Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1936)
- Date
- 1936-11-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 46 Der Israelit 19. November 1936 er, unbekümmert um die Trostlosigkeit seiner Lage, jenen Brief aus. Bis in die Nacht schrieb er an ihm und freute sich an jedem Buchstaben. Der würde seine Wirkung nicht verfehlen. So sauber wie er schrieb kein zweiter in der ganzen Stadt. Die Beförderung des Schreibens machte ihm wenig Kopfzerbrechen. Als er im Bürgermeisteramt etwas zu erledigen hatte, schmuggelte er ungesehen den Brief aus dem Pult des Beamten. Man fand ihn, es war seine einzige Sorge gewesen, daß ihn der Bürgermeister selbst finden sollte. Es gelang ihm. 0, er durchkostete den Augenblick, da die kleine Alarmglocke den Vorsteher der Schreiber herbeirief, der ebenfalls von dem Schreiben Kenntnis nehmen sollte. Von ihm Ems drang dann die Neuigkeit unter die Leute Heikenbrunns Und nun wirkte es. Etwas enttäuscht war aber Burkhardt dennoch, als er merkte, wie langsam der Brief in Vergessenheit geriet und er knirschte vor Wut, daß er nicht offen die noch immer heiße Glut des Mißtrauens schüren durfte. Wie lange noch und man hatte den mühsam konstruierten Brief, sein Werk, vergessen. Er vermochte nicht den Mut aufzubringen, offen zu hetzen, denn seitdem er de- und wehmütig wieder als reumütiger Dieb beikroch, hatte er alle Achtung der Bürger verscherzt. „Und ich setze es doch durch", wütete er und in seinem von Alkohol und Haß verwüsteten Hirn setzte sich die Idee fester und fester, bis sie wuchs ZU jenem Schurkenstreich, der den Juden und auch den übrigen Anwohnern Heikenbrunns viel Leid bringen sollte . . . (Fortsetzung folgt.) Erde aus heiligem Land. Aus einem Briefe aus Chile: „. . . wie Sie durch meine Angehörigen ja schon gehört haben, habe ich mich hier schon recht gut eingewöhnt; 'durch die überaus große Güte und Bemühung einer hiesigen jüdischen Organisation bekam ich schon 10 Tage nach meiner Ankunft Arbeit. Ich bin in Stellung bei einem hiesigen Unternehmen, welches sich mit der Instandhaltung von Radioanlagen befaßt. Die Kunden zahlen eine ganz mäßige monatliche Gebühr, wofür wir Monteure wöchentlich die Anlagen prüfen, Röhren erneuern, Batterien neu laden und Störungen beheben. Die Tätigkeit ist sehr interessant und es kommen mir meine bescheidenen technischen Kenntnisse und namentlich meine alte Bastelfreude sehr zu statten. Durch meine Arbeit komme ich täglich in viele Häuser und werde mit vielen Menschen bekannt. Die interessanteste Bekanntschaft machte ich aber kurz vor Rosch-Haschono, wo ich zu einem älteren ostjüdischen Herrn kam, der mir sofort den Deutschen anmerkte und der — hören und staunen Sie — in der Unterhaltung Ihr Heimatsdorf B. rühmend erwähnte. Dieser Mann, der schon viele Jahrzehnte im Lande weilt, erzählte mir, daß er Deutschland auch kenne. Seine Eltern wohnten im ehemaligen Russisch'Polen, mußten vor mehr als 50 Jahren ihre Heimat verlassen, begaben sich, wie es damals so üblich war, auf 'die Wanderschaft und kamen dabei auch nach B.; dort starb seine Mutter und wurde auch dort begraben. Er war damals ein Kind von 10 Jahren, erzählt mir aber, daß er das Dorf noch im Gedächtnis habe, weil er des Sterbefalles wegen mit seinem Vater einige Wochen in B. bleiben, mußte. Sein Vater, der auch schon seit nahezu 40 Jahren gestorben ist, hat