Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450921--81996-2539904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 Nr. 12 Der Israelit 19. März 1936 Der „Rogatschower" in Sowjetrußland. (Nach dem Rigaer „Hajnt"). Bekanntlich mußt« der Rogatschower Gaon im Jahre 1915, als die Austreibung der Juden aus Litauen und Lettland auf Befehl der russischen Regierung einsetzte, ebenfalls die Heimat verlassen. Er ging nach Leningrad (Petersburg), wo er fast volle zehn Jahre, bis 1925, verblieb. Das ganze Chaos der russischen Umwälzung zog am Auge des Gaon vorbei, er blieb abseits und unbeteiligt. In einer Zeit, wo der bolschewistische Terror wütete und auch Juden und Judentum nicht verschonte, blieb er bei seinem Talmud, bei seinem Jeruschalmi, bei seinem Rambam. Er flüchtete sich in die Welt des Geistes, wohin das Gewühl der Straße ihm nicht folgen konnte. Dabei weinte, wie Männer seiner nächsten Umgebung berichten, der Gaon über jeden Einzelnen, der damals ein Opfer der Tumulte wurde. Er weinte über den Untergang des Judentums in dem Lande, das seit undenklichen Zeiten das Reservoir des jüdischen Geistes in der ganzen Welt war. Er konnte nicht helfen. Er sagte nur, die einigen Wenigen, die nicht direkt betroffen sind, 'hätten in ihrem Herzen, wie in einer Arche Noahs, den jüdischen Geist in eine bessere Zukunft hinüberzuretten. Er wohnte in der. Handelsgasse Nr. 25, ganz abgeschlossen von der Welt. Außer dem Weg von seiner Wohnung bis in das Kupezschke-Minjan, wo er betete, kannte er die Stadt nicht. Sein Anhang ließ ihn keinen Schritt allein gehen. Er wurde zur kleinen Schul gebracht und von dort wieder nach Hause begleitet. Enge Freundschaft verband ihn in der Petersburger Zeit mit dem Lubawit scher Rebben, der damals Zielscheibe des bolschewistischen Treibens in besonderem Maße war. Der Rabbi besuchte ihn oft und zuweilen ging er auch in die Wohnung des Lubawitscher. Es fiel immer auf, daß der Lubawitscher Rebbe, wenn er sich von ihm verabschiedete, rücklings bis zur Türe tging, wie man von einer heiligen Lade scheidet und ihr nicht den Rücken zukehren will. „Wenn der Rogatschower," so sagte der Rabbi, „ein Haus betritt, so füllt sich das Haus mit Licht." Auch sonst wurde der Rogatschower in Petersburg oft von Rabbinen, Lehrern und auch Juden von der Straße aufgesucht. Der legitime Petersburger Raw, der greise Rabbi K a t z e n e 1 e n b o g e n ,. hielt es für ein Unrecht, den Gaon so oft zu belästigen und ihn in seinem Studium zu stören. Gleich nach dem Ableben von Rabbi David Tuwje Katzenelnbogen bot die jüdische Gemeinde in Petersburg dem „Rogatschower" den Rabbinersitz der Stadt an. Er aber lehnte ab. Er fühlte sich als Rabbiner von Dwinsk und wartete auf die Stunde, da e-- zu seiner alten Gemeinde zurückkehren konnte, von dort kamen täglich Notrufe, er möge doch können. Die Juden seien nach Einzug der Deutschen.■*«« m die Stadt zurückgekehrt, und die Gemeind' scnreie nach ihrem Führer.; Q«™w«,ß Bei der fürchterlichen Hungersnot -1 aowjetruüland fehlte es dem Rabbi an nichts. I> Freunde sorgten dafür, daß ihm nichts abging^ , c„w:* + Interessant waren die Bezieh*?S ° w' « *" behörde^ und auch der ft^\A^l™&d? T iAi r___ T_ xiner Zeit, da alle Reli- Iwsektia zu dem Vxaon. in ,r , , ' . ,* 1 ' r_ , i ... «.j,fl Verfolgungen ausgesetzt gionsvorsteher den Intter^ BeUJ^unÄ> waren, -blieb der Gaor^ i^^^g ab_ Nie wurde m seiner s , & gehalten, Qa<m nach Dwinsk sammelte Bei der Abta^^^ auf