Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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^^S^^5^*2^^^K^,!^^~5!^°fe"ir,'''i "'iv** * " »•Bf^VfW ftfvSrHZI 5* 19. März 1936 D Israelit Nr. 12 Seite 9 die Bahnverwaltung große Ermäßigung gewährte. Indes die Menge vor dem Rabbihause wuchs und wuchs, wurden drinnendie letzten Vorbereitungen getroffen. Der Oraun wurde aus dem Tisch und dem Pult angefertigt, an denen der Gaon über «in halbe® Jahrhundert Tag und Nacht gelernt hatte. Infolge all dieser Vorbereitungen konnte sich der Ehrenzug erst um 1 Uhr Mittag in Bewegung setzen. Die Rabbiner .der umliegenden Städte und auserwählte Jeschiwabachurim trugen die Bahre. Hinterher gingen Schüler der Talmud Thora-Schulen und der Chedarim, Psalmen rezitierend. Der Zug hielt neben jedem Beahamidnasch, das auf dem Wege lag. Ueberall brannten sämtliche Lichter und aus dem Lehrhaus klang die Stimme des Vorbeters, der, begleitet vom Schluchzen der Menge, das i*»»-Gebet vortrug. Der Verkehr auf den Straßen ruhte vollkommen, denn von 12 bis 14 Uhr war nicht allein für Dwinsk, sondern für sämtliche Städte Lettlands Arbeitsruhe ausgerufen. Nach vielen Stunden erreichte man den alten Friedhof. Neben Rabbi Meier Simcho 5>*xr war das Grab ausgehoben, als wartete jener Große auf seinen kongenialen Freund und Kollegen. Nun liegen beide Großen friedlich nebeneinander. Eigentliche Hespedim unterblieben, nicht allein wegen D'Tis ]VW sondern weil sie sich der Rabbi wiederholt verbeten hatte. Aber einige Worte des Stadtmaggid erschütterten die Gem.üter und lösten Ströme von Tränen aus. Er mahnte zur Tesehuwah in einer Stunde, da dem Volke der Führer genommen wird. Einer der Rabbiner sprach das Kaddisch-Gebet und die Menge zerstreute sich langsam. y"i Polen. Der Pogrom in Przytik vor dem polnischen Senat. Warschau, 13. März. Im polnischen Senat schilderte Rabbiner Prof. Dr. Mose® S c h o r r die blutigen Vorfälle in Przytik und forderte Maßnahmen zum Schutze von Leben und Eigentum der jüdischen Bevölkerung. Nach ihm ergriff Fürst Radziwill das Wort, der ebenfalls die judenfeindlichen Exzesse auf® schärfste verurteilte. Innenminister Raczkiewicz hatte vor den Darlegungen des Senators Prof. Schorr eine große Rede gehalten, in der er u. a. allgemeine Grundsätze über das Verhältnis Polens zu seinen Minderheiten äußerte. Von der Notlage der jüdischen Bevölkerung, ihren Bedürfnissen und den Verfolgungen, denen sie seitens der Nationaldemokraten ausgesetzt ist, sprach der Minister überhaupt kein Wort. Fürst Radziwill sagte u. a.: „Ich verurteile diese Exzesse nicht nur als ein Mann, der im öffentlichen Leben steht, sondern auch als Christ und Katholik. Die Nationaldemokratische Partei, die den Anspruch darauf erhebt, die einzige politische Partei zu sein, die an den Grundsätzen des Christentums festhält, hat eine Taktik eingeschlagen, die in vollständigem Widerspruch zum Christentum steht. Diese Taktik ist eine häßliche und gefährliche.'' Innenminister Raczkiewiecz erklärte, 'die Nationalitätenpolitik Polens müsse das innerstaatliche Zusammenleben aller Bürger im Rahmen der Republik anstreben. Diese innere Einigung könne nicht durch Gewaltmittel, sondern nur durch gegenseitige Beziehungen herbeigeführt werden. Alle Bürger müßten ihre Pflicht gegenüber dem Staate erfüllen und der Staat müsse die gleichen Rechte aller Bürger respektieren. Die Regierung werde den Prozeß der Annäherung zwischen Polen und Juden dadurch unterstützen, daß sie den wirtschaftlichen Bedürfnissen aller Teile der Bevölkerung ihre Aufmerksamkeit schenkt. Die Woche. Hilfsaktion für die Opfer der Ausschreitungen in Przytik. . War.sch a u , 15. März. Rabbiner Senator Dr. Schorr hat die Organisierung eines Hilfskomitees für die Opfer der Auscshreitungen in Przytik übernommen. Das New Yorker Hilfskomitee für polnische Juden hat an Senator Schorr einen ersten Beitrag von 5000 Zloty telegraphisch überwiesen. 