Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 12 Oer Israelit 19. März 1936 Polen habe eine Million. Juden zu viel. Den guten Worten, die in Sejm und Senat zu Gunsten der Juden fallen, stehe zuweilen eine bedauernswerte Passivität der Behörden, wenn es um Abwehr der antisemitischen Propaganda geht, gegenüber. Nach Rabbiner Schorr ergreift auch der agudistische Senator Trocken heim das Wort und beschwert «ich speziell über die Zurückweisung der Juden in der Wirtschaft. Der Verelendungsprozeß, den die zu 66 Proz, an Handel und Handwerk beteiligten Juden durchmachen, stehe einzig in der Geschichte da. Juden erhielten von staatlichen Banken keine Kredite, und eine Reihe von Maßnahmen, die der polnischen Bevölkerung Erleichterung bringen, bedeuteten eine neue Belastung der Juden. Der Antisemitismus habe einen Grad erreicht, daß der Jude weder auf dem Markt noch im Laden seines Lebens sicher sei, am allerwenigsten auf dem platten Lande. Als Trockenheim versuchte, auch auf die Schechitaangelegenheit einzugehen, wurde er vom Vorsitzenden (es ist der Gatte der Antragsstellerin, Frau P r y s t o r) mit der Bemerkung unterbrochen, daß es nicht angehe, im Senat mit dem Sejm zu polemisieren. So mußte Trockenheim auf diesen wichtigsten Punkt seiner Rede verzichten. Die polnischen Studenten geben keine Ruhe, — Weitere Ausschreitungen. Lemberg, 13. März. Anläßlich des Besuches des Unterrichtsministers Prof. Szwy enioslawski in Lemberg veranstalteten die nationaldemokratischen Studenten Demonstrationen, wobei sie an der Handelshochschule die Fenster einschlugen und auch gegen die Geschäfte von Juden in der Sykstuska vorgingen. Die Juden im ganzen Stadtviertel schlössen ihre Läden. An der Handelshochschule in Warschau stürmten national demokratische Studenten das Lokal des jüdischen Verbandes „Gegenseitige Hilfe", demolierten die Inneneinrichtung vollkommen und brachten den anwesenden zwei jüdischen Studenten sehr schwere Verletzungen bei. In W i 1 e j k a bei Wilna wurde in den Saal des jüdischen Theaters eine Petarde geworfen, die von den jüdischen Schauspielern, bevor sie explodierte, unschädlich gemacht werden konnte. Der 65jährige Lodzer jüdische Großkaufmann und Gutsbesitzer Markus Nelken wurde auf seinem Gute bei Kalysz durch einige seiner christlichen Arbeiter ermordet und ausgeraubt. Einer der Mörder wurde verhaftet. In den letzten Tagen ist es in einer Reihe von Ortschaften in PomerelUn zu Judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. In Tuchola, Niestadt und L i d z b a r k , wurden jüdische Marktfahrer überfallen und mißhandelt. Die Waren wurden geraubt. In Warschau eingetroffene Flüchtlinge berichten, daß die einheimische Bevölkerung an den Ausschreitungen nicht teilnahm. Diese wurden vielmehr planmäßig von Banden begangen, dievon den antisemitischen Agitatoren von außerhalb herangeführt worden waren. Litauen. Petition der litauischen Rabbiner an den Völkerbund. K o w n o , 11. März. Der Verband der litauischen Rabbiner hat beschlossen, an den Völkerbund eine Petition zu richten, in der gegen das geplante Schächtverbot in Polen Protest erhoben wird. Der Verband hat sich an den litauischen Außenminister mit der Bitte gewandt, diese Petition beim Völkerbund zu unterstützen. Frankreich. Hicem beschließt Einberufung einer Jüdischen Auswanderungskonferenz. Paris, 12, März, Von der Exekutive des Vereinigten Verbandes für Auswandererhilfe HICEM erhält die ITA. eine Neueste Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel. (Nach' Palnews.) Tel Awiw. Unter der Firma „Benno Hirsch U. Co." ist in Tel Awiw ein Unternehmen ins Leben