Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1936)
- Date
- 1936-02-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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S^^^^^^^^p^^^^^^^p^P^^^^fe^^^^ ^f^^^^^Sf^^^F^^^^^^^^^>^^^^^^S^«*^'^^^^^^^f!^!^^x^!^T^' Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 8 1936 Eine aussterbende Gemeinde« Von S. J. , „Die verwunschene Gemeinide" nennt das jüdische Jerusalem die Karaiten- oder Kar ä e r g e m e i n d e in der heiligen Stadt. Eine der ältesten Gemeinden-, die weder jüdisch noch mohammedanisch noch christlich ist, und scheinbar weder leben noch sterben kann, geht nun doch dem Ende entgegen. Die Entstehungsgesdhiohte der Karäergemeinde ist ja bekannt. Vor genau 1185 Jahren verließen. An an , der Begründer der Sekte, mit 60 anderen angesehenen Männern Babylon und wanderten, all ihre Geschäfte -und zum Teil prächtigen Häuser im Stiche lassend, nach Jerusalem aus, wo sie die erste Karäergemeinde bildeten. Jerusalem sollte das Zentrum der karäischen Lehre und Glaubensgemeinschaft werden. In kurzer Zeit verkettete sich der karäische Jischuw und wuchs sogar über Jerusalem hinaus. In Ramla wie in Tiberias bildeten sich Zweiggememden. Eine gewaltige Propaganda setzte ein, um die verhältnismäßig wenigen Juden im Lande für die starre Bibellehre und den G'ttesdienst der Karäer zu gewinnen. Als die. Kreuzzügler nach Palästina kamen und Gemetzel unter den Juden anrichtete, konnten sie der Karäergenieinschaft. kaum Abbruch tun. Gerade damals gab es karäische Bibelgelehrte von. Namen und Ruf.. Ganze Grippen ausländischer Kiaräer emigrierten im Jahre 1000 aus der Halbinsel K r i m nach Jerusalem aus und schlössen sich der dortigen Karäergemeinde an. Der Niedergang der ansehnlichen Gemeinde setzte im 15. Jahrhundert ein und wurde immer intensiver, so daß die Karäer heute nur noch „die verwunschene -Gemeinde" heißen. Der Reisende Samuel ben Dawid aus der Krim, der 1641. nach Jerusalem pilgerte, erzählt, daß damals die karaitische Gemeinde in Jerusalem nur noch 27 Seelen zählte, darunter drei Greise und acht Witwen. Ein anderer Reisender, Mosche ben Elijahu hakohen, erzählt, daß er 1655 beim Gebete in der Kiaräerschul nur drei Männer und zwei Frauen angetroffen hatte. Der Reisende^ Jacob Salier -erzählt, daß in den letzten fünfzig Jahren die" Karäische Gemeinde in Jerusalem n o ch nie eine 'voll e; M in-: j a n z a h 1 beim G'ttesdienste gesehen hatte. Ludwig August "F t ä n k e 1, der Jerusalem 1856' besuchte, fand dort nur vier Familien. ■ l: Heute l^ann man sagen,, idaß die Gemeinde nur noch aus" e i n e r einzigen Familie besteht,'' der Familie E 11,] a h u J e f e t h^, die aus. Mann, Frau und furif" Kihderiisich zusammensetzt. Alle Bemühungen; iji''$W. ^elti'.'die rrtaraitengemeiride in Jerusalem'zur Blute zu bringen, sind gescheitert. Man erklärt sich dieses folgendermaßen: Die Karäer ibaben besonders in Palästina keine geistige Bewegtüigsmöglichkeit und keiften" Räum 2&r Ausbreitung. Mit Andersgläubigen verschwägern sie sich nicht, und t^U)le^^e^^v^S'jta:br ♦ |stch mit ihnen ehelich zu^y^hm^ea^ Sorjiih-r^e. sie die Inzucht zum Untergang. So weit die Gelehrten. D$|' ^a(gt||^g|li#f jüfefeenj]p|äsp 'vifeiß das aber anders zu e^lar^er^.: ... * f Es war vor einigen hsti&äeA' «foihrcnv Jiä-••|le,'• Jttdeh des Heiligen Landes und besonders Jerusalems _ in >den größten^ Gefahren^.schwzbteii uniQ^aen'Mtte^ "wären. Der Chacham Baseihi (erster Rabbiner) berief eine Versammlung aller Rabbinen und aller prominenten Männer der Stadt ein, um Mittel und Wege zur Abwendung der Gefahr und Not zu. finden. Oeffentliche Einberufung einer Versammlung war nicht möglich, da