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Der Israelit · 1936-03-19 · Heft 12 (19.3.1936) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 12 Der Israelit' 19. März 19'36 Korrespondenzen* Deutsches Reich. Was für die Juden in Deutschland geschehen ist. Berlin, 15. März, Der Zentralaus schuß für Hilfe und Aufbau veröffentlicht einen umfangreichen Bericht, der die Wanderbewegung, Wohlfahrtspflege, das jüdische Schulwerk, Wirtschaftshilfe und Berufsumschichtung umfaßt. Der Bericht schließt mit einem Ausblick auf die gegenwärtige und zukünftige Leistungsfähigkeit und Leistung der Juden in Deutschland für Hilfe und Aufbau. Es wird festgestellt, daß sich die rückläufige Entwicklung in immer stärkerem Maße auf die wirtschaftliche Kraft der jüdischen Gemeinden, und insbesondere auf die Kleingemeinden auswirkt. Auch im kommenden Jahre müssen die äußersten Anstrengungen gemacht werden, um das Werk von Hilfe und Aufbau aufrecht zu erhalten. Vorbereitung und Durchführung der Wanderung, Berufsumr Schichtung und Schulwerk werden die Kernstücke produktiver Hilfeleistung sein. Not und Mangel in tausend Gestalten werden verstärkt ihre Stimme erheben und alles wird gemacht werden müssen, um unsere Gemeinschaft in ihrer wirtschaftlichen Kraft soweit zu erhalten, daß sie allen Anforderungen gewachsen sein wird. Umbildung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Berlin, 13. März. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teilt mit: Infolge einer Anordnung des Herrn Staatskommissar für die Hauptstadt Berlin hat der Vorstand der. Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine Umbildung erfahren. Es mußte die Zahl der Vorstandsmitglieder der Fassung des § 31 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 angepaßt und demgemäß auf 7 bemessen werden. Der Vorstand setzt sich nunmehr aus folgenden sieben Herren zusammen: Direktor Heinrich Stahl, Adoll S c h o y e r , Carl Fuchs, Dir. Georg K a r e s k i, R.-A. Dr. Alfred Klee, Moritz Rosenthal, Amtsgerichtsrat i. R. Kurt Tuch ler. Danach gehören dem Vorstande an: drei Religiösliberale, drei Zionisten und ein Gemeindekonservativer. Es wurde nunmehr auch das Präsidium der Gemeinde neu konstituiert. Ihm gehören als Gemeindepräsident Direktor Heinrich Stahl, als erster Vizepräsident Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee und als zweiter Vizepräsident Adolf Schoyer an. Durch die Umbildung des Vorstandes wurde das Prinzip der gleichberechtigten Beteiligung von Zionisten und Ndchtzionisten an der Gemeindeführung nach dem Grundsatz des „Fifty-Fifty" zum ersten Mal in Berlin verwirklicht. Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden. Berlin, 13. März. In einem Aufrufe des Preußischen Landesverbandes lesen wir u. a..' Wir bitten unsere Herren Rabbiner und Lehrer, rechtzeitig vor dem Fest den Erwachsenen in besonderen Zirkeln Inhalt und Bedeutung der Pessach-Hagadah näher zu bringen; daß das den Kindern gegenüber im Unterricht geschieht, bedarf als selbstverständlich ja keiner Erwähnung. Wir bitten weiter, dafür Sorg« zu tragen, daß diejenigen, die zwar gewisse Vorkenntnisse haben, denen aber die Fähigkeit, einen Seder zu geben, fehlt, dazu ausgebildet werden. Es soll möglichst kein jüdischer Mensch an diesem Pessach ohne Seder bleiben. Hiervon darf niemand ausgeschlossen Sein. Wo ■wirtschaftliche Schwierigkeiten bestehen, bitten wir unsere Gemeinden und die in den Gemeinden bestehenden Organisationen, helfend einzugreifen. Wo in ganz kleinen Gemeinden sich die Feier des Pessachfestes wirklich nicht mehr ermöglichen läßt, wo kein G'ttesdienst mehr stattfinden feann, bitten wir dafür bemüht