Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-03-19 · Heft 12 (19.3.1936) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450921--81986-2539894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 12 Der Israelit 19. März 1936 risoher Kraft den Mussar-Geist über die ganze Breite des seelischen und des gesellschaftlichen Lebens auszugießen und ihm so eine ungeahnte (Mannigfaltigkeit der Anwendungsmöglichkeiten abzugewinnen. Weniger noch als Rabbenu Bechaj und Mosche Chajim Luzzatto fiel es Rabbi Ißroel Salanter ein, die Priorität des eigentlichen Lernens, die umfassende Vorherrschaft der Halacha im Gesamtbereiche des n^Vl D»Y> in D^Hl irgendwie in Frage zu stellen, und dennoch scheute er sich nicht, die Forderung des „Limmud harn u s s a r " als eines selbständigen, daseinsberechtigten Zweiges jüdischer Geistesbetätigung für den Talmid Ghochom sowohl wie für die Massen der Volksgesamtheit mit größter Vehemenz z;U verkünden und diese Forderung zur Parole einer organisierten Bewegung zu erheben. Sein Mussar hat drei charakteristische Züge, die hier nur flüchtig, soweit es der Zusammenhang mit den vorangegangenen Ausführungen und mit unsren späteren Schlußfolgerungen erfordert, hervorgehoben werden können. Er trägt vor allem etwas von der herben Strenge des Mussar-Urbegriffs an sich und sucht die Eingangspforte zur Welt . des Gefühls durch Erschütterung der leichtsinnigen Alltags- Sicherheit des Durchschnittsmenschen, auch des orthodoxen Alltagsjuden, durch Weckung der Furcht vor der Verantwortung, der tpjyn ftNT' die nur allmählich über die Liebe hinweg zur moülin nNV führt, zu entriegeln. Er verlangt darum von vornherein ein Mussar - Lernen mVysrini' in „Erregung", eine besonders hergerichtete isolierende Umgebung dafür und besondere ästhetische Bedingungen zur Schaffung dieser Gefühls-Atmosphäre. Haben tTÖTP riKT» und 'Ji niflK' echte Furcht- und Liebesgefühle vor dem g'ttlichen Wesen, den Gesamtbereich des religiösen wie des profanen Handelns (eine Scheidewand zwischen beiden ist nicht anzuerkennen) aufgelockert und durch-. glüht, dann beginnt das zweite: die detaillierte Durchforschung des ganzen Innenlebens, um den tausendfachen Schlichen des Jezer hora nachzuspüren, denen selbst die intellektuell am höchsten Stehenden, die Gelehrten wie die Ungelehrten, die Männer stärkster Willensenergie und höchster Leistungskraft um so sicherer zum Opfer fallen, je selbstgewisser sie sich gegen alle Anfechtung gefeit glauben. Und endlich das dritte: die Versittlichung vor allem des sozialen Lebens, die durchdachte Anwendung des Buchstabens wie des Geistes des G'ttesgesetzes auf die tausendfältigen geschäftlichen Beziehungen, in denen normaler Weise, ohne die erzieherische Kraft des Mussar, das egoistische Interesse alle guten Vorsätze zurückdrängt, auf das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, auf die wohlanständige gesellschaftliche Bekrittelung und Bespöttelung des Nebenmenschen und all die vielfältigen Sitten und Gewohnheiten, die der Verwirklichung des bXTX bbl *]1Ö3 *\Vlb nafHtt mim und damit der nn^tf rftlM hindernd im Wege stehen. Rabbi Ißroel Salanter b"(?lXT und seine unmit telbaren Schüler hab'en Schule gemacht. Von den verschiedenen Lehrstätten des Ostens aus, von Slobodka, Keim, Mir, Telschi, Nowarodok u. a. ist eine reiche Farbenfülle von Mußar- Systemen, gegen einander durch eine Menge charakteristischer Eigenzüge nuanciert, ausgegangen und haben damit Zeugnis abgelegt für die lebendige Kraft immer neuen organischen Wachstums, die dem Mussar vermöge seiner Verwurzelung in den unerschöpflichen Quellen der ns Vjnw mim armw min innewohnt, und die. seine