dem iPcterstnirger ßahnßr°bte Polizei, die sonst alle Ansammlunhot, und 'di^ß es ggwähr€n lEs kam sogar so, daß gen Y^rpvorstand den Zug ungefähr zehn Minuten -' ^'abfahren ließ, bis der große -Abschied besPaJt war. ^'Obwohl Ausfuhrverbot für Bücher bestand, konnte der „Rogatschqwer' seine gesamte Bibliothek ungestört mit sich nach Hause nehmen, ebenso unzählige Manuskripte, die nicht einmal die Zensur passierten. Eine ganze. Reihe von rabbinischen Gutachten sind in Leningrad entstanden. In einem Falle unterbreitete ihm der Rabbiner von 'Rostow folgende Frage: Ein Renegat ordnete letztwillig an, daß man ihn auf dem jüdischen Friedhof begrabe. Der Rostower Raw lehnte sich dagegen auf. Der „Rogatschower" ordnete aber an, daß der Renegat auf dem jüdischen Friedhof, allerdings abseits der Reihe, bestattet werde, und zwar mit folgender Begründung: Es könnte dazu kommen, daß man später die Gebeine auf alten Stadtfriedhöfen ausgrabe und daraus Knöpfe anfertige, Solche Knöpfe könnten aber auch einmal von einem Konen benutzt werden, und auch die Gebeine eines Renegaten gelten in Bezug auf fiKöitj als o»na niiasy« Nach einiger Zeit las man, daß die Sowjetbehörden die alten städtischen Friedhöfe schleifen und die Gebeine auf verschiedene Art verarbeiten lassen. Der Rabbi in seinen abgeschlossenen „vier Ellen der Halacha" sah und wußte etwas, waskeiner vorher ahnen konnte. Der „Rogatschower" hatte keine Söhne hinterlassen. Er hatte nur eine Tochter, die mit ihrem Manne und Kindern sich heute noch in Rußland befindet. Sein Schwiegersohn wirkt als Rabbiner in Moskau. Versprechen halten, wie es in den späteren Verkündigungen heißt: „Wohnen werde Ich inmitten der Kinder Israels und nicht verlasse Ich mein Volk Israel." Kinderecke, Eine Mutter erzählt. ihren Kindern die Bibel. Von Alice Oppenheimer. (Schluß.) Die Spiegel der Frauen. Moses ging nun jeden Tag ins Lager von Israel, um sie in der Tauroh, die er von G'tt auf dem Berge Sinai erhalten hatte, weiter zu unterrichten. Bevor Moses zum zweiten Male zu G'tt hinaufgestiegen war, konnte er nicht alles über den Bau der G'tteswohnung den Juden erzählen. Nun holte er es nach. Das Volk war glücklich, daß G'tt ein so wundervolles Haus, wie Moses ihnen beschrieb, sich wünschte. Sie eilten in ihre Zelte, suchten alles, was sie entbehren konnten an schönrn Steinen, an Gold und Silber zusammen. Sie nahmen rote und blaue Wolle, Fäden von goldenen Farben, um daraus die Vorhänge, Teppiche und Priesterkleider zu weben. Sie brachten Oel, um Licht zu machen, Gewürze zu gutem Duft. Ging Moses in sein Zelt, folgten ihm die Männer, um bei ihm alle Schätze hinzulagern, die benötigt, wurden. Eines Morgens, als Moses vor seine Tür trat, standen alle jüdischen. Frauen zu beiden Seiten seines Zeltes, In ihren Händt-n hielten sie große und kleine metallene Spiegel, die ihnen dazu gedient hatten, sich hübsch zu machen, ivineinzugucken und sich zu freuen, wenn der Spiegel ihnen, sagte: „Ihr seid schön!" „Was wollt Ihr mit den Spiegeln?" fragte Moses ganz erstaunt. „Wir Frauen wollen auch teilhaben und G'tt Geschenke bringen!" „Da bringt Ihr Spiegel?" Schon wollte Moses böse werderf, er-.wöllte keine Spiegel in G'ttes Wohnung verwenden, dt-un Spiegel wurden gebraucht von eitlen Menschen, Spi«.gel dienen nicht für Wertvolles, dachte Moses. Da ri^f G'tt: „Nimm die silbernen -Spiegel der Frauen, denk- ^r Spiegel zeigt den» Menschen sein Gesicht, sich seilet, der Spn-* Licht fällt in den