zu sein, daß die dort Wohnenden in die nächsten geeigneten Gemeinden eingeladen werden, so daß dort die Möglichkeit besteht, das Fest zu begehen. Darüber hinaus bitten wir, die schon zum letzten Sukkothfest von uns gegebene Anregung der Her anziehung von Kindern aus kleinen Or t e n zur Sukkothfeier sinngemäß auf das Pessiachfest übertragen zu wollen. Wenn wir immer wieder an unsere Gemeinden herantreten mit der Bitte, jede Gelegenheit zu benutzen, jüdische Werte zu pflegen und zu vermitteln, so sind wir uns bewußt, daß bei aller Anerkennung •des Guten, das geschieht, und bei aller Dankbarkeit für die Treue, die sich in den Leistungen unserer Gemeindevorstände und der Gemeindemitglieder bewährt, wir trotzdem mit der Erfüllung dieser Aufgaben nie an ein Ende gelangt sein können. So bitten wir, auch dieses Mal alle Kraft und allen Idealismus der Durchführung unserer Anregung zu widmen. Vor dem Abschluß der Jüdischen Winterhilfe. Berlin, 16. März. * Die Jüdische Winterhilfe steht vor dem Abschluß ihrer Sammlungsaktionen. In verstärktem Maße hat die Propaganda für 'die bevorstehenden Abschluß- Sammlungen und Wohltätigkeitsveranstaltungen eingesetzt. In Berlin wird am Sonntag, den 22. März, die letzte Haussammlung der Jüdischen Winterhilfe stattfinden. Die Jüdische Winterhilfe der Berliner Gemeinde richtet an alle diejenigen, die geben können, die Aufforderung, mit vollen Händen zu spenden. Neue Methoden der Steuereinziehung in der Synagogengemeinde Köln. Köln, 10. März. Die Synagogengemeinde Köln hat eine Neuerung eingeführt, um den Arbeitnehmern die Zahlung der Synagogensteuern zu erleichtern. Statt daß wie bisher die Steuern für ein Vierteljahr auf einmal entrichtet werden, soll in Zukunft die Zahlung im Wege des Abzuges vom Gehalt durch den Arbeitgeber erfolgen, der die Steuern dann direkt der Gemeindekasse überweist. Eine jüdische Volksschule in Ulm. Ulm, 10. März. Die „Nationale Rundschau" in Ulm berichtet, daß in Ulm im kommenden Schuljahre die Zahl der die Volks- und Mittelschule besuchenden jüdischen Schüler zwischen 30 und 40 beträgt. Da nach dem bekannten Erlaß des Reichs- und preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung als eine zur ordnungsmäßigen Beschulung hinreichende Richtzahl die Zahl von 20 Kindern anzunehmen ist, müsse für diese Schüler eine öffentliche Volksschule geschaffen werden. Die Stadtverwaltung hat beschlossen, diese Schule in dem Gebäude neben der Synagoge unterzubringen. Durch die Errichtung 'dieser Schule — so schreibt das Blatt — wird einem dringenden Bedürfnis abgeholfen und ein schon lange betehender Wunsch der deutschen Lehrer und Schüler erfüllt. Die Errichtung dieser Schule bedeutet aber wohl auch ein Entgegenkommen gegenüber den Juden, die Sich schon lange als Fremdkörper in den Schulen vorkommen müssen. Oesterreich. Zum Heimgang des Rogatschower Gaon. Wien, 12. März. Den niederschmetternden Eindruck, den die Kunde vom Ableben des Rogatschower Gaon in Wien, in Riga und in ganz Lettland und den umliegenden Ländern gemacht hat, läßt sich nicht schildern und wird auch für den, der den Geist und die Mentalität des. Ostens, wo man heute noch trotz allem und allem zu den Großen wie zu "den leuchtenden und leitenden Sternen hinaufschaut, nicht kennt, unbegreiflich bleiben. In Wien überbrachte man gleich nach dem Ableben de® Gaon die Bahre in das Lokal der Zeii r ei- A.gudas Jisroel, wo im iNebensaal 300 Mitglieder der Jugendgruppe fast 'drei Tage im Gebet und Lernen verbrachten. Am Sabbatausgang; fand, gleich nach Verlesung der Megilloh die Ueberfübrung statt, wobei man sämtliche in Wien domizilierenden. Rebbes und alle Rabbiner