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Der Israelit · 1936-03-12 · Heft 11 (12.3.1936) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 11 (12.3.1936)
Date
1936-03-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 11 1936 Die Botschaft des Jemeniten/ Ein Jerusalemer Straßenbild. Von M. Alter. Ich zog durch eines der vielen Tore in M e a h S h earim ein, um auf der anderen Seite zu den „Warschauer Häusern" zu gelangen. Es sind Häuser, die unsere Mütter durch die kleinen Münzen, die sie vor dem Lichtentzünden in die Chällohbüchse geworfen haben, errichtet haben und der Besichtigung wert. An diesem Tore sitzen Juden, zum Teil patriarchalische Gestalten, auf dem Boden und bieten ihre Ware, zumeist Lebensmittel, feil. •Ein Gesicht fiel mir auf, pechschwarz von einem langen weißen Bart umringt, dem sich zu beiden Seiten die langen geringelten Schläfenlocken harmonisch anschließen. Ein Jemenite. Man erkennt ihn auf den ersten Blick als solchen. Vor ihm auf einem großen Leinentuch sind Linsen und andere Hülsenfrüchte in Haufen ausgebreitet. Er sitzt davor und wartet auf Kunden. Aber er scheint gänzlich abwesend zu 'sein. Seine großen Augen haften an einem alten Buch, und seine Gedanken sind in höheren Welten. Er ist' in den Sohar vertieft. Der Mann läßt Kunden vorübergehen, ohne sie zu beachten. Es ist ein großes Gedränge an dieser Stelle, denn alle wollen durch das schmale Tor hindurch, er merkt es kaum. Ich entbiete ihm ein warmes Schalem. Er hebt ein wenig den Kopf und legt die Hand auf den Mund: Er wolle oder könne nicht unterbrechen. Und schon bewegen sich die Lippen weiter und die Augen sind an das alte Buch gebannt. Einer von den „Sechsunddreißig", denk ich mir, die keinem Zeitalter fehlen. Wie kommt manan den Mann heran? Ich beschließe, etwas von seiner Ware abzukaufen, denn er ist doch schließlich Händler und will verkaufen und verdienen. Darum sitzt er ja hier. Ich bitte ihn um ein Quantum seiner Früchte. ,,Für wieviel?" „Für einen halben Grusch". -Wie abwesend, aber doch rasch und richtig, füllt er das Hohlmaß, steckt den halben Grusch ein und lernt weiter. Er scheint keine Silbe mehr aus dem Munde zu bringen, als für seinen Handel unbedingt erforderlich. Je abweisender sein Benehmen ist, um so lebhafter und dringender mein Wunsch, diesen orientalischen Juden näher kennen zu lernen, ihm ein wenig in die jüdische Seele zu schauen, und ich entschließe mich, hier bis zum Abend zu warten, um ihn nach Geschäftsschluß nach Hause zu'begleiten. Gegen Abend rafft unser weißbärtiger, dunkelfarbiger Händler seine Hülsenfrüchte zusammen und geht. Ich hinter ihm her. Vor einer kleinen Jemenitenschul macht er Halt und tritt ein, ich folge ihm. Nach dem Gebete geht er weiter, langsam und bedächtig, den Früchtesack auf der ünken Schulter, bis zur alten Mauer. Hier tritt er in das kleine nuinentiafte Häuschen ein, und nach wenigen Minuten folge ich ihm in die Wohnung. Er sieht mit erstaunten Augen vom Boden, wo er nach orientalischer Art auf seinen eigenen Beinen sitzt und wiederum das Buch offen vor sich hat, auf. Das Zimmer hat keine Fenster und eine Türe, die immer offen steht. In einem Winkel des Zimmers steht eine Frau von dunkler Farbe am offenen Kamin. Endlich winkt er mir, daß ich mich zu ihm setze, was ich, so schwer es mir fällt, auch tue. Das Mahl ist fertig, aber sie warten, noch auf jemand. Da kommt zur Türe ein brauner Jüngling in beschmutztem Kittel herein. Der junge Jemenite, der Sohn, kommt von der Arbeit, denn er ist im Baugewerbe tätig. Er legt seinen Kittel ab und reicht dem Vater den ganzen Tagelohn, der zehn Grusch ausmacht. Ein kleines Naftaflämmchen spendet ein fahles Licht über die friedliche kleine Fani5lie, die jetzt beim Mahle sitzt. Die Einladung, mitzuessen, lehne ich höflich ab. Das Mahl besteht aus Brot und verschiedenen Kräutern. Das Benschen geht in dem bekannten jemenitischen Singsang vor sich, und schon sitzen Vater und Sohn beim Folianten. Es ist ein wunderbares Idyll, das nicht einzig in der heiligen Stadt dasteht, das man aber erst in den ganz, alten Gassen hinter der alten Mauer suchen muß. Nachdem sie volle zwei , Stünden gelernt haben, setzen sie sich vor die Türe, um noch etwas frische Luft, oder das, was man m dieser Schechuna so frische Luft nennt, einzuatmen. Drei Menschen schweigen sich an. Nur von Mal zu Mal richtet der alte Jemenite die sehnsuchtsvollen Augen nach dem Sternenhimmel und singt Melodien ohne Worte, die tief, tief ins Herz dringen, wie aus der tiefen jüdischen Volksseele kommend. Es ist schon vorgerückte Abendstunde und ich muß fürchten, daß ich, wenn einmal die volle Nacht da ist, kaum noch in der Dunkelheit mein Hotel finde. Aber ich kann mich nicht von der stillen Familie trennen. „Meajin Jehudi, wo kommt ein Jude'her," richtet er endlich die Frage in hebräisch an mich. „Aus fremdem Lande, aus Polen." „Und was will ein Jude hier?" „Was alle Juden hier wollen, in Israels Land leben." Ich merke, er will etwas sagen, aber er unterdrückt seine Worte. Er sagt etwas Anderes: „Und was hindert Euch daran?" „Hm, nichts." Nach einer Weile greift er aber nach meiner Hand und seine Stimme bekommt eine seltene Wärme: „Ein aschkenasischer Jude aus fremdem Lande. Ich kenne kein fremdes Land, bin hier geboren. Mein Vater und mein Großvater konnten sich nicht mehr entsinnen, wann sie ins heilige Land gekommen sind. Meine Väter wanderten zu einer Zeit aus Jemen aus, da es keine Möglichkeit gab, in Israels Land zu kommen. Sie saßen aber vor den Toren des Landes so lange, bis sie sich öffneten. Sie gingen nicht auf Brot und Wasser aus, sie hörten nur die Schechinah weinen um ihre Kinder, die von Vaters Tisch gebannt sind, und wollten wieder zum Vater." Der Jemenite wies nach oben und machte Pscht . . ., als wollte er sagen: „Höret Ihr nicht die Schechinah oben weinen, sie weint um mich, um Euch, um uns alle! ..." Er setzte nach einer Weile fort: ,.Meine Väter litten keine Not, hatten Brot und Wasser, letzteres natürlich, sehr spärlich, aber es genügte zum Leben. Es war auch nicht die Hauptsache. Nun kommt Ihr aus weitem' fernem Land. Ich weiß, es ist schwer, sich aus jenen Ländern zu trennen, wo es Brot und Wasser in Fülle gibt. Ja, dort gilbt es sogar Gold und Silber. Hier aber (gibt es nur Heiligkeit, hier ist die Schechinah, die ruft und lockt . . . Das ist mehr als Brot und Wasser, mehr als alles Gold und Silber. So schreibet doch an Eure Eltern, an Eure Freunde, an Eure Brüder, sie sollen kommen, alle, alle. Wie lange soll noch die Schechinah rufen? . . ." So sprach er eine Zeitlang immer wärmer und wärmer. Sein Ton bekam einen bezaubernden Klang. Gesang und Worte fügten sich wie Perlen an einer Schnur aneinander. Es war eine Botschaft an die Gola, aber man konnte sie nicht niederschreiben. So hätte sie hinausdringen müssen, in diesem Tone, in dieser Wärme, in dieser schlichten Eindringlichkeit, wie sie der atle Jemenite gesprochen hatte. Eine halbe Nacht wanderte ich durch die finsteren Gassen, ohne mein Hotel zu finden. Aber ich merkte es kaum, denn meine Gedanken weilten im kleinen Jemenitenhause. Endlich stand ich am Jaffatore, dem Eingang zum neuen Jerusalem. Ein Dankgebet erfüllte mein Herz und ich fing an, den Sinn meiner Auswanderung nach Israels Land zu begreifen . . . Aus dem Briefe eines jüdischen Siedlers. Avigdor in Argentinien. Vorgestern sind wir hier angekommen. In Kresbo sind wir von der Gemeinde feierlich empfangen worden. Auch waren an einzelnen Stationen die Siedler am Bahnhof und reichten Liebesgaben für die Deutschen herein. In Kresbo, wie auch in Bovril, war schön gedeckt und wurde reichhaltiges Essen aufgetragen. Natürlich konnten wir keinen Gebrauch davon machen, da alles regelrecht trefoh ist. Wir aßen Eier, die in letzter Zeit reichlich unsere Nahrung waren. Jedenfalls wurde von Buenos Aires aus reichlich für uns gesorgt. Zwei Herren von der Ica fuhren mit uns. Es dauerte mit der Bahn zwei Tage bis Bovril. Der Zug wurde sogar auf ein Schiff transportiert und wir fuhren 4—5 Stunden auf einem Fluß. Von Bovril wurden wir mit 7 Wagen nach Avigdor gefahren. Das dauerte von morgens 8 bis nachmittags 5 Uhr, weil der Weg grundlos war. Das Wasser ging oft über die Räder, da keine Steine, wie in Deutschland, da sind. Weder auf den Wegen noch auf den Ländereien sind Steine. Die Ica hat in wirtschaftlicher Beziehung Wort gehalten und alle Siedler bekommen, was versprochen wurde und wird auch die Ica stets über unser Wohl wachen, wie sie ebenso verlangt, daß wir in der Arbeit unseren Mann stellen. Sie ist in der Behandlung sehr kulant und auch die hiesige jüdische Bevölkerung ist sehr gastfreundlich. Aber mit der religiösen Seite ist es schlimm bestellt. Das einzige, was von religiösen Institutionen gebaut werden soll, ist eine Synagoge, später vielleicht eine Schule. Es ist aber kein Lehrer da und kein Schochet. Jetzt kommt ein Siedler, der nebenbei das letztere Amt versehen soll." Aber er ist nicht von einem frommen Rabbiner autorisiert. Die Siedler essen fast alle trefoh, wie es auch die hiesige jüdische Bevölkerung tut. Wir müssen auf Fette und Fleisch verzichten. Es ist diese® bei der schweren Arbeit sehr schwer. Wir haben auch vorläufig weder Butter noch Gelee. Wunderbare Luft ist hier, sobald der Regen aufhört. Es gibt aber auch sehr schwere Wetter. Es muß unbedingt dafür gesorgt werden, daß fromme Lehrer und Schochtim hierherkommen, sonst sind wir erledigt. Der Schabbos soll auch als Sporttag benutzt werden und alle machen mit. Unsere Kinder werden es natürlich nicht tun. Mit dem Melken am Schabbos wissen wir noch keinen Rat. Ureinwohner gibt® hier nicht. Nur jüdische Siedler. Wir wohnen mit vier jüdischen Siedlern zusammen. Man kann aber die nächste Siedlung nur zu Pferd erreichen. Bovril ist ebenso nur zu Pferd oder Wagen zu erreichen, und dauert es viele Stunden bis dahin. Wenn einmal eine Synagoge gebaut wird, so kann diese auch nur zu Pferd erreicht werden. Ferner ist unausbleiblich, daß am Schabbos geritten werden muß, um Vieh und Pferde beizutreiben. Bei Regenwetter sind die Wege unpassierbar. Nachts werden Vieh und Pferde bewacht, aber alles zu Pferd. Ich persönlich werde alles vermeiden, was zur Entheiligung des Sofoabbosi beiträgt, aber der Ica darf ich keinen Schaden zufügen, den ich nicht ersetzen kann.

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