Spiegel, das Lachen', das Weinen gibt der Spiegel wieder, alles Dinge, die ich geschaffen, die mein Werk sind. Nimm die Spiegel, verwende sie in meinem Hause für die Becken, die das Wasser der Heiligung tragen sollen." Groß und Klein, Männer und Frauen halfen wie tüchtige Zimmerleute am Bau. Die einen schmiedeten Leuchter und Beckn, die anderen webten -Teppiche und Vorhänge, alle, alle hatten sie Arbeit. Am meisten hatten Bezalel und Oholiob, -die Künstler, geschaffen und mit ihnen die Klügsten und Geschicktesten des Volkes. Nun wartete das Volk, daß G'ttes Herrlichkeit erscheinen sollte, wie G'tt es ihnen versprochen. Sie baten nun die Weisen des Volkes, daß sie ihnen zeigen möchten, wie das Stiftszelt aufgestellt würde. Diese bemühten sich mit ihnen, aber es gelang ihnen nicht. Da gingen sie zu Bezalel und Oholiob, auch sie vermochten es nicht. Nun wurde das Volk unwillig'und murrte. „Seht nur, was uns da Moses befohlen; unser Gold, unseren Schmuck und unseren Besitz zu geben für dieses Stittszelt, das niemand aufstellen kann?" Moses aber saß für sich und grämte sich, daß ihm bei der Herstellung des Zeltes und der Geräte von G'tt keine Aufgabe zugeteilt war. Da traten Männer des Volkes vor ihn hin und sprachen: „Unser Lehrer Moses, was Du uns befohlen, haben wir getan. Wir haben alles, was Du für das Stiftszelt als nötig erachtetest, gebracht. Die Künstler haben alles hergerichtet. Aber etwas scheint zu fehlen, denn siehe, wir vermögen das Stiftszelt nicht zum Stehen zu bringen." Und sie brachten alle Teile zu ihm hin und zeigten sie ihm, damit er säe prüfe. Und siehe, es stimmte alles, wie er es ihnen gesagt hatte. Da wurde Moses noch trauriger. Doch G'tt rief ihm zu: „Moses, Du bist traurig, weil Du am Bau des Stdftzeltes keinen Anteil hattest. Siehe, Dir schreibe ich das Verdienst der Aufrichtung des Stiftsizeltes in meiner Tauroh zu, denn Du solltest es aufrichten!" Da sprach Moses: „Herr der Welt, ich weiß nicht, wie ich das machen soll!" Da sprach G'tt zu ihm: „Fasse an und Du wirst es aufrichten können!" Und er machte sich an die Arbeit. Zweimal richtete er es auf und immer wieder fiel es zusammen; beim dritten Male stand es und blieb stehen. Und sofort segnete Moses das Zelt, er hob die Hände und rief: „Möge es Dein Wille sein, o Herr, daß Deine Majestät auf unserer Hände Werk throne!" Und sofort senkte sich die Wolke hernieder und G'ttes Herrlichkeit erfüllte das Stiftszelt vor den Augen des ganzen Volkes. Seht Ihr, meine Heben Kinder, auch heute, da wir kein Heiligtum besitzen, da wir verstreut unter den Völkern sind, hat G'tt uns nicht verlassen. So wie G'tt in der Wüste sein Versprechen gehalten, daß er sich im Stiftszelt eine Stätte inmitten des Volkes bereiten wolle, so wird er auch in Zukunft uns sein Ein Freitag in Jerusalem. Ich stehe morgens früh auf und gehe in die Synagoge, esse und dann, in die Schule. Unterdessen macht meine Mutter die Berch.es, dann kommt der Bäcker, .der ein Temani (d. h. Jemenite) ist. Er hat ein ganz schwarzes Handtuch — mit Kordel umbunden, -das wie ein flacher Teller aussieht — auf dem Kopf. Darauf trägt er das Berchesblech, das ein Meter lang ist, ganz frei über die Straße, ohne daß sich Jemand darum kümmert. Nach zwei Stunden klopft es ganz fest an die Türe, so daß man erschrickt. Der Bäcker ist mit den fein braun gebackenen Berches da. Er. trägt sie in die Küche und sagt unterwegs: „Mezujan, mezujan" (fein, fein). Bevor er weggeht, will er sein