Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1936)
- Date
- 1936-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 8 Der Israelit 20. Februar 1936 den hat, der den Europäismus, vielleicht in übertriebener Sicht, als eine letztlich auf der christlichen Inkarnationslenre beruhende Weltanschauung betrachtet hat, und der, selbst ein Ausbund europäischer Bildung, doch das jüdische Lernen weit über alle sogenannte Bildung und das Rabbinische als die eigentliche Wesensausprägung für die ewig gegenwärtige Offenbarung des Judentums gefaßt hat. Wieso aber Maybaum nicht über die Ressentiments hat hinwegkommen können, das offenbart sich uns bald, wenn wir den Abschnitt: „Halacha und Agada" lesen, in dem fast jedes Wort schief, jeder Gedanke innerlich widerspruchsvoll ist. Es heißt dort: „Das deutsche Judentum hat die Voraussetzung, zu verstehen, was jüdischer Wandel ist. Von diesem neuen Verständnis wird der Kodex des Schulchan aruch, wenn er nur als „Ritual"-Werk gelten soll, für den ganzen Ernst des jüdischen Wandels als nicht ausreichend betrachtet werden . . , Was ist Halacha, wenn durch eine technische Vervollkommnung eine neue, aber echt humane Schlachtung der Tiere, deren Fleisch wir essen, von Staats wegen verpflichtend wird? Der liberale Rabbinerverband hat April 1935 eine Entscheidung getroffen, die diese Neuerung bejaht. Es ist nur dafür zu sorgen, daß der Ausdruck „neukoscher" nicht als Erleichterung angesehen wird. Worauf kommt es an? Human war die Schlachtung, die der Schulchan aruch voraussetzt, human ist die Schlachtung, die jetzt mit der elektrischen Betäubung den staatlichen Forderungen gemäß geschieht und danach die Blutentziehung durch den Halsschnitt sofort einsetzen läßt. Das Amt des Schochet bleibt erhalten. Er hat vor und nach der Schlachtung die Segenssprüche zu sprechen. Es bleibt bestehen, daß ein zu Gebetshandlungen vor und nach der Schlachtung Betrauter und Beglaubigter nicht ein roher Mensch sein kann." Hier hat also der Rabbiner Maybaum die neue liberale Halacha gepaßkenet. Er ist sich gewiß sehr bedeutsam dabei vorgekommen, daß er neukoscher mattir ist, aber doch bei Verwendung des neukoscher im Haushalt die „alte Form" beizubehalten anbefiehlt. Uns interessiert das an und für sich nicht. Der einzige Gesichtspunkt, der in einem Buch über „parteibefreites Judentum" den Schriftsteller hätte bestimmen müssen, nämlich die Frage: geht es an, daß ein neues Schisma im deutschen Judentum durch das Erlauben neukoscheren Fleisches geseih äffen wird? Können wir es verantworten, daß ein Jude bei dem andren nicht am Tische essen kann? Diese einzige Frage, die mit dem Thema in Verbindung gestanden hätte, stellt der Verfasser nicht. Dagegen haben wir zu unserer Verwunderung z weimal gehört, daß er Wert darauf legt, der Schauchet soll bei seiner neukoscheren Handlung vor und nach der Nur ein Buchstabe. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die zehn Worte, wie sie G'tt am Sinai dem versammelten Volke verkündet hat, sind in ihrer Größe und Einhetilichkeit, in ihrer Bedeutung und Auswirkung eine einmalige Offenbarung geblieben. Sie sind aber doch nur die Stützen und Säulen des Himmelsbaues, den der Herr in die Erde zu deren Sicherung und Veredlung hineingesenkt hat. Die ganze ungeteilte Lehre mit all' ihren Satzungen und Vorschriften, mit all' ihren Lehren und Wahrheiten ist des Judentums Inhalt und Wesen. Das darf niemals vergessen werden, nie darf der Glanz der n-nmn mw etwa was sich in der mm den zehn Geboten anschließt irgendwie verdunkeln und in seiner Bedeutung und Verpflichtungskraft herabmindern. Darum werden die dem Offenbarungskapitel angereihten onjEjffa „die Rechtsverordnungen" durch den Verbindungsbuchstaben 1 mit ihm zu einer Einheit verschmolze.n. Mag auch sonst in der heiligen Schrift es stehende Sprachform sein, daß geschichtliche Tatsachen, Ereignisse oder ähnliche Dinge miteinander verbunden angereiht werden, bei unserem ersten Sidrohwort hat die Verbindung ihre besondere Be- Schlachtung die Segenssprüche sprechen. Wir haben in unserer „orthodoxen Epigonenhaftigkeit", wie Maybaum sich ausdrückt, wohl von einem Segensspruch vor der Schlachtung gehört. Was uns aber ganz neu ist, ist die Brocho na c h der Schlachtung. Wir stehen h.i e r vor dem ungeheuerlichen Faktum, daß der Rabbiner der Gemeinde Frankfurt a. O. noch nicht einmal weiß, daß es keine Nachbrocho auf eine M i z w o gibt. (Außer beim Vorlesen aus der Thora und nach dem Jeruschalmi auch beim Ablegen der Tefillin gibt es für keine Mizwo eine Nachbrocho.