Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 1». März 1936 25. Adar 5696 Nummer 12 Der polnische Sejm wünscht kein allgemeines Schlicht-Verbot Warschau, 17. März. In der Sejm-Sitzung vom 17. März wurde vom Landwirtsdbaftsminister Poniatowski n a - mens der Regierung bekannt gegeben, daß der Antrag auf Einführung des Betäubungszwanges bei Schlachtungen in der Weise abgeändert werden soll, daß die Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit rituell zu- 1 ä s s i g e m Fleisch g e s i c h e r t wir d. Zu diesem Zweck ward eine Regierungsverordnung vorgesehen, die ein bestimmtes Kontingent von Schiachtvieh, das der rituellen Schächtung zugeführt werden darf, festsetzt, Der Umfang dieses Kontingents soll dem Fleischbedarf der jüdischen, k.arä i s che n und mohammedanischen Bevölkerung, für die ^das Schächten religiöse Vorschrift ist, angepaßt sein. In dieser Form wurde der Antrag der Verwaltungskommission des Sejm zur'neuerlichen Behandlung zugewiesen. Mit Rücksicht auf den Abänderungsantrag der Regierung haben die jüdischen Abgeordneten Rabbiner Rubin stein, Dr. Sommerstein und Minzberg vorläufig davon abgesehen, zu dem Antrag grundsätzlich. Stellung zu nehmen. Der Verwaltungsausschuß des Sejm tritt ani Mittwoch, den 18. März, abends zusammen, um den Antrag in seiner abgeänderten Form zu behandeln. Die nächste Lesung im Sejm- Plenum erfolgt am Freitag, den 20. März. Die Plenarsitzung des Sejm am 17. März fand unter A u s s c h 1 u ß der Oeffentlichkeit statt. Der Sejm-Marschall hatte in der offenbaren Befürchtung, daß es zu Kundgebungen für oder gegen das geplante.Gesetz kommen könnte, angeordnet, daß für diesen Tag keine Besucherkarten ausgegeben werden. Die Situation hat sich damit völlig geändert und gebessert. Die Teilnahme der gesamten jüdischen Welt hat ihren Eindruck in Polen nicht verfehlt. Man faßt in den besseren Kreisen die Interventionen der Weltjudenheit nicht im Sinne einer Einmischung auf, aber viele, die sich überdie Tragweite der Angelegenheit nicht im Klären .waren, wissen nun, daß es um eine Lebensfrage der polnischen Judenheit geht, was nicht ohne Einfluß, auf die letzten Entscheidungen im Sejm und Senat bleiben kann. Eine Kundgebung im großen Saale des War- •schauer Jüdischen Gemeindehauses war von 300 Delegierten aus 276 Städten und 138 Rabbinern besucht. Mehrere jüdische Parlamentarier unterrichteten die Versammlung über die Lage. Vom Rabbihate sprach sehr wirkungsvoll Rabbi Menachem Zembo. Rabbiner Rub inst ein, der eben erst aus dem Pogromgebiet in Przytik zurückgekehrt war, gab eine ergreifende Schilderung der dortigen Vorgänge. „Dort die Angriffe auf die; physische Existenz der Juden, hier ein Angriff auf die jüdische Seele," sagte der Rjedher. Nach ihm referierte auch der Abgeordnete Dr. S o m m e r s t e i n über den Stand der Dinge. Trocken heim benutzte die Gelegenheit, auch den fortgeschrittenen Juden ans Herz zu legen, daß sie der Frau Prystor keinen Anlaß bieten, zu behaupten, daß „ein Teil der Juden selbst es mit der Seihechita nicht genau nehme" und I. M. L e w i n*,' der Vorsitzende der Agudas Jisroel in Pole,»",' erinnerte an den Kampf Pils u d s k i s uni-.die politische und Gewissensfreiheit füj^das polnische Volk, Es sprachen auch nooh"*rterr Mazur, der die Sitzung leitete und Rabbi S. Brodt, der Vorsitzende des Misrachi in Poleir; Der letzte Redner, Rabbiner Cha-. meides aus Kattowitz, drückte sein Erstaunen über die Stellungnahme einiger katholischer Kreise.,zu der Schechita aus und riet entschieden \ (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Jüdischer Proteststreik in Polen . . . Seite 2 Eröffnung der Propagandaarbeit usw. . Seite 2 Aeußerung zum jüdischen Weltkongreß Seite 2 Liberales Judentum in Palästina . . . Seite 7 Ein offizielles Dokument über den Legislative Council ..........Seite 7 Judentum und Nichtariertum. Von B. C. Seite 7 Was für die Juden in Deutschland geschehen ist Seite 8 Zum Heimgange des Rogatschower Gaon Seite 8 u. 13 Der Pogrom in Przytik ....... Seite 9 Keine Schächtfrage in Schwedein . . . Seite 10 \ Wirtschaftsnachrichten und Berichte aus \ Erez Jisroel........Seite 10 u. 11 Die „Thora- und Mussar"-B8wegung. I. Der Blick nach, innen. Der vor einigen Wochen in Frankfurt a. M. abgehaltene Delegiertentag der deutschen Landesorganisation der „Agudas Jisroel" ist hinsichtlich seines geistigen Gehaltes von Presse und Oeffentlichkeit nicht im entferntesten so ausgewertet worden, wie er es verdient hätte. Und doch braucht man nur den zentralen Gesichtspunkt, von dem die vier Wochen später stattgehabte zionistische Landestagung beherrscht war, mit demjenigen zu vergleichen, der das Charakteristikum der Agudatägung war, um wie in Blitzliohtbeleuchtung den innersten Gegensatz dieser beiden das deutsche Judentum bestimmenden Bewegungen zu erkennen. . Die zionistische Tagung war ein lauter Ruf nach politischer Geltung und Herrschaft. Das Aguda-Parlament beschäftigte sich stundenläng mit der Frage, ob die Judenheit Deutschlands einer; M u s s arbewegung, einer entschlossenen Wendung des Blickes nach i n n e n, in das innerste Heiligtum des Herzens hinein bedürfe, wie sie der Führer der deutschen Agudas Jisroel; der Frankfurter Raw, gefordert und vertreten hat. Daß die Debatte . über diese Frage durch mancherlei Auseinandersetzungen, die ihren Ursprung in persönlichen Gegensätzen nicht verleugnen konnten, etwas herabgedrückt wurde, konnte und kann ihrem tiefen,, Ernste und ihrer prinzipiellen Bedeutung keinen EJptrag tun. Es ehrt die deutsche „Agudas Jisroel",,und die gesetzestreue Judenheit überhaupt, daßhihre Sorge in einem Augenblicke schwerster innerpblitisoher Verwicklungen,rddht der Expansion nach'^ußen und der Organisation des Kampfes mit andern Gruppen zugewandt war, sondern dem Schicksal; der eigenen Seele; daßsie, der Parole ihres i Vorsitzenden folgend, bei*-allem Ringen um Selbstbeihauptung in Weltanschauung, Politik und organisatorischer Gestaltung der Selbstkritik, dem Alpha und Omega alles? Mussar, den ersten Platz in ihrem Volkserziehungsprogramm einzuräumen bereit war und ist. Aber die Debatte hat doch zugleich auch gezeigt — und zwar in dem sowohl, was gesagt, als in dem, was nicht gesagt wurde —, daß die neue Frankfurter Losung ,, T<h o r a und Mussar", wie sie seit zwei Jahren von Kanzel und Vortragskatheder immer wieder und wieder mit Wärme verkündet worden ist, noch mit mancherlei Unklarheiten und Mißverständnissen zu; rmr gen hat, deren Beseitigung nur an Hand einer etwas eingehenderen Erörterung möglich sein dürfte. Diese soll im folgenden in möglichst knapper Form versucht werden. (Fortsetzung siehe Seite 3.)