'Die jüdischen Zeitungen „Nastz Berlin. Zum Gedenktag von Verdun gibt der „Schild", das Organ des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", eine Sondernummer heraus. — Wie die Zeitung „Deutsche Justiz" mitteilt, wird bei der kommenden Ernennung von Handelsrichtern von den Kandidaten verlangt, daß sie einen Nachweis der arischen Abstammung für sich und ihre Frau erbringen, Düsseldorf. Im neuen Schuljahr werden sämtliche jüdische Schüler der allgemeinen und privaten Schulen von der jüdischen Volksschule, 'die seit einiger Zeit hier besteht, aufgenommen werden. Die Stadtgemeinde hat sich bereit erklärt, einen Zuschuß zu zahlen, wogegen 'die Staatszuschüsse in die Stadtkasse fließen. Mannheim. Die Korsettfabrik Eugen u. Herrn a n n H e r b si t GmbH., hier, ist m arischen Besitz übergegangen. Budapest. Der jüdische Gelehrte Dr. Ludwig Blau, ehemaliger. Rektor der Franz Joseph-Landesrabbinerschule, ist im Alter von 75 Jahren in Budapest gestorben. Von 1887 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1931 war er Dozent für Talmud, Bibelwissenschaft, hebräische und aramäische Sprache sowie jüdische Geschichte. Im Jahre 1891 übernahm er die Redaktion der Zeitschrift „Magyar Zsido Szemle" und später der hebräischwissenschaftlichen Zeitschrift „Hazofe", Warschau. In Warschau starb Frau Oranna Debora Hannover im Alter von 113 Jahren. Sie war die älteste Frau Polens. Sie hinterläßt eine zahlreiche Nachkommenschaft, sogar Ururenkel. Sie war bis zuletzt rüstig und konnte ohne Brille lesen. Radom. Die Bestattung des während des Pogromes in Przytik ermordeten Josef Minkowski mußte nach behördlicher Verordnung in später Nachtstunde vor sich gehen, um kein Aufsehen zu erregen. Trauerreden durften nicht gehalten werden. Die Beerdigung seiner ermordeten Frau Channa Minkowski fand in Radom ebenfalls in aller Stille statt. Die vier Kinder der Pogromopfer wurden in das Waisenhaus von Radom aufgenommen. Jerusalem. Abraham Goluthman, der bei dem Banditenüberfall auf eine AutobusgeiSiellschaft 'in der Nähe von Tulkarem erschossen wurde, war einer der Gründer der großen Kolonie N a h a 1 a 1 im Emek. Es heißt, daß Goluthman nicht von den Banditen, sondern von einem arabischen Mitpassagier im Innern des Autobus erschossen wurde. Sechs Banditen wurden verhaftet. — Rabbiner Falk aus Sidney, ehem. Feldrabbiner bei der XIX. jüdischen Legion, die an der Eroberung Palästinas teilnahm, ist in Palästina eingetroffen und hat bedeutsame Dokumente und Photographien aus der Legionsgeschichte sowie die S e f e r Thora mitgebracht, die die Legion an der Front bei sich führte. Rabbiner Falk will diese Sammlung der Nationalbibliothek in Jerusalem übergeben. — Aus der Umgebung des Gerer Rabbi wird mitgeteilt, daß sich der Rabbi demnächst nach Polen zurückbegeben wird. Die in der Presse veröffentlichte Mitteilung, der Rabbi habe mit Rücksicht auf die Lage in Polen . seine Reise zurückgestellt, entspreche nicht den Tatsachen. — In der arabischen Presse ist die aufsehenerregende Meldung erschienen, daß von der Jewish Agency Verhandlungen mit der Palästina- Regierung über die Ansiedelung von 60.000 jüdischen Familien auf dem 400.000 Dunam großen Gebiet von Waadi el Araba, das ■ zwischen Beer Schewa und Transjordanien liegt, geführt werden. — Der palästinensische Rundfunk wird am 30. März die Sendungen aufnehmen. Bei der Eröffnung der Rundfunkstation werden der High Commissioner und nach ihm jüdische und arabische Führer Ansprachen halten. — Zwischen der Hebräischen Universität Jerusalem und der zionistischen Frauenorgainisation Amerikas, „Hadassah", wurde eine Vereinbarung für die Schaffung eines medizinischen Zentrum® in Jerusalem getroffen. Jericho. Der ex-Khedive von Aegypten, A