Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450920--81970-2539877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 Seite 3 j . \ Rabbi Josef Rosin, der Rogatschower Gaon^t- (Fortsetzung vpii Seite i.) — und war in der min drin. Sein Wissen war einfach unvorstellbar umfassend! Fragte ihn jemand irgend etwas aus dem weiten Gebiet der nD^il' er begann sofort etwa in folgender Weise zu antworten: „Dos is a inaa , . a''ja^nT» ■. noch a mm - . ." und zitierte sofort die Zahl der Stellen, die in Betracht kamen, um sich dann,, ohne zu zögern, an die Zerlegung der Frage und ihre Beantwortung zu machen. So konnten im Laufe einer Stunde folgende Fragen -unvermittelt vorüberziehen: eine sprachliche Schwierigkeit in ]">*nn20' eine detaillierte Frage aus pniTST ITD^M' eine Frage über die Art der D^UI in den ältesten Zeiten, eine Frage über die Frisuren zur Zeit des Talmuds, eine Frage über einen „schweren" D*aÖ1« Ein unglaubliches Genie des Gedächtnisses; war der Rogatschower V"2T und zugleich jemand, der in allen Fragen^ die die Thora betreffen' .— auch in exegetischen und historischen — zutiefst eingedrungen war. Und immer denkend, nie; erlahmend! Was war seihe Klage, als die Krankheit ihn plagte? „Man lernt doch nit, men wert an p")Kr? DJ? ". In gesun^- den Zeiten stand; der Rogatschower schon um 3 oder 4 Uhr auf , um zu lernen. Und um ]4 12 Uhr nachts konnte man noch zu ihm; um mit ihm in n*Tlli zu reden . . . Essen?. Einen Happen, einen Trunk — im Vorübergehen! Oder wenn der treuen Gattin die Geduld riß. Er war in vorigem Jahre am Rigaer Strand, er war schwach und kränklich. Sich mehr als den Garten zu gönnen, dazu war er nicht zu bewegen. Als (jemand ihn fragte, warum er denn nicht mal ans M'eer gehe, so lautete die Antwort: einmal sei er dort gewesen, um die rDIS zu machen, das müsse man ja — im übrigen, was käme ihm von solchen Spaziergängen zu? . Wer den Rogatschower b"Hl gekannt, der weiß, daß man einen Menschen eine min "130 nennen kann. Es ist sör als ob der Tropfen Blut und der Tropfen Schweiß, der von diesem Körper vergossen wurde, eine TObft war! Bei aller lebendigen, offensiv herangehenden Lern- und Lehrweise des Rogatschower b"1V die den D'JlinK gegenüber sehr selbständig war, hatte die Demut dieses Genies etwas Faszinierendes. Ob es aus ihm wie die Stimme aus einer höheren Welt hervorbrach: „Oi — der Rambam, oi, e r hot gekent lernen!" — oder ob er sich beklagte: „Wir können denn lernen?!" Man müsse ja doch wissen, was «ax damals, als er dies und jenes gesagt, wirklich g e d a c h t habe! Demut, Demut ohne Maß beherrschte diesen Mann, der wie keiner auf dem Meer des Talmuds zu steuern wußte!---, Ja — und er ist nun 'heimgegangen! Wie ist er geliebt und verehrt worden — und wie ist nun alles so dunkel [geworden! Worin ist das Dunkle so recht zu fassen? Darin daß kaum noch einer lebt, von dem man gewissermaßen (talmudisch gesprochen) einen lam bp lernen kann auf die Großen des Talmuds, um zu e r leben (nicht nur zu lernen), was „Lerne n " bedeutet. Selbstverständlichkeit, naturgegebene Tatsache, in der hier ein Jude lebte, ohne Absicht, ohne irgend eine Tendenz (auch nur die des Lehrens), das war es, was er allen, die ihm nähertraten, zeigte: das heißt Lernen, das /heißt: flW>l dal1 na IVanV Jemand, der nicht einen einzigen Grund als berechtigt, auskannte, auch nur eine Minute, die man der nilfl widmen kann, anders als in ihrem Interesse zu verwenden. Dieser lebendige Mahner ist nicht mehr. Und noch ein anderes hat er mit sich ins Grab genommen: das ist die Mahnung zur nuy» zur Demut gegenüber den Großen unserer Vergangenheit! Der Rogatschower b'"Xl> dessen Wissen unerschöpflich war, er, der am ehesten berechtigt gewesen wäre, sich „über" den Talmud nach Art moderner Geisteshelden zu erheben und seine Schöpfungen zwecks „Beleuchtung" gewisser „Gegenwartsfragen" zu „klassifizieren" und zu systematisiereni er, der sich seines Wertes — wie könnte es anders sein?! — durchaus nicht unbewußt war, er hat wie ein Kind vor dem Talmud und dem Rambam gestanden. Er, dessen bibelexegetisches und historisches Wissen manchem modernen 'Professor zu wünschen wäre — Bialik meinte nach einem Besuch bei ihm: „Im Rogatschower stecken einige Einsteins!" — er war — T>jj? und tat nichts, als was ihn sein Selbst zu tun hieß: als Jude zu lehcn! Der Rogatschower b-'M ist nicht mehr! Was das bedeutet, kann nur der ermessen, der ihn gekannt! Das Dunkel der Zeit ist noch größer geworden. Wenn wir aber etwas Licht uns wahren Rabbi Josef Rosin, der Rogatschower Gaon b'^f. wollen, dann nur .durch die innige Aufnahme seiner Lebenslehren in unser schwaches. Ich. Dann nur dadurch, daß wir uns fernhalten von der Entschuldigungsphrase unserer Generation, die sovieles heilig spricht, was nichts mit echter niin zu tun hat, dann nur dadurch, daß wir uns fernhalten von allem, was unsere niKJ verstärkt und uns Wissen, Können vorgaukelt, wo nichts als n^QTv als Häßliches ist. Dann dürfen wir wagen zu hoffen, daß unser Gebet, das wir zur gleichen Stunde sprachen, als dieser V"XT 'THK pXX in der ewigen Gemeinschaft jüdischer D'aiiW Aufnahme fand, daß unser Gebet, das Gebet des inOS rP33?n Erhöfung finden wird: * -••nbs'D nnsmi n^ön y»p nb^rm nb nnn tkö -NVsn &b ivb Tarn laaa W. Ueber wichtige Lebensdaten des Rogatschower Gaon wird uns noch von eingeweihter Seite mitgeteilt: Die Bedeutung des Rogatschower kann nicht im Verhältnis zu 'unserer thoraarmen Zeit gewertet werden. Er gehörte zu den Männern, die auch in den früheren Zeiten ihren Platz in der Ehrenreihe der ganz Großen eingenommen hätten. Er wurde im Jahre 5618 geboren, so daß er mit 78 Jahren uns genommen wird. Er sprach nie von seinem Alter, und keiner merkte ihm, selbst in den Tagen der schweren Krankheit, da wortwörtlich XÖTia ''»IS j?0S Hb „seine Lippen nicht stille standen im Studium der Thora", dieses Alter an. Sein Vater, Rabbi Ephrajim Fischöl Rosin im, Städtchen Rogatschow, tat, angeeifert durch Rabbi Josef Ber Soloweitschi kV'ST, der den Ilui erkannte und ihn auch später in seine Jeschiwa aufnahm, alles zur Entfaltung der genialen Kräfte seines Sohnes. Was der Jüngling einmal in sich aufgenommen hatte, blieb wie in einem eisernen Behälter bis zu seinen letzten Lebensminuten, und seihe blitzartige Auffassung der Dinge setzte seine Lehrer in Staunen. Er ist schon ein halbes Jahrhundert d e r Gaon, denn I bereits in ganz jungen Jahren beherrschte er Babli und Jeruschalmi und alles, was dazu gehört, vollständig. Und bei diesem immensen Wissenschatz hörte er ein halbes Jahrhundert nicht auf, weiter zu lernen und zu lernen. Von seinem Fleiß erzählt man sich in Warschau, wo er in jungen Jahren weilte, allerlei Legenden, In jungen Jahren näherte er sich dem Chassidismus der Ger er Richtung. Darum nannte man ihn später in Dünaburg, wo er als Rabbiner wirkte, im Gegensatze zu seinem ebenso großen Kollegen Rabbi Meier Simcho b"1P den „chassidischen Raw". Die gesamte östliche Welt beneidete die lettländische Stadt Dwinsk (Dünaubrg) um die zwei Größten der Großen, mit denen sie die Vorsehung beschenkt hatte. In Dwinsk, wo er sich — anders als Rabbi Meier Simcho b'"SP — mit städtischem und weltlichen Angelegenheiten wenig abgab, konnte er seine gewaltige immense Kraft einzig auf das Gebiet der Thoralehre konzentrieren. Hier erschien das grundlegende Werk rU5?3 nJSX zu Rambam, hier seine fast epochemachenden Randglossen zu halachischen Themen, mit denen er der Gelehrtenwelt ganz neue Welten eröffnete. Man verübelte ihm zuweilen, daß er sich über spätere Kommentatoren "und Dezisoren stillschweigend hinwegsetzte. Er stützte sich auf die O'anPtn und ging seinen geraden Weg, ohne nach rechts und links zu schauen, so schrieb er: ansoim 'aVisn-rm mban uvnm bv ^om"? Mb psi •B^K QWb O^S W>2 H^l DH^m ^tlb Wir haben einen führenden Gaon, den Gaon der Gaonim, in thoraarmer Zeit, verloren. Möge uns sein jllDT uns beistehen, * Am Abend des 7. März wurden in Wien die sterblichen Ueberreste des Gaons unter Beteiligung einer ungeheuren Menschenmenge zum Nordbahnhof gebracht, von wo sie nach Dünaburg (Dwinsk) überführt wird, wo der heimgegangene Gaon 45 Jahre lang egwirkt hat. Auf dem Warschauer Hauptbahnhof hatten sich angesehene Mitglieder der .Warschauer . Orthodoxie unter der Führung ihrer Rabbiner in großer Zahl eingefunden, um dem Rogatschower Gaon die letzte Ehre zu erweisen. Es war auch eine Abordnung der JüdischenGemeinde und des Warschauer Rabbinats erschienen. Der Transportwagen wurde in- Warschau an den Dünaburger Zug angekoppelt, der um 4 Uhr ncahmittags abging. Auf fast allen Stationen, die der Zug passierte, waren Abordnungen der jüdischen Bevölkerung erschienen. Aus Riga wird berichtet: Die Nachricht vom Ableben des Rogatschower Gaons hat in allen Kreisen der Judenheit Lettlands tiefe Trauer ausgelöst. Sämtliche Purimveranstaltungen und die. Vorstellung des jüdischen Theaters in Riga wurden abgesagt. Am Tage der Beisetzung in Dünaburg bleiben auch in Riga alle jüdischen Geschäfte geschlossen. Zu der Bestattung werden die jüdischen Gemeinden von Riga und anderen Städten Lettlands Abordnungen entsenden. Auch aus dem Ausland werden jüdische Abordnungen erwartet. ♦ * Ueber die Bestattung wird uns aus Dwinsk berichtet: Unter ungeheurer Beteiligung fand am Montag in Dwinsk (Dünaburg) die Beisetzung des „Rogatschower Gaons" statt. Rabbiner aus allen Städten und Städtchen Lettlands und zahlreiche Verehrer des Verstorbenen aus allen Teilen des Landes waren erschienen. Eine große Zahl von Hespedim wurde gehalten. Die jüdischen Geschäfte in Dwinsk, aber auch in Riga und anderen Städten blieben am Tage der Beisetzung geschlossen. In Dwinsk wurde eine siebentägige Trauer für die ganze Gemeinde verkündet. . Alle jüdischen geselligen Veranstaltungen unterbleiben in der Trauerzeit. Die lettische und russische Presse Lettlands würdigt in eingehenden Aufsätzen die Persönlichkeit des Verblichenen. •37'">T /