Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1936)
- Date
- 1936-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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19. November 1936 Der Israelit Nr. 46 Saite 3 Dil Feststellung einer Selbstverständlichkeit Wanderer übernehme, macht für in Westeuropa wohnende Ausländer und Staatenlose eine Auswanderung nach Argentinien und anderen Staaten Südamerikas ganz illusorisch. (Fortsetzung von Seite 1.) Fast ein Jahr ist seitdem verflossen, und immer und immer wieder tauchte der Name des jüdischen Mörders auf. . Das gerichtliche Nachspiel der Davoser Bluttat wird in den nächsten Tagen im schweizerischen Städtchen Chur beginnen. Wir könnten es als Menschen getrost den Richtern in der Schweiz überlassen, in diesem Falle das Maß der schweren Schuld festzustellen und den Mörder oder Irrsinnigen seiner verdienten Strafe zuzuführen, hätten sich nicht ungebetene Freunde gemeldet, die uns weit gefährlicher erscheinen als alle Ankläger. Da fühlte sich ein Schriftsteller namens Emil Lu d w i g , dem von verschiedenen Seiten noch der Name Cohn angehängt wird, bemüßigt, eine Verteidigung des Mordes und eine Glorifizierung des Mörders in der Form eines Buches zu unternehmen. Wir kennen das Buch nicht und möchten es auch nicht kennen. Konjunkturerzeugnisse auf dem Büchermarkt sind unter allen unerfreulichen geistigen Produkten die allerunerfreulichsten, die ein Mensch von Anstand und Geschmack gefühlsmäßig ablehnt. Wir kennen das Buch nicht, aber kennen Emil Ludwig und seine anderen Bücher und wissen von ihm, daß er zwar nie Beziehungen zu Juden und Judentum pflegte, aber zu jener Sorte von Schriftstellern .gehört, die mit ihrer - spielerischen und geistreichelnden Art, tiefe Mehschheitsprobleme zu verflachen, in vieler Augen, gewiß zu Unrecht, jenen Typ des „jüdischen Schriftstellers und Journalisten" abgeben, der uns wenig zur Ehre gereichte. Wir möchten wahrlich mit einem Mann nichts zu tun haben, der mit einer blutigen Sensation der Gegenwart profitreiche Geschäfte zu machen sucht. Damit nicht genug, tat sich eine sogenannte „Weltliga zur Abwehr des Antisemitismus" in Paris auf, — eine „Weltliga", die keiner gerufen hat, die keiner kennt, von der kein Mensch weiß, wer hinter ihr steht und was sie bezweckt — und versuchte, eine Gloriole um das Haupt des Mörders von Davos zu spinnen und ihm die Märtyrer- oder Heldenkrone aufzusetzen. Wenn es fiüher noch jüdische Kreise gab, die glaubten, es als Juden nicht nötig zu haben, die von unseren ältesten und heiligsten Urkunden belegte und beglaubigte Selbstverständlichkeit erst offen auszusprechen, daß das Judentum den Mord verabscheut, so müssen wir doch heute r e d e n. Wir müssen vor aller Welt jene gefährlichen „Freunde" und „Verteidiger" abschütteln, müssen klar aussprechen, was zwar ebenso selbstverständlich ist, aber dennoch sich noch nicht in der ganzen großen Welt genügend herumgeredet hat* daß wir mit einem Schriftsteller, der aus Menschenschicksal und jüdischem Leid Konjunktur macht, nicht das Geringste zu tun haben, daß uns das anonyme Häuflein, das sich in einer Pariser Dachkammer zu einer „Weltliga" verbindet, nicht im Geringsten angeht; daß wir das Tun dieser Menschen atxch dann zurückweisen müßten, wenn sie zum Objekte ihres Geltungsdranges nicht gerade Juden und Judentum wählten; daß wir aus jüdischer Anschauung heraus die Glorifizierung eines Mörders, ja auch nur die