Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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19. März 1936 .• D e r I s r a e 1 i t Nr. 12 Seite 11 den Sir Herbert S am u e1., Lord B.ear-sted und Simon Marks soeben an die Judenheit Englands erlassen haben. 1. Ziel der Aktdon ist die Ermöglichung der Auswanderung von Juden aus Deutschland in so großer Zahl wie es durchführbar ist. Die gegenwärtig in Aussieht genommene Zahl beträgt 20.000 bis 25.000 jährlich während der nächsten vier oder fünf Jahre. Es •wird sich bei diesen hauptsächlich um junge Leute und Kinder handeln, doch wird vorausgesetzt, daß viele ältere Männer und Frauen später nachfolgen werden. 2. Es wird erkannt, daß 'die Auswanderer in der Hauptsache solche Berufe und Eignungen haben sollen, durch die sie sich für die Bestimmungsländer als nützlich erweisen können. 3. Ein großer Teil der künftigen Auswanderer und viele der bereits Ausgewanderten werden eine besondere Schulung oder Umschulung in Handwerk oder Landwirtschaft durchmachen müssen, wozu Gelegenheit geboten werden soll. 4. Ueber 30.000 Ausgewanderte aus Deutschland haben sich bereits in Palästina niedergelassen, und man hofft, daß es einem großen Teil der Auswanderer der nächsten Jahre ebenfalls möglich sein wird, nach Palästina zu gehen. Zu diesem Zweck wird es notwendig sein, die besondere Ausbildung junger Menschen für das landwirtschaftliche und industrielle Leben in Palästina auszubilden sowie Pläne für die weitere Entwicklung des Landes zu fördern, durch die neue Arbeitsplätze geschaffen werden. 5. Die zeitweilige Unterstützung, die gegenwärtig jener Minderheit der Ausgewanderten gewährt wird, denen es noch nicht möglich war, einen Erwerb zu finden, und die in Not sind, kann nicht eingestellt werden. Viele Einzelpersonen und Familien sind in verschiedenen Ländern gestrandet und in verzweifelter Lage. Ihnen muß man helfen, ein ständiges Heim zu finden und muß sie inzwischen vor Elend bewahren. 6. Der Council for German Jewry ist jetzt zur Erfüllung dieser Aufgaben geschaffen worden. Die amerikanische Judenhedt wird in 'ihm voll vertreten sein. Er wird gewisse Funktionen bei der Auswandererhilfe zu übernehmen haben, die früher dem vom Völkerbund eingesetzten Oberkommissar zugewiesen waren, denn die Tätigkeit des neu ernannnten Oberkommissars ist in stärkerem Maße auf die politischen und rechtlichen Seiten des Problems eingeschränkt. Der Council wird die bisher von dem Central British Fund for German Jewry geleistete Arbeit weiterführen und sich dabei seines Apparates bedienen. Es ist nicht beabsichtigt, eine neue große Organisation zu schaifen. Die Körperschaften, die seit langer Zeit auf verschiedenen Teilen dieses Arbeitsgebietes tätig sind, behalten ihre Autonomie und setzen ihre Arbeit fort. 7. Es ist klar, daß weit größere Summen als bisher benötigt werden. Eine gewisse Zahl von Auswanderern wird vielleicht in der Lage sein, eigene Mittel mitzubringen oder bei Angehörigen und Freunden, die bereits in anderen Ländern ansässig geworden sind, vorübergehend Gastfreundschaft und Hilfe zu finden. Unter Berücksichtigung dieses Umstand es wird die für die Durchführung einer Bewegung in dem beabsichtigten Umfang erforderliche Summe auf mindestens drei Millionen Pfund geschätzt. Die Führer der amerikanischen Judenheit schließen sich dieser Schätzung an und sind bereit, die Verantwortung für die Aufbringung von zwei Dritteln des Betrages zu übernehmen,..wobei ein Teil davon bereits in vorhandenen Fonds zur Verfügung steht. Von dem Betrag von einer Million Pfund, der in Großbritannien und im britischen Reich sowie in anderen europäischen Ländern aufgebracht werden soll, ist ungefähr die Hälfte schon in Sicht. Darin inbegriffen sind 'die erheblichen Summen, die bereits von gewissen Stiftungen zur Unterstützung von Juden aus Deutschland bereitgestellt wurden. Die noch übrig bleibende Aufga.be aber ist außerordentlich .groß. Die noch aufzubringende halbe Million entspricht der Gesamtsumme des Ertrages sämtlicher drei Aktionen, die von dem Central British Fund for German J.ewry durchgeführt wurden, einschließlich der Zeichnungen der größten Spender/ Daraus ist zu ersehen, daß eine außerordentliche Anstrengung notwendig ist, wenn das angestrebte Ziel erreicht werden, soll. Der Keren Hajesso d (Palestine Foundation Fund of Great Britain) wird, wie in den drei letzten Jahren, von seinen üblichen Sammlungen Abstand nehmen und schließt sich dem jetzt erlassenen gemeinsamen Aufruf an. Seine normalen Einkünfte aus England, von denen ein großer Teil für Zwecke in Palästina verwendet wird, die direkt oder indirekt den sich dort niederlassenden Juden aus Deutschland zugutekommen, wird ihm aus den Erträgnissen dieser Aktion garantiert. Palästina. Jerusalemer Brief. Jerusalem und das polnische Schächtverbotsprojekt. — Das Ableben des „Rogatschower". — Vom Keren Hajischuw für und in Erez JisroeL — Dr. Isaac Breuer in Jerusalem. — Die Charedimgemeinde im Aufstiege. Jerusalem, 12. März. „Wir sind im Galuth!" Diesen Stoßseufzer kann man auf Schritt und Tritt heute auch in Palästina, vasd besonders in Jerusalem, hören. Dabei denkt man nicht an die Krise in Palästina, man denkt in erster Reihe an die schweren Gefahren für die Schechita in Polen. Das Estberfasten war für alle religionstreuen Kreise in Jerusalem ein wirklicher Tag der Buße und Einkehr. Auf Anordnung von Oberrabbiner Duschin'ski wurden an diesem Tage auch entsprechende Gebete an der H ei Ii gen Mauer verrichtet. Solche Anordnungen dürfen nur vom Oberrabbinat des Waad leumi und der Agudas Jisroel-Gemeinde getroffen werden. Es war eine so gewältige Gemeinde an der Mauer erschienen, daß ein besonderes Polizeiaufgebot zur Aufrechterhaltung der Ordnung nötig schien. Die Andacht blieb ohne Störung. Die Inbrunst der Gebete machte auch auf Außenstehende erschütternden Eindruck. Es war eine Kundgebung der Solidarität mit den Brüdern in der Golah und ein Aufschrei des jüdischen Herzens, wie man ihn auch an dieser Stelle der Gebete und Tränen noch selten gehört hat. Von der Z.e ntraleder Jerusalem er Agudas Jisroel wurde eine Versammlung einberufen, in der über den Stand der Dinge in Polen referiert wurde. Es wurde beschlossen, ein Memorandum den polnischen Konsulaten zu überreichen und ein Telegramm an den Ministerpräsidenten in Warschau abzusenden, in dem Sinne, daß das religionstreue Judentum in Erez Jisroel um Rücksichtnahme auf die dreieinhalb Millionen Brüder in Polen bittet. Memorandum und Telegramm tragen die Unterschrift der Zentrale der Agudas Jisroel in Jerus a 1 e m. Die Kunde vom Ableben des Rogatschower Gaon schlug hier wie ein Blitz ein. Von der überragenden Größe dieses Gaon ist bei Ihnen erschöpfend berichtet worden. Rabbi Josef Rosin, der Rogatschower Gaon, hat nie Erez Jisroel gesehen und doch lebte er im Zentrum der heiligen Stadt, in den Herzen aller Thoralehrer und Thoraschüler. Unvergeßlich bleibt hier sein Gutachten in dem seinerzeit hier tobenden Streit um die Regelung der K e h i - 1 o t h, das Tausenden Wegweiser war. Am Sonntag fand im Jeschiwahaus von Oberrabbiner D u - schinski eine Trauerkundgebung statt, in der als Erster der Oberrabbiner selbst eine erschütternde Gedenkrede hielt und zur Tschuwah mahnte. Der Keren Hajisc hu w für Erez Jisroel entwickelt in letzterer Zeit eine große Aktivität auch in Erez Jisroel selbst. Spät, aber, wie, wir hoffen, nicht zu spät. Man weiß wohl, daß Erez Jisroel selbst sich ohne Hilfe der Golah kaum helfenkann, aber trotzdem lerne man es von den zionistischen Instanzen und Fonds, wie sie es verstehen, auch in Erez Jisroel selbst die Gemüter für die Arbeit wach zu halten und alle Kräfte zu mobilisieren und zu aktivieren. Und wenn man erst sieht, wie die zionistischen Fonds (siehe Jerusalemer Brief in der vorigen Woche) auch an den gesetzestreuen Häusern nicht achtlos vorübergehen, so darf man hoffen, daß erst recht der Keren Hajischuw in Palästina immer den richtigen Adressaten findet. Freilich ist aller Anfang sschwer, aber die gute Sache trägt den Erfolg in sich. Es gilt zunächst, zu arbeiten und viel Versäumtes nachzuholen. Zum Empfang des Herrn Dr. Isaac Breuer fanden sich am letzten Montag Vertreter der Agudas Jisroel-Zentrale und der Poale Agudas Jisroel im Hafen ein. Man verspricht