sah. Die Menge zählte nach vielen Tausenden. Die Bahre wurde von. den jugendlichen Agudisten zunächst bis zur Schiff schul auf den Schultern getragen. Nur ein Teil der Menschen konnte in der hellbeleuchteten Schul Platz finden, Tausende: blieben draußen. Nachdem Oberrabbiner Fürst mit Rücksicht auf Purim nur ein paar kurze Worte der Würdigung gesprochen hatte, wurde die. Bahre wiederum bis zur Schlesischen Brücke. g[e trag e n., von. wo aus sie im Auto zum Zuge überhracht wurde. Gegen Mitternacht standen immer noch Taii&endebeim Abgang des Zuges. Die lange Dauer von der iTVoa bis zur "^b (von. Donnerstag früh bis Montag mittag,): erklärt sich: durch die lebhaften Verhandlungen: zwischen: Wien> ' Warschau und Dwinsk über den Ort der Beisetzung. Gleich nach dem Ableben des Gaon setzte die telefonische und telegrafische Unterhaltung eim Wiener Freunde und Verehrer des Gaon machten darauf aufmerksam, daß sie im Interesse des nan tos wohl: bereit wären, die Beisetzung auf dem: Wiener Friedhof zu übernehmen und bereits mit der Kultusgemeinde in Verhandlung ständen, daß dem Gaon ein Ehrenplatz" neben den bedeutenden D'Vyu> die dbrt: ruhen, anzuweisen. Warschau, wo bekanntlieh der Rabbi in jungen Jahren gelebt und gelehrt hatte, machte zuerst ebenfalls Anspruch auf die heiligen Ueberreste des Gaons. Unter Berücksichtigung der- Umstände, besonders der vielen Grenzen, wo der Zinksarg geöffnet werden müßte, beschloß das Wa rschauer Rabbinat, der Beisetzung in Wien, beizustimmen. Sofort traf man: in Wien alle Vorbereitungen für die Bestattung für Freitag' morgen. Da schaltete sich plötzlich D winsrk, ein». Der dortige; Vorstand teilte im Namen: der gesamten Gemeindemit, daß sie unter keinen- Umständen darauf verzichten wollen, dem R'abki, derein halbes Jahrmrndert die Gemeinde geführt hat, die letzte Ruhestätte zu bieten. „Und wenn wir im Flugzeug kommen müßten und die heiligen Gebeine holen," hieß es in. einer der Depeschen. Als man 'die DSwonsfeer auf die unermeßlichen Kosten aufmerksam machte, gaben sie zur Antwort, daß sie die Kosten nicht scheuten. Die Aermsten der Armen erklärten sich bereit, ihr Letztes herzugeben, um den taten Rabbi bei sich zu haben. So gingen die Verhandlungen hin und her. Dwinsk gab nicht nach, und so konnte, da dazwischen Sabbat war, die Ueberfünrung erst nach Sabbatausgang stattfinden. Riga, 13. März. Sonntag um t Uhr Mittag kam der Wagen in Warschau an, wo Zehntausende den Rabbi auf der letzten Fahrt erwarteten. Delegationen aus Wien, darunter auch ein Vertreter der dortigen Agudas Jisroel, fuhren im Nebenwagen mit. Von einer Trauerkundgebung wurde mit Rücksicht auf Purim abgesehen, nur Rabbi R osner im Namen des Warschauer Rabbinates sprach einige Worte, worauf die tausendköpfige Menge anfing, laut Tillim zu rezitieren. Ein großes Polizeiaufgebot hielt die Ordnung aufrecht und! sicherte die Trauerversammlung vor Belästigungen. Die Beisetzung fand in Dwinsk (Dünaburg) am Montag mittag statt. Schon in aller Frühe waren die jüdischen Straßen der Stadt schwarz von Menschen. Jeder Zug brachte neue Gäste und Delegationen, die zum Teil aus weiter Ferne hierhereilten. U. a. sah man Vertreter der Jeschiwoh in T e 1 s c h i , S 1 ab o d k o und Mir. Sämtliche jüdischen Soldaten der in der Stadt stationierten Garnison waren an dem Tage 'dienstfrei und ordneten sich in einer Formation, so 'daß der Trauerzug sogar etwas wie militärisches Gepräge bekam. Dreihundert junge jüdische Menschen( wirkten als Ordner, so daß die reguläre Polizei wenig zu tun bekam. Aus allen Richtungen kamen Montag früh Extrazüge in Dwinsk an, da

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