Vertuschung einer Bluttat dem b lut i jg e n V e r b r echen selbst gleichstellen (Moses III 5, ,1). In einem Artikel der „Neuen Züricher Zeitung" wird betont, daß die Machenschaften der „Weltliga", wie das Mächwerk von Emil Ludwig auch in jüdischen Kre'isen: scharf abgelehnt und abgeschüttelt werden. In einem auch vom „Völkischen Beobachter" Wiedergegebenen Artikel des Berner „Bund" wird 'nicht verschwiegen, daß der Großr ab - b inel v o n Paris sich g e g e n d i e V e r - herrlic hü n g des Mörders gewandt li'ab'e. Nimmt man noch hinzu die Aeußerun- ^en der jüdischen Kreise in Deutschland, so dürfen wir bei Anlaß des bald beginnenden Prozesses, von dem wir hoffen, daß er in voller Objektivität und Gerechtigkeit geführt wird, Gerechtigkeit auch .'für' uns erwarten; Gerechtigkeit in dem Sinne, daß für die Erkenntnis und Beurteilung der jüdischen Einstellung in dieser Angelegenheit nicht ein profitsuchender Schriftsteller, der zufällig von einer jüdischen Mutter geboren ist, auch nicht eine anonyme, sich überheblich nennende „Weltliga", sondern die Aeußerungen der berufenen Führer des Judentums und der wahren Vertreter der öffentlichen jüdischen Meinung maßgebend sein müssen. Wochenrundschau. Einwanderungssperren in Südamerika - eine Folge der spanischen Wirren. „Wohin auch der Pfeil abgeschossen wird, er nimmt immer die Richtung nach Jerusalem", sagt ein Talmudwort, mit dem eine historische Tatsache festgestellt wird. Der nun zu Ende gehende blutige Bürgerkrieg im fast judenreinen S p a n ie n müßte uns natumotwendig gar nicht berühren. Die von ihm ausgelösten Maßnahmen in Südamerik»a treffen aber fast in erster Reihe die jüdische Einwanderung. Aus Angst vor dem Einströmen kommunistischer Flüchtlinge aus Spanien hat die argentinische Regieru n g allgemeine neue Einwanderungsbestimmungen erlassen, die am 1. Januar 1937 in Kraft treten werden, Nach diesen Bestimmungen dürfen die argentinischen Konsulate Visen nur noch ausstellen, nachdem sie die Personalien und die Angaben des Paßbesitzers genau nachgeprüft haben'. Das gleiche gilt auch für in Argentinien ansässige Ausländer, die — etwa von einer Auslandsreise — nach Argentinien zurückkehren und nicht im Besitze des argentinischen Ausweispapieres, der „Cedula de itentidad", sind. Das Identifizierungspapier, das die argentinischen Konsulate im Ausland ausstellen, soll künftig auch von den Behörden des Landes, das den Paß ausgestellt hatr gezeichnet werden. Ohne die Papiere, für dessen Angaben nunmehr also auch die Behörden des Landes; dem der Einwanderer angehört, die Mitverantwortung übernehmenpjsollen, darf kein Kapitän Passagiere nach Argentinien aufnehmen. Gleichzeitig wird aber auch dafür Sorge getragen, daß: das argentinische Ausweispapier, das im Inland als Paßersatz gilt, ohne Fühlungnahme: mit der Eihwariderungsbehörde nicht mehr ausgestellt werden; kann.: Die „Ficha'', die der Passagier mitbringt, geht in die Akten der Einwanderungsbehörde über, und ehe der Einwanderer seine „Cedula" erhält, wird also die Behörde die „Eicha" konsultieren und dann erst entscheiden, ob ihm das Ausweispapier, die erste Stufe zur späteren Einbürgerung, auszustellen ist. Vor Argentinien hatte schon der benachbarte La Plätä-Staat, U r'u g ü a y ,;ein Ausnahmegesetz erlassen, dessen Zweck es ebenfalls in erster Linie war,' spanische Linksparteiler am Betreten uruguayischen Bodens zu hindern, das sich aber nicht minder auch gegen die jüdische Einwanderung auswirkt. Die Bestimmung insbesondere1,, daß das He i - m a t l ä nd die Mitverantwortung für den Aus¬ Sabbat und Kaschruth. Aus einem Aufsatz Oberrabbiner Amieis in Tel Awiw: Es erklärte Rabbi Schamlami: 613 Gebote überbrachte uns Mosche, David faßte sie in elf, Jesaja in sechs, Micha in drei Postulaten zusammen (Tr. Makoth 2a). Und es kam der 19. Zionistenkongreß und stellte das ganze Gesetz nur auf zwei Gebote: die Sabbatruhe und die Koscherküche. Auch diese Errungenschaft war der Erfolg eines schweren Kampfes des Misrachi. Misrachi streikte, Misrachi schwieg beharrlich in den ersten Verhandlungstagen, und dieses Schweigen erschütterte die Gemüter mehr als stärkster Kanonendonner. Warum aber kämpfte Misrachi mit seinem großen Schweigen nur für diese zwei Gebote? Hatte er auf alle anderen 611 Gebote verzichtet? Ganz gewiß nicht. Man ging nur von der Ueberlegung aus, daß im Sabbat und im Kaschrut die Grundpfeiler des jüdisch-nationalen Lebens verankert sind, die auch den zionistischen Gedanken tragen. Ein historisches Judentum ohne Sabbat und Speisegesetze ist eben nicht denkbar. Die Anderen sprechen von einer gesunden Seele in einem gesunden Körper, wir aber wissen, daß auch eine reine Seele nur in einem r e i n e n Körper den richtigen Platz hat, und wir sind dessen gewiß, daß viele unserer seelischen Eigenschaften in der Enthaltsamkeit beim Essen und Trinken mittels der Speisegesetze ihre Wurzel haben. Nun hat der Kongreß im Prinzip Sabbat und Kaschrut akzeptiert. „Alles hängt von einem glücklichen Stern ab," heißt es in der rabbinischen Literatur, „auch die Thorarolle". Dem Sabbat wurde vom Kongreß rauschend applaudiert. Dr. Weizmann selbst forderte das Auditorium auf, sich zu Ehren des in seine Rechte eingesetzten Sabbat von den Plätzen zu erheben. Ueber den Kaschrutpunkt aber verhandelte man hinter geschlossenen Türen.. In einer Stunde zwischen Licht und Dunkel wurde ein Vertrag zwischen Misrachi und den Arbeitervertretern unterschrieben. Der Sabbat sollte sofort in seine Rechte treten, ohne weitere Bedingungen und Karenzzeit, die Koscherumstellung aber erst nach 6 Monaten und nur in den kollektiven Küchen. Die Sabbatbraut brauchte keine Mitgift mitzubringen, man nahm sie wie sie war, für das Kaschrut aber forderte man eine ganz immense Mitgift: die Arbeiterküchen wollten die Mehrausgaben für Schechitagebühren, Umstellung usw. ersetzt haben. Man kann das verstehen: Man schämt sich nicht, sich zum Sabbat zu bekennen, denn schließlich haben die anderen Völker ja auch eine Art Sabbat. Kaschrut fehlt aber im Lexikon der Nichtjuden. Und so gehe es nicht an, daß der moderne Mensch des 20. Jahrhunderts sich mit solchen Dingen abgebe ... Zu einer Eifersucht zwischen Sabbat und Kaschrut liegt aber gar kein Grund vor. Ueber ein Jahr ist seitdem verflossen, und der Sabbat wie das Kaschrut werden nachwie vor mitFüß e.n getreten. In der Theorie merkt man vielleicht noch ein wenig die unterschiedliche Behandlung: Auf den Feldern des Nationalfonds wird am Sabbat nur hie und da, und unter Protest der Kanzlei des Herrn Ben Gorion, gearbeitet, an der offiziellen Trefa^Küche nimmt aber, allen Kongreßbeschlüssen zum Trotze, kein Mensch Anstoß. Die Frage ist vollkommen von der Tagesordnung verschwunden. 1 Zur Ehre der Wahrheit muß leider gesagt werden, daß das Trefaessen keinesfalls ein Monopol der Arbeiter ist, genau wie die Sabbatentweihung in den bürgerlichen Kreisen nicht