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Der Israelit · 1936-03-26 · Heft 13 (26.3.1936) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 13 (26.3.1936)
Date
1936-03-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 13 Der Israelit 26. März 1936 nach Wien, nach London und Paris und zuletzt nach Italien geschickt. So ist aus dem kleinen Münzladen im Hinterhof der Judengasse ein europäisches Haus mit Filialen an allen wichti gen Zentren geworden. Aber Frau Gudula hat ihr Leben nicht im geringsten geändert. Die Reisen auf schlechten Wegen in den wackligen Postkaleschen sind für Meyer Amschel zu beschwerlich geworden. Man operiert ihn. Er setzt vorher sein Testament auf. Aber diesmal glückt den Aerzten ider Schnitt. Der Alte lenkt das Geschäft nur noch aus dem Bett heraus. Die Söhne sind ihm gute Vertreter geworden. Napoleon bedrängt Frankfurt, besetzt es. Seine Beamten beobachten die Rothschilds, weil sie sie mit Recht im Verdacht haben, insgeheim mit der alten Regierung in Verbindung zu stehen Meyer Amschel wird in die Stadtkanzlei zur Vernehmung gerufen. Er ist krank. Sein Sohn Salomon vertritt ihn. Er hat genaue Anweisun gen vom Vater, stellt sich dumm, schweigt, er weiß nichts. Im Keller des Hauses „Zum Grünen Schild" hat Rothschild einen Teil des Vermögens versteckt, das ihm sein Landesherr vor der Flucht zurückgelassen hat. In jeder Sekunde erwartet man eine Haussuchung. Zwar sind die Schätze gut verborgen, aber Meyer Amschels Nervosität wächst. Die Haussuchung wird der Familie rechtzeitig von einem Freunde angekündigt. Die Beamten Napoleons durchstöbern alles, aber sie finden nichts. Jeder wird vernommen. Auch Frau Gudula muß aussagen. Sie weiß wirklich nichts. „Ich weiß überhaupt nichts," gibt die alte Frau zu Protokoll. „Ich kümmere mich nur um ■den Haushalt.Ich-.gehe das ganze Jahr nicht weg." Ich^bjabe mit geschäftlichen Dingen nichts zu tun." Die^'Schjergen müssen..unverriohteter Sache wieder abziehen,'"-- Meyer Amschel kommt nicht mehr auf .diev Beine. Er ändert offiziell den Namen seiner Firma in „Meyer Amschel Rothschild Söhne", teilt seinen Geschäftsfreunden mit, daß jetzt auch seine Söhne als gleichberechtigte Inhaber an seinem Unternehmen beteiligt sind. Ein ungewöhnlich kluger Familienvertrag sichert Frieden und Freundschaft in kommenden Tagen gemeinsamer Arbeit. Es ist der .16. September 1812. Meyer Amschel steht im Tempel und betet. Es ist Jom Kippur. Abends kehrt er heim. Frau Gudula hat für ihn, für den Aeltesten und Karl ein schönes Essen vorbereitet. Man gedenkt der anderen SöKhe;'"'dIe" auf wichtigen Posten in Frankreich und England weilen. Merkwürdige Gerüchte dringen aus Rußland. Napöleon soll in verwüstetem Land hungernd und frierend vor dem Ende stehen. Meyer Amschel hat keinen Appetit. Die Narbeschmerzt ihn. Er fühlt Fieber. Frau Gudula macht das Bett zurjßcht Er soll,sich ein bißchen ausruhen. Das Fasten wird ihn zu,-sehr angestrengt haben.^Frau Gudula bringt den Mann, ins Bett. „Es geht zu Ende," erkennt er. Sie schweigt. Wagt nicht, zu lügen. Noch in der Nacht wird der Anwalt gerufen. Ein neues Testament wird ausgearbeitet. Meyer Amschel verkauft sein Hab und Gut an seine Söhne für 190 000 Gulden. Hiervon erhält „Gutle" 70 000 Gulden und das Haus. Die 120 000 Gulden sollen sich die Töchter teilen, aber auf jeden Einfluß aufs Geschäft für immer verzichten. Die fünf Söhne erhalten die Firma, jeder ist mit einem Fünftel beteiligt. Wer nicht einverstanden ist, hat, bevor er vors Gericht geht, eine so hohe Kaution zu hinterlegen, daß er es sich mehrfach überlegen wird, bevor er den Schritt wagen wird. Am 19. September 1812, am Tage, da Napoleon vor dem brennenden Moskau seinen Untergang besiegelt findet, stirbt Meyer Amschel in den Armen seiner Frau. Er aihnt nicht, daß er den Grundstein gelegt hat für eins der gewaltigsten Häuser der Welt. Frau Gudula bleibt im Stammhaus in der Judengasse. Sie lebt bescheiden wie in (ihren Jugendtagen in den engen Räumen. Sobald einer ihrer Jungen von seinen erfolgreichen Reisen durch die ihr ferne