Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1936)
- Date
- 1936-03-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S^^Pw^gr^PP SV***1? JWSBRWÄrfVF»-''*"''»*?*,." 5. März 1936 D 1 i t Nr. 10 Seite 3 Heim""Arbeit in der Fremde. f» (Fortsetzung von Seite L) Auch unsere iMegilloh, die in dramatischen Bildern von höchster Spannung an unserem Ohre vorüberrauscht, ist nicht aus einem Guß entstanden. Sie setzt sich aus einzelnen ,, Jerioth" zusammen, die die Phasen, die nicht immer gerade Wege zum Ziele anzeigen. Für die Zeugen des Wundergeschehens wickelte sich der Prozeß gewiß nicht in der raschen logischen Folge und im festgefügten Aufbau wie beute vor den Augen des Lesers ab. Gewiß gab es auch in den Zeiten des geistigen Verfalls" einen Stamm, der sich vom falschen Licht nicht blenden ließ und zäh an den von Lust und Leben zurückgedrängten Traditionen der Väter festhielt. Wie wäre denn sonst über Nacht dem Volke ein Mordeohai entstanden? Gewiß ging nach dem Zusammenbruch 'der Emanzipation und Assimilation die Heimkehr auch nicht für alle auf so gradem sicherem Wege, wie es uns heute dünken mag. Es -gab sicherlich auch Parallelwege, und auch Abwege, Etappen, die sich für das Ziel gaben, Strömungen, die die Heimkehrer auf halbem Wege abfaßten und sie in falsche Richtung wiesen. Es Es gab auch Kompromißler, die die letzte Konsequenz aus dem Zusammenbruch nicht zogen und den „goldenen Mittelweg" zeigten. Wie könnte sonst die Megilloh mit den Worten schließen, daß Mordecibai dem Großteil seiner Brüder genehm war — dem Großteil, aber nicht allen Brüdern? Es ging die Erlösung nicht in dem Tempo vor sich, in dem der Vorbeter die Sätze an unserem Ohre vorüberrauschen läßt. Aber wir sehen das Gesamtblid, wir sehen 'die Mündung und können den Strom in seinem Laufe nicht im Einzelnen verfolgen. Und das Gesamtbild, auf das es ankommt, ist tröstlich für alle Zeiten, vornehmlich für unsere Zeit. Und noch eines: Die jüdische Heimat ist Erez Israel, das Land der Väter, das Land der Schechinah. Daß aber Israel in seinem g'ttgeweihten Innenleben nicht territorial gebunden ist, daß es die innere Heimat auch in der Golusfremde finden kann; dies belegt das historische Dokument der Estherrolle. O'TirPil lVnj?2' die Juden sammelten sich, sie suchten und fanden heim. Am Tage, da sie sich aus einer fremden Welt ins jüdische Haus fanden, zu ihrem G'tte, zu ihrem Gebete, zu ihrem jüdischen Leben, an diesem Tage schon waren sie zu Hause, waren sie bodenständig und seelisch verwurzelt in einer großen unsichtbaren jüdischen Welt, aus der sie kein Mißgeschick verdrängen konnte. Unser letztes Ziel ist Erez Israel. Aber es sage keiner, daß der Jude in der Golah heimatlos sei, sofern er für sein Judesein den Heimatschein aus den ewigen Urquellen des Judentums bezieht. Es sei denn, er wollte sich gegen das Wort und den Geist der Estherrolle versündigen, die die ,1Heim"-Arbeit in der Fremde in ihrem vollen Werte zeigt. Wocheumndschau. Der Sabbat in England. Dankbar sieht die jüdische Welt allenthalben nach England hin, dem Lande der strengen Sonntagsruhe, wo aber trotzdem den sabbathaltenden Juden Gelegenheit gegeben ist, durch eine beschränkte Sonntags arbeit den durch den Sabbat entstehenden finanziellen Ausfall teilweise wieder einzuholen. Dieser beispielhafte Zustand, der in England (wie auch in Holland) schon langjährige Tradition hat, übt zuweilen auch in östlichen Ländern, so dort die Frage der Zwangssonntagsruhe die (jüdische Bevölkerung bedroht, eine heilsame Wirkung aus. Wie aus der Londoner Korrespondenz der jüngsten Nummer zu ersehen ist, fehlt es auch in England nicht an Bemühungen, in dieses alt bestehende Recht eine Bresche;zu schlagen. Im Unterhaus wurde eine Vorlage zur Verbesserung der Sonntagsruhe eingebracht. Die Bill möchte zunächst an der Sonderbestimmung, wonach Juden, die auf Grund einer ausdrücklichen Erklärung sich verpflichten, ihren Betrieb am Sabbat zu schließen, am Sonntag bis ein Uhr ihre Geschäfte offen halten dürfen,: nicht rütteln. Allein die Frage kommt wieder in Fluß und es gibt sowohl Gegner der Bill an sich wie noch mehr der erwähnten Sonderbestimmung zugunsten der sabbathaltenden Juden,. so daß sich über das Schicksal der Vorlage im Moment noch nichts sagen läßt. Daß die Vorlage mit den von ihr ausgehenden Gefahren für den Sabbat die englische Judehiheit aufrüttelt und für das kostbare Gut des Sabbat in gesteigertem Maße zusammenführt, darf man wünschen und hoffen. Vor allem müssen einige Uebel in der jüdischen Gasse abgestellt werden, die, wenn auch sehr vereinzelt, überaus beschämend wirken und den Gegnern der Juden und des Sabbat eine Waffe in die Hand spielen. Es soll, wie aus der erwähnten Korrespondenz hervorgeht, einige jüdische Friseure geben, die die großzügige Toleranz der englischen Gesetzgebung in der Art mißbrauchen, daß sie zwei Geschäfte betreiben, von denen eines am Sabbat und das andere am Sonntag arbeitet. Auch sonst soll es , hie und da einige Geschäftsleute geben, die in unverantwortlicher Weise von der Freigabe der Sonntags arbeit Gebrauch machen, obwohl sie es in ihrem Geschäft mit dem Sabbat nicht so genau nehmen. Es ist verständlich, daß die jüdischen Instanzen, die möglicherweise bald in die Lage kommen, für den Sabbat zu kämpfen, zuerst auf die Reinigung in der jüdischen Gasse bedacht, sind. Unentwegt und schonungslos muß gegen die Elemente, und wenn es auch nur einige wenige sind, vorgegangen werden, die des schnöden Gewinnes wegen einen Otfri VlV'h begehen und .damit Gefahren für die jüdische Gemeinschaft und ihre heiligsten Güter heraufbeschwören. 1 Wir sind der zuversichtlichen Hoffnung, daß dieser Reinigungsprozeß, da es sich nur um gezählte Personen handelt, bald durchgeführt ist, so daß die jüdischen Führer, wenn nötig, reinen Gewissens in den (Kampf für den Sabbat, der gleichbedeutend mit dem Kampf für den jüdischen Mittelstand ist,.-treten 'können und, wie bisher, bei den Repräsentanten der englischen Nation volles Verständnis finden. Wilna ohne Schechita! Zu den. Vielen Städten in Polen, die dem Pairlamentsbeschluß über das Projekt des einheit'- lichen Schächtverbotes für das ganze Land mit lokalen S c h ä c h t v e r b o t e n für ihren Stadtbezirk zuvorgekommen sind, gehört auch Wilna. Also Wilna ohne Schechita, Wilna ohne Koscherfleisch! Hier erleben wir eine kleine Tragödie innerhalb der großen Tragödie der polnischen Judenheit. Wilna wurde und wird in der jüdischen Welt mit tiefer Ehrfurcht ausgesprochen, als das Zentrum des jüdischen Geistes, als die Stadt des Gaon und dqr Qaonim, als das Herz und die Seele des östlichen Judentums, als das „litauische Jerusalem". Etwa 40 Prozent der über 300.000 Seelen zählenden. Statd sind Juden, denen, mit Ausnahme einer ganz kleinen dünnen Schicht, Treue zum Gesetze und die Einhaltung der ritueEen Vorschriften eine Selbstverständlichkeit des Tages, einfach Lebensnorm ist. Wie nun das große Ringen in Warschau um die Schechita ausfallen wird, Wilna hat zur Zeit keine Schechita, das heißt, das jüdische Wilna muß zunächst auf den Fleischgenuß verzichten. Man glaube nicht, daß ein örtlich begrenztes Schächtverbot etwa durch Einfuhr aus der •nächstgelegenen Stadt, wo die Schechita noch freigegeben ist, umgangen werden könne. Die Dinge liegen in Polen so, daß der Gemeindeetat zum weitaus größten Teile von der Schechita genährt wird. Die Schechita in der Gemeinde ist wohl in erster Reihe eine religiöse Institution, sodann aber auch eine Verwaltungsangelegenheit, die das Gleichgewicht des Gemeindehaushaltes sichert. Schon darum allein, aber auch noch aus inneren Gründen, ist die Schechita einer jeden Gemeinde durch eine Einfuhrsperre geschützt. Das aus einer anderen Gemeinde eingeführte Fleisch ist überall vom Rabbinate mit einem mcx belegt. Auch diese Sperre wird nicht unier dem Drucke der Verhältnisse ohne weiteres gelockert werden können, da das Rabbinat einer jeden Gemeinde ja nur die Verantwortung für die unter seiner Aufsicht ausgeführte Schechita übernehmen kann. Wie dem auch sei: Die Kunde, daß indes die Abwehraktion gegen das Verhängnis in vollem Gange ist, Wilna de facto die Schechita genommen ist, hat geradezu lähmend au[ die polnische Judenheit gewirkt. Auf eine Beschwerde der Vorsteher und Rabbiner von Posen und anderen Gemeinden erklärte, wie aus Warschau mitgeteilt wird, zwar der Vizeinnenminister, diese Einzelaktionen der Stadtverwaltungen in Sachen der Schechita seien ungesetzlich, aber die Verbote wurden auch nicht aufgehoben. Die Woiwodschaften der betreffenden Städte, sagte der Vizeinnenminister, hielten ihren Standpunkt dem Innenministerium gegenüber aufrecht, und der Streit solle demnächst durch Staatsjuristen entschieden werden, Ueber den Stand der Dinge und den Gang der Abwehraktion finden unsere Leser an anderer Stelle ausführlichen Bericht. Hier wollten wir lediglich als eine besondere Illustration der Lage den Fall Wilna hervorheben. Der Sabbat der Erinnerung. Von Rabbiner Dr. Hermann Klein in Berlin. Als den zweiten Sabbat der Vorbereitung für den Monat Nissan, des Monats, in dem wir zum Volke geworden sind, haben unsere Weisen den ,,Sabbat der Erinnerung" festgesetzt. Dieser Sabbat soll uns daran erinnern, daß wir von dem Augenblicke an, da wir unsere Wanderung als Volk in der Menschheitsgeschichte begonnen haben, von Feinden umgeben waren, und er soll uns lehren, wie wir den Widerständen zu begegnen haben. Ein tiefes Wort der Weisen weist darauf hin, daß eigentlich ein Widerspruch in dem Thoraberichte liegt, denn einerseits ergeht die Aufforderung an uns: "M IDT flK flnölV "m nnaK nnn *d ioik mn und an einer anderen Stelle heißt es: „ich will das Andenken der Bosheit vertilgen". t> "lölKI "* HDD b$ so lautet die Antwort des Midrasch ,.es heißt: die Hand gegen den Thron G'ttes." (Vgl. S2n 'S "UWaW ülp1?''). Der erste Angriff des Feindes erfolgte zu einer Zeit, da wir auf dem Wege waren, da wir die ersten Schritte in die Freiheit und zur Freiheit versuchten. Dorne.nvoll und schwer war dieser Weg für die eben aus der Sklaverei Entronnenen, denn der Sklave kennt die Sorgen nicht, die die Freiheit mit sich bringt. P(er Sklave sitzt an den Fleischtöpfen, die andere fürsorgliche Hände für ihn bereiten und labt und erquickt seinen durstenden Körper an Getränken, die andere für ihn mischen. Daß er für Speise und Trank aber seine Menschenwürde einbüßt und seine Seele verkauft, das empfindet der Sklave nicht, dessen Seele sich niemals ge-