Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- :t«i - Seite 6 Nr. 12 VII. Thora und Mussar. Warum aber „Thora- und Mussarbewegung"? Die Motive, die den Frankfurter Raw bestimmten, der von ihm initiierten Bewegung diesen Doppelnamen beizulegen, sind leicht zu durchschauen. Die Geschichte des Mussar sowohl wie die besondere geistige Situation in Deutschland rechtfertigen und erklären die Wahl dieser Bezeichnung, obgleich damit zwei nicht ganz gleichartige Begriffe koordiniert werden. Es hat in der Entwicklung der litauischen Mussarbewegung Momente gegeben, in denen von rabbinischer Seite die Befürchtung geäußert wurde, es könne durch die intensive Pflege des Mussar und grade durch seine auch für starke Intellekte anziehend wirkende Vertiefung, der Ernst der ausschließlichen Hingabe an das ,,Lernen", das ja den ganzen Menschen fordert, Not leiden. Das war eine vorübergehende Erscheinung, weil letzten Endes die ganze Bewegung in den Händen der Jischiwo-Häupter konzentriert blieb und dies*, schon für das Gleichgewicht der seelischer: Beanspruchung sorgten. Aber die geschichtliche Tatsache zeigt, daß es wohlgetan ist, die Untrennbarkeit aller Mussar-Strebungen von dem allumfassenden Mutterboden des „Lernens" von vornherein schon in der Prägung der Ausgangs-Parole festzulegen. Für Deutschland bezw. den Westen überhaupt kommt noch das weitere Moment hinzu, daß es -sündhaft wäre, die g'ttlob in den letzten 20 Jahren aus einem hundertjährigen Winterschlaf wiedererwachte Liebe der Jugend zur alten Thora, zum „Lernen" alten Schlages überhaupt irgendwie — auch nur scheinbar — abzulenken und diesem Lernbetrieb, der ja doch immer noch ein schüchtern aus dem Boden zum Licht emporstrebendes Pflänzchen ist, den Anschein einer Konkurrenz zu bereiten. Darum muß das Losungswort lauten: Kein Mussar ohne voraufgehende Tauroh — aber auch keine Tauroh ohne M u s s a r. Es war vielleicht eine der mannigfachen Ursachen, die die Birnbaum'sche Aulim-Bewegung zu keiner rechten Blüte kommen ließen, daß sie allzuwenig im Taurohlernen wurzelte und dadurch des stetigen Kraftzustroms im einzelnen entbehrte. Das Heil liegt auch hier — genau wie hinsichtlich der Beziehung der Mussarbewegung zur agudistischen Volksorganisation — in der gegenseitigen Durchdringung und Befruchtung. In der gegenseitigen. Denn auch das Lernen selbst bedarf des Mussar. Wer das n'aa min 'IST Vj? löXtf einmal beim Anblick des Lernens eines fiKTll mini ^VTX erlebt hat, mag es sich dabei auch um so nüchterne Dinge wie man ns miw iw oder nmnx pn *xn* gehandelt haben, der weiß, welch' aufrüttelnde, reinigende, die Seele durchleuchtende Mussarkraft in j e - dem ehrlichen Thoralernen selber stecken kann. Aber auch dieser Mussar des Lernens fliegt der Seele nicht von selber zu, sondern es muß mit Vorbedacht erzeugt, anerzogen, muß gewählt werden — D^Ba ninai —. wie nun einmal zwischen Gut und Böse ewig frei zu wählen ist. Nur auf den Schwingen der 'n nar?K und TJ fiXT' den xn,mKT ""STä 'in' erhebt sich auch die intellektualistische Betätigung des Lernens, gleichgültig auf welche Inhalte sie sich bezieht, zu den Höhen der fl-fias? empor und stellt nicht nur die objektive Erfüllung des ausgesprochenen G'tteswillens Da matl dar, sondern wird zum Wegbahner