Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 17 Der Israelit 23. April 1936 Gegensatz zu der augenblicklichen Lehrverfassung, die eine gleichzeitige Pflege der heiligen und profanen Disziplinen vorsieht, zunächst den Besuch von Thoraschulen fordert und die Erlernung der für das Leben notwendigen allgemeinen Wissensstoffe einem reiferen Alter vorbehält oder zumindestens dem Thoraunterricht den Hauptteil der Unterrichtszeit eingeräumt sehen will — so bedeutsam solche Fragen auch sein mögen, bei deren Beantwortung manches dafür, aber auch beachtliche Momente dagegen sprechen, neue Wege, die sich grundsätzlich von den bisherigen Wegen der Erziehung scheiden, würden auch bei Verwirklichung solcher Forderungen nicht beschritten werden. Neu wäre freilich der Ruf und bedeutete eine Abkehr von den von unseren Großen geforderten Erziehungswegen, wenn er verbunden wäre mit der Aufforderung, dem unjüdischen Leben und seinen Erscheinungen zu entfliehen, um in völliger Loslösung von allen Einflüssen dieses unjüdischen Lebens der Thora und ihrer Verwirklichung zu leben. Wäre aber ein solcher Ruf zu verantworten, überhaupt denkbar? Ist unsere Jugend nicht nach wie vor in ein unjüdisches Kulturleben zwangsläufig hineingestellt, dem sie nicht entfliehen kann, mit dem sie sich auseinanderzusetzen haben wird, wenn sie den Lebenskampf siegreich bestehen will, muß sie sich nicht darauf gefaßt machen, daß der Lebenssturm mit all seinen Gefahren sie mit gesteigerter Wucht erfassen wird, überall, wohin der wandernde Fuß sie führt? Erhält aber nicht unter solchen Umständen das Erziehungsprogramm unserer großen heimgegangenen Führer erhöhte Berechtigung und eine Notwendigkeit, der sich kein Jugendführer zu entziehen vermag, dem die Zukunft der ihm anvertrauten Jugend am Herzen liegt und Gegenstand ernstester Sorge ist? Damit aber ergeben sich zwingende Forderungen, denen eine zielbewußte Erziehung gerecht zu werden hat. Das jüdische Haus und die jüdische Schule haben sich mehr denn je als Pflanzstätten der Thora für unsere Jugend zu erweisen. In der jüdischen Schule hat wie bisher und, so es die Verhältnisse gestatten, in erweitertem Umfange die Pflege der Thora in den Mittelpunkt des gesamten Unterrichts zu treten, der alle anderen Unterrichtszweige sich dienend zu unterordnen haben. Nicht früh genug muß es unserer Jugend bewußt werden, daß heiligster Lebensberuf ihr die g'ttgewollte Bestimmung zu sein hat, sich mit ihrem Leben als stolze Glieder ihres Volkes zu bewähren. Für diesen Lebensberuf hat Haus und Schule sie zu gewinnen und, was Schule ange- Vom Brande der Seele... Die Thoraabschnitte von bis m» 'nns stehen (mit einer Unterbrechung durch die Vorschriften für den Aussätzigen) im Zeichen des plötzlichen, tragischen Todes der Ahronssöhne Nadab und Abihu. Bei der Fülle von Gründen, die uns für ihre harte Bestrafung angegeben werden, haben wir doch im Ganzen keinen sichtbaren Grund für den Tod der Auserwählten. Aus der Tatsache, daß anschließend den Priestern verboten wird, Wein und berauschende Getränke vor Eintritt in das Heiligtum zu genießen, schließt Talmud u. a., daß Nadab und Abihu in „betrunkenem Zustand" an ihren Dienst herantraten "Iii T" "ifW 10233» (siehe auch Raschi zur Stelle). Mit dieser Erklärung kompliziert sich das Rätsel noch viel mehr. Es ist einfach nicht denkbar, daß diese Männer, die die Thora die „Nächststehenden, durch die der Namen G'ttes geheiligt wird", nennt (snpR 'TTipa) von denen, nach Talmud und Midrasch, Mosche sogar sagt, sie seien noch mehr als er, Mosche und Aforon — es ist unbegreiflich, daß diese heiligen Männer in Trunkenheit den heiligen Dienst verrichtet haben sollten. Vielleicht verhielt sich aber die Sache folgendermaßen: bahnt, hat die Jeschiwa einer weiteren Reife entgegenzuführen. Kein flüchtiger Jesohiwabesuch kann solches Erziehungswerk leisten. Denn verlangt ein jeder Beruf Zeit und Ausdauer, so erst recht die Rüstung zum höchsten Beruf, der dem Leben des Jehudi erst die Erfüllung sichert. Nicht nur sog. Lerngelegenheit hat daher die Jeschiwa in Deutschland der Jugend zu bieten. Das rechtfertigte nicht die unendlichen Opfer, mit denen in der Gegenwart die Erhaltung und weitere Ausgestaltung einer Jeschiwa verbunden ist, Lerngelegenheit könnte jede Jeschiwa im Osten in gleichem Ausmaße und unter weit geringerem Aufwand von materiellen Erfordernissen gewähren. Vielmehr wie Haus und Schule die Seele des Kindes dem Leben zu erschließen hat, in dessen Mitte jüdisches Wollen und Streben sich einst zu bewähren haben werden, so hat die Jeschiwa in Deutschland dieses unerläßliche Erziehungswerk in ernstester, zielbewußter Arbeit weiter zu fördern. Aus der Beschäftigung mit unserer unermeßlichen g'ttlichen Lebenswissenschaft hat unsere Jugend in dei Jeschiwa Geist und Herz sich zu erfüllen mit g ttlicher Lebenswahrheit, jüdisches Bewußtsein sich zu stärken, den Blick sich zu schärfen für die Welt und deren Erscheinungen, in deren Mitte ihr jüdisches Leben sich gestellt sieht, und mit der immer größeren Erkenntnis dessen, was ihre Zugehörigkeit zu G'ttes Volk für sie bedeutet, den Stolz und den Willen sich zu nähren, im Leben den Forderungen des G'tteswillens in ungebrochener, freudiger Hingabe zu entsprechen. Damit aber gewährt die Jeschiwa die einzig denkbare „Hachschara" nicht nur für Erez Jisroel, sondern auch für das Leben in der übrigen Gola: denn erwartet der heilige Boden seine Söhne und Töchter, daß sie dem Zion des G'tteswillens das Land bereitstellen, so fordert Zion nicht minder, daß ihm überall auf Erden die heiligen Städten erstehen, in denen G'ttes segnende Schechinanähe Heimstätte findet. Eine Jugend, der vom frühesten Alter an der Blick für das Leben und seine Erfordernisse geöffnet ist, die sich, weise geleitet von den zu ihrer Erziehung Berufenen, immer mehr der großen Aufgaben bewußt wird, deren Lösung das jüdische Leben von ihr erwartet, wird der unbändige Durst und Hunger zur Thora führen, sie wird sich aber auch sagen müssen, daß sie das notwendige Wissen sich anzueignen und die Tüchtigkeit zu erwerben hat, um einst im Wirtschaftsleben und in den geistigen Auseinandersetzungen, zu denen die sie umgebende Kulturwelt, der sie nicht entfliehen kann, zwingt, als Juden bestehen zu können. Diese geistige und Sie waren jung und eine heilige Berufung trat an | sie heran, zum ersten Male, Sie hatten da© Bestreben, den Dienst so schön wie möglich auszugestalten, ihn mit größter Begeisterung zu verrichten. Und da glaubten sie, sich durch etwas Weingenuß das Maß von Mut und Freude zu erwerben, das für diese hehre Aufgabe nötig sei. t" 'W heißt in diesem Falle nicht „betrunken", sondern besagt, daß sie durch mäßigen Weingenuß sich die für den Dienst erforderliche Heiterkeit verschafften. Dieses nennt aber die Thora mr pk- „fremdes Feuer"; die Freude, die Begeisterung, der Mut und die Kraft für das G'ttdienen muß von innen heraus kommen, kann nicht von außen her ins Herz dringen. Heiliges Feuer, von der Außenwelt unberührt und nicht von äußeren Mitteln erzeugt, muß an den G'ttesaltar herangetragen werden. Diese Erklärung entbehrt auch nicht einer geschichtlichen und aktuellen Note. Ein Jahrhundert fast glaubte eine Richtung im Judentum, das Feuer für .den G'ttesdienst von außen beziehen zu müssen. Man konnte nicht genug Schönheitsmittel anwenden, um Stimmung zu schaffen. Mit Orgelklängen und Frauengesängen und fremden Gebeten glaubte man, .die Andacht erst ankurbeln zu müssen. Das war aber ein m'T Vfs, ein fremdes Feuer, das G'tt nicht genehm war und den Gemeinden nicht zum Heile gereichte. Wie war die Verbrennung der Ahronsöhne? Sie waren doch nicht von einer Flamme gänzlich verzehrt, da es doch heißt anuroa, man trug sie in ihren Priesterhemden hinaus, also blieben ihre Kleider und erstrecht ihre Körper unversehrt. Es war aber, sagt der Talmud, ta'p epM nnm msns? eine Verbrennung der Seele bei unversehrtem Leibe. fachliche Ertüchtigung, die der jüdische Kaufmann, der jüdische Handwerker und der jüdische Landmann so dringend benötigt, liegt naturgemäß nicht im Aufgabenkreis der Jeschiwa, Wie aber im Anschluß an die Jeschiwa eine weitere Hachschara notwendig ist, um,die Ertüchtigung für einen „Beruf zu vermitteln, sei es auf landwirtschaftlichem oder handwerklichem .Qebiete, so wird unsere Jugend, so weit es die Schule nicht vermochte, (ein großer Teil unserer Jugend empfängt nur eine Volkssohulbildungj in noch zu errichtenden A u s w a n d e r e r s c h u l e n das allgemeine Wissen empfangen müssen, das sie braucht, um als bewußte, starke Juden den Lebenskampf zu meistern. Aber auch der jüdische Akademiker, den das Erziehungswerk unserer heimgegangenen Großen zeitigte, stellte in seinen besten Vertretern eine Erscheinung dar, die nicht nur für das jüdische Leben in Westeuropa sich bedeutungsvoll erwies, die in ihren Auswirkungen auch für die jüdische Gesamtheit von unermeßlichem Segen war. Es wäre schmerzlich, ja von nicht abzusehenden Folgen, wenn dieser Typ der jüdischen Lebensgestaltung in der Folge schwinden sollte. Noch lebt g'ttlob eine Generation dieser Blüte kampferprobter Verfechter unserer g'ttlichen Heiligtümer. Soll denn, was G'tt verhüten möge, die Zeit vor hundert Jahren wiederkehren, da der sogenannten, gebildeten Schicht der von G'tt und Thora Abgefallenen die wehrlose Masse der um den Besitz und die Erhaltung ihrer Heiligtümer zitternden G'tt- Treuen gegenüberstand, deren Jugend den Lokkungen einer fremden Welt und dem verheerenden Beispiel und Einfluß der Abgefallenen ohnmächtig preisgegeben war? So notwendig daher das in diesen Zeilen gezeichnete Erziehungswerk ist, so dringend geboten erachten wir es, rechtzeitig in eine Prüfung der Maßnahmen einzutreten, die ergriffen werden können, um einen, wenn auch kleinen Nachwuchs von jüdischen mit Tauroh und G'ttesfurcht erfüllten Akademikern zu sichern. Wie es nur zu begrüßen ist, daß eine Auslese unserer Jugend den heißen Wunsch hat, in langjährigem Jeschiwabesuch zu tüchtigen Talmide Chachomim sich .heranzubilden, so wären auch aus der Reihe der Jugend die Besten und Begabtesten, nachdem sie gründliches Thorawissen sich angeeignet, an geeigneten Stellen des Auslandes für den akademischen Beruf vorzubereiten. Die (hierfür erforderlichen Mittel müßten im Ausland in Gestalt von Stipendien aufgebracht werden und würden den Opferwillen einer zielbewußten Erziehungsarbeit krönen. Auf die hinter uns liegende Zeit bezogen, erlebten wir das Gleiche. Sie standen da in ihrem Schmucke, die G'tteshäuser sowohl wie die modernen Priester, die darin wirkten. Körper und Kleid prangten in Schönheit und Pracht, aber e® fehlte der L e b e n s o d e m , eine Erstarrung trat ein, Tod der Seele. Und wo die Seele tot ist, kann sich auch der Leib nicht halten. Heute, nach der neuen Entwicklung, kann man in den Kreisen, die im „fremden Feuer" die letzte Erlösung sahen, auch nicht mehr von D*p t]ia sprechen. Es geht ein Streben nach dem Seelischen, nach dem Geistigen, auch nach dem Jüdischen durch die Reihen, und so wollen wir hoffen, daß demnächst auch im Westen, unter Ausschaltung des „fremden Feuers", das Judentum eine gesunde Seele im gesunden Körper aufweist. Wochenkalender. Vom 2. - 9. Mal 1936 / Vom 10. - 17. Ijar 5696 '»!> ip 'i pis" D'Enp 'ins Samstag ms» 2 10 i Sonntag 3 11 n Montag 4 12 1 ">iV Msm Dienstag Mai 5 T>'N 13 T Mittwoch 6 14 n v Donnerstag 7 15 t> Freitag 8 16 i Samstag 9 '' 17 «' "t pis na«