alle Zusammenkünfte bei Todesstrafe verboten waren. Nach Beratung mit dem Besdin fand der Chacham Baschi als geeignetsten Platz für die Versammlung den stillen, abgelegenen Schulhof der Karäer, -zu dem kein Außenseiter den Weg fand. Der karäische Chacham war einverstanden und so konnte die Zusammenkunft t der Rabbinen stattfinden. Der Chacham Baschi, durch dringende Rabbinatsgeschäfte abgehalten, kam später als alle Anderen. Wie er aber die Stufen zur Schul hinunterging, fiel er ohnmächtig hin und man konnte ihn nur mit großer Mühe wieder ins Leben rufen. Es stellte sich heraus, daß unter der letzten Stufe Rambahis Hauptwerk J a d H a c h a s a <k a h zerrissen unter dem Schutte lag. Wie der Chacham Baschi diese Entweihung entdeckt hatte, verließen ihn die Kräfte und er wurde ohnmächtig.. Nach einiger Ausforschung fand man heraus, daß die Karäer hier absichtlich das Buch in so unwürdiger Weise vergraben hatten, um sich an Maimohides, der die Lehre der Karäer mit Seinem großen Halachahwerk so gründlich schlug, zu rächen. Man holte bald das heilige Buch aus dem Schütte hervor, und reinigte es, und aus dem Munde des Chacham Baschi kam der Fluch, die Gemeinde möge niemals die nötige Minjanzahl in ihrem G'tteshaiuse mehr zusammenbekommen. Seitdem, so wird in Jerusalem erzählt, hat die Schul kein Minjan mehr gesehen. Kommt ein zehnter Mann aus Neugierde, oder um sich dem G'ttesdienste anzuschließen, so wird einer stets von einem Unwohlsein befallen, daß er bald den Raum verlassen muß. Die Jom-Kippur-Nacht verbrachte ich in der Karaitenschul und erlebte dabei die ganze Tragik dieser mehr aus Traditionen als aus Menschen, bestehenden aussterbenden Gemeinde. Die .Gemeinde ist der bereits genannte Elijahu J e - f e th.. Er ist der Chacham, der Vorbeter und der Schames in einer Person, und er und seine kleine Familie stellen in der Hauptsache auch die Beterschar dar.... Ein ganz enges und kleines Gäßchen mit einigen alten 'baufälligen Häusern bildet die Umgebung der Schul. Gegenüber befindet sich die chassidische Schul, die unter dem Namen N i s - sim Baek-Schül bekannt iht. Das Gäßchen trägt den Namen ,;Chartel Karaim" (Karäische. Gaß). Elijahu Jefeth mit : seiner Familie und ein Fremder, auch ein Karaite, saßen vor Nacht um den Tisch und nahmen ein frugales Mahl, bestehend nur;aus Kräutern und Pflanzen, zu sich. In Jerusalem darf nämlich ein Karaite kein - Fleisch genießen; nicht eher, als bis Moschiach " kömmt urid der Altar wieder errichtet ist. Es' folgte das gemeinsame Benschen mit erhobener Stimme. Elijahu Jefeth segnete die Kinder, dann gin^es ' die Stufen hinunter zur Schul. Genau neunzehn Stufen, ganz in Dunkel gehüllt, führeti' zur Schul1 hinab, die':.mit ihrer Düsterkeit und Dumpfheit an eine nihterirdisdhe Gebets-' statte )der »^araamen .|ü Spanien zur Zeit der In'-! |" ^uasitipn; eri^operL-s. | jEine Petroleumlampe und zwei Oellämpchen beleuchteten schlecht den |p|S^.|jLtift ^dLic .krassen; Gegensatz zu^der Völlen* hemicneti' "Erez Israel-, Sbnne* obeht - ' r"'' Der ganze Boden ist mit zum Teil kostbaren Teppichen ausgelegt, auch 'die Wände sind mit Gewetön be^fiättgfen;^; Hie" lieb ende: Frauenih äri de' hergestellt haben. An der Ostwand steht der Heiligenschrein und daneben ein Pult, in das ein Altar künstlerisch eingraviert ist. Alle mußten, bevor sie den Raum betraten, die Schuhe von den Füßen streifen. Jefeth holte sich vom Pulte einen großen Gebetmantel, sprach die Segensformel und hüllte sich darin. Das Gebet begann. Die ersten Teile der Abendgebete deklamierte Jefeth ganz allein mit lauter Stimme, in einem orientalischen Singsang, das mehr an die' arabischen Gebete erinnerte. Später durfte auch der fremde Gast einige Gebetsstücke vortragen. Bei dem Gebete a^T» *]^J3. 