gerufen, das den Zweck verfolgt, die bei den Druckereien, Kartonnagefabriken, Büros und Aemtern anfallenden Papierabfälle durch einen regesmäßigen Auto-Service zu sammeln und nach sachgemäßer Bearbeitung an die diesen Rohstoff verbrauchenden in- und ausländischen Papier- und Pappenfabriken zu liefern. Dadurch wird ein Material, das bisher als wertloser Müll behandelt wurde, und dessen Beseitigung hier mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war, wirtschaftlich nutzbar gemacht. Jerusalem. In Atlit wurden zum ersten Male größere Süßwassermengen erschlossen. Alle bisherigen Bohrungen enthielten mehr oder weniger versalzenes Wasser. Die in diesen Tagen erfolgte Bohrung traf in nur 26—32 m Tiefe 50 cbm Wasser pro Stunde an. Die geologische Begutachtung nahm Regierungsgeologe Blake, die geophysikalische Untersuchung Dr. Loehnberg Jng. Loewenstein vor. Das Wasser wird für den Betrieb der Palestine Satt Company und für die im Bau befindliche Papierfabrik dienen. Außerdem werden die. beiden landwirtschaftlichen Siedlungen Atlit das Wasser für Trink- und Bewässsrungszwecke nutzen können. Eine neue Bohrung zur Ausnutzung des gleichen Horizontes ist bereits im Gange. Die Pica plant eine Intensivierung ihrer landwirtschaftlichen Akti» vität in diesem verkehrsmäßig bevorzugt gelegenen Gebiet. Auf vorgeschobenem Posten im Süden des Landes wurden auf den neu erworbenen Böden bei Idnibbe (südöstlich von Gedera) 15 cbm Wasser pro Stunde erschlossen. Die geologische Begutachtung erfolgte durch die Hebräische Universität, die geophysikalische Untersuchung durch Dr. Loehnberg, Ing. Loewenstein. Der Irgun Kfar Menachem wird dieses Gebiet besiedeln. J a f f a. Durch die schweren Stürme der letzten Wochen wurden Ernteschäden hervorgerufen, die bis zu 10 Proz. der noch am Baum befindlichen Früchte gehen, auch wurden die Sorten etwas in Mitleidenschaft gezogen. Die in Kanada erzielten Preise werden hier als nicht befriedigend angesehen, so daß man von weiteren Verschiffungen absehen will. Tel Awiw. In Nachlath Jizchak bei Tel Awiw wird von der Firma Gordon u. Co., Ltd., Tel Awiw, die sich im Stadium der Registrierung befindet, eine Fabrik zur Erzeugung von Kohlensäure errichtet. Kohlensäure, die zur Herstellung von Limonaden und Sodawasser gebraucht wird, mußte bisher importiert werden. Der Import stellte sich im Jahre 1934 auf 49,2 Tonnen im ersten bis dritten Quartal 1935 auf 28,6 Tonnen. Kohlensäure wird etwa zur Hälfte aus Aegypten, daneben aus Deutschland und Holland importiert. Die Produktionskapazität der Fabrik soll den Bedarf des Landes decken, darüber hinaus soll nach den benachbarten Ländern, die zur Zeit von Europa aus versorgt werden, exportiert werden. Das Unternehmen ist mit neuesten und modernsten Maschinen, wie sie in Europa und Amerika im Gebrauch sind, ausgerüstet. Die Fabrik verfügt über eine große Anzahl von neuen Stahlzylindern, die auf hohen Druck konstruiert sind, was für die Reinheit des Produktes wesentlich ist. Zur Zeit arbeiten ca. 20 Ingenieure und gelernte Arbeiter in Ueberstunden, damit die Produktion zum Beginn der neuen Saison Anfang April aufgenommen werden kann. Tel A w i w. Als Folge der starken Beschränkung der Arbeiter-Zertifikate für das Halbjahr Oktober 1935/April 1936 ist die Einwanderung im Januar außerordentlich stark zurückgegangen, besonders die Arbeitereinwanderung hat sich auf den minimalen Umfang von nur 293 Personen reduziert — das - heißt auf nur 1U der Ziffer vom Januar 1935! Während die Einwanderung von Kapitalisten sich ungefähr auf der Vorjahreshöhe gehalten hat, ist die Arbeitereinwanderung so stark herabgedrückt