Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1936)
- Date
- 1936-03-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 10 Der Israelit 5. März 1936 Aus einem Buche originellen jüdischen Humors. „Rujte Pommer anzen" nennt «ich ein im Schocken-Verlag erschienenes Büchlein von Immanuel Olsvanger. Ein Büchlein voll urwüchsiger Heiterkeit, das Spiegelbild eines Volkes, wie es lebt, lacht und leidet. Es ist die jüdische Volksgemeinschaft in Litauen, die in diesem Büchlein in ihrem unverfälschten. Idiom spricht und ihrer eigenen Leiden spottet. Es macht den besonderen Reiz dieses Buches aus, daß es (zwar in deutschen Lettern) im unverfälschten jüdisch-litauischen Idiom und unter Beibehaltung der phonetischen Eigenart gehalten ist. Mit Genehmigung des Verlages geben wir hier einige Nummern in deutscher Uebertragung wieder. Des Rabbi Schmeichelrede. In einem litauischen Städtchen residierte ein Rabbiner, der Grund hatte, mit sedner Gemeinde und ihren Mitgliedern unzufrieden zu sein, und ihr so eines Tages mitteilte, daß er die Stadt verlassen wolle. Drei der ersten Männer, die aber durch ihr Benehmen den Raw am meisten zu seinem Schritte veranlaßten, begaben sich nun zum Rabbiner, um ihn zur Rücknahme seines Entschlusses zu bewegen. „Ja," schüttelte der Rabbi den Kopf, „hätte ich nur fünf Mitglieder Eurer Art in der Kehilla, ich bliebe schon gerne hier." „So, so," schmunzelten . die Männer stark geschmeichelt, „Ihr erweiset uns wirklich große Ehre, Rebbe!" „Ihr müßt mich recht verstehen," sagte der Rabbi weiter, „hätte ich nur fünf solche Baalebattim in der Gemeinde, ich könnte es noch ertragen, nun aber sind es leider dreihundert, die Euch gleichen, so muß ich denn doch gehen ..." Der Rabbi und Sein Fuhrmann. Itschke, der Baalagoloh (Fuhrmann) fuhr mit dem Rabbi durch die Lande für eine wichtige Sammelaktion. Es war ein großer Rabbi von Ruf und Namen, und überall, wo er hinkam, wurden ihm von der Thoraelite des Ortes große Empfänge bereitet. Sagte eines Tages Itschke, der Fuhrmann, zum Rabbi: „Nur einmal im Leben möchte ich doch wissen, wie es einem bei so vielen Ehrungen zumute ist. Ich bitte Etich, großer Rabbi, mir für die nächste Stadt Euren Streimel und Subeze (Ehrenmantel) zu leihen. M?n kennt Euch ja dort nicht von Angesicht, also wechseln wir die Rollen. Ich bin der Rabbi und Ihr der Baalagoloh; einmal nur, lieber Rabbi. Ihr seil ja so gesättigt an Ehren und Huldigungen, daß es Euch das eine Mal nichts ausmachen wird." Dem Rabbi gefiel der Spaß. „Aber," äußerte er seine Bedenken, „Du siehst, Itschke, daß man überall mit schweren talmudischen und halachischen Fragen an mich herantritt. Was wolltest Du machen, wenn man Dich in solche Diskussionen hineinzieht, wo Du doch leider kaum einen unpunktierten Satz lesen kannst?" „Laßt nur Itschke machen, es wird schon alles gut gehen," beharrte der Fuhrmann. Und so fuhren sie in die nächste Stadt mit vertauschten Rollen ein. Itschke in der Rabbi-Kleidung, die ihm gar nickt schlecht stand, und der Rabbi hinten in den kurzen Ziegenpelz des Fuhrmanns gehüllt. Im Beshamidrasch gab es großen Empfang, Alle Thoragelehrten der Stadt waren versammelt, und Itschke obenan spielte seine Rotte ausgezeichnet, ließ Ehrungen und Huldigungen über sich ergehen und sprach sehr herablassend zu den Leuten. Der wahre Rabbi in der Fuhrmannskleidung saß unbeachtet in der Ofenecke und verfolgte mit stillem Bangen das Spiel. Nun kam, was zu erwarten war. Eine lebhafte halachische Diskussion entbrannte, und aller Augen waren auf den Pseudorabbi gerichtet, daß er das letzte Wort spreche und den Meinungsstreit schlichte. „Armer Itschke," dachte der Rabbi in der Ofenecke, „wie wird es Dir je'tzt ergehen!" Und Itschke? Er ließ alle ruhig ausreden, dann fing er an, langsam und gedehnt, in herablassender Ueb erlegenheit: .Seid Ihr die Lomdim (Gelehrten) der Stadt, und Ih; versteht solche einfachen Dinge nicht! Bei uns könnte es jeder einfache Baalagoloh entscheiden. Kc um, Baalagoloh, her," richtete er seine Augen nach der Ofenecke, „und erkläre ihnen den Pschat (Sinn;) der Sugjah!" Das Bärtchen. r Pinchas Groß im Städtchen war ein Aufgeklärter und trug ein kleines Spitzbärtchen, so daß man ihn im Städtchen letzt nannte ,/Groß mit dem Bärtchen". ' Später, als er noch reicher wurde, Heß er sich überhaupt den Bart abrasieren. Da trifft ihn einmal Leiser, der Melamed, (Kinderlehrer) auf der Straße und begrüßt ihn: „Guten Morgen, Herr Graß!" „Was heißt Graß, ich heiße immer, noch Groß ," ärgerte sich der Angeredete, „Ich bin Melamed," entschuldigte sich Leiser, „und lehre die Kinder; Mit einem Bärtchen ist es ein K o m e z o, wo aber ein Strich ohne Bärtchen ist (Schnurrbart), dann sagt man a; also meinte ich, Sie heißen jetzt Herr Graß." Der Streit um das Kaddisch. In der kleinen Schul des Städtchens brach ein Streit wegen Kaddisch aus. „Ich habe heute Jahrzeit," behauptete der Eine. „loh bin aber mitten in den Schlauschim," protestierte ein Anderer. „Und ich komme eben erst aus der Schiwoh", meldete ein Dritter seine Rechte an. Da tritt ein riesenlanger Mensch ans Omed, stößt die Einen und Anderen "zur Seite und ruft: „Fort mit Euch, ich bin ja das Meß selber!" Der Freidenker. Der Apikores des Städtchens geht am Sabbat, da er im Orte selbst sich nicht getraut, zu rauchen, mit seiner brennenden Zigarre an die Stadtmauer hinaus, wo sich die Festungswerke befinden. Der wachthaltende Soldat ruft ihm zu: „Rauchen verboten!" Lacht der Apikores: „Unsinn. Ich bin ja längst Freidenker! ..." Der Zar und der Schuster. Tanchum, ein ehrbarer Schuhmacher, saß auf seinem Schemel und klopfte fleißig auf die Sohlen. Da wird plötzlich die Türe aufgerissen und über die Schwelle tritt ein riesenstarker Kosak, ein währer Goliath, der fast das ganze Stübchen ausfüllt. Der Soldat holt aus seiner Aermeltasche ein Papier und ruft dröhnend: „Im Namen des Zaren! Tanchum Pfefferstein hat einen Rubel an Abgaben zu zahlen." Tanchum erzittert bis ins Innere, zahlt dem Riesen den verlangten Rubel und ist glücklich, daß er von dannen geht, ohne mit seiner gewaltigen Faust seine ganze Bude über den Haufen zu werfen. Nun aber begibt sich Tanchum Pfefferstein zu seinem Freunde, dem Raw. Drei Fragen, wahre Rätsel, hat er dem Manne, der alles weiß, zu stellen. Erstens: woher weiß der Zar in Petersburg, daß er Tanchum Pfefferstem heiße. Zweitens: Wozu braucht der Zar seinen Rubel. Er macht doch selbst' die Geldscheine. Also kann er sich doch, wenn er einen Rubel braucht, einen drucken. Und drittens: Lohnt, es sich, einen Extraboten von Petersburg hierher zu schicken? Machen die Reisekosten nicht viel mehr wie einen Rubel aus? Der Rabbi runzelt die Stirn, überlegt nachdenklich und nun hat er es: „Was Deine erste Frage betrifft, Tanchum, so erinnere Dich doch, daß vor wenigen Jahren ManöJ ver in der Gegend von Kowno stattfand, bei dem der Zar selbst zugegen war. Weißt Du noch, wie ich damals die Hand auf Deine Schulter legte und sagte: Also Tanchum Pfefferstein, komme mit nach Hause. Damals hat wohl der Zar Deinen Namen gehört und sich ihn notiert. Was aber den Rubel betrifft, so ist es wohl wahr, daß sich der Zar so viel Rubel drucken kann, wie er will. Aber Deinen Rubel will er. Heißt es doch in der Gemoroh: Die »Regierung auf Erden ist ein kleines Abbild der g'ttlichen Herrschaft im Himmel. Was liegt dem Schöpfer der Welt daran, ou Du dreimal Kodausch sagst oder nicht? Er ist ja der Heilige, dem Menschenlob nichts mehr hinzufügen, kann. Aber er will Dein Gebet, Deine Huldigung, Dein Bekenntnis. Genau so hier. Der Zar will gerade Deinen Rubel, alsi Ausdruck der Liebe:zu ihm. Und was. Du zuletzt von den Kosten sagst. Glaubst Du etwa, daß der Soldat von Petersburg extra hierher, geschickt ist? Es ist gewißlich ein Soldat aus der hiesigen Gegend, der in Petersburg diente. Er hat nun seine fünf Jahre abgedient und ging zum Zaren, um sich zu verabschieden. Da sprach der Zar zu ihm: So gehe lechajim ulescholaum (in Frieden)i nach Hause. Und wenn Du einmal in Kowno bist, so suchst Du Tanchum Pfefferstein, den Schuster, auf, der mir noch einen Rubel an Abgaben schuldet." Damit waren alle Fragen zur höchsten Zufriedenheit Tanchums beantwortet. Ein Chelmer Beschluß. In der bekanntlich sehr intelligenten Stadt C h e 1 m (das jüdische Schiida) wurde ein neues Gemeindebad erbaut. Da entstand in der Gemeindeversammlung ein Streit darüber, ob der Fußboden, gehobelt oder ungehobelt sein soll. „Ist er ungehobelt," argumentierten die Einen, „kannman sich leicht die Füße verletzen." „Wenn aber;der Boden „glatt gehobelt ist, so" kann, man leicht ausrutschen und hinfallen," meinten Andere. Der Rabbi, der den Streit zu schlichten ihatte, traf folgende Entscheidung: „Man soll die Bretter zwar hobeln, aber die gehobelte Seite nach unten legen." Er macht alles, Der Rabbi bestellte beim Schneider einen neuen Rock und legte ihm dringend ans Herz, ihn zu einem bestimmten Tage pünktlich anzufertigen und abzuliefern, da er an diesem Tage an einem Hochzeitsfeste teilzunehmen hatte. Nachdem der Rabbi dem Schneider ungefähr zehn Mal das Gleiche ge&agt hatte, antwortete der Meister, etwas pikiert: „Rebbe, es ist bei uns Schneidern nicht wie bei Euch Rabbonim. Bei Euch heißt es: Sagt die Gemoroh, macht Raschi, bringt Tausfaus. Bei mir ist es anders: Ich sage, ich mache und ich bringe." Reb Ich. Im Städtchen steht ein Fremder auf der Straße und erkundigt sich bei einem würdigen Juden mit einem schönen Bart, wo Jankel Lieb ermann wohne. „Jankel Liebermann?" zuckt der Angeredete mit den Achseln. „Kenne ich nicht. Wie sagt Ihr, Jankel Liebermann? Nein, kenne ich wirklich nicht." Nach einer Weile ruft aber der Mann mit dem schönen Bart dem Fremden nach: „Meint Ihr vielleicht Reb Jankel Liebermann?" „Meinetwegen Reb Jankel Liebermann." „So, so, Reb Jankel Liebermann? Der bin ich..." .: Aus den Erlebnissen eines Bezirksrabbiners. Chason oder Kantor? Jüngst kam ich in ein kleines süddeutsches Städtchen und war genötigt, den Sabbat dort zu verbringen. Ich war überrascht, in der Synagoge einen Vorbeter zu hören, der sowohl durch seine Andacht, wie auch durch den Wohlklang seiner Stimme und den Geschmack seiner Vortragsweise seinem heiligen Berufe all© Ehre bereitete. Ich zog ihn später in ein Gespräch und sprach ihm meine Anerkennung aus. Bescheiden wies er alles Lob von sich. „Herr Kantor," sagte ich zu ihm, „wenn ich hier so mit Ihnen spreche, verstehe ich gar nicht, wie der Volksmund zu dem alten, bekannten Urteil kommen konnte, jeder Chason sei ein Schaute, d. h. ein Tor . . .! Können Sie mir diese .Redensart, d. h. ihren Sinn und ihre Ursache vielleicht erklären?" Der Vorbeter sann eine kurze Zeit nach. Alsdann antwortete er: „Gewiß, mein Herr. Das Wort hatte früher einigermaßen seine Berechtigung. Das war aber in der guten alten Zeit. Da war allerdings vielleicht jeder Ghason ein Tor. Aber heutzutage, da ist jeder Vorbeter kein Chason mehr, da ist er kan Tor (kein Tor)." Minhagstudie. Ein anderes Mal wollte es mein Mißgeschick, daß ich die zwei letzten Pesachtage in einem kleinen süddeutschen Landort verbringen mußte. Er hatte keine Eisenbahnverbindung und den Anschluß auf der benachbarten Station konnte ich wegen geschäftlicher Abwicklungen nicht mehr erreichen. Bei einem guten Geschäftsfreund fand ich willkommene Aufnahme. Gerne war ich seiner Einladung gefolgt; denn er war ein gebildeter, frommer Mann, der auch Thorakenntnisse besaß. Er bedauerte mein Mißgeschick, daß ich den Jomtow nicht im Kreise meiner Familie verbringen sollte. Doch ich erwiderte, daß es für mich einen besonderen Reiz halbe, den Feiertag auch einmal unter braven, biederen Landbewohnern verbringen zm dürfen. Sieher würde dieser Aufenthalt nicht ohne Gewinn für mich vorübergehen. Noch nie hätte ich einem Landg'ttesdienst beigewohnt. Ich hätte mich seit meiner Jugend für Minhogim interessiert und sicher würde ich auch in dieser Gemeinde diesbezüglich manchesi Interessante finden. „Das glaube ich nun nicht," erwiderte mein Freund, „unsere Kille hat gar keine Minhagbesonder heiten:" „Sollte mich doch wundern. Grade in den kleinen Gemeinden finden sich oft eigentümliche Bräuche. Ist Ihnen von hier gar nichts' bekannt?" „Gar nix! Doch, doch! Heute Nacht ist die Schiroh-Nacht. Da wird hier seit aulom woeds-Zeiten der große Jigdalnigun gesungen. Den häwe Se doch; noch nit gehört. Der is halocho Y manische misinai." „Ein Nigun ist noch kein Minhag; so schön er auch sein ma.g," erwiderte ich. „Doch vielleicht bleibe ich doch nicht ohne Ausbeute." . Wir gingen zusammen zum GHtesdienst.des Festtagvorabends. Der Vorbeter versah seinen Dienst in braver Weise. Es war das Chasonus der guten alten Zeit, flott und mit ländlicher Einfachheit undsimplem .Geschmack. loh war. nur begierig auf den ^großen" Jigdalmigun, Dast letzte Omen war verMüngen. Und nun intonierte der Chason und vor meinen Ohren defilierte der Jigd'al in der Marschwege des „Wohl-