Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Der Israelit 19, März 1936 von einer Mandatsniederlegung der jüdischen Vertretung a b , da solcher Schritt uns vollends wehrlos machen würde1. In der einstimmig gefaßten Resolution wird auf das schärfste protestiert gegen die Beleidigung der jüdischen Religion, die schon 3000 Jahre vor der Entstehung der Tierschutzvereine das Gebot der Menschlichkeit und der Tierliebe uns ans Herz gelegt, wie dieses in Thora und Talmud formuliert ist. Die Resolution ist zugleich ein Appell an den besseren Teil der polnischen Oeffentliehkeit und an Regierung und Sejm, die Gesetzeswerckmg eines Entwurfes, der eine religiöse und nationale Unterdrückung der Juden darstellt, nicht zuzulassen. Jüdischer Proteststreik in Polen. Warschau, 17. März. An dem von der jüdischen Arbeiterschaft Polens für den 17. März proklamierten Generalstreik zum Protest gegen die Bedrohung' der wirtschaftlichen und physischen Existenz der polnischen Judenheit und gegen die Duldung der aufreizenden judenfeindlichen Propaganda durch die Regierung, haben sich alle Schichten der jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied ihrer sozialen Anschauungen oder politischen Einstellung beteiligt. Die Generalstreikparole wurde tatsächlich von der gesamten 3lA Million zählenden polnischen Judenheit befolgt und viele tausende nichtjüdischer Arbeiter schlössen sich den Protestkundgebungen an. Der vollkommen friedlich verlaufene Massenstreik wurde um 2 Uhr nachmittags abgebrochen, Bis dahin ruhte das gesamte Wirtschaftsleben in Polen fast vollständig. Die Rabbiner begaben sich in geschlossenem Zuge auf den jüdischen Friedhof, um an den Gräbern der großen jüdischen Gelehrten um Frieden und Gerechtigkeit für die Juden Polens zu beten. Die jüdischen Anwälte waren zwar zu den Gerichtsverhandlungen, die am Vormittag in Warschau stattfanden, in Amtstracht erschienen, 'bewahrten jedoch eine Stunde lang vollkommenes Schweigen als Ausdruck ihrer Sympathie mit dem Streik. Die jüdischen Hoch schüler blieben den Vorlesungen fern. An der Warschauer Technischen Hochschule waren An schlage in polnischer und hebräischer Sprache angebracht, in denen Klagereden des Propheten Jeremias zitiert und auf die gegenwärtige tragische Lage der Juden Polens angewandt wurden. Eine einzigartige Kundgebung fand auf dem Warschauer Hauptbahnhof statt, wo ein Transport von 400 Juden nach Palästina abging. Die Wagen des Zuges wurden spontan in Rednertribünen verwandelt, von denen aus An sprachen über die judenfeindlichen Ausschreitungen an die dichten Menschenmassen auf dem Bahnsteig gehalten wurden. Die jüdischen Häu ser auf Nalewki waren mit Aufschriften bedeckt, die dem Protest gegen judenfeindliche Unruhen Ausdruck gaben. Da fast alle Bäckereien geschlossen wa ren, machte sich in Warschau teilweise Brot m a n g e 1 bemerkbar. Nach dem Abbruch des Streiks um 2 Uhr nachmittags wurden alle Lä den wieder geöffnet und das Leben nahm seinen gewöhnlichen Gang. Eröffnung der Propagandaarbeit für die dritte Kenessio Gedaulo. Der Propaganda-FeLdzug für die in Jerusalem s. G. w. stattfindende dritte Kenessio Gedaulo wurde diese Woche in Frankfurt a. M. eröffnet. Allein in Frankfurt haben sich sofort Hunderte von jungen jüdischen Menschen als „Aktivisten" in den Dienst dieser Werbearbeit gestellt. In der kommenden Woche beginnt im' Frankfurt die große Sei a- Aktion. Jeder jüdische Mann, jede jüdische Frau, jedes jüdische Kind soll nun^-einen Sela- Schein erwerben. Kein bewußter Jude wi~d sich dieser Pflicht entziehen, jeder wird freudig sein Bekenntnis zum Klall Jisroel ablegen und in deutlicher Willensäußerung seiner Zustimmung zum Gedanken der Kenessio Gedaulo Ausdruck verleihen. Lautet doch der erste Punkt der Zusammenstellung der Arbeitsgebiete der Agudas Jisroel-Weltorganisation: „Schaffung einer Tribüne für die einheitliche Vertretung der religiösen Ideale des thoratreuen jüdischen Volkes vor der Welt in Form der Kenessio Gedaulo," Feierliche Eröffnung des Council for German Jewry. London, 17. März. Die Eröffnung, der Sammlungen des C. f. G. J. gestaltete sich im Dorchester-Hotel zu einer feierlichen Kundgebung. Nächste Aufgabe ist, die Aufbringung einer Million Pfund für die berufliche Umschichtung und Auswanderung von Juden in Deutschland. Die Eröffnungskonferenz War von über tausend repräsentativen Persönlichkeiten der englischen. Judenheit besucht. Den Vorsitz hatte Anthony de Rothschild. Reden hielten der Vorsitzende des Council, Sir Herbert Sam u e f, Dr. Weizmann, Viscount B e a r s t e d , Simon Marks und Nathan Las ki. Anthony de Rothschild besprach die internationale Krise und Lage der Judenheit. Sir Herbert Samuel legte die Ziele der Organisation im Einzelnen dar. Die nächsten Bestrebungen gehen dahin, 50.000 Juden aus Deutschland in vier Jahren in Palästina unterzubringen. Die Aufnahmefähigkeit Palästinas sei kein feststehender Faktor und könne 1940 ganz anders geartet sein, als heute. Wenn in den letzten drei Jahren 30.000 Juden aus Deutschland Platz in Palästina fanden, so sei die Zahl von 50.000 für die nächsten vier Jahre nicht zu hoch gegriffen. Die. Aufgaben der Umschulung, der Beförderung, der Gewährung von Darlehen usw. habe die J udenheit Deutschlands selbst übernommen, was Herbert Samuel unter anerkennen-' den Worten mitteilt. Weizmann sprach über die Rolle Palästinas im Hilf s w e r k , losgelöst von allen nationalen Aspirationen und Zukunftshoffnungen. Lord Bearsted teilt mit, daß die Hälfte des aufzubringenden Betrages bereits gesichert sei. Damit hat der Council f o r German Jewry seine Tätigkeit aufgenommen. 1 Jüdischer Weltkongreß oder Kooperation der jüdischen Organisationen? Eine Aeußerung des Präsidenten der Weltorganisation Agudas Jisroel. London, 17. März. Zu der wieder aktuell gewordenen Frage eines jüdischen Weltkongresses — der Kongreß soll neuerdings für den Monat August einberufen werden — äußerte sich der Präsident der Weltorganisation Agudas Jisroel, Jacob Rosenheim, in einem Gespräch mit einem Vertreter des Londoner ITA-Hauptbüros, laut einem Berichte der ITA, folgendermaßen: „Wir lehnen die Idee des Weltkongresses, insofern sie die Durchführung allgemeiner Wahlen in der ganzen Welt und die Schaffung einer jüdischen Parlamentstribüne zur Produktion oratorischer Glanzleistungen und zur Entfesselung uferloser Rededuelle ins Auge faßt, als z w e c k- 1 o s und g ei äh r 1 i c h ab* Wir sind überzeugt, daß eine solche Schaustellung erheblichen Scha^ den stiften, nur wenig Sympathien erwecken, sicherlich aber nicht den leisesten praktisch-politischen oder wirtschaftlichen Nutzen zu stiften vermöchte. Beharren die Unternehmer dennoch auf ihrem Willen und berufen den Kongreß, im Gegensatz zu dem Votum der meisten größeren jüdischen Organisationen, dennoch zusammen, so wird nur die Farce einer jüdischen Eiiriieitsdernonstratiön herauskommen, und, im Gegensatz zu dem gewünschten Ergebnis, wird sich nur die herrschende Zersplitterung aufs deutlichste offenbaren. Auf der anderen Seite jedoch glauben wir, daß die großen jüdischen Organisationen eine schwere und kaum tragbare Verantwortung auf sich laden, wenn sie sich länger der Einsicht verschließen sollten, daß die unstillbare Sehnsucht nach einem jüdischen Weltkongreß nicht etwa von einigen Matadoren künstlich erzeugt ist, sondern einem innersten legitimen Bedürfnis der jüdischen Volksseele entspricht, die nur in der Wahl der Mittel fehlgreift. Die weitesten Kreise, insbesondere im Osten, haben nun einmal das instinktive Gefühl, daß die furchtbare politische und wirtschaftliche Krisis, die über das jüdische Volk hereingebrochen ist, eine Konzentration der Kräfte gebieterisch fordert. Die Volksmassen versprechen sich von einer gewissenhaften Beobachtung der Entwicklung durch eine einzige verantwortliche Stelle und von einer zentralisierten Führung mit Recht oder Unrecht letzten Endes größere praktische Erfolge, als von der heute vorherrschenden, mehr oder minder chaotischen Nebeneinanderarbeit zahlreicher Organisationen. Die Arbeit dieser Organisationen ist entbehrlich. Wird aber dem legitimen Wunsch nach Herstellung einer einheitlichen Zentralstelle nicht endlich Rechnung getragen, indem man das Vorhandene organisch weiterntwiickelt und indem die Organisationen selber einen gemeinsamen zentralen Council für die politische Repräsentation und für die wirtschaftlich-philanthropische Hilfsarbeit schaffen, dann wird die unglückselige Weltkongreßpropaganda nie zur Ruhe kommen und auch sonst werden die Reibungen unter den Organisationen selber kein Ende nehmen, Seit mehr als drei Jahren hat gerade meine Organisation, 'die sich gewiß der weltanschaulichen und religiös-kulturellen Gegensätze innerhalb der Judenheit aufs entschiedenste bewußt ist, die Forderung erhoben, daß die vorhandenen Organisationen sich zu einem Council für die politische Vertretung des jüdischen Volkes und zur Koordination der gesamten wirtschaftlich-philanthropischen Arbeit zusammenschlössen. Daß ein Zusammenschluß formell möglich ist, hat der Advisory Council of the High Commissioner for Refugees gezeigt, der zwar seiner Natur nach praktisch nichts leisten konnte, organisatorisch aber jedenfalls eine gewisse Einheit der jüdischerL Gruppen repräsentierte. Es wäre höchste Zeit, daß im Interesse des schwer bedrohten Ganzen, die. vorhandenen Organisationen aus ihrer Starrheit und Abgeschlossenheit gegeneinander herausträten und — im Gegensatz zur Weltkongreßpropaganda — ohne jede Demagogie, mit Vernunft und Ueberlegung, die längst notwendige Zentralstelle für jüdische Außen- und Wirtschaftspolitik schüfen. Selbstverständlich wäre dabei die Beschränkung auf den eigentlichen Gegenstand (Politik und Wirtschaft) und Verzicht auf alle diejenigen Arbeitsgebiete, in denen weltanschauliche und kulturelle Meinungsverschiedenheiten eine Zusammenarbeit von vornherein aus Gründen des Gewissena unmöglich machen. Wir wären glücklich, wenn die Anregung 'n den berufenen Kreisen Anklang fände und damit ein Werk angebahnt würde, das dem Frieden . im Innern und der Sammlung höchster Kraft nach außen die größten Dienste leisten müßte."'