'K und TQjpv die sie in ihrem. Gebetbuche genau wie wir haben, fielen sie jedesmal auf die Kniee. Langsam schlich, ich mich aus der Dreimännergemeinde, wo einem so enge zu Mute wird, und ging hinüber in die Chassidimsohul, wo eine große lebendige Gemeinde sich in glühendem Gebete befand ... Randbemerkungen zum „Liede der Ehre i. Die Veröffentlichung des Herrn Rabbiner Wolf S. Jacobson über fliTOT D'MR bedarf einiger wissenschaftlicher Ergänzungen. Was die Autorschaft des Liedes' betrifft, so ist es zwar richtig, daß heute R. Jehüda Hachassid, welcher 1216 in Regensburg starb, als Verfasser angesehen wird; der älteste Beleg für diese Meinung ist eine Handschrift des Cod. Michael 533, welche um 1290 entstand und die Ueberschrift trägt: •hMi atiamjttjn» fon nun» 'i to'ff naan t>v Die weitere Frage jedoch, ob die TilT>n '*v>V — die Einheitsgesänge, welche aus derselben Zeit und dem gleichen Kabbaiistenkreis her ihre Verbreitung in Deutschland fanden — wirklich den Vater des Genannten, also R. Samuel ben Kalonymos, zum Verfasser haben, ist noch umstritten; Prof. Berliner in seiner Studie „Der Einheitsgesang" Berlin 1910, welche das wichtigste Material zusammenträgt, weist darauf hin, daß der erste literarische Zeuge dieser Einheitsgesänge ein jüngerer Zeitgenosse des Kalonymiden namens Mose ben Chisdai in Regensiburg (bis etwa 1250) sogar zwei Autoren für diese Gesänge benennt, und zwar für den ersten Teil einen Rabbi Bezalel und nur für den zweiten Teil (von der Strophe "JP im vierten Liede am} eben jenen R. Samuel. Uebrigens war die Unsicherheit der Autorschaft dieser Einheitsgesänge (man dachte zeitweilig sogar an einen christlichen Geistlichen) sogar der Grund, warum in der Synagoge des" Wilnaer Gaon diese nicht rezitiert werden durften. Auf jeden Fall steht das „Lied der Ehre" mit den Einheitsgesängen nicht nur in einem literarhistorisch-chronologischen, sondern auch in einem geistigen Zusammenhang, der zum Verständnis des Liedes unentbehrlich ist. Diesbezüglich ist bemerkenswert, daß die Einheitsgesänge schon nach Ansicht des ältesten Zeugen, des erwähnten Mose ben Chftdai, — was neuerdings dann uns die jüdische Wissenschaft bewiesen hat (Ph. Bloch, Monatsschrift 1870) — keineswegs als Originalwerk zu gelten haben, sondern als Uebersetzungen aus den Werken der Philosophie Saadja Gapns aufzufassen sind, welche ihrerseits ja Gedankengänge des Aristoteles ye^fp'lgep; , die., historischgeistige Brücke ist durch die Handelsbeziehungen der Donaustadt Regensburg mit den jüdischen Zentren des Orient gegeben, stammt doch auch aus diesem Kreis der weltreisende Rabbi Petachja. Zu diesen Einheitsgesängen soll das „Lied der Ehre" anscheinend als Einleitung dienen, wie nicht nur die Hinweise niVöT D'MK und O'T» es nahelegen, sondern auch die Gleichheit von Rhythmik und Versmaß beweist, es setzt allso wahrscheinlich jene voraus. Der Titel „Lied der Ehre" hängt nach Zunz damit -zusammen, - daß es die' Herrlichkeit G'ttes mystisch-spekulativ.^behandelt; so hat R.. Jehuda; der Fromme., auch^ ein;. „Buch der Ehre" verfaßt. In die Liiuf^ik hat das Lied frühestens im 13. Jahrhundert Eingang gefunden: der Einwand des' Verfassers des L'wusch :ge^en< die^walltägliche1 Verbreitung des Liedes ist;;TnuE äus - dem, .Zusammenhang einer Polemik über den Einheitsgesanig . zwischen, dem Maharschal> dem Lehrer des L'wüych, und R. S. J. Katzenellen- , bogen Verständlich, worauf bereits Prof. Berliner hingewiesen hat ($. 15J>. Bezüglich des .. Lied-* t ext es ist zu bemerken, daß; Simonsen (Monatsschrift Bd. 37ji die Einschiebung' von unechten Ver- / ■