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Der Israelit · 1936-03-19 · Heft 12 (19.3.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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19, März 1936 Der Israelit Nr. 12 Seite 5 Wir sind alle miteinander in solidarischer Gesamtbürgschaft verbunden, und wir haben schon deshalb nicht das Recht auf kühle, selbstgerechte Ablehnung des Mussar-Schöfac- Rufes der Zeitgeschichte. Aber es liegt dazu auch bei rationaler Würdigung der Gesamtsituation kein berechtigter Grund für die gesetzestreue Judenheitvor. 'Es bedarf nicht erst des Hinweises auf Nathan Birnbaums fortgesetzte Kritik an dem sittlich-religiösen Lebensstandard der gesetzestreuen Judenheit, der westlichen wie der östlichen, um uns selber darüber zu belehren, daß es grade der Mussar ist — in jenem weiten und doch so klar umrissenen Sinne, wie ihn uns die gesahichtliche Betrachtung lehrte —, gerade der Mussar, der uns vielfach fehlt oder nur in kümmerlicher Bagatellisierung vor äußerer, gefühlsarmer, mechanisierter oder einseitig orientierter Legalität zurücktritt. .Mussar und Thora im Derech Erez. Davor schützt auch ,,Thora im Derech Erez" nicht, wenn man schon dieses — an sich auf einer ganz anderen Ebene liegende — Schlagwort in die Mussardebatte hineinwerfen will. Versteht man darunter sogar ausschließlich den tiefsten idealen Sinn dieser Devise, die Einschmelzung der ganzen wissenschaftlichen, ästhetischen, technischen Kultur der Zeit in die beherrschende Einheit einer reinen Thoraikultur — wie es das Ideal S. R. Hirschs V'JIT, war —. so würden die diesem Ideal am nächsten gekommenen Persönlichkeiten dennocih der intensivsten Mussar-Erziehung bedürfen, um nicht das Opfer einer einseitig intellektualistischen Geistesbetätigung zu werden. Denn gerade das Thora im Derech-Erez-Ideal erfordert derart konzentrierte geistige Auseinandersetzung zwischen jüdischen und außerjüdischen Werten über die ganze Breite der Kultur hinweg, daß diese Auseinandersetzung gar zu leicht schwere Narben in der Seele hinterläßt und daß sie überhaupt nur im Feuer der glutvollst ßn i die G'ttesfurcht und die G'ttes liebe aufs höchste steigernden Gefühls-Religiösität zur geistigen Harmonie führen kann. Und wenn diese Klippe umschifft ist, kann — ohne den Einfluß einer Mussarbewegung — das Thora im Derech-Erez-Schifflein des weiteren daran scheitern oder in bedenklichem Mäße leck werden, daß grade durch Derech Erez der Blick von innen nach außen, von der Seele auf die Welt viel zu stark abgelenkt wird, daß die nnifl' die unentbehrlichen Charaktereigenschaften des jüdischen Individuums, insbesondere Selbstkritik, Demut, mrJK' Ehrfurcht vor der sich selbst genügenden Tauroh und ihren Trägern, leicht aufs schwerste notleiden — und daß dann unter den Triumphgesängen des selbstbewußten Intellekts die stille Flamme der jüdischen Charakter große erlischt, die nur vom Oele des Mussar genährt werden kann. Niemand war sich dieser beiden Tatsachen so sehr bewußt, wie Rabbiner Hirsch V^T» Ueberall bricht bei ihm, bei allem Rationalismus der Interpretation, die Glut des gewaltigsten rein religiösen Gefühles durch — eine der Ursachen für die oft bekrittelte Undurchsichtigkeit, besser für die die Form sprengende Wucht seines Stiles —, und niemand, der je seinen Tehillim-Kommentar studiert hat, wird bestreiten können, daß hier die köstlichsten Scihätze echten jüdischen Mussar-Geistes in der Form anspruchsloser kommentierender Objektivität niedergelegt sind. Aber es bedeutet eben so wenig eine Minderbewertung Rabbiner Hirschs b"?,!' wenn man wahrheitsgemäß zugibt, daß durch ,,Thora im Derech Erez" und durch die intensivste Pflege des unsterblichen Hirsch'sohen Geistes ' eine M u s s a r b e w e g u n g niclht überflüssig wird, wie etwa Rabbi Ißroel Salanter V"5JT und alle seine Schüler sich einer Herabsetzung vn des Wilnaer Gaons y^pist schuldig machten, als sie mit ihrem Mussar programm, von dem der Gaon noch nichts wußte, hervortraten und damit sozusagen über den Wilnaer Gaon ,,hinausgingen". Auch die geistigen Führer u n s r e s Ttt OirP 'haben, wenn sie es ehrlich Q'Qip DE^ mei nen, das Recht und die Pflicht, ihr irPll Dlj?!3 zu sprechen, ohne auf den ewigen Einwand zu achten, es sei schon alles Denkenswerte vorge dacht und alles Vorauszuschauende vorausgeschaut worden. VI Mussar und „Agudas Jisroel". Es liegt, wie wir glauben, eine ganz besondere Veranlassung für die ,,A g u d a s I s r o e 1" als Organisation des thonatreuen jüdischen Volkes vor, sich der Mussarbewegung, wie sie vom Vorsitzenden der deutschen Landesorganisation (schon ehe er dieser Würde teilhaft wurde) propagiert ward, anzunehmen und sie in ihrem, im agud istischen Rahmen sich entfalten zu lassen. zurichten. Der überwiegende Teil der Zeit wird dem Gemorolilernen gewidmet. Hauptsciiiur: Baba Kama. Nebenischdur: Beza. Daneben regelmäßig als erster Morgenschiur: Chumisch mit Erklärern. Mehrmals in der Woche Dinim-Schuir, ebenso T'nach-Schuir. Einige Spätnachmittagsstunden sind der Erweiterung der Iwrith- und fremdsprachlichen Kenntnisse gewidmet. Für auswärtige Bachurim, die hinzukamen, ist in Privatpensionen für vorzügliche Kost und Unterbringung gesorgt. Es wurden in diesem Jahre im Hauptsciiiur 25 Blatt, in der Regel mit flisoin und anderen Erklärern, im Nebenschiur etwa das gleiche Pensum und noch einige Sugioth durchgearbeitet. Die wöchentlich stattfindenden Verhöre haben ■sich besonders bewährt und bilden eine wesentliche Stütze zur Erleichterung des am Schlüsse eines jeden S'man stattfindenden großen Verhörs. Die Jeschiwoh steht unter Leitung des Dajon, Rabbi K iu n s t a d t. Es wirken an ihr auch die übrigen hier tätigen Thoragelehrten mit. Im letzten S'man hat auch der Marburger Raw, der sich seit einiger Zeit zu Besuch hier aufhielt, wesentlich an der Jeschiwoh mitgewirkt. In welch günstigem Sinne die Jeschiwoh auf die Zöglinge einwirkte, zeigt sich in der Tatsache, daß die meisten von dem Wunsche (beseelt sind, noch ein zweites Jahr auf 'ihr -weiter zu lernen. Die erfreuliche Entwicklung unseres Projektes., zeigt, daß hier ein Weg beschritten wurde, der auch in anderen Gemeinden, in denen bisher keine Jeschiwoh besteht, nachgeahmt werden sollte. (Wieviele Juden leben in Oesterreich?) Das Matrikelamt der Wiener Kultusgemeinde veröffentlicht für das Jahr 1935 Statistische Ziffern über die Bevölkerungsbewegung der Juden in Wien. Die Zahl der Juden im ganzen Bundesgebiet beträgt 191.458 Personen, davon in Wien 176.034. Im Jahre 1935 betrug die Anzahl der Geburten 735, denen 2815 Sterbefälle gegenüberstehen. Eingetreten sind 369, ausgetreten 500 Personen. Vom Jahre 1923 bis inkl. 1933 ergibt sieh bei der jüdischen Bevölkerung in Wien, errechnet aus der Differenz zwischen dem Zuwachs und dem Abgang (Geburten, Eintritte, Sterbefälle, Austritte), ein natürlicher Abgang von 18.012 Seelen. Diese Ziffer erhöht sich mit Schluß des Jahres 1935 auf 22.078. Wochenkalender. Vom 21. — 28. März 1936 / Vom 27. Adar bis 5. Nissan 5696 >»1' *P Samstag 21 Tltt 27 pnnao IV Sonntag 22 28 n? Montag 23 29 w Dienstag März 24 |0'3 1 Tff Mittwoch 25 2 TO Donnerstag 26 3 vy Freitag 27 4 s Samstag 28 5 KS ttnftn runs 'Tips Vnp'i snfin "pa-an Mauled: Montag früh 3 Uhr 208/» Minuten ]vp naa 01» ann vm S-Ii?'