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Der Israelit · 1936-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1936)
Date
1936-04-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 14/15 Der Israelit 3, April 1936 Vor den Toren gibt es eim kleines Gedränge, denn es ist Freitag. Der Altkleiderhändler bietet seine Ware aus, Handwerksleute eilen mit ihrem Handwerkszeug zu einem der adeligen Kunden außerhalb des Tores, wohin sie bestellt sind. Bauern von den naheliegenden Dörfern kommen mit ihren Fuhren vor dem Tore angefahren, mit Körben voller Fische, mit Kräutern und Früchten. Juden und Bauern kommen sich auf halbem Wege auch sprachlich entgegen und verstehen sich ausgezeichnet. Man kann zum kleinen gardinenlosen Fenster hineinschauen und den Schneider bei seiner Ar beit sehen, den Schuster auf seinem kleinen Schemel. Auch ein Schmied bläst in seiner offenen Schmiede mit gerötetem Gesicht ins Feuer und fährt mächtig mit dem schweren Hammer aus. Die kleinen Lädchen sind ziemlich angefüllt mit jüdischen und nichtjüdischen Kunden. Ein Geldwechsler sitzt vor seinem Tische, auf dem Nebentisohe hat ein Buchhändler seine heiligen Bücher ausgebreitet und ein großes Interessenten publikum angezogen. Jeder ruft seine Waren aus, lobt und preist sie. „Halb umsonst, ganz umsonst, eilt euch, eilt euch Jiden, denn der Sabbat kommt! . , ." Es kommen Käufer und Kunden «wich von der anderen Seite. Frauen kommen, um billigen Schmuck und falsche Perlen, Ringe aus Silber und solche, die wie Gold glänzen, nach vielem Feilschen und Handeln zu erstehen. Da erblickt man mitten im Gewimmel «den Polizei- und Kirchendiener in seiner blinkenden Joppe, die seinem kirchlichen und polizeilichen Amt zugleich entspricht. Er erkundigt sich be fehlerisoh nach dem Wohnhause von Tobias, dem jüdischen Arzt im Ghetto. Ein,Beben geht durch die Gasse, wie immer bei der Berührung mit der Welt draußen, und viele geleiten den Beamten in das Haus des Arztes, Tobias, der Arzt, tritt aus seinem Hause, verbeugt sich gegen den Boten der Gewalt und fragt bescheiden nach seinem oder der hohen Behörde Wunsch. Der Bote, als gelte es, einen Befehl zu verkünden,, teilt mit lauter Stimme und umständlich mit, daß sein hoher Herr, der Kirchenrat, die ganze Nacht starke Leibschmerzen gelitten' hätte. Der Arzt draußen wußte kein Mittel zur Milderung des Schmerzes und so läßt sein .Herr bitten, daß Tobias, der jüdische Arzt, zu ihm komme. Tobias, klug und erfahren, ahnt eine Falle. Es ist den jüdischen Aerzten strengstens verboten, nichtjüdische Patienten zu behandeln, und er bedeutet dem Beamten, daß er, Tobias, seine Kunst auf die jüdischen Patienten beschränken müsse. Der Beamte, als wartete er auf dieses Stichwort, zieht ein Papier aus seiner Aermeltasche, auf dem das rote Siegel des Erzbischofes prangt. Mit wenigen Worten ist darin zu lesen, daß in diesem Ausnahmefalle dem jüdischen Arzt erlaubt sei, den hohen Herrn Kirchenrat von seinen Leiden zu befreien. Tobias trifft einige Vorbereitungen, packt Tinkturen und einige Instrumente in seinem Köfferchen ein, zieht den Oberrock an, auf dem der gelbe Fleck, die Judenfarbe, deutlich zu sehen ist, und folgt dem Boten. Seine Familienangehörigen verabschieden sich von ihm, als ginge es in eine andere Welt. Alle Ghettobewohner auf der Straße flüstern ihm hebräische Segensworte nach, Wenn das nur gut abgeht! . . . Es ist Nachmittag. Mählich tauchen schwan-» kende Gestalten am Ghettotore auf. Händler, Hausierer, Handwerker, die die ganze Woche hindurch von Dorf zu Dorf pilgerten, kehren zu Sabbat heim. Einige kommen auf Eseln angeritten, beladen mit Mehlsäcken, Hülsenfrüchten, Hühnern und Eiern. Manche bringen als Beute ihrer Wochentätigkeit draußen junge Ziegen mit. Einige haben auch -verbundene Köpfe, freie Beigabe von Seiten der Dorfjugend . . . Mit den Heimkehrern zieht Freude ins Ghetto ein. Ganze Scharen von nicht gerade sauberen Kindern laufen den Vätern entgegen, begrüßen sie mit Jubel Und suchen gleich ihre Taschen nach Süßigkeiten ab. Die Frauen und älteren Mädchen sind aber ans Haus, geh-mden, stehen schwitzend mit geröteten Gesichtern an den Töpfen, tun den Männern, die die Woche, über für ihre Familie gehungert und sich abgearbeitet haben, die kost Hohe Sabbatspeise so zu bereiten, daß sie das Säbbatparadies daheim ganz auskosten können Die innere Freude der züchtigen Frauen ist stumm, rötet aber ihre zuweilen recht schönen Gesichter, in Erwartung des großen Sabbaterlebens. Die kleinen, schmalen Gäßchen leeren sich und sehen jetzt viel breiter aus als früher, d sie die Menschen anfüllten. Die meisten Läden und Erker werden schon früh heruntergelassen, da jüdische Kunden nicht mehr zu erwarten sind und die Inhaber noch ins Gemeindebad gehen, oder sich daheim für den Sabbat in Ruhe -rüsten möchten. Vor den Türen wenden als letzte Vor bereitung die Sabbatkleider gesäubert. Die Müt ter, die in der. Küche fertig sind, waschen ihre Kinder, dem Sabbat zu Ehren. Plötzlich erschallt die Posaune des Gemeindedieners: Tekia, Tema! . . . Ein Zeichen, daß man die Töpfe ins Gemeindebackhaus bringe. Wieder belebt sich für einige Minuten die Straße, bis der Gemeindeback ofen geschlossen und außen mit Lehm verklebt ist. Jetzt schließen auch die Säumigen, die Letz ten, rasch ihre Läden und eilen davon, als sei ein Brand ausgebrochen. Ganz kurz vor Toresschluß drücken sich noch fremde Gäste durch die nur noch halb geöffnete Pforte des Ghetto. Unter ihnen einige zerlumpte Gestalten, auch Krüppel, aber auch verarmte bessere Gäste, die, von weither kommend, im Ghetto den Sabbat verleben wollen. Ihrer einer hat einen roten Fez auf dem Kopfe mit weißem Umhang, ein Gast aus dem Orient, vielleicht aus dem Heiligen ■Lande, und wird mit besonderem Interesse angestaunt. Sie eilen alle in den Schulhof, wor sich'^äüch' das Gastzimmer für Fremde befindet. Nun schließen sich mit'großem-Knarren die Ghettotore vollends und sie werden über ^Sabbat geschlossen bleiben. Da schreien Stimmen auf und flehen den Wächter an, er möge noch" einige Minuten warten. Es ist die Familie von Tobias, dem Arzt, die schon seit einer guten Stunde da steht und mit bebenden Herzen, voll schwerer Ahnungen, den Vater erwartet. Der Wächter ist stumm und taub für die Bitten der Frau und der Kinder. Das Tor ist zu. Von der anderen Seite verhandelt Tobias, ganz in Schweiß gebadet von dem eiligen .Gang, mit dem Außenwächter. Dieser ist besser gesinnt, aber er zögert. Wie er aber den harten Druck der nicht leeren Hand des Arztes empfindet, öffnet er einen kleinen Spalt, durch den sich der Arzt durchdrücken kann, begleitet von der dringenden Verwarnung beider Wächter, daß es nie wieder vorkommen dürfe. Nun ist Sabbat im Ghetto, und auch Tobias, der Judenarzt, darf ihn ungestört im Kreise seiner Familie genießen. 1 \*m Kinderecke, Das Omerzählen* (Aus r?OS' Arbeitsplan und Stoffsammlung von Bernhard Jacobson in Hamburg.) „Und ihr sollt zählen vom anderen Tag nach der Feier an, von dem Tage, da ihr gebracht das Omer der Schwingung, (daß es) sieben volle Wochen seien. Bis zum anderen Tage nach der siebenten Woche sollt ihr 50 Tage zählen, und darbringen ein Speiseopfer vom Neuen dem Ewigen" (III. B. M. 23; 15—16). „Sieben Wochen sollst du dir zählen; wenn die Sichel anhebt in der Saat, sollst du anheben sieben Wochen zu zäh' len" (V. B. M. 16; 9). Das in vielen Kreisen übliche Wort;,omern" ist ein vom hebräischen Hauptwort „Omer", Maß, abgeleitetes, mit deutscher Endung versehenes Tätigkeitswort und hat die Bedeutung, „zählen''.. Das Zählen der 49 Tage begann früher mit dem Tage, da man das Maß mit neuer Ernte im Heiligtume schwang. In der Gemara (Menachot 66a) werden diese Schriftverse ausführlich behandelt. Da es heißt „fünfzig T a g e sollt ihr zählen" und: auch „sieben Wochen sollst du zählen", folgert Abaje, „es sei Gebot, sowohl die Tage als auch die Wochen zu zählen." Aus dem Ausdrucke „sieben volle Wochen", „temimot", folgert die Gemara: „sieben volle Wochen ergeben sich nur dann, wenn man abends zu zählen beginnt". Bei der Beracha über das Zählen ist der Ausdruck „la-Omer" für das Omer so aufzufassen: Zur Erinnerung an den Tag, an welchem man früher im Heiligtume das Omer darbrachte. Der einfachste Grund für das Fehlen der Beracha „Söhe-hechejanu" bei Beginn des ersten Zähltages liegt darin, daß die beim ersten Tag Pessach gesprochene Beracha „Sche-hechejonu" sich auch auf die Mizwa des Zähleris bezieht. Nach einem Midrasch liegt die Bedeutung des Zählens, durch welches die Feste Pessach und Schawuot verbunden werden, nicht nur in der mehr landgebundenen Bedeutung einer Erinnerung an das Darbringen des Omer, sondern die Verbindung des Festes der Freiheit mit dem der Offenbarung sei dadurch bekundet. Als Mosche Israel sagte; „Ihr werdet G'tt auf diesem Berge dienen", sprach das Volk: „Wann wird dies geschehen?" Da sagte er ihnen: „Nach 50 Tagen". Jeder begann von da ab, «diese 50 Tage zu zählen. S. R. Hirsch im „Cnoreb", Kap. 29, sagt, die Bedeutung des Zählens liegt darin, „daß Pessach seine Vollendung nur im Schowuaus finde, d. h. Freiheit und aller Segen, der in ihr liegt, nur erst Wert, Wirklichkeit und Bedeutung durchs Gesetz der Tauroh erhalte; wie denn nur, um Diener der Tauroh zu werden, Jisroel aus dem Dienste 'Mizrajims befreit wurde; wie ja auch gleich im ersten Befreiungsauf trage an Mausche dieses geistige Ziel der körperlichen Befreiung ausgesprochen wurde: „Wenn Du hinausgeführt hast das Volk aus Mizrajim, werdet ihr Diener G'ttes an diesem Berge" (II. B. M. 3,* 12)." Sehr interessant sind die Ausführungen im „Ssefer ha-Chinnuoh" von R. Aharon ha-Levi (13. Jahrb.). Er wirft die Frage auf, warum die Thora das Zählen erst vom zweiten Tage des Festes beginnen läßt, und warum man nicht einfach die seit Pessach vergangenen Tage angibt. Seine Antwort lautet: „Der erste Tag ist gänzlich der Erinnerung an das große. Wunder des Auszuges aus Aegypten geweiht, welches ein Beweis für die Erschaffung der Welt durch G'tt und für seine Leitung der Menschengeschicke ist. Mit der Freude an dieser erhabenen Begeben« heit soll nichts vermischt und dabei an nichts anderes gedacht werden. Daher wurde die Zählung erst vom zweiten Tage an gerechnet. Man kann aber nicht gut sagen, heute sind so und soviel Tage seit dem zweiten Tage Pessach, Man nimmt deshalb das besondere Ereignis des zweiten Tages, die Darbringung des Omer, zum Ausgangspunkt der Zählung, da dies uns G'ttes ständige Fürsorge lehrt. In jedem Jahr läßt er die Saaten reifen." , Die Zeit der Ssefira gilt als eine Art Xrauerzeit: So heißt es in „Jebamot" 62b: „Man erzählt, daß R. Akiba. zwölftausend Paare Jünger hatte, von Gabbata bis Antipatris, und alle starben sie um eine Zeit, weil sie einander keine Ehrung erwiesen. Die Welt lag verödet, bis R, Akiba zu unseren Meistern nach dem Süden kam und sie (die Thora) lehrte. R, Meir, R. Jehuda, R, Josse, R. Schimon und R. Eleasar b. -Schamua sind es, die in jener Zeit die Thora aufrichteten. Es wird gelehrt, alle unwürdigen Schüler starben zwischen dem Pessachfeste und dem "V^pchenfest". "[, {" '. 7

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