Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1936)
- Date
- 1936-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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26. März 1936 Der Israelit Nr. 13 Seite 3 Existenz und Erwachen. (Fortsetzung von Seite 1.) nur noch im Irdischen weiterwirkt und wir in unserem eigentlichen Pfliohtenlelben nachlässig und schläfrig geworden sind: — Existenzlöwen : sind sie geworden und nachlässig, schläfrig im G'itesgehorsam." III. In solchen Zeiten haben wir zu dem äußeren scheinbar auch den inneren Halt verloren. Die vermeintlich feste Existenz hat sich als unfest erwiesen. Plötzlich und grausam weckt uns 'die Feindschaft einer Welt aus dem Schlafe des Nur - Existierens. Nicht einmal der Existenz, nein, /dem Augenblicksvergnügen haben sie ihr „Wachen für G'tt" hingeopfert, während wachsame Blicke unseren Untergang 'herbeisehnten. Unser Edelste« in uns schien tot, und ein hütendes Auge schien nicht mehr über uns zu waohen. Doch in solcher 'Nacht „entwich der Schlaf des Königs," — in solcher Zeit wacht über uns der Hüter Israels, der nie schläft und nie schlummert. Und so gibt er uns vor Allem in aller der Not Gelegenheit, das Edle zu bewähren, das in uns nicht erstorben ist, sondern lebt und schlummert. ' IV. Wie sich die Wacht G'ttes über unser Geschick vollzieht-, darüber können wir jetzt so wenig wie jemals etwas wissen. Nur das dürfen wir und sollen wir wissen, daß auch in uns selber das Wort G'ttes nicht erstorben ist, sondern auch im schlimmsten Falle nur in uns schlummert. „Ich schlafe," sagt im Hohenliede Israel als G'ttesbraüt.zum Weltenschöpfer, „ich schlafe und mein Herz ist wach ■• -Die Stimme meines Trauten klopfet: Oeffne mir, meine Schwester, meine Traute) meine Vollkommene, denn mein Haupt ist voll des Taues, meine Locken voll der Tropfen der Nacht; loh antworte: Ich habe meinen Rock abgelegt; wie kann ich ihn wieder anlegen? Ich habe meine Füße gewaschen; wie kann ich sie verstauben? Mein Trauter streckt seine Hand durch die Mauerspalte, und mehr Mitgefühl erwacht für ihn." Die G'ttesstimme aus den Geschehnissen der Zeit herauszuhören, — dazu war auch das Herz derer unter uns wach" genug, die längst dem Pflichtenleben, der Thora abgestorben schienen, Auch die, deren echt'jüdisches Denken und Fühlen in der ägyptischen" Fron modernen Erwerbslebens längst ertötet schien, — gerade sie hörten gar oft die Stimme G'ttes als des Trauten der Seele und seine Schritte aus den Geschehnissen der Zeit, sein Nahen und sein Näherbringen der Weltherrschaft des Friedens und der Gerechtigkeit. Doch hatten sie schon gar zu lange das Kleid der jüdischen Lebensform abgelegt und glaubten den Ghettostaub schon gar zu lange von ihren Füßen geschüttelt. So erlitten sie durch ihren Weltbefriedungstraum auch dann, wenn G'ttes Stimme in Zeiten wie der unsrigen sie erweckte, im Wachen noch jene Lähmung des Idealwillens, die bewirkt, daß man nicht tätig in den Weltenplan G'ttes sich einzufügen weiß und daß man nicht sieht, wie G'tt selber, der Vater der Menschen, auf Erden in Wirklichkeit heimatlos ist und dem Wanderer in -täukühler Nacht gleicht. Doch G'tt streckt auch noch diesen Unentschlossenen, diesen, wachen Sdhiäefrn, seine Hand aus, — quer durch die Mauer eines im Erwerbsleben verstei nerten seelischen Habitus. Und G'tt läßt es gern zu, daß in solchen Zeiten gleichsam ein Mitfüh len mit seinem Geschick die Seelen der Men sehen.; ergreift und sie in seinen Dienst mit einem;Eifer treten, den sie nicht in glücklichen Zeiten