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Der Israelit · 1936-04-17 · Heft 16 (17.4.1936) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 16 (17.4.1936)
Date
1936-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nummer 16 1936 Kleiner Jerusalemer Bilderbogen. Von Schalom Ben-Chorin. A r a b i s c h e s Kasperletheater. In München heißt er Kasperle, in Köln Hännesken, in Wien Wurstl — in der Jerusalemer Altstadt Achmed (oder so ähnlich). Immer ist ,,er" (gleichviel unter -welchem Namen er seine Heldentaten vollführt), Freude und Jubel der Kinder. Auch hier in der engen Seitengasse des Bazars zwischen dem Tempelplatz und dem Jaffator, nahe dem Treppenweg, der zur „Klagemaüer" führt, stehen die Kleinen mit aufgerissenen Augen, Mündern und Ohren und lauschen den Taten des arabischen Kasperle. Lauschen — mehr ist ihnen nicht vergönnt. Nur wenige Bevorzugte, kapitalkräftigere Kinder sehen auch diese Wunderwerke, denn der Kasperle der Jerusalem« Altstadt ist nicht so gutgläubig, wie der des Münchener Oktoberfestes, der zu Beginn der Vorstellung schreit: „Seids alle da Habts a Geld ah" (auch), und sich sofort zufrieden gibt, wenn das Publikum diese lapidare Frage mit „Ja" beantwortet. — In Jerusalem muß man sofort bezahlen: 2 Mil oder — wer ganz vornehm sitzen will — einen halben Piaster. Ich habe beschlossen, ganz fein „auszugehen". Also darf ich auf der Mitte des einzigen Bänkchens Platz nehmen, das den „Zuschauerraum" darstellt. Vor mir steht ein halibmannshoher buntbemalter Holzkasten, in dem sechs runde Glasfensterohen angebracht sind, welche durch kleine Vorhänge verdeckt werden. Gespannt hocken fünf schmutzige kleine Araberkinder und ich vor 'dieser „Bühne" und erwarten den Beginn der Vorstellung. Der Herr Direktor, ein einäugiger zerlumpter dörfischer Araber, nur mit einem Hemd und den Resten eines Turbans bekleidet, wirft uns ein Stück zerfetzten 'Kattuns über den Kopf, so daß wir ungestört und von den Strahlen der Sonne geschützt in den Guckkasten sehen können, von dessen Fensterchen sich nun die Vorhänge heben. Der arabische „Pole Poppenspäler" beginnt mit näselnder Stimme eine anscheinend ungemein schauerliche und dennoch lustige Moritat vorzutragen — ich verstehe zwar kein Wort, aber meine Theaternachtbarn sind mir lebende Uebersetzungen. Sie jubeln über die Spässe und heulen zu den Schauerberichten. Und während der Mann, wie ein leibgewordener Orgelkasten, seine endlose Ballade absingt, (die umstehenden Kiinder plärren mit) rollt vor unseren Augen eine wunderliche Welt ab, Sie rollt im wahrsten Wortsinn. Besteht sie doch aus einer Reihe von Bildern — primitiven persischen und arabischen Aquarellen, europäischen Öeldrucken aus den achtziger Jahren und Photos, die die schwersten Bedenken europäischer Pädagogen herausfordern müßten. Der Held Achmed (ich glaube, er heißt so) wird mit allen diesen Kunterbunten Darstellungen in Beziehung gebracht. Zuerst sieht man ihn selbst. Halb komisch, halb martialisch sitzt er auf einem Pf endchen, entschlossen, auf Abenteuer 'in die weite Welt zu ziehen. In gelbgrundierten Aquarellen tötet er seine Feinde, die sich ihm auf seiner Ruhmeslauf bahn in den Weg stellen und zärtlich nimmt er Abschied von der fCönigin seines Herzens. Und nun hemmt ihn nichts mehr, in alle Winde zu enteilen. Er sieht (in schauerlichem Oeldruck) Wien, Paris und Berlin, schöne Frauen und wilde Tiere und (er dringt durch die Türen jedes Palastes!) den König und die Königin von England. Ganz dunkel blieb mir allerdings, wie der bekannte, in Tiroler Bauernhäusern beliebte Oeldruck „Der Tod des Sünders", in diesen Guckkasten und zu den Abenteuern des gut moslemischen Kasperle kommt. Auf diesem Bilde ist ein Kranker im Bette liegend zu sehen. Um ihn stehen weinend Weib und Kinder und der Priester versucht vergebens, dem Sterbenden das Sakrament zu reichen. Der alte Sünder wendet sich brüsk ab von dem Gnadenspender der Religion und blickt lüsternen, wiewohl brechenden Auges, in einen Spiegel, den ihm Satan persönlich vorhält. Soweit ich beobachten konnte", reagierten die kleinen Morgenländer, meine Banknachbarn, nur mit scheuer Verwunderung auf dieses merkwürdigste Bild der Rolle. Achmed aber eilte weiter, vorbei am Lager des Sünders, um in den Armen Suleikas zu landen, was wieder der heimatliche Pinsel festgehalten hat. Das Lied ist aus, Achmed am Ziel. Nur schweren Herzens reißen sich die Kleinen los von dem Kasten 'der tausend Wunder. Aber reißen wir uns nicht alle nur schweren Herzens los von dem kleinen Fensterchen, durch das wir ein paar Jahrzehnte in den Guckkasten Welt schauen dürfen, in dem es nicht weniger blutig und lächerlich zugeht als im Oel druckreiche Achmeds von Jerusalem. Bettler. Jerusalem ist die ibettlerreichste Stadt Palästinas. Das kann nicht wunder nehmen, ist Zion doch nicht nur die älteste Stadt des Landes (und wohl der Erde), sondern auch 'die Stadt der Alten. Wer die Bettlerarten Jerusalems beschreiben wollte, müßte einen dickleibigen Schmöker verfassen, (übrigens wäre es ein außerordentlich buntes, unterhaltsames Buch), denn es gibt hier unzählige Gattungen dieser Spezies Mensch. Von dem kleinen — in Fetzen gehüllten Ar ab er jungen mit dem stets ungeputzten Naschen — bis zu dem würdigen Bettlerpatriarchen in schwarzem Kapuzenmantel sind alle nur mit kühnster Phantasie erdenklichen Spielarten hier vertreten. * Die arabischen Bettler sind zumeist passive Naturen. Sie liegen am Straßenrand und halten im Schlafe die Hand dem mehr oder minder edlen Geber hin. Die Juden scheinen betriebsamer: sie gehen durch die Straßen, kühnere auch in die Cafes, oder gar an die Wohnungstüren. Mein Freund Rabbi Baruch ben Rabbi Simon-Mose aber ist kein Bettler, auch kein „Schnorrer", wie sie in Wilna oder Kowno daheim sind. Er, Rabbi Baruch ben Rabbi Simon- Mose aus Bagdad ist eher ein „Spendensammler" — daß er die Spenden für sich selber sammelt, tut nichts zur Sache. Rabbi Baruch — den roten Fez, mit schwarzem Tuche umwunden, den hageren Asketenleib in ein ehemals blaues, aber noch immer sehr wallendes Gewand gehüllt, — schreitet sehr feierlich seines Weges. An gewöhnlichen Werktagen wird der Rabbi von Bagdad dir nicht großmütig die Chance lassen, das Gebot der Nächstenliebe zu erfüllen. Es ist immer ein besonderer Anlaß, der ihn vor die Türen treibt. Entweder ist „Rosch-Chodesch", Neumond — wie könnte man da nicht danach brennen, Almosen zu geben, oder es ist Vortag des Sabbats oder Makkabäerfest, oder Neujahr —Rabbi Baruch kennt 100 außergewöhnliche Tage im Jahr, — an einfachen Wenktagen wird er sich nicht zu dir bemühen. *Dfzv Srief(raget? kommt zu 3fmen ~ ~ zwischen dem 19. und 24. April. Sie sparen Kosten und vermeiden Verzögerung in derZusteliung. £rncucrn Sie daher sofort den Sezug des ,,3sraeßf"! Ein Mann von Stand trägt Legitimationen bei sich. In englischer, französischer, deutscher, hebräischer und arabischer Sprache ist es dem Rabbi Baruch bestätigt, daß er „edler Abkunft, von großer Frömmigkeit und hoher G'ttesgelehrsamkeit ist." Wage also nicht, ihm einen halben Piaster zu reichen, er wird zwar akzeptiert, aber sein königlicher Blick belehrt dich, daß du der Gegenwart des Heiligen grundunwert bist. Der W u n d e r ma n n. Rabbi Binjaniin Margulies ist gewissermaßen ein Kleingewerbetreibender. In dem altersschwachen Stadtteil Scheohunath Achwah, im Hofe von Jankew Saibald, dem Hufschmied, betreibt er — eine kleine, nicht schlecht florierende — Wahrsagerei. Am Vormittag besucht der Allwisser seine Kunden und überreicht den kleinen Ladenmädchen und den Herren Friseuren Prospekte, schöne weinrote Zettel, auf denen hebräisch, spaniolisch und jiddisch, Name und Adresse des ,.großen Kabbalisten Rabbi Binjaniin Margulies, dem nichts verborgen ist" zu lesen steht. Der Prospekt betont aber auch, daß Margulies' Unternehmen ein streng reelles ist. Er bedient sich nicht, — wie Andere — der Spielkarten, des Kaffeesatzes und was derlei Albernheiten mehr sind — ausschließlich aus der Heiligen Schrift und den kabbalistischen Büchern erteilt Rabbi Binjamin (von 5 Piaster aufwärts) Ratschläge für die Zukunft. „Geschäftsstunden" von 12 Uhr mittags bis spät in die Nacht. — Ich tbin ein armer Schriftsteller, sage ich dem Rabbi, der mir seinen schönen roten Werbezettel in die Hand gedrückt hat — und es falle mir schwer, fünf Piaster aufzubringen; aber wenn er mir ein Mittel wisse, mit dem man einen Vorschuß aus einem Verleger herauslocke, sei ich bereit, nach Eintreffen des Honorars sogar die doppelte Taxe zu zahlen. Traurig sieht mich der Wundermann an, zupft an seinem vergilbten Bart, schiebt den speckigen Hut in den Nacken, denkt nach. Dann zuckt er mit den Schultern, wiegt das weiße Haupt . . . und sagt nichts. Ach, es gibt Dinge, die selbst dem Allkundigen verschlossen sind: leichter ist ein Golem aus Ton zum Leben, als ein Verleger zum Zahlen zu bringen. Wochenkalender. Vom 25. April bis 2. Mai 1936 / Vom 3. - 10. Ijar 5696 »Öl» >p Samstag 25 3 T'YTfUD üj? Vis» »^Tn 'a p'is a^na pia» Sonntag 26 4 'P Montag 27 5 •>iV rrayn Dienstag April 28 6 n>P Mittwoch 29 7 ■x>? Donnerstag 30 8 an«» '»■>»n rpjyn Freitag Mai 1 9 J Samstag 2 10 i 'i pns D'finp 'ins

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