b b a s H i 1 m i Pascha, hat in Jericho ein größeres Gelände erworben, auf dem das Palais für seinen Winterauf enthalt nach den Plänen des bekannten Architekten Fritz Epstein in Tel Awiw (früher Frankfurt a. M.) erbaut wird. Przeglad", „Hajnt", „Moment", „Unser Expreß" und „Das Jiddische Togblatt" haben Sammlungen für die Opfer der Ausschreitungen eröffnet. Der polnische Handelsminister warnt vor den Folgen der Ausschreitungen. Warschau, 15, März. In der Budget-Debatte des polnischen Senats warnte Handelsminister Roman G o r e c k i vor den wirtschaftlichen Folgen der judenfeindlichen Ausschreitungen für Polen. Das Wirtschaftsleben, erklärte der Handekminister, muß sich in einer Atmosphäre von Ruhe, Harmonie und Solidarität vollziehen. Alle Träger des Wirtschaftslebens, Fabrikanten, Kaufleute und Handwerker brauchen diese ruhige Atmosphäre für ihre Tagesarbeit, Auch Senator Rostworowski verurteilte die Versäumnisse der Polizei anläßlich der Ausschreitungen in Przytik und richtete an die Geistlichkeit des Landes den Appell, bei der Bekämpfung eines wilden Antisemitismus mitzuwirken. Senator Zbierski forderte die Regierung auf, die Nationaldemokratische Partei als Hauptanstifterin der judenfeindlichen Unruhen für illegal zu erklären. In Przytik wurden weitere zwanzig Personen, unter ihnen der Vorsitzende der nationaldemokratischen Ortsgruppe, Wladislaw Korczak, verhaftet. Die Polizei in Przytik hat die Zeitung „Maly Dzientik" wegen judenfeindlicher Aufreizung konfisziert. Bei der Durchsuchung der Nachbardörfer von Przytik wurden viele den Juden geraubte Waren gefunden. Sie wurden den Eigentümern zurückgegeben. Die jüdischen Nachbargemeinden haben Nahrungsmittel, Kleider und Arzneien für die Opfer nach Przytik gesandt. Von den jüdischen Gemeinden beauftragte Handwerker sind bereits mit der Ausbesserung der Schäden in den jüdischen Wohnhäusern und Läden beschäftigt. In zahlreichen Gemeinden Polens wurden Trauerg'ttesdienste für die Toten von Przytik abgehalten. Abänderung des Schächtverbotsgesetzes zu erwarten? Warschau, 11. März. Wie die ITA. erfährt, hat die Regierung die Schechita-Frage mit den Vorsitzenden von Sejm und Senat besprochen. Die Regierung vertrat den Standpunkt, daß ein vollständiges Schächtverbot im Hinblick auf die - in der Verfassung gewährleisteten religiösen Rechte jeder anerkannten Glaubensgemeinschaft verfassungswidrig wäre. Die Regierung ist deshalb der Ansicht, daß der Gesetzentwurf vom Sejm in der Weise abgeändert werden sollte, daß von einem vollständigen Schächtverbot abgesehen wird. Die Judenfrage im polnischen Senat. Warschau, 12. März. In der Senatssitzung vom 11. März kam es zu einer ausgiebigen Judendebatte, in der sich fast sämtliche Redner darüber einig waren, daß die Unruhen der letzten Zeit auf die hemmungslose Hetze der Nationaldemokraten zurückzuführen seien. Frau Senatorin Jaroszowicz beschwört die Regierung, das Treiben der Nationaldemokraten nicht weiter 2U dulden. Senator Bobrowski schließt sich der Forderung an und hält den Nationaldemokraten ein Sündenregister vor, das bis auf 1906 zurückgeht. Senator M a I s k i sagte, die Zustände widersprächen dem Legion sged an ken und man müsse schamrot werden beim Anblick der Vorgänge an den Hochschulen. Von jüdischer Seite ergreift zunächst Rabbiner Schorr das Wort, der all den Rednern im Namen des polnischen Judentums dankt, auch den guten Willen der Regierung anerkennt, aber in allen Fällen Gleichberechtigung in Theorie und Praxis für die regierungstreuen und an Polens Aufbau beteiligten Juden verlangt. Er wandte sich auch gegen die (von uns bereits gemeldeten) Aeußerungen der Senatoren Graf Rosdworski und Fürst Radziwill, die die Judenfrage in Polen durch ein Auswanderungss>ystem lösen wollen, das schon beinahe einer Austreibung gleichkomme, unter der Devise: