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Der Israelit · 1936-03-19 · Heft 12 (19.3.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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19. März 1936 Der Israelit Nr. 12 Seite 3 Die „Thora- und Mussar"-Bewegung. (Fortsetzung von Seite 1.) H. Was bedeutet „Mussar"? Der Begriff „Mussar" hat, wie alle derartige Wortbildungen, im Laufe der jüdischen Geschichte einen vielfachen Bedeutungswandel erfahren; er ist heute nicht mehr ZU trennen von all den 'begrifflichen Nuancierungen, die ihm die Geschichte des Thorageistes in Israel aufgeprägt hat. Dennoch schwingt die Urbedeutung des Wortes — Zucht, Züchtigung, U n - lustge fühle bereitende Einwirkung — in allen diesen historisch bedingten Sinngebungen mehr oder minder mit und knüpft den Begriff in unlösbarer Einheit mit all den wuchtigen biblischen Stellen zusammen, in denen das planmäßige erzieherische Einwirken der Vorsehung auf Volk und Individuu m als f'p^N 7! 101» bezeichnet oder in denen — wie in "^Wa — neben der theoretischen Thora- und Welt-Weisheit, der flösri' 'der "icna als die ethische Formung und Durch, seelung des Einzelmenschen, als Höheziel der jüdischen Erziehung gefeiert wird. Daß solche ethische Erziehung nicht ohne Erzeugung von Unlustgefühlen durchzuführen ist, liegt an der konstitutiven Grundtatsache des Jezer höra, der sinnlichen Natur des Menschenwesens, der sich als reizender oder niederhaltender Faktor gegen die ausschließliche Führung durch sittliche Willensdiktate auflehnen muß, und der daher nur an mehr oder minder schmerzhafter Anstrengung überwunden werden kann; Hier, liegt die ewige Sinnverwandtschaft zwischen "lOia als Züchtigung und Ida als S i 11 I i c h k e i t begründet; verstärkt wird sie durch die weitere Tatsache, daß häufig erst äußere L e i d e n s g e s c h i c k e den Schleier zu zerreißen vermögen, der dem vom Jezer hora — oft in feinster Sublimierung — beherrschten Durchschnittsmenschen idie schonungslose Selbsterkenntnis und die Loslösung vom vergänglichen Schein — beides Voraussetzungen aller wahren Sittlichkeit — unmöglich macht. Aus der Verwandtschaft mit der Urbedeutung ist aber dem Mussar-Begriff in seiner historischen Weiterentwicklung noch ein weiteres, allgemeineres Merkmal als Erbschaft verblieben: seine Verwurzelung im lebendigen G efühl, Mussar-Frömmigkeit in Abgrenzung gegen bloße äußere Legalität sowohl, als auch gegen die schon dm salomonischen Spruchbuch bewußt differenzierte theoretische Wissenschaft, insbesondere gegen den reinen Intellektualismus. Der Gezüchtigte, vom Leid Getroffene, zieht sich weinend in sich selbst zurück; er handelt nicht oind denkt nicht, aber er fühlt; die Selbstgerechtigkeit des seiner äußeren Pflichterfüllung bewußten Tatmenschen liegt ihm ebenso fern wie die Pedanterie des vertrockneten Pflichtmenschen oder der Forscher- und Finder-Stolz des Gelehrten. Daß hier auch Gefahrenmomente stecken, wenn der Gegensatz übe r's t e i g e r t und Mussar dadurch aus einer auflockernden, befruchtenden Quelle zum unregulierten Strom wird, liegt auf der Hand. III. Geschichtliche Entwicklung des „Mussar" Daß die Elemente .des Mussargeistes und der Mussarstimmung über die ganze Breite des b i b- 1 i s c h e n Schrifttums von der Thora, insbesondere von Irin '0 an, durch die Lebensarbeit der Propheten hindurch, der größten Mussarredner aller Zeiten, bis zum letzten Buch der O'aifD nachzuweisen sind, bedarf keiner Begründung. Im talmudischen Schrifttum liegen die kostbarsten Edelsteine einer an der G'tteslehre gereiften, den ganzen Reichtum des Lebens erfassenden und gestaltenden Mussargesinnung vor — im bunten Wechsel von Halacha und Agada, zerstreut und zersprengt, ohne systematische Gliederung, eine funkelnde Welt ethischen Rohmaterials, den nachfolgenden Geschlechtern, die unendliche, reichlich lohnende Geistesarbeit des Schleif ens und Gliederns-, des Fortentwickeins und Nachschaffens und Systematisierens hinterlassend. Dreimal ist^es dann, m der nacfatalmudischen Zeit, zu Höhepunkten einer speziell dem Mussar zugewandten Geistesrichtung und Geistesbewegung gekommen, jede natürlich ihre Eigenart und Zeitgebundenheit beweisend, aber jede auch mit Elementen der Ewigkeit ausgestattet. Wir denken dabei an Rabbenu Bechaj (Bachja ibn Pakuda) mit seinem niaa^n fliain und die an diesem klassischen Werk orientierte ausgedehnte Literatur; an Mose he Chajim Luzzatto und sein kleines, aber folgereiches Büchlein n^Oa und endlich an die große, von Rabbi Ißroel Salanter ^"Xt ausgehende eigentliche Mussar b e w e g u n g in ihrer reichen Verzweigung, ihrer starken gesellschaftlichen und literarischen Auswirkung über Länder, und Jahrzehnte hinweg bis zum heutigen Tag. Ueber die Mussarwelt des maa^H fiiaifT ist die ganze aristokratische Vornehmheit, wenn der Ausdruck gestattet ist, des philosophischen Ursprungs jeder weltanschaulich fundierten Ethik gebreitet. In die Ethik einbezogen ist hier alles, aber auch nur das, was nicht ganz und gar dem äußeren, auf praktische Zwecke gerichteten Tun angehört. Selbst wenn diese praktischen Zwecke im Dienste der sittlichen Weltordnung stehen, mag es sich um den Bau von Straßen, die Produktivierung des Erdbodens, die politische Organisation von Völkern oder um die halachisch den G'tteswillen verwirklichende Vollziehung von äußeren Mizwos (□'naxn main) handeln — sie bleiben außerhalb der Betrachtung, ohne darum in ihrer Bedeutung irgendwie unterschätzt zu werden. Aber interessiert ist der man^n mmn an dem Wie der Tat, dessen Wert je nach der Absolutheit der seelischen Hingabe steigt und sinkt, nicht oder nicht zuerst an ihrem Was. Weil dieses „Wie" nun psychologisch entscheidend bedingt ist von der Wahrheit und Gewißheit der Weltanschauung, von der Klarheit und Kraft des G'ttesbewußtseins, von der Fähigkeit, auch aus dem Ausblick auf Natur und Geschichte, erhöhte religiöse Stärke, gesteigerte Innigkeit der G'ttesliebe und G'ttesfurcht zu schöpfen, darum spielen in diesem klassischen Grundbuche des jüdischen Mussar die philosophisch-weltanschaulichen Voraussetzungen eine viel größere Rolle, als man erwarten sollte. Der mna^n miin war aber dennoch die erste providentielle Reaktion auf eine Zeitepoche, die — in den darauffolgenden vier Jahrhunderten allerdings, trotz manVn mmri' in erhöhtem Maße — die Wissenschaft und allmählich die ganze Kultur der nichtjüdischen Umwelt zum Selbstzweck zu erheben begann und inmitten steigenden Wohlstands und geistiger Weltverbundenheit auch im Innern des jüdischen Kreises die intellektuelle Größe über die sittliche zu stellen begann. Rabbenu Bechaj hat mit der Mussar-Note, die er anschlug, den Weg der Heilung im voraus gebahnt, vier Jahrhunderte, ehe die Katastrophe der spanisch-portugiesischen Judenaustreibung den Stab brach über die immer mehr fortschreitende VerWässerung des damals herrschenden „Thora im Derech-Erez"- Prinzips nach der „Derech Erez"-Seite hin. Die kulturgeschichtliche Situation, in der siebenhundert Jahre später Luzzattos □'»W n^OB erschien, weist starke Analogien mit derjenigen auf, die bei der geistigen Zeugung des main manVn eine entscheidende Rolle spielte. Aus dieser Aehnlichkeit der Zeitstimmung erklärt sich auch die merkwürdige Uebereinstimmung der beiden, um Jahrhunderte von einander getrennten Autoren in der Tendenz ihrer Einleitungen. Rabbenu Bechaj wie Mosche Chajim Luzzatto glauben sich nach allen Seiten entschuldigen zu müssen, daß sie es wagen, einer Zeit, die in Verfolgung wissenschaftlicher Interessen und Studien, ja im ernsten Studium des G'ttesgesetzes als höchster jüdischer Wissenschaft, vollkommen ihre Schuldigkeit getan zu haben glaubt, mit ihren Mussar-Zumutungen und Mussar-Predigten zu kommen und damit ihrer Selbstgerechtigkeit kritisch in den Weg zu treten. Wie in Spanien um die Wende des ersten Jahrtausends nach Beginn des Golus Edom war auch in den italienischen Universitätsstädten der Renaissancezeit der Anteil der jüdischen Jugend an dem Aufblühen der Wissenschaften und der Kultur überhaupt recht erheblich, und die jüdischen Studenten an der Universität Padua hätten ihrer Zahl und Bedeutung nach vor einer Berliner V. J .A.-Gruppe des zwanzigsten Jahrhunderts nicht zurückzustehen brauchen. Freilich hatte die Tendenz der draußen herrschenden philosophischen Gedankenrichtungen sich gründlich gewandelt. Rabbenu Bechaj konnte ruhigen Herzens, wie es vor ihm Rabbenu Saadja und nach ihm der Rambam getan hat, die ganze aristotelische und zum Teil neuplatonische Philosophie aus der arabischen Mitwelt übernehmen und in den weltanschaulichen Unterbau seiner jüdischen Mussarlehre hineinarbeiten. Denn diese Philosophie führte zum Theismus oder ordnete sioh ihm zwanglos ein. Luzzatto dagegen, der überdies seinem Büchlein Massenverbreitung sichern wollte, war zu einer so ausgiebigen philosophisch-wissenschaftlichen Fundamentierung seiner Ethik auch prinzipiell gar nicht mehr in der Lage — die Renaissance hatte die religiöse Sicherheit Europas allzusehr erschüttert, als daß europäische Wissenschaft noch die metaphysischen Voraussetzungen für eine ganz und gar jüdische Sittenlehre hätte liefern können. Die faktische Metaphysik, von der Luzzattos Lebensansohauung getragen wurde, war die der Kabbala — aber wenn wir davon nicht anderweitig wüßten, aus seinem ewig jungen Mussarbuch tPW> n^ÖÖ selbst kann es niemand erfahren, weder aus dem kurzen weltanschaulichen Präludium über die „Pflichtaufgabe des Menschen in der Welt", also über den Endzweck alles Tuns, noch aus den ganz und gar in der originalen, unsystematischen Lebensfülle des biblisch-talmudischen Schrifttums wurzelnden, und doch so sorgsam systematisierten Kapiteln seiner Lebensweisung selbst. Nichts als eine reine, unkomplizierte Emuno an die Ueber lief er ung ist die weltanschauliche Voraussetzung' seiner Ethik; und dennoch übertrifft die dynamische Kraft dieser luzzattinischen Ethik, die jedem Menschen den Weg einer kraftheischenden Höhenwanderung bis zur prophetischen G'ttesnähe hinauftreibt, weit überlegen der akademischen Ruhe und Wissenschaftlichkeit des maa^n mairT- Wenn es erlaubt ist, die nacheinander ans Licht der Geschichte getretenen hauptsächlichen drei Mussar-Richtungen nach den Dimensionen des Raumes zu charakterisieren, so darf auf den Mussar des maa^n riain und seiner Schule gesagt werden, daß er in die Tiefe der Welt- und Lebeinsvoraussetzungen hinabschürft, auf den Luzzattos, daß er mit ungeheurer Wucht zur Höhe vorstößt, zur Höhe sittlicher Vollendung. Der dritten großen Mussarbewegung der jüdischen Geschichte aber, der von Rabbi Ißroel S a 1 a n t e r y'piXT vor fast 100 Jahren eingeleiteten, blieb es vorbehalten, mit neuer, schöpfe-

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