Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1936)
- Date
- 1936-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 13 1936 Die Mutter der fünf Frankfurter: Frau Gudula Rothschild/) Die Judengasse in Frankfurt a. M. hat um 1500 keine numerierten Häuser, Die kleinen Gebäude tragen Schilder. Eins weist ein rotes Schild auf. Da wohnen die Rothschilds ... 1865 zieht einer der Vorfahren, Naftali Hirz, aus dem baufälligen Häuschen in ein neues: „Zur Kinterpfann". Die Rothschilds werden Schutzjuden der Stadt, ernähren sich durch Handel mit allerlei Kleinwaren, widmen sich schon 1700 gelegentlichen Geldgeschäften. Ein Junge wächst auf, der älteste, Meyer Amschel heißt er. Ein wacher Bengel. Besorgt für den Vater, der mit den verschiedenen Kleinstaaten handelt, die Münz-Einwechslungen, bekommt manches Geldstück als Trinkgeld, legt sich eine Münzsammlung an und wird schon in früher Jugend zu einem der tüchtigsten Münzenkenner des Landes. Durch diese Fachwissenschaft erreicht er Zutritt zu den vornehmsten Häusern, die sich damals mit Numismatik beschäftigten. So erhält er seine ersten Beziehungen zu Wilhelm von Hessen, jenem Landesherrn, dem Meyer Amschel Rothschild später den ersten Aufstieg verdanken soll. Mit 25 Jahren ist er ein hübscher Mann, mit guter Figur, sorgsam gekleidet, mit dunklen Haaren, einem koketten Spitzbärtchen und einer hübschen Perücke, die nach Judensitte nicht gepudert ist. Seine pfiffig klugen, gutmütigen Augen haben bereits überall in der Judengasse nach einer passenden Lebensgefährtin Umschau gehalten, denn er ist in das Alter gekommen, da es nicht gut, wenn der Mensch allein ist. Außerdem floriert sein Münizengeschäft, er-hat das väterliche Erbe geschickt vergrößert. Man nennt den sehr sympathischen jungen Herrn schon ,,wohlhabend" ... Seit langem gefällt ihm die Gudula. Sie ist die 17jährige, ganz hübsche Tochter eines seiner Nachbarn, des Handelsmannes Wolf Salomon Schnapper. Gudula ist ein leises Kind, sehr häuslich, sehr bescheiden und mag den adretten Meyer Amschel auch ganz fein leiden. Ein paar hundert Gulden liegen für sie als Heiratsgut bereit. Nun, da macht sich eines schönen Tages Meyer Amschel auf den Weg ins benachbarte Haus und bittet um ihre Hand. Und bald findet die Hochzeit statt. Gingen bisher die Geschäfte des Meyer Amschel recht gut, so ist es, ob plötzlich das Glück selber in sein Heim gekommen wäre: alles gelingt, das Haus wird zu eng. Der junge Ehemann möchte gar zu gern ein stattliches Haus kaufen. Gudula warnt. Nein, erst muß er noch viel mehr Geld verdienen. *) Mit Geinehmigung des Verlags (Vortrupp-Verlag, Berlin..SW. 29) dem Buche „Jüdisch«. Mütter" von Egon : Jäcohsohn und Leo Hirsch entnommen. Das in mancher Beziehung schöne und aufschlußreiche Buch wurde im .„Israelit" vom 19. Dezember 1935 besprochen. Es kostet Leinen Mk.. 3.60, kartoniert Mk. 2.80. Meyer Amschel ist nicht nur ein guter, er ist auch ein artiger Ehemann. Also gehorcht er. . Eine Tochter wird geboren. Es folgen drei Söhne: Amschel,. Salomon, Nathan. Das Haus wird bei aller Bescheidenheit doch zu eng. Aber Gudula erlaubt noch keine Vergrößerung, obwohl der Reichtum wächst. Während sie die Kinderschar erzieht, kauft und verkauft Meyer Amschel Münzensammlungen in allen Kreisen, verschafft sich beste Beziehungen und Freunde, verkauft billig, wenn es klug ist, und teuer, wenn er es sich leisten kann. Gudulas Vater hilft dem jungen Mann. Er macht ihn mit einem der einflußreichsten Finanzbeamten des Landgrafen bekannt, mit Karl Friedrich Buderus, und Buderus schanzt dem Meyer Amschel die ersten Kredite und später die ersten großen Verdienste zu, Buderus steht* begeistert zu Meyer Amschel und bewegt seinen Herrn, den jungen begabten Münzensammler vor allen anderen Bewerbern bei der Vergebung neuer Aufträge zu berücksichtigen. Ein vierter Sohn wird geboren; Karl Meyer. Ein fünfter folgt: James. Jetzt ist die Familie mit zwölf Köpfen auch nach Gudulas Ansicht so weit, daß sich der ,,herzogliche Hoffaktor" Meyer Amschel nach einem neuen, größeren Hause umsehen darf. Die Familie bezieht das Haus „Zum Grünen Schild". Das alte ,,Zur Hinterpfann" wird großzügig an Verwandte abgegeben. Das Haus „Zum Grünen Schild", das noch heute in Frankfurt a. M. steht, ist die rechte Hälfte eines Gebäudes. Der linke Teil wird von der Familie des Trödlers Schiff bewohnt. Ein kleines Schiff, wie es Columbus benutzt hat, ist das Merkmal über der Tür. (Auch die Nachkommen dieser Familie sind heute in Amerika hochangesehene Bürger.) Wenn man im .Haus mit dem grünen Schild die Glocke zieht, knarrt innen die enge Holztreppe, Frau Gudula öffnet meist selbst, um zu sehen, wer sie besuchen will. Unter der Treppe sind die Schränke eingebaut.. Im ersten Stock ist ihr „Grünes Zimmer". Frau Gudula liebt grün und hat sich ihre Stube in dieser Farbe eingerichtet. Die Möbel sind gleichfalls ganz bescheiden, ganz klein, wie es die winzigen Stübchen gestatten. In der Mitte steht ein Tisch mit einem Glasbehälter. Und in jener Vitrine ruht ihr Brautbukett. Links hängt ein Spiegel, aber man denke nicht etwa ihrer Eitelkeit zuliebe. Nein, er ist nur der Schutz für ihr Geheimfach in der Wand. Da liegen ihre Briefe, ihre Aufzeichnungen, ihre Haushaltungsbücher, alles fein sorgfältig geordnet, wie es sich in einem so schönen Heim gebührt. Im Parterre ist das Schlafzimmer. Gleichfalls ganz eng, nur mit den notwendigsten Möbelstücken ausstaffiert, die Frau Gudula jeden Vormittag persönlich säubert. Sie läßt ungern eine Magd in ihr Kabinett. Oben unterm Dach ein weiteres Zimmer: hier schlafen die zehn Kinder. Verteufelt eng und unbequem, aber das macht nichts, denn sie vertragen sich schon in ihrer ersten Jugend so friedlich wie später in ihren Luxuspalästen ... Auf dem Dach, hat Mutter Gudula einen Dachgarten eingerichtet. Da stehen zwei Buchsbäumchen, da hat sie einige Blumentopfe aufgestellt, da paßt sie, mit aller Liebe für die grüne, sonst nicht erreichbare Natur, auf, daß auch alles sorgfältig gehegt und behandelt wird. Hier oben ruhen die beiden glücklichen Eheleute aus, wenn einmal der Tag unten besonders schwer erschien». Hier spielen die Jungen und die Mädchen, und wenn es auch sehr, sehr eng ist und niemals mehr als vier auf einmal den „Park" betreten dürfen, so sind sie doch alle selig über diesen kleinen ungestörten Fleck, der ihnen allein gehört, und auf dem sie niemand belästigen darf ... In jedem Jahr wird hier das Laubhüttenfest gefeiert. Und zu diesem Feiertag haben nicht nur die zwölf Familienmitglieder Zutritt zur