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Der Israelit · 1936-03-12 · Heft 11 (12.3.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 11 (12.3.1936)
Date
1936-03-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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12. März 1936 Der 1 s r a e 1 i t Nr. 11 Seit« 5 Juden z u r ückne h m e n. Das erklärte der König für unmöglich: eines Königs Wort sei unwiderruflich. Es blieb (kein anderer Ausweg als der der Gegenwehr. In aufgezwungener Notwehr aber gilt nur die Alternative van Sieg oder Tod. Von allen Kämpfen aber sagt der Bericht: „an dem Vermögen der Feinde vergriffen sie sich macht" (Esth. 9, 10, 15/16). Obwohl der zweite Königsbefehl auch alle Habe der Angreifer vogelfrei erklärt hatte (Esth. 8, 11), hielten die Juden ihre Hände von der Beute rein. Sie wollten den Charakter ihres KampJes als echter N o t w e h r nicht beflecken. Die religiöse Gesetzgebung der Juden ordnet an, daß der Tag vor dem Purimfest fastend zu begehen ist. Wir haben uns der gefallenen Feinde nicht zu überheben. „Wenn Dein Gegner zu Fall kommt, freue Dich nicht." (Sprüche 24, 1?). Wir haben demütig zu bekennen: wir sind nicht besser als jene, wir wären auch dem Tode verfallen gewesen, wenn nicht g'ttliche Gnade uns geschont hätte. Auch die zum Kampf gegen die Juden Vereinten glaubten sich im Recht, handelten auf Grund eines königlichen Erlasses und wären nach diesem ersten Königsbefehl .straffrei. „Der Genius der Gerechtigkeit sprach vor G'tt: Herr der Welt, was sind diese anders als jene? Da erwidert G'tt: ist denn nicht Israel das Volk der Lehre, der Bibel? Darauf er: auch sie haben sich dem Weinrausch ergeben, sind in Lehre und Entscheidung abgeirrt und dem Gehkmom. verfallen! Aus diesem Grunde blieb Esther erschrok- >ken stehen im Vorhof des Palastes und fühlte den Geist G'ttes von sich weichen. Da betete sie: Eli eli lama asawtani (Ps. 23), mein G'tt, warum hast Du mich verlassen, willst Du den Irrenden wie den Trotzigen, den im Zwang Handelnden wie den Freiwilligen beurteilen?" (Meg. 15b) Nur dem sich in Buße und Umkehr G'tt Zuwendenden eröffnet sich das Freudenfest der Rettung. Die Stimmung des Festes selber wird durch das Wort der Weisen gekennzeichnet: „man wisse keinen Unterschied mehr zwischen Haman und Mordochai", zwischen Freund und Feind. Von letzter übergeschichtlicher und überpersönlicher Schau aus gesehen, handeln alle Menschen in höherem Auftrag, hat Haman uns verdienterweise in Verfolg g'ttgewollter Schicksalslenkung angegriffen und hat, wenn auch ungewollt, uns zur Selbstbesinnung geführt. Die ganze Purimgeschichte ist Ergebnis einer einmaligen geschichtlichen Konstellation. „Die Enkel Hamaris waren Lehrer des jüdischen Volkes in Bne-Brak"; (Sanh. 96b) alle historische Animosität, alle Feindsahaft des Einst ist schon eine Generation später begraben und vergessen. Als der Sturm verrauscht war, schrieben Esther und Mordochai an alle Juden „Worte des Friedens und der Wahrheit" (Esth. 9, 30), allen kriegerischen Geist aus ihrem Herzen zu bannen, keine Gefühle der Verbitterung zurückzubehalten und die Gesinnung der Thorawahrheit, amitta schel thora, in sich zu befestigen, jene Gesinnung die gesprochen hat: „Mein ist Rache und Vergeltung" (Deuter. 32, 35). Die Freude der Juden galt nicht dem Untergang ihrer Verfolger, und darf ihr nicht gelten. „Freut sieb denn der Heilige, gelobt sei Er, am Untergang der Schlechten?" so fragt der Talmud. Es heißt im Siegeslied (2. Chron. 7, 6): danket G'tt, ewig währet Seine Gnade, worauf Rabbi Jochanan bemerkte: warum heißt es nicht wie im Psalter: danket G'tt, Er ist gut, ewig währet Seine Gnade; weil G'tt sich nicht über den Untergang der Bösen freuen kann. Ferner sagte Rabbi Jochanan: beim Untergang der Aegypter im Schilfmeer wollten die Engel des Dienstes ein Lied anstimmen, da sagte der Heilige, gelobt sei Er: Meiner Hände Werk versinkt im Meer und ihr wollt ein Lied singen? (Meg. 10b) „Warum also ward den Juden Licht und Freude und Wonne .und Ehre?; Licht, weil sie wieder Thora lernen, Freude, weil sie wieder ihre Jomim towim, ihre religiösen Festtage, Wonne, weil sie ihre Kinder in den Abrahamsbund einführen, und Ehre, weil sie wieder ihre Symbole, die Tefillin tragen durften" (Meg. 16b), was ihnen Haman verwehrt hatte (Raschi z. St.), m. a. W. weil ihnen die ihnen geraubte Religionsfreiheit zurückgeschenkt worden war. Das ist der Sinn und die Bedeutung des Purim. Im Dankgebet des Purim wird mit keiner Silbe der kriegerischen Erfolge gedacht, sie waren Taten der Not, über die wir zu triumphieren keinen Anlaß, an die zu denken wir kein Verlangen haben. Denn in all unsren religiösen Lehren wird es Israel als Aufgabe und Bestimmung, als Merkmal und Wesenszug aufgegeben, von aller Gewalt sich freizuhalten. „Nimmer darf der Stab der Gewalt ruhen auf dem Los der Frommen, damit sie nicht nach dem Unrecht die Hand ausstrecken" (Ps. 125, 3). Für den Juden ist jede Tat der Gewalt ein Unrecht. Das war und ist die stete Ueberzeugung aller Großen in Israel gewesen. ,.Tilge Amaleks Gesinnung aus Dir aus", j e n e G e s i n n u n g , d i e für jüdische (Belange nach Gewalt ruft. Es sind uns fremde, von außen hineingetraj gene Verirrungen, daß in den letzten Jahren auch die Waffe bei uns Geschichte gemacht hat und Geschichte machen sollte. Mit Abscheu haben wir den Mord an de Haan, an Arlosoroff in Palästina verzeichnet, wo in unseliger Verblendung unreife Fanatiker das Rad der Entwicklung des Palästinaaufbaues durch die Pistole aus dem Hinterhalte vorwärtstreiben wollten. Es gibt keinen G'tt fürchtenden, in der Lehre der Thora verwurzelten Juden, der sich nicht in innerstem Widerwillen von solcher Barbarei abwendet. Mord ist wie Götzendienst der schwerste Abfall vom Judentum. Auch wir sind zu unsrem Entsetzen und voll tiefsten Abscheus Zeugen einer solchen gemeinen Tat geworden. Die Schüsse von Davos sind uns ins Herz gezielt, sind Entweihung des Judentums und eine Verleugnung G'ttes, der Israel durch die Zeiten führt und uns gesagt hat: „der Rest Israels soll keinerlei Unrecht tun". Der Wahnsinn eines Verblendeten hat dem Judentum und der Judenheit damit eine schwere Wunde geschlagen. Der Fluch eines Mördres, der die Ehre der jüdischen Religion und die seiner Brüder leichthin preisgegeben hat, haftet an dem Attentäter. Gebet, innere Einkehr, Selbstprüfung und Besserung haben die Juden in Susa gerettet. Sie sind und bleiben unsere einzige Wehr und Waffe. Wirtsctiaftsaufsciiwung und verschlossene Tore. Die einwanderungspolitische Lage der Gegenwart. Der Hilfsvei-Gin der Juden in Deutschland übermittelt uns folgende Darstellung: Die wanderungspolitische Lage steht zurzeit im Zeichen mehrfacher Gegensätze. In wirtschaftlicher Hinsicht besteht vor allem der große Kontrast zwischen der fortschreitenden Erholung der wichtigsten überseeischen Einwanderungsländer, wie 'Südafrika, Brasilien, aber auch Argentinien, Australien, Kanada und nicht zuletzt den Vereinigten Staaten, und der fast unverändert schweren Wirtschaftskrise in vielen europäischenLändern, die noch 1933 das Ziel tausender von deutschen Juden waren. Insbesondere sind es die Länder des „Goldblocks", also vor allem Frankreich, Holland, die Schweiz und Belgien (trotz der Abwertung in diesem Lande), die noch immer auf das schwerste unter der Krise leiden und schon deshalb für eine jüdische Zuwanderung nicht in Frage kommen, zumal die Wirtschaftskrise hier wie fast überall die Gesetzgebung und Verwaltung im fremdenfeindlichen Sinne beeinflußt hat. Das Höchstmaß an Hoffnungen, das man bezüglich dieser Länder hegen darf, wird dahingehen, daß sich die Lage der. dort schon ansässigen jüdischen Flüchtlinge nicht weiter verschlechtert; eine weitere jüdische Zuwanderung kann höchstens in den seltensten Ausnahmefällen verantwortet werden. Außerordentlich schwer lastet die Wirtschaftskrise zurzeit auch noch auf der Tschechoslowakei, in der vor zwei Jahren noch tausende deutscher Juden Zuflucht suchten und zunächst eine gastliche Aufnahme fanden. Verbietet in diesen Ländern schon die wirtschaftliche Lage jede neue Einwanderung, so haben die glücklicheren europäischen Länder, wie insbesondere England und die dem Pfundblock angeschlossenen skandinavischen Staaten (vor allem Schweden) durch scharfe gesetzliche Maßnahmen dafür gesorgt, daß trotz ihrer schnell fortschreitenden wirtschaftlichen Erholung eine Zuwanderung von Ausländern in irgend einem nennenswerten Umfang nicht erfolgen kann. So stehen wir insgesamt vor der Tatsache, d a ß d i e europäischen Länder für die Einwanderung d e u t s c h e r Juden überhaupt kaum noch in Frage kommen. Die einzige wesentliche Ausnahme bildet zurzeit Italien, für das seit einiger Zeit besondere Möglichkeiten des Kapitaltransfers bestehen, die auch in nicht unerheblichem Ausmaße das Interesse jüdischer Kreise finden, zumal seitens der italienischen Regierung der Niederlassung jüdischer Kaufleute und Industrieller im allgemeinen keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Daß allerdings die Auswanderung nach Italien bei den ungeklärten politischen Verhältnissen des Landes mit einem gewissen Risiko verbunden ist, wird niemand verkennen. Im Gegensatz zu den Wirtschaftsnöten und geringen Einwanderungsmöglichkeiten fast aller europäischen Länder, bieten wichtige überseeische Staaten das Bild schneller Erholung, ja teilweise völliger Ueberwindung der Wirtschaftskrise. Vor allem steht Südafrika augenblicklich in einer Periode der Hochkonjunktur, wie sie das Land kaum jemals erlebt hat. Diese Tatsache hängt mit der Aufgabe des Goldstandards durch den Pfundblock zusammen, wodurch die südafrikanische Goldproduktion (infolge des gestiegenen Goldpreises) zu außerordentlicher Aktivität angestachelt wurde. Insbesondere der Baumarkt ist zurzeit ungemein lebhaft, so daß gelernte Handwerker in diesen Branchen leicht und zu verhältnismäßig hohen Löhnen Arbeit finden, aber auch in der übrigen Industrie wirkt sich der Aufschwung des Landes stark aus. Diese Tatsache ist für die jüdische Einwanderung aus Deutschland von um so größerer Bedeutung, als ja Südafrika für die in den Grenzen des heutigen Reiches geborenen Juden verhältnismäßig leicht zugänglich ist, d. h. es wird im allgemeinen nur ein Vorzeigegeld von mindestens Lst. 100.— bei der Landung verlangt. Tatsächlich ist auch in den letzten Monaten die Einwanderung nach Südafrika (die schon bis Ende 1935 mindestens 2000 deutsche Juden ins Land gebracht hatte), sehr stärk gewesen; doch bietet die Immigration der letzten Zeit sehr große Schwierigkeiten der Unterbringung, weil trotz aller Warnungen eine große Anzahl von Kaufleuten, für die im Lande Betätigungsmöglichkeiten kaum vorhanden sind, neu eingewandert ist. Infolgedessen sind die Löhne für kaufmännische Angestellte stark gefallen und die Aussichten, bald Arbeit zu finden, sind schlecht. Dagegen ist für Handwerker, qualifizierte Arbeiter und Ingenieure Südafrika nach wie vor ein ungemein aussichtsreiches Gebiet. In den großen Staaten Südamerikas, besonders in Brasilien und Chile, besteht zurzeit ein

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