auch der höchsten subjektiven Sittlichkeit, (nvnj?)» vm. , Organisationsform. Fragt man nun, welche Formen für die Erweckung und Weiterentwicklung einer „Thora- Der Israelit und Mussarbewegiung" im Rahmen der Agudas Isroel in Betracht kommen, so darf - man sich natürlich keiner Täuschung darüber hingeben, daß der höchste und endgültige, dereinst erst von der Geschichte zu beurteilende Erfolg einer solchen Bewegung letzten Endes von der Persönlichkeit der führenden Menschen abhängen wird, in deren Herzen der ausgegebene Weckruf zünden und weiterwirken wird. Die zu organisierende Bewegung kann. nur das vorhandene allerdings überreiche Geistesgut ausmünzen, zum geistigen Gemeingut machen, auch zur Praxis des Mussar durch gesellschaftliche Maßnahmen anregen — aber daß an dieses historisch Gegebene nun eine neue, als relativ original zu bezeichnende Geistesbewegung östlicher oder westlicher Prägung anknüpft, das hängt von der Vorsehung ab und ihrem geheimnisvollen Werk der Persönlichkeitsschöpfung. Stellen wir also di es en Ehrgeiz, so wie es auch der Initiator der Bewegung mit vollem Bewußtsein getan hat, einstweilen zurück und bemühen uns einfach, das Werk der Mussar-Größen der Vergangenheit (und Gegenwart) mit organisatorischen Mitteln für die jüdische Volkserziehung im Rahmen der Agudas Isroel nutzbar zu machen. Dabei können die besonderen Verhältnisse in jedem Lande, insbesondere die Verschiedenheit der geistigen Atmosphäre in Ost und West, natürlich nicht unberücksichtigt bleiben. Vielleicht ist auch im Osten auf Grund des oben bereits erwähnten Sendschreibens des Gerrer Rabbi, das allerdings nur ein Teilgebiet des mussarbedürftigen jüdischen Lebens herausgreift, die Zeit für eine neue systematische Mussarbewegung gekommen und die n'axy na^tPH'die die agudistische Zeiirim-Organisation in Polen seit langem lebhaft beschäftigt, kann leicht zu einer Mussarbewegung — auch für die Alten — ausgestaltet werden. Hier beschränke ich mich auf den skizzenhaften Vorschlag eines für Deutschland bestimmten Organisationsentwurfs, der Uebersicht- Ixchkeit halber, in Paragraphenform. THORA- UND M U SS A RK REISE hoiai nun "»am) der deutschen „Agudas Isroel" § 1. In allen größeren Ortsgruppen der deutschen Agudas "Jisroel werden Thora- und Mussar-Kreise (imai min 'ain) ins Leben gerufen. § 2. Aufgabe der Thora- und Mussar-Kreise ist a) Die Gewinnung der Mitglieder der Qrts- . gruppen und der Agudo-Jugend für ein intensives Studium und eine; p r a k t i s c h e Betätigung der Gedankenwelt des jüdischen Mussar, wie sie von Rabbenu Bechaj, Rabbi Mosche Chajim Luzzätto, Rabbi Jisroel Salanter und seiinen Schülern, Chofez Chajim und anderen ausgebaut.worden ist. b) Die Heranziehung weiterer Kreise der deutschen Judenheit, auch derjenigen, die der Agudo fernstehen, zur Betätigung im;; Rahmen der Thora- und Mussarbewegung. , § 3. ■/ Jeder örtliche Thora- und Mussar-Kreis wird von einem fünf- bis n eingliedrigen Führungsausschuß geleitet, dem der Regel nach;der Vor- , sitzende der Ortsgruppe, womöglich der zuständige orthodoxe Rabbiner sowie vier weitere, Mitglieder der Ortsgruppe angehören. Drei wei- __19. März 1936 tere Mitglieder des Fülhrungsausschusses können anderen Kreisen entnommen werden, vorausgesetzt, daß sie