Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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23. April 1936 Der Israelit Nr. 17 Seite 5 Ein großes, heiliges Erbe 'haben die zur Erziehung und Führung (Berufenen für die in Deutschland ihnen anvertraute Jugend zu verwalten. Dieses Erbe darf nicht durch kurzsichtige Maßnahmen oder noch so gut gemeinte Experimente gefährdet werden. Ebenso muß alles ägnstlich; vermieden werden, was, sicherlich ungewollt, mißverständlich als Abkehr von Erziehungswegen gedeutet werden könnte, die mit uns auch von unserer Jugend in ihrer Notwendigkeit gewürdigt sein wollen, weil von der Freudigkeit, mit der sie sich zu ihnen bekennt, und der inneren seelischen Bereitschaft, die sie ihnen entgegenbringt, der erzieherische Erfolg wesentlich bedingt ist. Nicht steht es uns zu, anderen Ländern Erziehungsmaßnahmen vorzuschreiben oder auch nur deren Erziehungsprinzipien in anmaßender Ueberbeblichkeit herabzusetzen. Die dort zur Erziehung und Führung Berufenen haben den von ihnen als richtig erkannten Weg zu verantworten. Aber mit gleicher eindeutiger Klarheit und eherner Zielstrebigkeit haben in Deutschland die zur Erziehung und Führung der jüdischen Jugend Berufenen den Weg zu weisen, auf dem eine durch Lebensschickung aufgewühlte und schwer bedrohte Jugend zu ihrem Heile geführt werden muß, soll das nur unter unsäglicher Mühe und dem ganzen Einsatz bewunderungswürdiger Opferbereitschaft denkbare Erziehungswerk überhaupt möglich sein. Bleiben aber der hingebungsvollen Arbeit mGH. die Erfolge nicht ganz versagt, dann wird es nicht der geringste Beitrag sein, den die gesetzestreue Judenheit Deutschlands in schwerster Zeitennot der jüdischen Gesamtheit und damit im Dienste der Herbeiführung unserer heißersehnten Geula leistet. Wochenrundschau, Keine Uebertreibungen! Alarmierende Nachrichten aus Palästina versetzten in den ersten Tagen der verflossenen Woche die Judenheit der ganzen Welt in tiefste "Erregung. Inzwischen sind authentische Berichte von Stellen zugegangen, die die Zusammenhänge der Dinge besser kennen, und es ergibt sich daraus, daß bei allem Ernst der Lage, Aufbauschungen zu vermeiden sind. Man darf nicht von ,.Pogromen" reden und keine Vergleiche mit August 1929 anstellen. Im Gegenteil wirkt es, bei allem Schmerz über die Vorkommnisse und bei aller Teilnahme am Schicksal der jüdischen Opfer, einigermaßen beruhigend, daß die Polizei die harte Probe bestanden hat und daß die Palästinaregierung, sogar in Verbindung mit den leitenden jüdischen Instanzen, ihre ganze Kraft und Autorität einsetzte, die gefährlichen Haßausbrüche im Keime zu ersticken. Daß die Sache mit einem Raubüberfalle auf eine jüdische Reisegesellschaft begann und, unmittelbar nach der Beerdigung des Opfers in Tel Awiw, mit einer Demonstration in den Jaffaer Altstadtstraßen ihre Fortsetzung fand, besagt zur Genüge, daß es sich dabei mehr um ein Austoben der Verbrecherinstinkte arabischer Banden handelt, als um eine nationale Bewegung von großer Tragweite. Diese Feststellung darf freilich nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß gewisse ultranationale Elemente sich der Raubgier und Mordlust jener Verbrecherelemente gerne bedienen, um Verwirrung zu schaffen, die Juden einzuschüchtern und einen Druck auf London auszuüben. Was die Einschüchterung der Juden betrifft, so besteht das Wort des Bürgermeister Dizengoff zu recht, das er bei der Bestattung der Opfer in Tel Awiw gesprochen hat; „Mehr Opfer mögen fallen; aber wenn ein Jude auch dahin geht, wir werden unseren friedfertigen Kampf fortsetzen, bis der Letzte den Sieg erreichen wird." Wir glauben und hoffen, daß der endgültige Sieg darin bestehen wird, daß die rechtdenkenden und in Wahrheit national fühlenden Teile des arabischen Volkes bald einsehen werden, daß ihr Heil nicht aus Verbindungen mit Räuberbanden erblühen kann, sondern in friedlicher Zusammenarbeit mit den Juden, in der Erkenntnis, daß der Aufbau des Landes beiden Nationen zu gleichen Teilen zugute kommen muß. Auf alle Fälle: Man hüte sich vor Uebertreibungen, die mehr Verwirrung anrichten könnten, als die Vorgänge selbst. Wir weinen um die unschuldigen jüdischen Opfer, die für uns alle ihr Leben gelassen haben, allein es liegt kein Anlaß zur Beunruhigung vor für die unzähligen jüdischen Menschen in der Gola und nicht zuletzt in Deutschland, deren Kinder oder Anverwandte in Palästina ein Heim,dcf"llclen h*'b'5nv W~A~- der Jischuw im Lande noch seine Freunde in der Diaspora werden sich durch die Vorfälle entmutigen lassen, mit aller Kraft am Werke zu bleiben und weiter zu bauen. Wenn, wie man hört, die Jewish Agency jetzt 11 000 Zertifikate für die Einwanderungsschedule April-Oktober verlangt, so kann gerade mit Hinblick auf die letzten Unruhen diese Forderung nicht als unbescheiden gelten. Die Regierung in London wird aber, wie wir hoffen dürfen, im Augenblick, da sie die Wortführer der Araber nach London eingeladen hat, um ihre Wünsche und Ansprüche zu hören, aus den blutigen Arbeitsmethoden gewisser Araberkreise ersehen, daß es nicht an der Zeit sei, das "diktatorische Selbstgefühl der arabischen Terroristen durch allzuweites Entgegenkommen auf Kosten der Juden noch mehr zu steigern. Ein erwarteter Protest. Nach einer Mitteilung der ITA. vom 15. April hat die Exekutive des Weltmisrachi Rabbi Fishman, den Vertreter des Misrachi in der Exekutive der Jewish Agency, angewiesen, an zuständiger Stelle dagegen zu protestieren, daß die Jewish Agency es bisher unterlassen hat, die bekannten „religiösen •^Resolutionen" des letzten Zionistenkongresses >in Luzern durchzuführen. Im Zusammenhang mit diesem Protest haben die Führer des Weltmisrachi, Rabbi Seew Gold und Rabbi Meier Berlin, der Presse eine Erklärung übergeben, in der sie die Einberufung des Aktionskomitees verlangen, das sich mit dieser Angelegenheit zu befassen hätte. Dieser Protest kommt uns nicht unerwartet. Wir haben von vornherein, bei aller Würdigung des guten, ehrlichen Willens der Misrachiführer wie auch der Arbeitervertreter auf dem Kongreß, nicht das Maß von Vertrauensseligkeit aufbringen können, um jenen Versprechungen und dem Abkommen irgend eine Bedeutung beizumessen. Man mußte übrigens kein Prophet sein, um das Schicksal des Abkommens vorauszusehen und vorauszusagen. Wir, und nicht zuletzt Misrachi selbst, haben eine Reihe von Erfahrungen hinter uns. Es hat nie an Versprechungen gefehlt und nie haben diese zu einer Besserung geführt. Einr fach aus dem Grunde, weil die Führer...''''' 016 Versprechungen machen und di« Tertrage "n_ terzeichnen, die Mensche* <^n 'dfencn d\e EAin_ haltung der „Fri^™*"**,' alb'hän|t' Ldlf ArJ heiter, mchf in der Hand haben. Es hat sich damals schon gleich gezeigt und kam auch in der Arbeiterpresse Palästinas deutlich zum Ausdruck, daß die Arbeiter durch die Rhetorik ihrer Füh- Kleines Feuilleton- Land Israel. Von Schalom Ben-Chorin. Du Samenkorn in G'ttes Hand, Du unsres Herfens Mütterland, Du Psalm, den G'tt sich selber sang, Du unverhallter Sohöpfungsklang, Du Berg und Weite, Meer und Sand — Geliebtes Blut- und Tränenland. Viel Städte sind zerfallen, Du Land bliebst ewig jung. Entblößt von Tempelhallen Lobt deiner Hügel Schwung — Nun selber Mal und Stätte — Die sie geformt, die Hand. Du Psalmenhügelkette, Du Weite, Meer und Sand, . Geschrieben auf einer Frühlingsfahrt von Tel Awiw nach Jerusalem. Tiberias — Mosaik, Von Saly Geis in Jerusalem. Schön ist schon die Autobusfahrt — Eisenbahn gibt es für diese Strecke nicht — von Jerusalem nach Tiberias. Bei Schechem, dem heutigen Nablus (Nablus Neapolis) grüßen Ewal und Gerisdm, wie zur Zeit der Thora der erstere noch heute kahl und der letztere grün bewachsen. Dann zieht der Emek vorüber, ein gesegneter Landstrich, gesegnet durch den Schweiß jüdischer Arbeit, die fieberschwangeres Sumpfland in Gärten und Felder verwandelt hat. Das Ende des Emek markiert der Eisenbahnknotenpunkt Afuleh, eine vor etwa fünfzehn Jahren errichtete jüdische Ortschaft, in der der Autobus nach vier Stunden Fahrt zum ersten Male anhält. Afuleh sollte eine große Stadt werden, ist es aber nicht geworden und scheint nicht wachsen zu wollen. Von Afuleh bis Tiberias dauert die Fahrt noch eine Stunde. Der runde Kegel des Tabor wird sichtbar, dann geht es durch die Straßen der den Christen heiligen Stadt Nazareth, dann durch das gleichfalls mit der christlichen Urgeschichte verbundene Dorf Kana. Der See Kinereth wird in der Ferne sichtbar und hinter ihm auf hohem Berge die Stadt Safed, einst eine Hochburg der Kabbala. Doch zur gleichen Zeit fährt das Auto an der kleinen Kolonie Mizpah entlang und schaut an Mizpah vorbei wie Puppenhäu*er vielleicht fünfzig Holzhäuslein auf weitem Gelände. Es ist die ehemalige Misrachi-Kolonie Chittin. Letzten Herbst vor elf Jahren fuhren eines Tages offizielle Persönlichkeiten des Misrachi und der Zionistischen Organisation nach diesem Chittin, um es einzuweihen. Weizmann selber vollzog die Einweihung. Doch 'der Segen des Präsidenten wurde nicht zum Segen. Der Kolonie fehlte das Wasser. Der See Kinereth — nach dem hebräischen Ausdruck müßte man das Meer Kinereth übersetzen — lag zu weit, um ohne Röhrenzuführung sein Wasser benutzen zu können. Jedenfalls kämpften die Kolonisten Jahre hindurch bei den Instanzen des Misrachi und der Zionistischen Organisation, daß man ihnen Wasser verschaffe, — und als alles vergeblich war, zerstreuten sich die meisten von ihnen und nur wenige blieben zurück. Heute sind die meisten Häuser unbewohnt. Warum haben die Kolonisten nicht mehr Ausdauer gezeigt? Lebte in ihnen vielleicht doch nicht die richtige Liebe zum Boden? Warum hat der. Misrachi nicht seine Kraft auf diese seine einzige^ Kolonie verwendet? Daß die zionistischen Instanzen., wenn es sich nicht um ihr Lieblingskind Histadruth Haowdim, sondern um ihr Stiefkind Misrachi handeltt gern, versagen, braucht freilich nicht zu verwundern. Der objektive Beobachter hat das Gefühl, es hege nicht am Mangel des Geldes, sondern des ehrlichen Interesses. Er meint übrigens auch, daß die Summen der zur Verfügung stehenden Gelder noch erheblich größer sein könnten, wenn nicht die „Protektie", wie es so schön im Jiddischen heißt, herrschte, wenn nicht Parteienwirtschaft bestünde, sondern eine straffe, jeden zu vermeidenden Posten streichende Organisation die richtigen Leute an die richtige Stelle setzte, und wenn nicht die meisten großen und kleinen Führer glauben würden, sie müßten — geschehe es auch auf Kosten unseres armen jüdischen Volkes — repräsentieren. Wahre Führer würden wie Chaluzim leben und das ersparte Geld zum Besten des Volke» verwenden; sie würden auch — selbst als Atheisten — den religiösen Teilen des Volkes bereitwillig und wohlwollend jegliche Förderung zuteil werden lassen. Das Auto eilt tiefer und tiefer. Der moderne Villenvorort von Tiberias, Kirjath .Schemuel, erscheint. Beim tiefen Blau des Himmels und bei Windstille liegt heute der Kinereth gleichfalls in tiefem Blau und bewegungslos und verrät nicht, daß er achtundvierzig Meter Tiefe enthält und sein vulkanischer Boden plötzlich zu zittern beginnen kann, daß die weiße Gis>cht oben wild aufpeitscht und Schiff und Schiffer verschlingt. Es sind heute noch nicht zwei Jahre, als die Wasser des Kinereth plötzlich stiegen und