Zukunft im ganzen jüdischen Volk. auchaußerhalb seines Ursprungsmilieus, verbürg t. IV. Erneuerung des Mussar-Geistes. Brauchen wir in Deutschland, darüber hinaus in Westeuropa, ja vielleicht auch im 0 s t e n eine Mussarbewegung? Diese trage, die in Deutschland durch die Initiative des Frankfurter Raws, vorher schön durch den Versuch Nathan Birnbaums mit seiner Aulim-Bewegung und ganz neuerdings durch einen bedeutsamen Brief des Rabbi von Ger aus Erez Isroel (Dankenu) aufgerollt worden ist, scheint uns bei aufmerksamer Würdigung des historischen Rückblickes, den wir hier gegeben haben, generell eigentlich schon beantwortet. Eine Mussarbewegung braucht das jüdische Volk, solange es nicht am Ziele seiner sittlichen Bestimmung angekommen ist, immer und überall. Wir wollen nicht klüger sein als Rabbenu Bechaj, Mosche Chajim Luzzatto und Rabbi Ißroel Salanter, die mit dem Wahne endgültig aufgeräumt haben, das „Sittliche verstehe sich von selbst" und sein Sieg über die Kräfte des Bösen könne so nebenher, obne bewußten und organisierten. Kampf, durch einen gewohnheitsmäßigen, halb mechanisierten Traditionalismus oder beim Lernen bloß durch die Kräfte des Intellekts, .gesichert werden. Aber trotz dieses „ i m m e r und überall", gibt es doch auch besondere Motive, die für das Hier und Heute, mit dem sich der Delegiertentag der deutschen Agiudo in seiner Diskussion über „Thora und Mussar" zu befassen hatte, von ausschlaggebender Bedeutung sind. Wenn die thoratreue deutsche Judenheit in dem Erleben der letzten Jahre lediglich das Walten blinder geschichtlicher Kräfte erblicken wollte, so würde sie sich erneut jenes Kapitalverbrechens schuldig machen, das in den g'ttlichen Strafverkündigungen mit 13^Jn "Hpl 'tttt gekennzeichnet ist, und das allen Zugang zu einer religiösen Erneuerung versperrt. Die ganze Folge dieser Erlebnisse — von dem ersten Boykott-Sabbat an bis zu der erzwungenen Massenalija nach Erez Isroel — zeigt einen so offensichtlichen Pragmatismus providentiell gelenkten geschichtlichen Geschehens, daß man taub sein muß, um darin nicht den gewaltigsten Schofarruf des G'ttes Israels an sein dem Untergang nahes Volk zu hören. Der S c h o f a r aber hat immer zum „ Mussar" im buchstäblichen, biblischen Sinne gerufen — DnjrnEH 12Xn OK! —, und es ist nur die logisch zwingende Deutung dieses Sohofarrufs der Geschichte, die der berufene geistige Führer der größten orthodoxen Gemeinde Deutschlands ausspricht, wenn er. zur bewußten Einleitung einer Mussarb ewe-gung., zunächst in dem ihm nächststehenden, agudistischen Kreise auffordert. Mag sein, daß, bei oberflächlicher Betrachtung, diejenigen, die sich prinzipiell gesetzestreu nennen dürfen, die das gewaltige wirtschaftliche Opfer der gewissenhaften Sabbatbeobachtung brachten, die auch bisher schon keine nichtjüdisohen Gaststätten aufgesucht, keinen irgendwie gearteten Umgang mit Nichtjüdinnen gesucht, keine Mischehen geschlossen und keinerlei führenden Einfluß auf die Gestaltung der Umwelt- Kultur erstrebt, ja sogar deren Elemente nur mit größter Vorsicht ihrer eigenen jüdischen Kultur zu assimilieren sich bemühten — mag sein, daß diese gesetzestreuen Kreise mit einem Schein von Recht von sich behaupten könnten, die Zeitereignisse hätten innen keine zurechtweisenden Offenbarungen zu bringen. Es seien lediglich die anderen, die liberalen und zionistischen Kultur-Assimilanten, die sich an. die Brust zu schlagen hätten. Einer tieferen Betrachtung, im Lichte der Thora-Ueberlieferung, hält ein derartiger Gedankengang nicht stand. Sidra-Anleitung für die Esra-Pirche Agudas JisroeL mp'i. Voraussetzung zur Behandlung dieser und der folgenden