nach ihrer persönlichen Lebensführung der Vorschrift des § 10 Abs. 1 des Normalstatuts für Agudo-Ortsgruppen in Deutschland Genüge leisten. § 4. Mitglieder der Thora- und Mussar-Kreise ("IDiai min "^in) können alle Juden und Jüdinnen werden, die sich verpflichten, an den Veranstaltungen nach Möglichkeit regelmäßig teilzunehmen und in der Gestaltung ihrer Lebensführung den Ratschlägen und Weisungen der Führung, soweit es ihnen irgend mög-* lieh ist, Rechnung zu tragen. § 5. Die Mitglieder der Thora- und Mussar-Kreise zahlen ©inen monatlichen Mindestbeitrag für die Zwecke der Bewegung. Die Beiträge werden vom Kassier der Ortsgruppe auf einem Sonderkonto verwaltet'. Soweit die Mitglieder der Thora- und Mussar-Kreise Mitglieder der Ortsgruppe oder der Jugendgruppe sind, können ihnen ihre Beiträge zur Hälfte auf ihren Ortsgruppenbezw, Jugendgruppen-Beitrag angerechnet werden. Juden und Jüdinnen, die die Thora- und Mussar-Bewegung finanziell fördern wollen, können einen frei zu vereinbarenden regelmäßigen Beitrag leisten, ohne die Verpflichtungen der Mitgliedschaft zu übernehmen. Außerdem werden Kapitalstiftungen für die Thora- und Mussar-Zwecke von den Ortsgruppen entgegengenommen, wobei diese sich verpflichten, die Erträgnisse dieser Stiftungen ausschließlich für die Zwecke der Thora- und Mussar-Bewegung zu verwenden. § 6. Zur zentralen Leitung der Thora- und Mussar- Bewegung bestellt die Landesorganisation einen aus 9 Personen bestehenden „zentralen Führungsausschuß der Thora- und Mussarbewegung", der vom Vorsitzenden der. Landesorganisation geleitet wird und dem mindestens drei weitere Mitglieder des Landesvorstandes sowie der zuständige orthodoxe Rabbiner angehören. Die Mitglieder des Führungsausschusses sollen durch Thorakunde und vorbildliche Lebensführung ausgezeichnet sein. Alle seine Mitglieder müssen, um eine laufende intensive Arbeit zu ermöglichen, am Sitze des Vororts Vorstandes der Landesorganisation oder in seiner nächsten Nähe ihren Wohnsitz haben. Der zentrale Führungsausschuß der Thora-: und Mussarbewegung stellt das Arbeits- und Lehrprogramm der Thora- und Mussar-Kreise in seinen Grundzügen fest und bat die Aufgabe, die praktische Tätigkeit der Thora- und Mussar- Kreise in den Ortsgruppen laufend anzuregen undzu überwachen. Die Feststellung des Lehrprogramms erfolgt unter Fühlungnahme mit dem rabbinischen Landesrate der Agudas Jisroel. Der Führungsausschuß hat insbesondere für die möglichst vollständige Beschaffung aller wertvollen Werke der Mussarliiteratur in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren zu sorgen. Sobald die finanziellen Mittel es gestatten, soll der zentrale Führungsausschuß eine geeignete Persönlichkeit als Generalsekretär der Thora- und Mussar-Bewegung bestellen, dessen Aufgabe es ist, selber eine intensive Lehrtätigkeit zu entfalten und durch ständigen Besuch .der einzelnen Thora- und Mussar-Kreise im Lande deren Arbeit zu befruchten ' und lebendig zu erhalten. Für die geistige Befruchtung der Thora- und Mussarbewegung sollen nach Möglichkeit (hervorragende Kräfte aus den großen, Jeschiwos gewonnen werden. ' .- § 7. .. Der zentrale Führungsausschuß der Thora- und Müssar-Bewegung soll einen Kreis geeigneter Persönlichkeiten für die literarische Propa-