Geld, da sagt er: „Mäher Kesef Kesef, tekef Schabath". Er nimmt sein Geld und schiebt ab. So langsam wird es Mittag. Wir essen ganz kurz, weil es doch Freitag ist. Nach dem Essen wasche ich mich und ziehe mich an. Die Zeit rückt auf mv- Meine Mutter nimmt einen ganz großen Wassertopf für Tee vom Prunus (das ist eine Kochmaschine) und stellt ihn auf die Dochtmaschine, wo er bis ninan stehen bleibt. Es wird mv- Auf einmal hören wir blasen: Du — — — Du — — — dann machen fast alle Geschäfte zu. Vor die noch offenen Geschäfte stellen sich die flaa? •nvun-Jiden, — das sind sehr fromme Juden mit fast 20 cm langen Pejes und mit Streimeln (das ist eine Hutart von Pelz und Sammt) — und lassen keinen Kunden in das Geschäft. Aber auch das hilft leider bei manchem nichts, denn unsere „guten Brüder" drohen den Männern mit Eisenstücken und Hunden. Und diese Juden, die sich vsi *ioiö (d. h. sich hingeben) sind, haben ihre Angst auszustehen. Bis das Geschäft dann zugemacht hat, dauert es noch ein bißchen. Inzwischen ist e«. schon später geworden, und darum ist es schwer, noch ein ^'3» zu bekommen. Da machen sich diese Leute in einer bucharischen Synagoge ein T>ir-' Joseph Hof mann, 10J4 Jahre, Jerusalem. Die Frankfurter Woche. Schiußfeier der Samson Raphael Hirsch-Schule. Die Feier findet am Sonntag, den 22. März, vorm. 11 Urh in der Aula der Schule statt. Freunde und Gönner der Anstalt sind herzlichst eingeladen. Aus dem Mekor Chajim. Der vorgesehene zweite V o r t r a g über die Q'in noa bv von Herrn Rabb.-Ass. Dr. E. Posen findet diesen Samstag abend, den 21. März, abends 9 Uhr, wieder im Vereinslokal statt. Es wird, nachdem.sich der erste Vortrag starker Beteilgung erfreut hat, mit zahlreichem Besuche, insbesondere auch von Damen, gerechnet. Noar Agudati, Vom Noar Agudati wird uns geschrieben: Wir benötigen für ein neu zu eröffnendes Heim folgende Einrichtungsgegenstämde und wären für frdl, kostenlose Ueberlassung sehr dankbar: Eine Anzahl Tische, Stühle, Wäsche- und Bücherschränke, Kommoden, Metallbetten mit Matratzen, Küchenmöbel und -Geräte, Geschirr, Brotmaschine, großer Küchenherd, Grude, Eisschrank, Dezimal- oder Personenwage, Tisch- und Bettwäsche, Vorhänge, Beleuchtungsikörper, Schabbosuhr, Nähmaschine, Schreibtisch und Aktenschrank. Mitteilungen erbeten an die Bundesleitumg des Noar Agudati, Schwanenstr. 12, 1. Tel. 46315. „Unsre religiöse Problematik". In der in diesem Semester besonders rührigen Ortsgruppe der Agudas Jisroel sprach Herr Distriktsrabbiner Simon Schwab, Iohenhausen, im überfüllten, besonders aber von Jugendlichen besetzten Hörsaal über obiges Thema. Der Referent, herzlich begrüßt vom Ortsgruppenpräsidenten Rabbinatsassessor Dr. M, Schlesinger, ging davon aus, daß in der heutigen problemfeindlichen Zeit ein Problem nicht zur Ruhe kommen will: es ist das religio« e Problem. Die Orthodoxie habe keine religiöse Problematik, aber im Lager der Entfremdeten gäre es heute, man hungere dort geradezu nach Worten, die zu Herzen sprechen, Unsre Aufgabe sei es, klar zu erkennen, daß auch wir eine religiöse Problematik haben und die Gesundung unsrer jüdischen Brüder erstreben. Es sei auffallend, daß diese suchenden Menschen nicht zu uns kommen, trotzdem ihre Scheinwelt zusammengebrochen ist. Könnte es nicht auch an uns liegen? Diese suchenden Juden erwarteten von uns, daß wir, Ahnen weit voran, auf dem Weg zu G'tt uns befinden. Unssei vielfach die „Nischmas Hataiuroh" abhanden gekommen. Vie-