engen Laube, nein, es kommen auch noch viele Verwandte, es' wird festlich gegessen und fröhlich getrunken, wie es seit altersher der Brauch ist. Hinten im Hof ist das Geschäft. Es ist das erste Bankhaus Rothschild. Ein Raum: drei Me- . ter lang, drei Meter breit . . . Ein kleines Stehpult und eine Truhe mit einem Vexierschloß. Hier arbeitet Meyer Amschel, und als die Jungen ein wenig aufwachsen, müssen auch sie helfen, jeder nach seiner Begabung, und begabt sind sie alle. Bald müssen auch die Töchter ins Büro. Sie schreiben fleißig Briefe, bearbeiten die Bücher, unterstützen den Vater und die Brüder, wenn das Geschäft einmal allzuviel erfordert. Noch sträubt sich Meyer Amschel, fremde Kräfte in seine Bücher sehen zu lassen, noch versucht er, es mit seiner eigenen Familie zu schaffen. Frau Gudula herrscht inzwischen in der Küche. Das ist auch ein winziges Räumohen mit einem Herd für nur einen Kochtopf, mit einem Kohlenkasten und einer Bank, wenn sich Frau Gudula, müde von der schweren Arbeit, gelegentlich ausruhen muß. Sie ist ganz froh, daß auch die Mädels beim Vater mitarbeiten dürfen, denn sie schaltet in ihrem Reich am liebsten allein. Einen Luxusartikel hat sich allerdings die Familie auf dringendes Bitten der Frau Gudula geleistet: eine Wasserpumpe. Sie bleibt lange Zeit die einzige in der Gegend. „Ich bin fürs Sparen," erklärt Frau Gudula einmal ihrem Mann, „aber am richtigen Platz! Ein Arzt kostet mehr als gesundes Wasser!" Draußen erbebt die Welt. Vater, Söhne und Töchter „klettern in die Höhe". Die Mutter kümmert sich nicht um den Handel der Familie, Sie sorgt für das Glück, des Heims, und wenn alle abends um den Tisch versammelt sind, darf nie vom Geschäft gesprochen werden. Der 13. Juli 1796 ist ein schwarzer Tag fürs Judenviertel. Die Franzosen bombardieren die Stadt, brennen 156 Häuser in der Judengasse nieder. Das Haus „Zum grünen Schild" übersteht den Sturm. Es ist gediegen gebaut. Aber einen Vorteil hat die Katastrophe: die Juden dürfen sich fortan auch außerhalb des Ghettos ansiedeln. Die Familie sehnt sich nach bequemeren Räumen. Man sucht schon; man hat in der Schnurgasse ein stattliches Gebäude gefunden und gekauft. Frau Gudula erfährt es erst, als alles abgeschlossen ist. Nein, da wird sie wach, da steht sie als Kämpferin für,das ihr liebgewordene Heim auf! Nein, hier hat sie das erste Glück ihrer Ehe genossen, hier hat sie ihre zehn Kinder zur Welt gebracht, hier hat sie herrliche Stunden verlebt, nein, sie denkt nicht daran, umzuziehen, sie bleibt! Und so bleibt die Familie im engen Häuschen in der Judengasse, und nur das Geschäft übersiedelt ins schöne Gebäude . . . 1800 gehört Meyer Amschel schon zu den zehn reichsten Juden in Frankfurt. Er hat mit seinen drei ältesten Söhnen den ersten Gesellschaftsvertrag geschlossen; er ist weise und weitsichtig ... „Frau Kaiserliche Hoffaktor" nennt ein Geschäftsfreund die Hausfrau, als Meyer Amschel den Titel bekommt. Da wird sie rebellisch. Derlei Dinge seien für die Männer, nicht fürs Heim, nicht für ihre Küche. Sie ist und bleibt hoffentlich immer Frau Rothschild! Meyer Amschel altert. Die Aufregungen des immer schwieriger werdenden Handels" werfen ihn aufs Krankenlager. Die politische Lage wird für Europa bedrückend. Er hat seine Jungen