worden, daß im Januar 1936 weniger Arbeiter als Kapitalisten 'eingewandert sind! Im Januar 1935 verhielt sich die Arbeiterzur Kapitalisteneinwanderung 1 : 3,2. Gegenüber dem Vorjahr" hat sich die Zahl der eingewanderten Studenten, Angehörigen palästinensischer Einwohner und Beamten erhöht. Mitteilungen über eine vor kurzem abgehaltene Sitzung der Exekutive, in der die Einberufung einer großen jüdischen Auswanderungskonferenz im Sommer 1936 beschlossen wurde. Sir Neill Malcolm bei den Auswanderern in Paris. Paris, 11. März. Der Völkerbundsoberkommissar für Auswandererfürsorge, Sir Neill Malcolm, ist aus Genf in Paris eingetroffen und nach kurzem Aufenthalt nach Palästina weitergereist. Sir Neill will mit maßgebenden palästinensischen Persönlichkeiten die Frage der weiteren Aufnahmemöglichkeit für Auswanderer aus Deutschland in Palästina besprechen. Vor seiner Abreise aus Paris empfing der Oberkommissar eine Abordnung der Föderation des Emigres d'AIIemagne en France, der Mitglieder der verschiedensten Richtungen angehören. Neben Vertretern der jüdischen Auswanderer waren auch Vertreter anderer Auswanderer bei dem Empfang anwesend. Man nimmt an, daß die Staatenkonferenz, die durch den Völkerbund zur Beratung der Auswanderungsfrage einberufen werden soll, etwa Anfang Juli ds. Js. stattfinden wird. Dieser gegenüber dem ursprünglich angenommenen etwas hinausgeschobene Termin wurde gewählt, um außer den Mitgliedern des Völkerbundes auch einzelnen überseeischen Staaten, insbesondere den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die für die zukünftige Verteilung der Auswanderer von größter Bedeutung sind, die Teilnahme an der Konferenz zu ermöglichen. Schweden. Die Schechita-Frage nicht aktuell. Stockholm, 15. März. Der schwedische Reichstag hat in seiner letzten Sitzung den Gesetzentwurf über die Einführung der zwangsweisen Betäubung vor der Tierschiächtung erörtert. In Beantwortung der Anfrage eines konseraktiven Abgeordneten erklärte der Justizminister, der Gesetzentwurf sei fast völlig fertiggestellt und hätte noch im Laufe dieses Jahres dem Parlament vorgelegt werden sollen. Die Legislationskommission, die das Gesetz jedoch vorher zu behandeln habe, werde sich erst im nächsten Jahre mit ihm beschäftigen können. Aus diesem Grunde, erklärte der Minister, müsse die Behandlung des Gesetzentwurfes im Reichstag bis zum nächsten Jahre zurückgestellt werden, Abgeordnete der Rechten und des Bauernbundes brachten ihr Bedauern über diese Verzögerung zum Ausdruck und forderten den Minister auf, die Vorlage des Entwurfes möglichst zu beschleunigen. Die Annahme eines solchen Gesetzes würde selbstverständlich ein Verbot des rituellen Schächtens bedeuten. England. Keine endgültige Entscheidung über den Legislative Council ohne vorherige Diskussion im Parlament. London, 11. März. In der Unterhaussitzung vom 11. März gab Kolonienminister J. H, Thomas in Beantwortung von Anfragen bedeutsame Erklärungen zur Frage des Legislative Council ab. Er teilte mit, daß dem Hause Gelegenheit zu einer Aussprache über diese F r a g e g e g e b e n wird, bevor die endgültige Entscheidung fällt. Gleichzeitig wurde nochmals betont, daß Fragen des Mandates oder der jüdischen Einwanderung keinesfalls der Kompetenz des geplanten Legislative Council unterliegen werden. Andererseits lehnte der Kolonienminister die Einsetzung einer Kommission zur Ueberprüfung des palästinensischen Verfassungsproblems ab. Council for German Jewry; tritt in Aktion. Das Arbeitsprogramm des Council. London, 13. März. Die umfassenden Pläne des Council for German Jewry werden in einem Aufruf dargelegt,