Welt nach Frankfurt heimfindet, ist sein erster Weg zu ihr. Sie hört von ihnen, wie sie und ihre Kinder und Kindeskinder in ganz Europa geehrt werden, sie freut sich, aber sie äußert niemals den Wunsch, all das einmal mit eigenen Augenanzusehen. Im Börne-Buch schildert Heinrich Heine einen Spaziergang mit dem ihm damals noch befreundeten Ludwig Börne: „Als wir denselben Abend wieder durch die Judengasse gingen und das Gespräch über die Insassen derselben wieder anknüpften, sprudelte die Quelle des Börne'sohen Geistes um so heiterer, da auch jene Straße, die am Tage einen düsteren Anblick gewährt, jetzt aufs fröhlichste illuminiert war, und die Kinder Israel an jenem Abend, wie mir mein Cicerone erklärte, ihr lustiges Lampenfest feierten. Dieses ist einst gestiftet worden zum ewigen Andenken an den Sieg, den die Maccabäer über den König von Syrien so heldenhaft erfochten baben. (Sehen Sie', sagte Börne, ,das ist der 18. Oktober, der Juden . . . Und hier in diesem kleinen Hause wohnt die alte Frau, die Lätizia, die so viele Finanz-Bonaparten geboren hat, die große Mutter aller Anleihen, die aber noch trotzdem immer ihr kleines Stammhäuschen in der Judengasse nicht verlassen will und heute wegen des großen Freudenfestes ihr Fenster mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die sie mit eigenen Händen anzündet, um jenen Siegestag zu feiern, wo Judas Maccabäus und seine Brüder ebenso tapfer und. heldenmütig das Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz II. Wenn die gute Frau die Lämpchen betrachtet, treten ihr die Tränen in die alten Augen und sie erinnert sich mit wehmütiger Rührung jener jüngeren Zeit, wo der selige Meyer Amschel'-Rothschild, ihr teurer Gatte, das Lampenfest mit ihr"'feierte und ihre Söhne noch kleine Bübchen waren und kleine^ Lichtchen auf den Boden pflanzten und in kindischer "Lust.d.arüber hin- und hersprangen, wie es Brauch und Sitteist in Israel." In ihrem 96. Lebensjahr schließt Frau Gudula die Augen, Im Mittelpunkt, welthistorischen- Cxe:-:: schehcns hat diese Frau gestanden, Sie war Zeugin des Aufstiegs und des,.Falls Napoleons gewesen. Aus dem kleinen Stübohen der Judengasse war ihr Haus zu europäischer Bedeutung aufgestieger.. Der Name Rothschild hatte Weltklang bekommen, war sprichwörtlich geworden für Reichtum überhaupt, aber sie selbst war das geblieben, was sie stets war: Nur eine Mutter. Morij ahsehnsucht *). In des Jordans Wellen möcht' ich lauschen, Die so silberhell erklingen, Wenn sie im Vorüberfließen rauschen, Aus vergangnen Zeiten singen: „Von Morijahs Pracht und Herrlichkeit." Doch entschwunden sind die hehren Zeiten, Da das Banner Zions gwehet, Sind wir auch zerstreut in ferne Weiten, Sehnend unser Herze flehet: „Um Morijahs Pracht und Herrlichkeit." Möge bald in aller Welt erschallen Der Posaune Freudenklänge. Fröhlich jubelnd wir dann wieder wallen, Jauchzend Preis und Lobgesänge: „Nach Morijahs neuer Herrlichkeit." Moritz Hanau. *) Das Lied ist bei der Abschieclsfeier in der Frankfurter S. R. Hirsch-Schule nach einer vom Autor komponierten Melodie gesungen worden. Personalien. Dora Lehmahn 70 Jahre alt. Altona, 16. März. Den zahlreichen Lesern des „Jahrbuches für die jüdischen Gemeinden Schleswig Holsteins und Hansastädten" ist Dora L e h m a n n" nicht fremd. Im Israelitischen Kalender für Schleswig Holstein vom Jahre 1927/28, Seite 49, erfahren wir, daß. sie jetzt 70 Jahre alt wird. Ihre Erinnerungen begann sie nach dem Tode ihres Mannes niederzuschreiben, um das Lebensbild ihres Mannes und auch ihrer Eltern ihren Kindern zum nachahmenden Beispiel zu zeichnen. In tiefer Ehrfurcht beugt sie sich vor den Mahnen der Meister jüdischer Gelehrsamkeit. Sie läßt uns auch einen Einblick in die Häuser der Obefrabbiner Jacob Ettlinger, Dr. Löh, Dr. Lerner tun. Im Jahrbuch Nr. 5 schildert sie in angenehmem Plaudertone vier Häuser in der Kleinen Mühlenstraße von Rabbi Eli Münk und dessen Kollegen Rabbi Jekew Cohn und Rabbi Jecheskel Joelsohn, das Haus de® Dr. Markus und des Reb Mendel Frank. Ein besonderes Verdienst erwarb sich Dora Lehmann, daß sie nicht nur von den großen Männern berichtet, sondern auch manchen unbekannten schlichten Menschen mit dem großen jüdischen Herzen ein Ehrendenkmal setzt, um ihre Namen der Nachwelt zu erhalten. Alles sah sie, wie sie sich ausdrückt, durch ihre Rosabrille und weiß auch, kleine Schwächen der »geschilderten Personen mit feinem Humor au streifen. Dora Lehmann ist aber nicht etwa eine Schwärmerin und Phantastin, sondern verharrt fest auf dem realen Boden der Wirklichkeit, im Hause emsig schaffend und auch im Geschäft ihrem Mann und später ihren Kindern treu und fördernd zur Seite stehend. Während des Krieges gehörte sie dem Wohlfahrtsausschuß der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde ,an, wo sie sich mit gleichgesinnten Frauen an dem Werk der Hilfeleistung segensreich beteiEgte. Mit Stolz erzählt sie noch jetzt von dem Erew Jomkippur des Jahres 1916. Es waren 104 Kriegsgefangene mehr gemeldet als zur Speisung für Mauze Jomkippur vorgesehen waren. Sie wußte Mittel und Wege zu finden, um in der Eile auch für diese Lebensmittel zu 'beschaffen, so daß alle rituell verpflegt werden, könnten. Sie kam damals selbst erst um 10 Uhr zu ihrer Familie ' zum Essen. Möge Dora Lehmann noch lange Jahre mit "ihren Aufzeichnungen ihre. Familie und den großen Kreis ihrer Leser erfreuen. b?"sm»j? Rabbiner Ed. Dukesz. Wiesbaden, 15. März. Wiederum hat unsere Gemeinde einen schmerzlichen Verlust; erlitten. Rechtsanwalt Dr. Meier S u 1 z ib e r g e r ist leider im besten Mannesalter seiner Gattin, zwei unmündigen Kindern und einem, großen Kreis von Freunden entrissen worden. Einer Familie, die von je zu den zuverlässigsten Stützeft . unserer Kehiliohgehörte, mütterlicherseits der rühmlichst bekannten Familie Perlstein-Kopenhagen entstammend, betätgite er diese ungetrübjie.-Jüdischkeit auch in seinem Hause. Schon seiner Jugend erwarb er sich durch fleißiges Lernen-ein stattliches. Maß von nnirT-Kenntnis und nutzte jede freie Stunde dafür aus. Mehrere Jahre führte er auch den Vorsitz in der Gemeinde und setzte seine ganze Kraft ein, derselben auch über wirtschaftliche Sorgen, welche die Zeit brachte, hinwegzuhelfen. Bei der unter großer Beteiligung erfolgten miap stellte Herr- Rabbiner Dr. Ansbach er mit ergreifenden Worten den Verlust dar, den die Familie und seine ganze Umgebung mit seinem frühen Hinscheiden erlitten hat. vHerr Rechtsanwalt Dr. Paul S u 1 z b e r - ger, Berlin, widmete im Namen der Familie dem Verwandten warme Worte der Anerkennung. Rechtsanwalt Arnold Kahn brachte ihm den Abschiedsgruß der Nassau-Loge und Herr Tiefenb runner brachte mit \ min '"im zum Ausdruck, wie der "iöS3 auch im Kreise der ostjüdischen rrn wegen seiner mm nariK tmd geschätzt war. Möge '"pn besonders der schwergetrolfenen Gattin und ihren vELindern Trost angedeihen lassen.?i"aS3ri Mannheim, 15. März. Das diesjährige Festmahl der Chewra Kadis c ha, die an Rosch Chodesch Adar stattfand, erhielt ihren besonderen Charakter durch die Tatsache, daß das älteste Mitglied, Herr Leopold Simon, nunmehr seit 1876 — also sechzig Jahre lang, — der Chewra Kadischa angehört und m. G. H. auch im 91. Lebensjahre noch rüstig sich für alle Angelegenheiten interessiert. Es mag auch Erwähnung finden, daß es .dieses Jahr gelungen ist, die sehr wertvolle Stiftungsurkunde der Ch. K. Mannheim aus dem Jahre 1 6 7 4 wieder aufzufinden. Herr Rabb. Dr. Lauer, dem der Fund gelang, benützte den Anlaß, im rot? -Lernen der P"n den Mitgliedern die alten Takonoth der Stiftungsurkunde bekanntzugeben und zu erläutern. Im nahen Weinheim wurde am 17. Adar dei^ Parnes, R.-A. Dr. Moritz P f ä 1 z e r von einer großen j Zahl von Freunden zur letzten Rühe geleitet. Nach langmonatlichem Krankenlager war er an Purim inj Frankfurt a. M. von. schwerem Leiden erlöst'worden, und in den Worten, die von einer ganzen Reihe von Vertretern verschiedener Körperschaften gesprochen wurden, erstand noch einmal das Bald dieses außeröewöhnlichen Mannes, ■ dieses "»im» t5'8. dessen Le-

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