und gerieften braunen Felsabhänge der transjordanischen Berge Gilead. An der rechten, sich verschmälernden Seite mündet zwischen den jüdischen Siedlungen Deganjah und Kinereth der Jarden. In Kinereth hat ein Mann sein Haus gebaut, der die Schönheiten in der Natur zu werten weiß, nämlich der Frankfurter Maler Jakob Nußbaum. Auf der dem Kinereth entgegengesetzten Seite von Tiberias ziehen sich die grünen Triften der Berge Naftali hinauf. Hier, meint man, eine Alpenlandschaft vor sich zu haben. Der Kinereth hat seinen Namen von seiner Form, die einer Geige (Kinon)' ähnelt. Der Name kommt bereits im vierten Buche unserer Thora (Kap. 34, Vers 11) vor. Daneben findet sich in der talmudischen Literatur die Bezeichnung Jam Genusar. In ihr wird auch von der Vorzüglichkeit der Früchte in dieser Gegend erzählt. Im Zentrum von Tiberias fallen starke Burgruinen auf. Diese haben jedoch nichts mit dem römischen Heerführer und' nachmaligen Kaiser Tiberias zu tun. Ihre Grundlagen dürften Don Josef, der vom Sultan 1566 zum Herzog von Naxos ernannte, und dem er später Tiberias mit sieben Dörfern schenkte, zuzuschreiben sein, Dieser genial veranlagte Jude erüeß einen Aufruf an die Juden, nach Tiberias zu kommen; er führte ferner Maulbeerbäume wegen Schaffung einer Seidenindustrie ein. Doch seine Bemühungen versagten, und die wenigen, die kamen, wurden von der Kabalah Safeds angezogen, Inmitten von Tiberias befindet sich auch der Friedhof mit den Gräbern des Rambam, des Scheloh sowie Jochanan ben Sakkais nebst vier von seinen bedeu-! tenden Schülern. Die heißen Quellen von Tiberias liegen noch eine Viertelstunde Weg hinter den letzten Häusern am Kinereth und gleich danach erheben sich die sefardische und die aschkenasische Jeschiwah an dem Grab des Rabbi Meir Baal Haness. Nahe der Begräbnisstätte des Rambam usw. erhebt sich seit bald einem Jahre ein modernes, vornehm geführtes Hotel eines orthodoxen deutschen i Juden (Harburger aus München) unter dem Namen „Pension Kinereth". Tiberias wird besonders in der Zeit von Ende Dezember bis Anfang April nicht nur wegen seiner heißen Quellen, sondern auch wegen seiner warmen, würzigen, kräftigen Luft, die unge-; mein wohltut, aufgesucht. Es ist in dieser Zeit ein Gan-Eden.; * Tiberias zählt rund 9000 Einwohner, Fern vom; großen Getriebe der Welt, fern von der Eisenbahn, konnte Tiberias es noch nicht zu einer Industrie bringen; "weshalb ein .großer - Teil' der herangewaebse- ■ nen Jugend stets die Stadt verlaßt. Zwei Drittel der Einwohner sind Juden. Zwischen Arabern und Juden , herrscht ein gutes Verhältnis: Beide sind dort ein guter und. freundlicher Menschenschlag. Vom östlichen Humor. Es gibt zweierlei Mazzoth, solche, die mit der Maschine und andere,, .die mit der Hand hergestellt werden. In diesem Jahre gab 'es' in: Polen in anderem Sinne Maschineniiiazzö und Händmazzo! Handwerker verkauften ihre Maschine, um Mazzo zu beschaffen, und Andere streckten die Hand aus, um zum „Brote der Armut" zu gelangen ... ( : 1' ■ ■ ' ■ „Vater, was ist Pessimist?" „Das ist ein Mensch, dem ein Optimist Geld schuldig ist." Bei Haifa wollte ein Araber mit seinem Eselgespann den, Berg hinauf, und .konnte nicht. Ein frisch eingewanderter;, Jude erbarmte .sich... des Fellachen und half ihm, den Wagen ziehen, bis.,sie oben waren. Der Araber dankerfüllt: „Sagte:' ich es mir ja gleich, daß ich mit einem Esel den-steilen-Weg nicht hinaufkomme . . .";~ L :o-v „Habt Ihr eine Ahnung, in welchem. Tempo Tel Awiw baut?" berichtete ein aus Palästina zurückgekehrter polnischer Matrose, „Am Morgen fingen sie an, ein Wirtshaus zu bauen, und schon am Abend des gleichen Tages trug man mich kanonenvöll; au® dieser Wirtschaft heraus . ._ ." , (Aus dem Rigaer „Hajnt"),