Sidroth ist eine allgemeine Einleitung über das Opfer, sein Wesen und seine Bedeutung. (Die zugänglichsten Quellen zur Information werden Hirsch, Dr. Hoffmann „Leviticus" und die verschiedenen Mephorschim zu den einzelnen Opfern sein.) Als Methode der Behandlung wäre etwa folgende denkbar: Zwecks klarer Herausstellung des Wesens unseres Opfers gehen wir vom Opfer der anderen Völker und zwar am besten vom historischen Gesichtspunkt aus. Im Wesentlichen ist bei ihnen das Opfer eine Folge der Furcht oder des überströmenden Glücksgefühls, der Bitte oder des Dankes, oft gebunden an bestimmte Zeiten und Gelegenheiten, die den Anstoß geben, wie Z. B. Neumond (der auch bei uns früher eine größere Rolle spielte) und Sonnwende, Allmählich, bildet sich eine organisierte Priesterschaft heraus und als. Folge davon ein fester Ritus. Es sind also zwei Faktoren, die das Opfer der anderen Völker in der Hauptsache ergeben: 'die Gemütsbewegung und der von der Priesterschaft oft auch mit Rücksicht auf das eigene Interesse eingerichtete Ritus. Bei uns dagegen hat es gleich von Beginn der Volksgeschichte (Sinai) an zwei Gruppen des Opfers .gegeben: Die von G'tt bestimmten, in Art und Zeit festgelegten nunp und die Opfer, die aus der Gemütsbewegung heraus dargebracht werden. Besonders hervorzuheben sind die Opfer, die für ein Vergehen gegen das Gesetz dargebracht werden, da sie ihrem Wesen nach keine Parallele haben. Hervorzuheben ist ferner auch die absolute Unabhängigkeit von der Priesterschaft im Gegensatz zu den anderen Völkern. Die Bedeutung der aus der Gemütsbewegung heraus dargebrachten Opfer ist selbstverständlich. Die Bedeutung der festgelegten Opfer erschöpft sich, soweit sie rational erfaßbar sind, in Gesichtspunkten, wie: Gefühl der ständigen Verbundenheit und Verpflichtung zu G'tt z B. (ran), der geschichtlichen verpflichtenden Abhängigkeit (z. B. noa), der gerichtlichen Abhängigkeit (nsün -DP« z. B.). der wirtschaftlichen Abhängigkeit (z. B, o'TDn)- Es lassen sich bei näherer Untersuchung noch mehrere solche Gesichtspunkte für die Bedeutung des Opfers finden. Der Inhalt der heutigen Sidrah liefert dazu noch viele wertvolle Gedanken, wie fiV'yn «mz?. Haben Juden sich erwählet Für den Schöpfer, der Dich schuf. Durch ein Jahr Du mit uns reisest Und den dunklen Weg uns weisest, Stummer, bleicher Segensquell. Doch bei Deinem Neubeginnen Wir uns auf Sein Licht besinnen, Daß das All erleuchtet hell. Käthe Kaufmann. Kleines Feuilleton. Neumond« Mond, Du blickest auf die Erde, Und der Menschheit „stirb und werde" 'Scheu zum Himmel schwebt als Ruf. Monate, nach Dir gezählet, Ein Jahr Jeschiwa in Fulda. Nachdem nun das erste Jahr der hier eröffneten Jeschiwoh sich seinem Ende zuneigt, ist ein Rückblick gestattet. Es war ein glücklicher Gedanke, den Ort, an dem so manche Gedaulim, deren Ruf in die1 Welt hinaus drang, gewirkt haben, zu erwählen, um das Projekt einer Jeschiwo K'tannoh zu erproben. Das Beth Hamidrasch, die 'Lieblingsschöpfung des verewigten Fuldaer Raw, Michael Cahn das er nach dem oVw dem V*st epw a~-intt nannte, und das er mit einer reichhaltigen Bibliothek ausgestattet hat, bot den geeigneten äußeren Rahmen. Hier sollten die Manen eines m^is» lrr^s um u. v. a. wieder zu neuem Leben erweckt werden. Aus der Notwendigkeit heraus, einer Reihe von Schülern, die mit 14 Jahren die höhere Schule verlassen hatten und deren bisheriges Taurohlermen und sonstige Vorbildung nicht plötzlichen Abbruch erfahren sollte unter den Augen der Eltern noch weiter geistig und sittlich zu betreuen und zu stärken, entstand der Plan, eine Jeschiwoh für 14jährige ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.