sich hier in den gesetzestreuen Kreisen sehr viel von der Anwesenheit dieses Agudaführers in Palästina. Die Charedim-Kehilla der Agudas Jisroel ist in einer gesunden Entwicklung begriffen. Hunderte neuer Mitglieder sind ihr beigetreten. In Sitzungen und Besprechungen, an denen in den letzten Tagen auch Herr Dr. I, Breuer teilnahm, wurden bedeutsame Beschlüsse zur Befestigung der Gemeinde gefaßt. Eine eigene Kommission ist berufen, die Anträge zu prüfen. Insbesondere gilt es, die Gesinnungsgenossen unter den neueren. Olim für die Gemeinde der unabhängigen Orthodoxie zu gewinnen. Mn. G. P. Vermischtes. Halberstadt, 16. März. Das Winterprogramm der A. J.-Ortsgruppe weist eine Reihe von gutbesuchten Vorträgen auf. — Herr Lehrer Herbert Sonn sprach über Agudas Jisroel und Erez Jisroel und legte vor •dem zahlreich erschienenen, zum Teil nichtagudistischen Publikum die wichtigsten Aufgaben unsrer Organisation in unserm Lande JSir. — Eine ergreifende Gedenkstunde war der Nachruf des Herrn Rabbiners M. Auerbach auf Leo Deutschländer b'tt- Im Anschluß an den Vortrag des Herrn Ernst Pleßner, Berlin, über „Der Weg unsrer Jugend" wurde von dem Delegierten Halbesrtadts, Herbert Sonn, Bericht gegeben über die Frankfurter Tagung. — Die Frage von PK Ttt 09 nun löste eine lebhafte und interessante Diskussdon aus. — Die Sitzungen der Frauengruppe finden unter reger Beteiligung regelmäßig (Htägig) statt. — Referate und Berichte über aktuelle Probleme werden von Mitgliedern gehalten; zu literarischen Themen sind berufene Redner gewonnen worden. Treuchtlingen, 16. März. Ein Beispiel, wie auch an kleineren Orten mit geringer jüdischer Bevölkerung ein Agudaleben möglich ist, gibt die unter Leitung des sehr verdienten Hauptlehrers Fulder stehende Gruppe Treuchtlingen, die in regelmäßig wöchentlich mehrstündigen Schiurim zusammentrifft, in denen Dinim, Chumisch und T'nach sowie Mischna gelernt werden. Hamburg, 16. März. Der Bericht über die Delegdertentagung in der Ortsgruppe Hamburg, von Herrn Ißkar E m a n u e 1 als Delegierten gehalten, gab ein sehr instruktives Bild von der Tagung, ihrem inneren und äußeren Verlauf; und-umriß das gewaltige Auf-: gabengebiet, das die Gegenwart den zentralen Organisationen sowie den Ortsgruppen stellt. Der Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Eli Münk, Ansbach, über „Jüdische Gegenwartsströmungen" zeichnete in stilvöllendeter Schönheit die verschiedenen Wege, die unsre irrenden Brüder auf ihrer Suche nach dem wahren Judentum beschreiten. — Ueber Erez Jisroel berichtete Herr Dr. Adler,, Frankfurt a. M. Mosbach, 15. März. Unter Leitung unseres Herrn Bezirksrabbiners GrciJsheim«r fand am 15. März im Gemeindesaale eine außerordentlich stark besuchte Bezirksversammlung statt. Synagogenvorsteher Bezirksälteste, Lehrer und? sonstige Vertreter aus den Gemeinden vom Neckar bis zum Main eilten herbei, um den unermüdlichen Kämpfer und Vorsitzenden des Vereins zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden, Herrn Prof. Darmst ä d ter, Mannheim, zu 'hören. „Das neunzehnte Jahrhundert" lautete sein Thema. In tiefdurchdachtem Referate schilderte der Redner die Situation des gesetzestreuen Judentums am Anfange des 19. Jahrhunderts und rechnete mit der Reform, die im Banne der Gegenwart die Zukunft übersah, scharf ab. Er würdigte auch das große -Werk Samson Raphael Hirsch® und Oberrabbiner Jakob Ettlingers in Altona. Uebergehend zur Gegenwart bezw. zur allgemeinen Lage, schloß Redner mit einer Aufmunterung der Jugend zur jüdischen Arbeit. Herr Bezirksrabbiner Greilsheimer dankte dem Redner im Namen der Versammlung und verbreitete sich zunächst über das bekante Kapitel „Auchjuden, Nochjuden und Nurjuden", unter Anwendung sinniger Talmudstellen, die auf die Erschienenen tiefen Eindruck ausübten. Herr Lehrer Baracker betonte in einer längeren Ansprache, daß das Tagesgebet des wahrhaften Juden lauten müsse: ^j»s»a waV imina i*m Urspringen, 16. März. In der heute vorgenommenen Neuwahl für den Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde wurden gewählt: 1. Vorstand Justin Adler, 2. Vorstand Hermann Landauer, Kassien Berthold Rotfeld: