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Der Israelit · 1936-03-05 · Heft 10 (5.3.1936) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 10 (5.3.1936)
Date
1936-03-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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üage Nummer 10 19^6 *.*£: Die Estlier-RoIl€t. Nimm' die Bibel in die Hand und lese Jenes Buch, das G'tt den Herrn nicht nennt, Aber .im -'Geschehen seine Größe Heimlich und verhüllt bekennt. Sieh', wie wunderbar zu Ringen Sich Begeben an Begeben schließt, J^ann , erjkenn', .daß hinter allen Duingen •E i n e Hand' nur und ein Wille' ist. J Und erkenne, 'daß wir preisgegeben Dem verbÄgnen^. Walten; sond, r Das Gesiet»? ist über *alle;s Leiben: Und dann sollst du deine Hände heben Demutsvoll und gläubig, wie ein Kind. ■So w$e jdie, ■d'ii& Ert ^eh einst erkören,, . Die so;ischeu und myrth^ngleich — Fast als hätte sichein. Stern verloren — Strahlte iin dem dunklen Ferserreich, i;-/ vs Nimni' die Bibel in die Hand und lese, Daß das Ziel oft tief verborgen liegt Und erkenne, daß das Böse Eingesetzt ist, daß es uns erlöse, Und das Guteendliche siegt!- , , „ „ , „ ' * i'TC5«; s ~J - t:- K - . .» ':, ■ t> Schalom-j Ben-Chorin,; PuriHi-Geistalteii im Städtchen, Von Boris Kader in Berlin. I. Unser Baddchen' (Spaßmacher) war ein Gelehrter der heiligen Schrift. Man sagte von ihm, daß, er ein-Raw sein könnte; Er aber schätzte und liebte sein Baddchentum über alles und war stolz darauf. Seine Liebe zu seinem Volke hatte keine Grenzen. Nach dem Beispiel des berühmten Zaddik Rabbi Sussia von Hannipol, pflegte er am Morgen, sowie er die Augen öffnete, begeistert zu sagen: „Guten Morgen Dir, ganz Israel!" Er war ungewöhnlich begabt. Aus seinem Munde strömten, wie aus einer Quelle, Improvisationen aus verschiedenen Stellen der .. heiligen Schriften, in Reimen zusammengesetzt. Seine scharfe Zunge aber, Offenheit und Unbeugsamkeit verschafften ihm im Städtchen viele Feinde, die mit ihren Beschwerderi zum Raw kamen. Dieser aber nahm' ihn immer in Schutz, und ließ kein Staubkörnchen auf ihn fallen. „Wißt Ihr denn," sagte " der Raw, wenn die Beschwerden sich häuften,. „was der :Baddchen macht? Er erfreut undbeglückt' Chossen-Kale. Bei armen Hochzeiten macht er, ohne' daß es jemand weiß, Geschenke aus seiner mageren Tasche, und ruft sie als solche von der Bräutseite aus. Und was er Purim macht — wißt Ihr alle!" Wenn aber der Baddchen bei seinen Improvisationen mal das übliche Maß überschritt, genügte ein Blick-Vom" Raw "üöd fcttes' nahm-* 'eine andere Richtung. ' Einstmals kam zu einer Hochzeit ein an sich unbedeutender Raw aus einer weit entfernten Großstadt. Ein - großer', ^stattlicher, . ansehnllicher Mann, mit einem schönen^ abreiten Bart- , , . (Pen ganzen 'Abend tat er. sich wichtig-, jede . Minute seihen 'längen Bart glättend. ' Mit seinem großen,; breiten Körper drängte er -Unseren {kleinstädtischen Rabbi ganz in den Hintergrund, von oben auf ihn herabsehend. Dies ärgerte unseren Baddchen. In beißenden Reimen gab er ein Bild von dem Gast. . Der Raw: „Du bist ein Garnichts, ein Baddchen!" D e r B a d d c >h e n : „Ich bin stolz darauf, ein Baddchen zu sein! Erfreue Juden!" Der iRaw: „Du bist ein Unwissender!" Der Baddchen: „Nein, Rebbe! Wollen wir vielleicht probieren? Ich sage Euch aber vorher: bei Eurer Drosche werden alle einschlafen, bei meiner — nicht!" In Reimen fing er an, Thoraworte, Talmudstellen zu schütteln. Staunend sagte der Raw: ivSehr, schade, daß solch guter Wein sich in solch scniechte%n Faß befindet." „Rebbe/' antwortete der Baddchen, „besser ist guter Wein in einem schlechten Faß, als ein schlechter" Wein in einem guten Faß!" . " i|c ,*«•■ r-':. , Der Gast wurde rot! •; ^! Unser , Raw schaute streng auf den Badd cheri' 'und sagte: „Du vergißt, daß der Raw ein Gast ist.' Man muß Ehre und Gastfreundschaft erweisen!" \ Mit großem Pathos besang jetzt der Baddchen den Gast, lobte ihn, daß er keine Muhe gescheut und den weiten Weg zur Hochzeit machte. j* Das Gesicht des Gastes fing zu strahlen j an. Er klopftedem; Baddchen auf die Schulter, lobte seine r^ennthisse, und versprach, ihmr zu Purim guten Wein in einem guten Faß, zu schicken; Unser Raw, erfreut über die Versöhnung, faßte den Gast und den Baddchen an den Händen, und alle Drei tanzten einen Mizwoh-Reigen. Alles lachte und jubelte! II. Vierzehn Tage vor Purim fing schon der Baddchen an, sich mit den Fest-Vorbereitungen zu beschäftigen.'* Er aß nicht, schlief nicht, ruhte nicht, machte sich von allen andern Sorgen frei, konzentrierte sich nur auf den einen Gedanken, möglichst schön und fröhlich das Purim-Fest'zu gestalten. Er war nur von einer einzigen Leidenschaft gefangen, nämlich: was stfll man nur tun, daß Juden sich am Purim von Herzen freuen! Er suchte alle jungen, etwas talentierten Menschen des Städtchens zusammen, -studierte mit ihnen Kuplets, Lieder, Tänze aller Art ein. Mit einem., leeren Saök ä^uf! den Schultern lief er die garizen Tage durch die schmalen Gäßchen, von Haus zu Haus, holte alle möglichen Sachen zusammen; die nur irgendwie als Theater-Köstüme, Requisiten dienen konnten. Er fand es als selbstverständliche Pflicht, daß jeder etwas zu Purim gebe, <bat nicht darum, sondern forderte. Jeder gab freudig, soviel er konnte. In einem kalten Raum, bei einem winzigen Lämpchen, das nur matten Schein verbreitete, saßen die „Schauspieler"'mit ihrem Meister ganze Nächte und studierten die Rollen. Die Kälte verschwand vor der: Begeisterung und dem Enthusiasmus!:,i Heldische ^Töhe, lyrischer Gesang, Tanz erfüllten die Stille der Nacht!; Purim!;d\ :>. ' Wenn die Reichen und Armen bei ihrer Ssude saßen, stürztejö die „Schäüspieler" in ihren 'bunten Kostümen hereinr,sangeU, tanzten, spielten Theater,: ibrachtenr.yej^^rrasqhungen für die Kinder, begeisterten sie mit allerhand Zir<kusstückchen, machten überall einen schönen „L'chaim", sammelten Geld für Arme zu Pessach. Von strahlenden Kindergesichtern und der Dankbarkeit der Erwachsenen beglückt: „Uebers Jahr nicht schlechter", „In Gesundheit", „Gut Purim", „Gut Jomtow!" eilten sie froh von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, brachten Glück und Freude in jede jüdische Familie. III. Der zweite Vermittler der Purim-Freude war der Sch'lachmonaus-Träger. Von all den Aemtem, die er bekleidete, wie Sarwer*) bei Hochzeiten, Schammes bei Chewre- Kadischah, Aufseher in der Mikwah und anderen mehr, trug er aber mit besonderer Würde sein Amt als Sch'lachmonaus-Träger. Er war kein gewöhnlicher Bote, der nur die Wünsche seiner Auftraggeber erfüllte, sondern wie ein Feldherr! '■■ ~ Keiner durfte sich in seine Kombinationen der Zusammenstellung des „Sch'lachmonaus-Tellers" einmischen! Das ist in einer kleinen Stadt nicht so einfach. Man muß die Verhältnisse der Familien kennen, ihre Beziehungen zueinander, ihre Distanzen, viel Geheimnisse verbergen und dergleichen mehr. Der „Sch'lachmonaus" bestand aus: Apfelsinen, Datteln, Feigen, Aepfeln, Hamantaschen, Naute, Konfekt, Mandeln, Rosinen, Nüssen und ahnlichem. Das alles war sorgfältig auf einem großen Teller zusammengestellt und mit einer weißen Serviette geheimnisvoll zugedeckt und von un-. serem Sch'lachmonaus-Träger feierlich von einem Haus zum Andern getragen. Jede Familie wartete mit Spannung auf den Sch'lachmonaus-Träger und zerbrach sich dann den Kopf, was wohl der Absender damit meinte, daß die Naute links von der Feige, oder die Apfelsine rechts von der Dattel lag. Unser Sch'lachmonaus-Träger hat das alles geschickt gedeutet, denselben Teller mit denselben Geschenken, nur anders geordnet, weiter getragen. Immer weiter, weiter, bis das ganze Städtchen seinen „Sch'lachmonaus" hatte. Die Welt bewundert die großen Schach- Meister, die die geniale Gabe haben, zu gleicher Zeit viele Schach-Partien zu spielen, alle Gänge zu verfolgen und dabei meisterhaft zu kombinieren. Unser Sch'lachmonaus-Träger hatte es noch viel schwerer: v Er mußte das ganze Städtchen mit all' seiner Vielfalt im Kopfe haben! Man brauchte ihn nur in diesem seinem Amte zu sehen: Die Gestalt gestreckt, der Tritt kräftig, das Haupt erhoben, das Gesicht leuchtend! Er war stolz: Er ist der Sch'lachmonaus-Träger! Bringt Freude in jedes jüdische Haus! IV. Man sang im Städtchen: „Gewiß, Purim ist ein Jomtow! Deshalb wollen wir alle zusammen das alte Purim-Lied singen: Wein, Wein; Wein! Gelobt sei der allmächtige G'tt, Der uns bewahrt vor Schand' und Spott, Der .uns behüt't vor Spott und Schand', Und uns bewacht mit seiner Hand! Jetzt aber laßt uns lustig sein, Bei Fisch und Fleisch, bei Bier und Wein." Diener,,.,

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