Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 14/15 1936 Wer war es?... Eine Geschichte, die sich nur in Jerusalem ereignen kann. Mein Freund L., ein Gelehrter von Weltruf, der in einer fast modern zu nennenden Vorstadt Jerusalems wohnt, erzählte mir bei einer Tasse Tee die Geschichte, die er selbst erlebt hat und die mir einen der Züge im Gesichte der heiligen Stadt zeigte. „So etwas kann nur in Jerusalem passieren," sagte er zur Einleitung und zum Abschluß seiner Geschichte. Es ist keine Schande für einen Gelehrten von Weltruf in Jerusalem, keine Villa zu bewohnen und kein Bankkonto zu besitzen und. zuweilen sogar in richtige Not zu geraten. Gar so schlimm war es um meinen Freund nicht bestellt. Er arbeitete zur Zeit an der Herausgabe einer auf vielen Reisen in Bibliotheken und Archiven aufgestöberten wertvollen wissenschaftlichen Handschrift, die von einem Verein für jüdische Wissenschaft in Europa finanziert wurde. Zu bestimmten Zeiten kam der Scheck, der der Gelehrtenfamilie für einen Monat über die Not des Tages hinweghalf. Nun aber blieb, wer weiß aus welchem Grunde, schon lange der Scheck aus. Es war Freitag morgen und kein roter Heller, oder wie man dort sagt, kein Müs im Hause. Der "Kredit beim Bäcker, Metzger und Krämer hat sein Grenze, über die eine bescheidene Gelehrtenfriau nicht springen mag. So stand die gute Frau in der leeren Küche in tiefe Gedanken versunken. Es ist das alte Lied, das in verschiedenen Varianten jeder kennt: ,,Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, wo kommt mir Hilfe her . . ." Jerusalem ist bekanntermaßen von Bergen umringt, zu denen man in solcher Lage leicht hinschauen kann, aber sie waren an diesem Morgen sämtlich in dicken Nebel gehüllt und gaben keine Antwort. Der Gatte suchte zu ermuntern: „Warum so ernst und sorgenvoll, Liebste? Haben wir so viel geborgt, so kommt es schon auf ein Weniges mehr nicht an. Der Bäcker und der Metzger wissen ja, daß alles bezahlt wird." Da die Frau den Mann nicht betrüben wollte, sagte sie nichts. Es wäre auch nutzlos gewesen, ihm klar zu machen, daß auch Bäcker und Krämer kleine Leute seien, und daß sie sich längst schon schäme, an den Läden vorüberzugehen; daß die Kinder usw. „Im übrigen," tröstete der Mann, „'haben wir noch gute Hoffnung. Der Geldbriefträger kommt oft spät, er kann noch kommen." In diesem Augenblicke ging auch schon die Türe auf. Es wird in Jerusalem nicht geklopft noch geklingelt, man greift nach der Klinke und schon steht man mitten drin. Der sehnsüchtig erwartete Briefträger war es leider nicht. Ein kleines, zermürbtes Männchen mit eingeschrumpftem Gesicht, das von Ringellöckchen umsäumt war, welche sich unten zu einem filzigen Kurzbärtchen zusammenzogen. Ein Jemen ite offensichtlich, einer von den Gästen, die immer vor Sabbat kommen, um ihren Tribut zu holen. Das Männchen streckte nach einem demütigen Schialom die Hand aus: „Nedawah!" „Tarn hakessef, leider kein Geld im Hause," sagte die Frau tonlos. Der Jemenite sah mit scharfen Augen die Frau an und sein orientalisches Hebräisch ging beinahe ins Singen über. Als zitierte er einen Satz aus dem Hohenliede: „Ojah waaboja! Wehe, kein Geld. Das ist böse, aber etwas geben müssen Sie doch." „Ich habe ja nichts," wiederholte die Frau schon etwas ärgerlich. „Wozu sich aufregen?" sang wieder der Jemenite, „die Sache ist so: eine Nedawah verweigern, ist eine Sünde, und wie darf ich nun gehen und sehen, wie ein Jude oder eine Jüdin eine Sünde begeht? Ich wäre ja mit verantwortlich. Jeder Jude ist für jeden Juden mit verantwortlich. Und ich hätte Sie ja direkt zu dieser Sünde veranlaßt, denn ich kam ja her . . ." „Aber ich sagte es Euch doch schon, ich habe nichts." „Weiß ich schon," meinte der Arme und zwinkerte mit den Augen im ausgemergelten Gesicht. „Sie haben nichts, aber gerade darüber wollen wir doch reden." Und er fing von Neuem in seinem Singsang an: „Wenn ich jetzt mit leeren Händen von dannen gehe, haben Sie eine Sünde begangen und ich mit. Darf das ein Jude? Nein. Also ich habe mir in der Woche fünf Schilling erspart. Ich habe sie hier in einem Schein. Nun borge ich Ihnen den Schein, Sie kaufen sich unten im Kramladen das. Nötige und geben mir den mir als Nedawah schuldigen Grus eh. Jedem sein Recht," fügte er lustig hinzu. „Ihnen die fünf Schillinge als Darlehen, mir der Grusoh als Nedawah. Am Sonntag komme ich und hole mir mein Geld wieder." Die Frau stand betroffen und stutzig da, ohne sich zu entschließen, den Schein anzurühren. Ihre fragenden Blicke ruhten auf dem Mahn, der bis jetzt alles .ruhig mit anhörte. „Eigentlich," griff jetzt der Gelehrte ein, „habe ich gar keine Bedenken dagegen. Wenn der Mann es so will, warum auch nicht? Er bekommt ja sein Geld, das er am Sabbat nicht braucht, am Sonntag wieder und hat seine Nedawah. Auch „Wucher" im Sinne des Religionsgesetzes kann es nicht genannt werden, da es sich hier um zwei Dinge handelt, Darlehen und Almosen keine Tateinheit bilden. Aber es müssen ja nicht gleich fünf Schillinge sein. Mit dem Darlehen von einem Schilling ist ja der Zweck genau so gut erreicht." Inzwischen war schon die Frau unten und kam mit einem vollen Korbe hinauf. Das Geld war gewechselt. Ratlos reichte sie den ganzen Rest dem Jemeniten. Dieser wehrte ab: „Wenn ich das nehme, hätte ich Ihnen eine Nedawah gegeben. Ich muß aber die Nedawah haben, meine Nedawah will ich haben." Er wurde richtig zudringlich. Der Gelehrte schob ihm nun die vier Schillinge zu. Der Jemenite zögerte noch. „Sie täten wir einen großen Gefallen, wenn Sie auch die vier Schillinge über Sabbat behielten. In meiner Hütte ist das Geld am Sabbat schlecht aufgehoben. Bei Ihnen weiß ich es aber sicher. So tut mir schon den Gefallen," flehte er und ließ das Geld liegen. „Ihre Adresse für alle Fälle!" bat der Gelehrte. „Ich wohne in der Simta (Gäßohen), die an Rchob Elijahu grenzt und heiße Schalom Nissim Bacher, wenn Sie es durchaus wissen wollen." Spraohs und ging. Der Sabbat war gut vorüber. Am Sonntag morgen kehrte aber wieder die Sorge ins Haus ein. „Wenn der Jemenite jetzt käme, und wir könnten ihm die Schuld nicht bezahlen! Es war gewiß sein ganzes Vermögen, der Verdienst und die Beute einer ganzen Woche." Richtig, da ging schon die Türe auf. Jetzt war es aber nicht der Jemenite, sondern wirklich der Postbote, der den längst überfälligen Scheck brachte. Der Jemenite kam aber an diesem Tage nicht, auch nicht am Montag. Als er schließlich auch am Dienstag und Mittwoch ausblieb, begab sich der Gelehrte auf die Suche nach dem Armen. Ein Rchob Elijahu gab es, aber die von ihm bezeichnete Simta war nicht zu finden. Den Namen Schalom Nissim Bacher kannte keiner. Sehr deprimiert kehrte der Gelehrte nach Hause. Der Mann ließ sich auch in den folgenden Tagen nicht blicken. Er blieb auch am Freitag, am Tage des Nedawoth, aus. Als der Gelehrte das Erlebnis voll Betrübnis jenem sanften Rabbi mit den Augen, die wie in ferne Welten schauten, erzählte, sagte dieser: „Ich kenne die Geschichte und Sie sind nicht der erste, der den sonderbaren Armen sucht. Es kann derselbe oder auch ein anderer sein. Wir haben ja deren soviele in den alten Straßen Jerusalems. Er wird nie wiederkommen und Sie können das Geld mit gutem Recht .""Verbrauchen oder, wenn Sie es nicht brauchen,' für andere wohltätige Zwecke verwenden." „Wer war der Mann?" „Ob Elijahu, der Prophet, oder wirklich ein einfacher jemenitischer Lastträger oder Bettler, ein Wunder war es gleichwohl, eines jener Wunder, die sich nur in der 'heiligen Stadt Jerusalem ereignen können." Ein Sabbat zieht ins Ghetto ein. Dreimal klopft der Hammer ibeim ersten Morgengrauen an die Türe. Es ist ein sanftes Klopfen und keiner erschrickt. Wohlvertraute Laute, mit denen der Schulklopfer seine Gemeinde zum Frühg'ttesdienst weckt. Schon springen in den kleinen jüdischen Giebelhäuschen schwache Lichtpunkte aus Oel- und Petroleumdochten auf. Schwere Schritte knarren auf den krummen schmalen Treppen. Die einen kommen von oben, dje anderen von unten, aus Dachböden und Kellerräumen, und die Schatten treffen sich, stoßen aufeinander, murmeln etwas, ein hebräisches „Guten Morgen!" Man tauscht ein paar Worte Über die kalte Nacht und über die wilden unnötigen Rufe des Postens auf der Ghettomauer. Dann geht man schweigend zusammen ins kleine G'tteshaus. Der heilige Raum ist in Dunkel gehüllt, das das „beständige Licht"-nicht vertreiben kann. Im fahlen Lichte sieht man den kostbar gewebten Vorhang vor der heiligen Lade und die zwei Loewen, die von beiden Seiten die vergoldeten Holztafeln mit den zehn «Geboten festhalten. In wenigen Minuten ist die Gemeinde in Gebetmantel gehüllt und das Gebet kann beginnen. „Wie köstlich sind Deine Zelte Jakob und Deine Wohnungen Israel! . . ." Indes die Männer des Frühminjans noch die letzten Worte des Gebetes verklingen ließen: „An uns ist es, dem Herrn der Welt zu dienen, der uns nicht gleich den Anderen gestaltet hat . . ." Von außen gellt die Trompete von der Ghettomauer her, gefolgt von einem scharfen Knarren. Die Ghettotore, 'die die Nacht hindurch verschlossen waren, öffnen sich für den Verkehr. Mählich verwandeln sich die Schatten auf der Straße in lebende, treibende Menschen. Bald steht der Krämer vor seinem Kram, der Handwerker in seiner Wekstätte, der Händler ist auf dem Wege zu seinen Kunden. Die Letzten, die Schwachen und Kranken, wandern jetzt in 'die Schul zur Nachlese, zum „letzten Minjang'ttesdienst". Auch viele kleinere Kinder schließen sich ihnen an, um mit ihnen das Morgengebet zu verrichten, und dann nach einem kleinen Imbiß in den Cheder zu eilen.