bewährt hatten. V. Groß und gewaltig ist das Vertrauen, das der Allgütige in uns setzte, als er uns aus Aegypten erlöste. Wir hatten noch kein edles Geisteserbe tatsächlich bewährt. Das Opfer, das wir in der Befreiungsnacht brachten, war nur ein Dank für gnädige Ueberschreitung unserer Türen. An g'ttgefälligem Leben waren wir den Aegyptern nicht überlegen, die dem strafenden Engel erlagen. Wenn nun heute G'ttes Hand durch das Geschehen .der Zeit hindurch die Schläfrigen unter uns aufrüttelt und die Unent sohlossensten in seinen Dienst ruft, so ist auch das ein Beweis seines Vertrauens auf das in uns leicht zu erweckende G'ttstreben und -suchen. Es muß uns in solcher Zeit zur Gewißheit werden, daß die Neubeheimatung G'ttes auf Eiden, das „Oeffnen dem Wanderer in der Nacht" in unsere Hände gegeben ist. Wir müssen aber zugleich dessen gewiß bleiben, daß dies nicht durch Mitschaffen am Geschehen der Völker und auch nicht am Kampfe der Stände und Klassen sidh vollzieht. „Ihr," so ist uns gesagt, „gehet nicht aus der Tür eures Hauses bis zum Morgen!" Wir leisten unseren Teil zur Herbeiführung des Völkermorgens im stillen Gemache. Wir leisten ihn, indem wir die Herrschaft des Geistes über das Irdische in unseren Häusern und Herzen aufrichten und festigen. In unserem täglichen entbehrungsreichen Gehorsam zu G'ttes Geboten steckt mehr Herrschaft des Geistes als in allen Kämpfen der Geschichte um Freiheit und Gleichheit. . . VI. Man mag uns in unserem Festhalten an den Heiligtümern des jüdischen Hauses und des Sabbats, für alle-die' Erschwerungen, die dieses Festhalten"" unserem Fortkommen in dieser Zeit auferlegt, den wachen Blick für die Nöte der Zeit absprechen; uns kann das nicht darin beirren, jetzt erstrecht in schwerster Lage den Gehorsam;.-^ bewähren, den wir in glücklichen Jahren gar oft G'tt verweigert haben, jetzt erstrecht uns in Jugend und Alter dem Thoraforsohen hinzugeben, welches der Quell unserer Wachheit allezeit war. Auch heute werden wir dessen „rechten" und dessen „linken" Lohn erlangen: Die Winzigkeiten und Nöte des Alltags werden uns nichtden Inhalt der Seele, das Kleinod der G'ttnähe aus dem Leben rauben, sondern es durch stetes Gehorsamsopfer und Pflichtforschen bereichern; und die Nebenfolge dieses Eifers bleibt nicht aus: Die innere Wachheit, mit welcher der in der harten Schule des G'ttesgesetzes Aufgewachsene auch im Erdendunkel leichter als der Leichtlebige seinen und unser Aller Auf weg zum Lichte eines Weltenmorgens findet.;.. „Ich schlafe und mein Herz ist wach!" Cn. Wochenrundschau, Nach dem Kamp! um die Schechita in Polen. Der Kampf um die Schechita in Polen darf als b e e n d e t angesehen werden. Nach Annahme der Äenderungsvorschläge durch Verwaltungskommission, lind Sejm muß die Genehmigung im Senate nur noch als Formalität bezeichnet werden, die an der Sache nichts mehr ändert. Es ist besser ausgegangen, als man monatelang befürchtet hat: Generell ist das Antischäohtprojekt der Frau Prystor zum Gesetze erhöhen, aber es wird dabei eine Ausnahmebestimmung für die Juden geschaffen, um ihnen, nicht mehr und nicht weniger als sie benötigen, ein Quantum von Koscherfleisch unter Beachtung der Schächtvorschriften zu sichern. Auf den ersten Blick könnte man sich damit als mit einem Siege zufriedengeben. Nach den jüdischen Glessen, die uns aus Polen zugehen, steht aber die Sache so, daß man mit der neuen Form der Verordnung wohl einer kleinen jüdischen Schicht, die es sich leisten kann, etwas , Fleisch gewährt, dafür aber Tausenden, ja Zehntausenden buchstäblich das Brot nimmt. Nach alter Tradition lag fast der gesamte Fleischhandel in Warschau wie in anderen Großstädten Polens, zum Teile auch in der Provinz, in Händen der Juden. Sie belieferten auch die christliche Bevölkerung, auch das Militär, lieferten gut und billig, weil nach der Natur der Dinge der jüdische Großschläohter nur etwa zehn Prozent des von ihm gesohlachteten Viehs nach der vorschriftsmäßigen ,1pH2' und auch von diesen nur bestimmte Teile, als koscher verkaufen durfte. Der ganze große, von der Schlachthofbehörde und den Tierbesohauern als gut und genießbar freigegebene, nach jüdischem Religionsgesetz aber verbotene Rest ging eben an die nichtjüdische Bevölkerung und an das Militär zu weit billigeren Preisen, als die Juden für das Koscherfleisoh zahlen mußten. Auch der Gemeindeetat wurde zum guten Teile von den Schächtgebühren bestritten. Das jetzt vorgeschriebene Betäubungssystem macht diesem ganzen Verfahren ein Ende, was für die nichtjüdische Bevölkerung einen großen Nachteil bringt und für das jüdische Fleischergewerbe den Ruin bedeutet. Zu den unsäglichen Nöten der jüdischen Bevölkerung in Polen, die sogar, wie bei uns berichtet, schon zu einer Art von jüdischem Generalstreik geführt haben, einer Verzweiflungstat, die wir im Westen nicht begreifen und auch nicht zu beurteilen uns anmaßen dürfen, kommen nun neue wirtschaftliche Nöte. Aber man muß trotzdem mit dem kleinen Teilerfolg zufrieden sein, denn es stand viel Schlimmeres für die dreieinhalb Millionen Juden im Polenland zu befürchten. Ueber den Gang der Verhandlungen in der Kommission und in der Plenarsitzung des Sejm,.- berichten wir im Korrespondenzentejytev'<,'',r* „Gleiche Möglichkeiten für alle". Es wirkt wie eine frohe Botschaft, wenn irgendwo auf Erden aus nichtjüdischem, berufenem Munde das Wort „von gleicher Möglichkeit für alle" vernommen wird. Dieses Mal sprach es der amerikanische Innenminister, Harold L. I c k e s, in der Washingtoner großen Konferenz der United Synagogue of America, Er forderte die amerikanische Judenheit auf, mitzuhelfen, daß die Vereinigten Staaten „ein Land gleicher Möglichkeit für alle" ohne Unterschied der Farbe und des Glaubens werde. Der Herr Minister ging, nachdem er die schönen Worte gesprochen, wieder "von" dännen, da er an den internen Verhandlungen dieser amerikanischen Rabbinerkonferenz nicht weiter interessiert war. Wäre er dageblieben, er hätte beobachten können, wie sich diese amerikanische „Gleiche Möglichkeit für alle" nach " innen im •religiösen Leben auswirkt. Herr Reverend Dr. Louis . E p s t e i n nahm wieder einmal das Agunah-Problem auf und hob anerkennend hervor, daß „250 Rabbiner sich bereits für eine entsprechende Reform in der Agünahangelegenheit und die Schaffung der hierzu nötigen Einrichtungen einsetzten." Die United Synagogue of America wolle diese Bestrebungen mit aller Kraft unterstützen. Neben diesem Lobe hatte der Herr Reverend aber scharfen Tadel für die unfreundliche Haltung, die in weiten Kreisen den Reformplänen der religiös-liberalen Rabbinerversammlung in dieser Beziehung zuteil werde. Ein religiöses Problem lösen, indem man die in Thcra und Talmud enthaltenen und in der Volkstradition bewahrten Vorschriften einfach igenmächtig und willkürlich außer Kraft setzt, erinnert doch gar zu"sehr an die Dr. Eisenbart- Kur oder an das Dienemann-Verfahren in Offenbach a. M. Man weiß, wie sich die besten Köpfe unter den Rabbinern des Ostens, — zuletzt auch der heimgegangene Rogatschower V^T — mit m BS