ihm Oft erzählt, Wie gut die Juden in B, damals zu Ihm waren! Ich habe ihm versprochen, daß ich mtch erkundigen werde, ob das Grab der Frau . .....noch auffindbar ist, und wenn Sie mir darüber gelegentlich etwas schreiben könnten, würden Sie mir einen großen Gefallen tun." * * * Ja, lieber ferner Freund, das Grab der „armen Frau" ist noch sehr gut auffindbar; es ist gepflegt, wie all die Gräber auf dem „guten Ort" in. B., es ist mit grüner Rasendecke bewachsen, wie all die anderen Gräber und im Frühling blühen und sprießen darauf gelbe Dotterblumen, weiße Gänseblümchen, blaßrote Nelken und blaue Veilchen. Mutter Natur macht keinen Unterschied und fragt nicht, wer unter dem kleinen Hügel ruht. Aber auch die Gemeinde B,. hat der fremden Frau eine Mazewah gesetzt, deren Sockel, wie die übrigen Gräbsteine Moos angesetzt hat und viele Besucher des Friedhofes legen ein kleines Steinchen auf das Grabmal . . . Das werde' ich dem Freunde in der Ferne antworten. Ich erinnere mich noch des Todes der „armen Frau". Es war in B. etwas ganz alltägliches, daß fremde Juden, die wir Buben ungezogener Weise einfach ,.Pollacken" nannten, ins Dorf kamen. B,, das kleine Dorf mit kaum Tausend Einwohnern, hatte damals eine blühende jüdische Gemeinde von 75 bis 80 Familien, welche alle den fremden Wanderern die äHjüdische Gastfreundschaft erwiesen. Das war alles gut organisiert; die Fremden wußten genau, wo sie ihre Speisebilleten in Empfang nehmen konnten Und WO Sie im Bedarfsfalle auch Kleider und Wäsche erhalten würden. Genährt und unterstützt zogen sie weiter. "< Eines Tages kam wiederum so eine kleine Wandergesellschaft, bestehend aus Mann, Frau und einem kleinen Jungen ins Dorf. Ein mildherziger Glaubensgenosse hatte schon seit Jahren einen Raum seines Anwesens für die Beherbergung solcher Leute zur Verfügung gestellt -und da war auch 'diese Familie untergebracht. Schon gleich nach' ihrer Ankunft hörte man, daß die Frau erkrankt sei, Grund genug, daß man sich der Leute besonders annahm. Namentlich war es eine von uns Kindern besonders verehrte Frau, die gleich mit Kräftigungs- und Nahrungsmitteln die Kranke besuchte. Ich sagte schon, daß jene Frau von uns Kindern besonders geliebt wurde: sie war eine überaus würdige, damals schon ergraute Frau, die es mit allen, mit Kindern und Kranken, mit Armen und Hilfsbedürftigen aller Konfessionen gut verstand und es namentlich mit ihrem Amt als Vorsteherin des Frauenvereins außerordentlich ernst nahm. Wenn wir Kinder Gelegenheit hatten, in ihre „gute Stube" zu kommen, gab es für uns immer eine große Anzahl von Dingen zu sehen, die unser Staunen und unsere Bewunderung hervorrief. Der alte Biedermeier-Glasschrank enthielt vielerlei merkwürdige Dinge. Außer Chanukaleuchter, Esrogdose und Bsominbüchse, die wir ja vom Elternhaus und allen anderen Häusern gewohnt waren, gab es da aber noch allerlei seltenere Sachen, z. B. eine große Muschel, in der wir das Rauschen des Meeres hören •durften, rote und grüne Roschhaschonokarten aus Gelatine, durch die man die Welt rot Und grün sah, ein altes: Mohelbesteck, das von einem alten Rabbiner des Dorfes stammte, auf einem Samtkissen aufgesteckt die Kriegsdenkmünze vom Krieg 70 und das goldene, Ehrenzeichen für langjährige. Feuerwehrtätigkeit, die sie als Andenken an ihren längst verstorbenen Mann sorgfältig bewahrte. Mit besonderer Ehrfurcht aber .schauten wir auf ein kleines unscheinbares Säckchen, da® in einer Ecke des Schrankes stand, und von dem man uns sagte, daß es Erez JisroebErde enthalte, die einstens der Frau mit ins Grab gegeben werden solle. Der Brauch war uns natürlich schon bekannt, denn das war ja allgemein üblich. Aber zu sehen bekamen wir Kinder diese Erde aus heiligem Land nie und es war darum kein Wunder, daß wir jenes Säckchen immer mit besonderer Scheu und Ehrfurcht anschauten. Ob diese Gefühle ihren Ursprung hatten in der Herkunft der Erde, oder in ihrer Verwendung, das vermag ich heute nicht mehr zu beurteilen. Trotz ärztlicher Hilfe und sorgsamer Pflege starb die fremde Frau nach wenigen Tagen. Der Jammer des Mannes war groß und in seinem Leid quälte ihn besonders die Sorge, daß seine Frau ohne Erez Jisroel-Erde begraben werden solle. Als man ihn darüber beruhigte und ihm sagte, daß der Brauch auch bei uns bestände, da ward ihm das. Trost und Linderung in seinem Schmerz. Und wer war die Trösterin und Spenderin der heißersehnten Gabe? unsere Frau L.^ die das Säckchen Erez JisroeLErde, die sie für sich bestimmt und ein menschenlebenlang für sich aufbewahrt hatte — sie ga'b der armen, fremden Schwester „ihre" Erde mit ins Grab. Wir Kinder blickten von da ab zu ihr hinauf, wie zu einer Heiligen. Familien-Nachrichten. Barmizwoth: Samuel, Sohn des Herrn Moritz Kahn, Köln, Moltkestr. 32. R2f>i 'ö rav>' Synagoge Adaß Jeschurun, Köln, St. Apernstr. 29/31. — Edgar, Sohn des Herrn Aron Rauner und Frau Hedwig geb. Kahn, Luxembourö. 7 nie St. Willibrord, RS'i raw, — Jonny, Sohn des Herrn Prediger Boley und Frau Jenny geb. Weinberg. Weener (Ems), nV(7't na». Verlobte: Abraham Glückstein, Kitzingen a. M./ Petach Tikwah, P. O. B- 43 mit Bärbel Roberg, Berlichingen/Haifa, Pebsnerstr. 60, Oktober 1936. Silberne Hochzeit: Isaac Katzenberg und Frau, Guxhagen, Briefkasten. S. L in M, Auch wir glauben, der Autor geht zu weit und haben es ihm mitgeteilt. Gruß. Viele jugendliche Einsender. Beiträge für den Kleinen Israelit sowie Anfragen, die diesen betreffen, sind direkt an Herrn Lehrer Dr. K a t z, Frankfurt-M„ Oberer Atzemer 91, zu richten. Grundsätzlich will die Kinderzeitung den Kindern w a s bieten und nicht Sammelbecken für Kinderaufsätze sein, darum werden unsere jungen Freunde gebeten,-von der Zusendung ihrer Schriftsätze;; vorerst abzusehen. Agudas Jisroel- Bewegung. Noar Agudati Snif Frankfurt. Wir teilen heute unseren Arbeitsplan mit. Bei dieser Einteilung sind die Gruppen in den Bäte Chinuch nicht berücksichtigt. Sie arbeiten in den. bereits begonnenen Arbeitsgemeinschaften weiter. Gruppe I. Schemuel I: Ch. B. Horowitz, Schab, 10—11.30 Uhr, B. Ch. II. Unsere Aufgabe in Erez Israel: Fredi Lustig, Sonnt. 20.30—22 Uhr (14tägig), B. Chal. Geschichts. A. G.; Fredi Lustig, Sonnt. 20.30—22 Uhr (14tägig), B. Chal. A. G. Dr. Biberfeld, Zeit wrid noch bekannt gegeben). Iwrith: Ch, B. Horowitz, Schab. 20.30—22 Uhr, B. Ch, II. Gruppe II. Arab.-jüd. Fragen: Max Haas, Schab. 20.30—22 Uhr, B. Chal. Unsere Aufgabe in Erez Israel: gemeinsam mit der I. Gruppe. Geschichts A. G.: gemeinsam mit der I. Gruppe. Iwrith f. Anf.: Joine Tiefenbrunner, Dienst. 20.30—21.30 Uhr, B. Chal. Iwrith f. Fortg.: Dr. Adler. Gruppe III. Jediat Haarez: Simon Richard, Sonnt. 18—19 Uhr, B. Chal. A. A.: Heini Goldberger, Mittw., 20.30—22Uhr,B.Chal. Unsere Aufgabe in Erez Israel: gemeinsam mit der I. Gruppe. Iwrith f. Anf.: gemeinsam mit der II, Gruppe. Iwrith f. Fortg.: gemeinsam mit der II. Gruppe, Gruppe IV. Heimnachmittag: Felix Rosenthaler, Schab. 15 Uhr nach Vereinb. — Am Sonntag nach jeweiliger Vereinbarung. Mädchen. Jesaja: Fredi. Lustig, Schab. 21 bis 22 Uhr, B. Chal. Allg. E. Jsr.*Fragen: Mar Haas, Mont. 21—22 Uhr, B. Chal. Iwrith f. Arif.: J. Tie* fenbrunner, Mittw. 21—22 Uhr, B, Chal, Iwrith f. Fortg.: Wolf Wolffs, Dienst. 21—22 Uhr, B. Chal. — Alle sonst noch festgesetzten Schiurim Und Kurse bleiben unverändert bestehen. Die Sinai-Lehrgänge der Agudas Jisroel. Berlin, 12. Nov. Der an die Mitglieder verschickte Bericht über die S i n ai L eh r g ä n g e der Agudas Jis.roel, Ortsgruppe Berlin, enthält eine ungemein reiche Auswahl an Themen aus allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lebens.. Die Zusammenstellung der Themen entspricht den geäußerten Wünschen der Mitglieder. Als Vortragende sind im Lehrplan aufgeführt «die Herren Rabbiner: Dr. H. A. Cohn, Dr. J, Jacobovits, Dr. Hermann Klein, Dr. E. Münk, Dr. Michael Münk, Dr. F. Singermann, Rektor Dr. J. Weinberg und Abraham Wolf. Außerdem sind Referate vorgesehen von den Herren Dr. S, Halberstadt, Dr. M. Landau, Dr, med, Jakob Levy, Regierungsrat i. R. Dr. E. Rosenberg, Schuldirektor N. Schlesinger und Dr, Salomon Ehrmann, Frankfurt a. M. Die Arbeitsgemeinschaften umfassen ein weites Feld. Außer den Genannten haben sich für ihre Leitung zur Verfügung gestellt die Herren Rabbiner Dr. Ed. Biberfeld, Dr. Esriel Hildesheimer, Siegfried Offenberg, sowie die Herren Dr. M. Birnbaum, Dr. P. Galewski, Gottfried Goldschmidt, Emanuel M. Meyer, Max Neuberger, Jacob Posen und Betty Rothschild. Rabbi Elchonon Wassermann in Berlin. Hier sprach auf Einladung der Dozenten des Rabbiner-Seminars der bekannte . Godaul Has'man R, Elchonon Wassermann, Er ist Mitglied des Rabbinischen Rate® der Agudas Jisroel und Leiter der Jeschiwa in Baranowicze. Ein zahlreiches Publikum aus allen gesetzestreuen Kreisen Berlins hatte sich im großen Hörsaal des Seminars eingefunden. Besonders stark war die Jugend vertreten, was einem ausdrücklichen Wunsche R. Elchonons entsprach. Einleitend forderte Rektor Dr. Weinberg die Erschienenen auf, sich zu erheben, um di© Gelegenheit zu der seltenen Bröcho; VKVb vinann jna ups wahrzunehmen. Dann ergriff R. Elchonon das Wort. Ausgehend von dem Vers T'hillim 111, 10, wies er nach, daß das Denken von uns seren Neigungen grundsätzlich beeinflußt und abhän* gig sei. So erklärt sich nämlich, wieso die Thora allgemein aussagt, daß ein bestochener Richter keinen Rechtsstreit entscheiden kann. Selbst der klarste und schärfste Denker, etwa Mosche Rabbenu, kann hier nicht den logisch richtigen Entscheid fällen, da er neigungsgemäß nach einer beistimmten Richtung hin. (zu Gunsten des ,Bestechers)i tendiert und darum nicht klar sehen k an n. R. E. unterschied sodann zwischen dieser s p.e z i e 11 e n B e s t o c h e n* h ei t des Denkens und einer allgemeinen. Die letztere meint die Thora, wenn sie vom Richter fördert, ysa Juw- Dieser ist demnach etwa ein Mensch, bei dem allgemein die idealistische Gesinnung die persönlichen Interessen überwiegt. \ Nur eine derartige, sittlich reine Peraönlichkeit, sei imstande, richtige und vernünftige Entscheidungen zu fällen. R. E.