! „Agudas Isroel" braucht den Mussar ebenso dringend zu ihrer Selbstentfaltung und inneren Vollendung wie umgekehrt nur die feste Verwurzelung im agudistischen Boden eine moderne Mussarbewegung vor Abwegen und lebensgefährlichen Einseitigkeiten schützen kann. Wir haben früher versucht, den Nachweis zu führen,*) daß in der überlieferten jüdischen Ethik, solange sie von jedem außerjüdischen Einfluß frei bleibt, neben dem Grundmotiv des Gesetzesgehorsams im Sinne des kategorischen Imperativs, zwei gleichberechtigte Zweckvorstellungen alles Handeln begleiten s o ll e n , sofern dieses Handeln sittlich im höchsten, vollendeten Sinne soll genannt werden können. Diese beiden Zweckvorstellungen sind in den die ganze jüdische Weltanschauung bestimmenden Begriffen wnp und niedergelegt; der erste bewegt sich auf der Linie der ganz nach innen gerichteten, die Seele durchleuchtenden individuellen Wesensheiligung, der zweite auf der Linie der Realisierung der G'tteszwecke durch menschliche Tat draußen in der Welt, im Verlaufe und in der Beeirdlussuiig der Geschichte. Die unlösbare Verflochtenheit dieser beiden ethischen Zwifckvorstellungen haben wir, insbesondere an dtür zweiten angeführten Stelle, darzulegen versucht. Die einseitige Konzentrierung auf eine »wnj?- Sittlichkeit" (um den Ausdruck schlagwortartig zu gebrauchen) führt leicht zu einem in Gefühle oder aber in intellektuelle Weitabgewandtheit sich einspinnenden verfeinerten Egoismus mit dem üblichen Horror vor der Politik, also geradezu zur Verleugnung der totalen jüdischen Ethik. Die einseitige Konzentrierung auf eine/^vn- Sittlichkeit", die die Herrschaft G'ttes und seiner Thora im öffentlichen Leben, das ""'a «pni inunpJI nicht bloß durch Gebet, Kaddisch- Sagen, Lernen und individuelle iMizwos-Erfüllung, sondern mit dem Einsatz des politisch organisierten Gesamtwollens erzwingen will, führt ebenso leicht zur Verwilderung der Individualsittlichkeit, zur Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel um der Realisierung heiliger Zwecke willen oder zur Aushöhlung und Mechanisierung der individuellen religiösen Pflichterfüllung, also letzten Endes ebenfalls zur Verleugnung der totalen jüdischen Ethik. In der gegenseitigen Durchdringung beider Prinzipien, bei der jedes zuseinem vollen Rechte kommt, liegt die Aufgabe der Einzelerziehung wie der Volks er ziehung. Diese gegenseitige Durchdringung wird aber am besten auf dem Boden der Agudas Jisroel gesichert; dort und nur dort sorgt der weitgespannte Rahmen der taurohpolitischen Wiederauferstehung der geschichtlichen jüdischen Nation dafür, daß der Mussar nicht zum verfeinerten Selbstgenuß, nicht zur Weltfremdheit führt, daß beispielsweise das Streben nach einem der höchsten Mussarziele, dem nansi "pöD *]5nS sich nicht im phiiiströs-kleinibürger- Hchen Ghewrogeist erschöpft, sondern zugleich zur wahrhaftigen nationalen Einheit der historisch geschiedenen Volksgruppen im Denken, Fühlen und Wollen führt. Und umgekehrt erlangt alles äußere Wirken und Schaffen für die politischen, wirtschaftlichen, finanziellen Bedürfnisse des aus tausend Wunden blutenden Körpers der Thoranation erst durch die tägliche Einwirkung des Mussangeistes seine innere Wardeiung und seine wahre ethische Würde. „Agudas Isroel" und Mussarbewegung sind also aufeinander angewiesen und füreinander geschaffen; getrennt von einander müssen sie beide verkümmern oder laufen Gefahr, der immanenten Tendenz zur Uebertredbung und Vereinseitigung, die jedesmal zur Sünde führt, zum Opfer zu fallen. *) Siehe „Aphorismen zur Grundlegung der jüd. Ethik", Ohole Jaakauw Bd. I Seite 29 — 40.

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