Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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/ Seite 6 Nr. 11 starker Kontrast zwischen dem schnellen Wirtschaftsaufschwung auf der einen Seite und den noch fast unverändert fortbestehenden rigorosen Eihwanderungsbeschränkungen'latif der anderen. Fast alle südamerikanischen'Länder sind zurzeit vom Tiefpunkt der Krise schon weit entfernt; von Brasilien; 'dem aus natürlichen' Gründen weitaus zukunftsreichsten Lande des südamerikanischen Kontinents —'- wird man ohne Uebertreibung sagen können, daß die Krise vollkommen überwunden ist. Leider ist aber eine Ausnutzung der durch den Wirtschaftsaufschwung dieser Länder gegebenen" Ärbeitsmögliohkeiten für deutsche Juden zurzeit nur in sehr beschränktem Umfange möglich, weil die strengen Einrwanderungsvorschriften nur einer kleinen Zahl von jüdischen Einwanderern die Landung gestatten, praktisch gesprochen fast nur denen, die entweder drüben nahe Verwandte (in Brasilien können auch Freunde die notwendigen Anforderungsschreiben ausstellen) oder erhebliche Geldmittel besitzen. Es steht aber zu hoffen, daß die fortschreitende Expansion der Wirtschaft zu einer Lockerung der Einwanderungsbestirnmungen führen wird; ist doch insbesondere in Brasilien bereits ein ausgesprochener Arbeitermangel in manchen Zweigen fühlbar. Trotzdem ist in Brasilien augenblicklich, wie das ausgezeichnete InformationsnBulletin der Hicem mitteilt, infolge der letzten politischen Ereignisse sogar die Ausstellung von Chamaden (Anforderungsschreiben) für- Einwanderer sehr erschwert worden; doch handelt es sich hierbei jedenfalls nur um eine kurzfristige Maßnahme. Im Ganzen wirkt sich in den südamerikanischen Ländern jetzt , die Tatsache aus, daß diese früher fast ausschließlich Agrarprodukte exportierenden und Industriewaren einführenden Länder gerade durch die Wirtschaftskrise zur schnelleren Industrialisierung gezwungen «wurden; denn bei dem. niedrigen Preisstand solcher Standardprodukte, wie Kaffee, Weizen, Wolle usw. reichten die Erlöse nicht zur Bestreitung der üblichen Industrie-Einfuhrmengen aus. Durch diese Entwicklung, die durch die Zollpolitik der meisten Regierungen zielbewußt gefördert wird, werden Der 1 | r a e,l.i t zweifellos die wirtschaftlichen Aussichten ^für eine so überwiegend j städtische Einwanderung wie die der deutschen Juden außerordentlich vergrößert. Im. einzelnen scheint es, als-objHz'u den bisher schon in größerem Maße von rd^r jüdischen EinSvanderhing~ (berührten südamerik^asolischen Ländern Argentinien, Brasilien und C^rf neuerdings auch einige weniger fortgeschrittene, aber. ebenfalls aussichtsreiche- Staaten, wie vor allem Columbien und Peru treten wurden; sind doch in Columbien die Einwänderung'sbedingüti gen für die in Deutschland geborenen- Juldfen verhältnismäßig leicht zu erfüllen (es wird mur ein Vorzeigegeld von 100 col. Dollar verlangt), und die bisher vorliegenden Berichte sind aas beiden Ländern überwiegend günstig. -: Was die Vereinigten Staaten betrifft, so ist, m letzter Zeit die schon vorher nicht-leichte Einwanderung eher noch mehr erschwert worden; jedenfalls zeigen sich die amerikanischen Konsulate bei der Erteilung der Visen zurzeit äußer ordentlich zurückhaltend. So aussichtsreiche und dünnbevölkerte Länder, wie Kanada, Australien und Neuseeland bleiben nach wie vor jüdischen Emigranten aus Deutschland fast, ausnahmslos verschlossen. Sind also im. Augenblick die Einwanderungsmöglichkeiten nochj sehr beschränkt, so därf man, insbesondere im Hinblick auf die rasche Erholung der großen südamerikanischen' Länder, eine Besserung der Lage für eine nahe Zukunft erhoffen. Unverändert bleiben freilich die aus ..der Berufsgliederung der deutschen Juden erwachsenden auswanderun-gspolitischen Schwierigkeiten; denn während für Handwerker, qualifizierte Arbeiter und Landwirte, und nicht zu|- letzt für weibliches Personal'in Südafrika wie in den meisten südamerikanischen Ländern sehr befriedigende. 'Aussichten vorhanden sind, ist die Unterbringung von Kaufleuten, selbst wenn sie ausreichende Sprachkenntnisse haben, schwierig, und die von; Akademikern (mit Ausnahme der Ingenieure und Chemiker) ein noch viel heikleres, ja oft unlösbares Problem. Die sich hieraus ergebenden Forderungen für die Berufsausbildung der jüdischen Jugend liegen auf der Hand. Korrespondenzen. Deutsches Reich. Von der Reichsvertretung' der Juden in Deutschland. * Berlin, 10. März. Ruf Einladung der Reichsyertretung traten am 2. März 1936 die Leiter der höheren jüdischen Schulen Deutschlands unter Vorsitz des Leiters der Schulabteilung der Reichsvertretung zu einer. Aussprache zusammen. Die Frage des höheren jüdischen Schulwesens, sowohl die zur ZeiK,akuten, als diejenigen, die in nächster Zeit Aktualität haben können, fanden eingehende Erörterung. Hierbei wurden alle pädagogischen und organisatorischen Aufgaben behandelt, vor die die höheren jüdischen Schuten angesichts der wachsenden Bedeutung des jüdischen Schulwesens gestellt sind. Es ergab sich weitgehende Uebereinstimmung in Ziel und Weg. Auch in Zukunft werden die Reichsvertretung und die Leiter der jüdischen höheren Schulen eng zusammen arbeiten. ■ Weiter wird berichtet: Im Ausbildungslehrgang für jüdische Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, Berlin, die von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Abt. Zentralwohlfahrtsstelle, und dem Jüdischen Frauenbund eingerichtet ist, sind für den Mitte April 1936 beginnenden 2. Lehrgang noch einig e Plätzefrei. Der Lehrgang ist' staatlich genehmigt und dauert zwei Jahre.:-Voraussetzung für die Aufnahme ist: ). Vollendung des 17. Lebensjahres. 2/ Ö b e r - sc k u n d a r e i f e oder Zeugnis üier den .er.Vgreichen. Besuch . einer sechsklassigen Mädchenmirtei:- schule. 3. H a-u s w i r t s c h a ft 1 i ch e " S c h u> Tu n g. Falls 'häuswirtschaftliche Schulung nicht in einer' anerkannten. Haushaltungsschule' erworben wurde, ist eine hauswirtschaftlhhe Aufnahmeprüfung abzulegen. .... Die Ausbildungskosten betragen monatlich RM. 25.— und für Materialgeld RM. 3.—.j"! .. Es besteht evtl. die Möglichkeit, daß auswärtige Schülerinnen in dem mit dem Seminar verbundenen -Internat bei einem Pensionspreis ,yqn RM. 55^ monat.ich wohnen können. .....ffHli , ■, -: .• ' -1; •'/ -': Aufnahmegesiiphe,. die einen se.Ibstyerfagteo benslaüf, sowie das. Abgangszeugnis;. $ei;;;Sch|||e bezw. Zeugnisse über die bisherige Ausbildung umfassen sollen, sowie alle Anfragen sind" an jdle Geschäftsste 11 e : Reichsvertretung der )ujjl in; Deutschland Abt. Zentralwohlfahrtsstelle. liri-Charlottenburg 2, Kantstraße 158, zu ric Von den Jüdischen Kulturbünden. ■:!!.■ Berlin, 8. März< Die „Frankfurter, Zeitung" berichtet über "eine Rede, d'vi Reichskulturwalter Hans Hrnkel bei der Eröffnung der in Stuttgart,abgehaltenen.'sihvyäbischen Kulturwoche hielt und in der er sich auch zur Judenfrage äußerte. J?eichskommissar Hinke] sprach von der Organisation des Jüdischen Kulturbundes und erklärte in diesem usammenhang: „Dier sen in Deutschland verbliebenen und größtenteils zionistischen, also völkischen Juden gehöre ciis voue' Achtung und Anerkennung der natiönalsoziälis;trtü Serien Leitung im Gegensatz zu den Emigranten, ■ 12. März 1936 die ihre Rassegenossen feige verlassen hätten." Nachdem auch derrJSejühsverband der nichtarischen Christen geschaffen worden war, habe .man,'mit der Ausschließung der noch in der Reichskulturkammer befindlichen "Juden" beginnen können. Die Führung.*' des Jüdischen Kulturbundes habe der ...Rjeichsleitung; wiederholt spontan ■A^erisicheft, die. Lö-; sung der,-kulturellen Judenfratge sei durchaus loyal und angemessen geschehen. Natürlich sei, die Entwicklung noch nicht,am Ende angelangt..' r . Der Reichsverband der jüdischen Kulturbünde in Deutschland teilt mit: Der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda (Reichskulturkammer) hat folgende Anordnung erlassen: „Ich sehe mich veranlaßt,' erneut darauf hinzuweisen, daß es den Mitgliedern des Jüdischen Kulturbundes untersagt ist, sogenannte Künstlernamen (Pseudonyme) zu führen. Ich ersuche Sie, diese Anordnung Ihren Mitgliedern nochmals bekannt zu geben und weise gleichzeitig darauf hin, daß ein Zuwiderhandeln gegen diese Anordnung das sofortige . Berufsverbot undr.deri Ausschluß^- aus dem Reichsverband nach i;sichd ziehend würde. , \ Im Auftrage gez. Hinkel.'* Der Reichsverband der jüdischen Kulturbünde bringt diese Arrördhung dächdrückiichst zur Kenntnisaller aktiven 'Mitglieder";Ües Reiehsverbahdes. Die Presseabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Der Reichster band der jüdischen Kulturbünde in Deutschland gibt uns bekannt: ... Hierdurch weisen wir darauf hin, daß die letzten Gruppen für die Ausstellung des Arbeitsbuches nunmehr aufgerufen sind. Wir fordern daher alle aktiven Mitglieder des „Reichsverbandes (Künstler) auf, sich um die Erteilung eines Arbeitsbuches zu bemühen, da der Besitz Voraussetzung für jede Anslellungs- resp. Beschäftigungsmöglichkeit sein wird. "■'; Die Formu'are sind bei den Arbeitsämtern und in Papierhandlungen erhältlich. Nach Ausfüllung, dieser Formulare müssen sie von dem für den Wohnsitz zuständigen Polizeirevier abgestempelt und dem zuständigen Arbeitsamt eingereicht werden^ Kosten entstehen nicht. - Zahlen von der .Jüdischen; Winterhilfe. B e r 1 i n , 8.' März. Wie bereits mitgeteilt wurde, wurden von »der Jüdischen Winterhilfe im Deutschen Reich Ende des Jahres 1935 etwa 75 000 Personen betreut. Die hilfsbedürftigen Personen verteilen sich. auf Preußen mit 57 000 (davon Berlin 26 000, Rheinprovenz. 3500, Hessen-Nassau 7000, Niederschlesien 5000, Westfalen 3600, Hannover 2000, Ostpreußen 1600, Pommern. 1300, Brandenburg- 1000, Bauern '1800, Sachsen, .'3000,; Hessen 2700, Hamburg 2600, Baden 2400^.'.V^ürttemberg 1 1000, Thüringen 500, ^nhait 200, Brauiischweig 200, Bremen 200, Lippe, Lübeck, Mecklenburg' und Oldenburg je lOO. ., 'im Januar 1036 Wurden Iii Berlin 27 508: Personen (hei einer geschätzten jüdischen Bevölkerung von-140 003) betreut,' in Breslau .4552 (18 000), Frankfurt a. M. 4000 (23150), Hamburg 2904 (16 500), Köln 2530 (14 000), Leipzig 1784 (10 000), Essen 983 (3800), München 978 (8500), Nürnberg 879 (5300), Dortmund 761 (3800), Königsberg 423 (2800), GeJssnkirchen 311 (1070), Tilsit 164 (620), und in Hamborn 148 (402). Ueber die in Kleingemeinden betreuten Hilfsbedürftigen unterrichten folgende Zahlen: Hessen-Nassau ohne Vorsteheramt Kassel 2292 (9083), Darmstadt mit Provinz Starkenburg 889 (4226), Kassel mit Vorsteheramt Kassel 812 (4000), Gießen mit Provinz Oberhess^n 770 (2500), Ostpreußen ohne Königsberg, Tilsit und Insterburg 742 (2300), Grenzmark, Posen, .Westpreußen 519 (1800).