} Da Maybaum diese zweimal fordert, kann auch nicht ein Druckfehler vorliegen. Es zeigt sich hier eine so krasse Unwissenheit, eine solche Fremdheit über Dinge, die jed'er Schuljunge weiß, daß daraus allein sich all die Fehlurteile Maybaums und sein mangelndes Verständnis der Orthodoxie vollkommen erklären. Ich erinnere mich, daß ich als Schuldirektcr einmaleinen Schüler fragte, ob er die Brocho über die Tefillin kenne, und als mir das Ja des Schülers etwas verdächtig erschien, ich ihn auch fragte, ob er auch die Nachbrocho. kenne, was er mit gleicher Energie bejahte. Darauf sagte ein anderer Schüler: er hat frühzeitig Nachbrocho über die Tefillin gemacht. So können wir Herrn Maybaum bescheinigen, daß er frühzeitig Nachbrocho über die Schechita und den Schulchan Aruch gemacht habe. Die Unwissenheit Maybaums in rabbinischen Fragen ist keine Einzelerscheinung. Sie ist das typische Merkmal jener Rabbiner, wie sie Maybaum in dem Abschnitt über den Rabbiner in seinem Buche kennzeichnet. Sein Antipode, Rabbiner Dr. Joachim Prinz von der Berliner Gemeinde, hat vor einem Jahre in der „Jüdischen Rundschau" allwöchentlich ein Programm für den (von Maybaum übrigens verpönten) Oneg Schabbat gegeben. Für Schabbos Chanuka ließ er sich dahin aus: da am Schabbos Chanuka Thoralernen verboten sei, empfehle er, aus Mark Twains humoristischen Werken vorzulesen. Man höre: am Schabbos Chanuka ist Thoralernen verboten! So wenig kennt also ein Rabbiner den Geist der Thora, daß er Schabbos Chason mit Schabbos Chanuka verwechselt; so sehr ist ihm die Freudigkeit und die Wonne des Thoralernens verschlossen, daß er wie ein Schulbube es als Ausdruck des Glückes betrachtet, nicht Thora lernen zu müssen. Das ist die geistige Höhenlage, das Lomdonus, die Sachkenntnis, aus der heraus man über die jüdische Lebensordnung urteilt. Wenn aber Maybaum glaubt, daß noch immer die Halbheit oder die Willkür in bjalachi- MBBWWBMMBMBOMMM—WgPBMgtt—aPBBMDgMWBBMBIIIIIIHII II III II III III IHIgSEggB» deutung und Note. Du bist, Jude, stolz auf die „zehn Worte", die niemals veraltet, immer modern sind, nie und nimmer aus dem Kanon des religiösen Bewußtseins gestrichen werden können, ohne Sitte und Moral ins Wanken zu bringen. Dir darf aber kein Thorawort weniger lieb und weniger bedeutungsvoll sein! Was der weise Prediger ausgesprochen: tpwi NT»n bsa pR Der Vorzug des Landes ist im Ganzen. Da9 gilt für unsere Lehre, für die heilige G'ttesgabe. Der Boden des Judentums ist schön und fruchttragend nur dann, wenn er in seiner Ganzheit erfaßt und als verpflichtend erkannt wird. Das ist der große Irrtum, den noch immer so viele nicht ausschalten können. Sie teilen, sie scheiden, sie wollen sich selber ihr Judentum zurechtmeistern oder wie man es zu sagen pflegt, sich selbst den Tisch decken, also ihren eigenen "ins tnb - haben. Da beherrscht aber nicht mehr G'ttes Wille und Weisheit unser Leben, sondern menschliche Willkür und Unzulänglichkeit, die zum Straucheln und schließlich zum Abfall führt. wisb ö'Wi ivs a»t?sw»n nV«i „U n d dies sind die Rechtsordnungen, die du ihnen vorlegen sollst," das ganze, das ungeteilte Thorawort irvpnpY! irptns mit all' seinen Einzelheiten und Erklärungen, — tntw 'JS^> blas1? lav-n insr mLv2 wie ein zum Essen bereiteter angerichteter Tisch. Dürfte uns die Entscheidung wohl schwer fallen: hier Schrift und Tradition und durch Geschichte und Ueberläeferung erprobte Sicherheit und dort Schwanken und Zweifeln, Deuten und Deuteln, uferloses Preisgeben und immer neue Zielsetzung? Und auch in unsern Tagen sollte noch keine Klarheit darüber walten, daß ein solches Feilschen mit dem Ewigkeitswort unserer Lehre schließlich in die Oede und Irre führt und alles religiöse Leben zerstört und uns Juden damit den sehen Dingen ein möglicher Standpunkt sei, wenn er es als orthodoxe Starrheit betrachtet, wenn wir Konservativen wieder auf unserer Forderung von der ganzen Thora, auch der mündlichen Lehre und ihrer Verbindlichkeit beharren, so will ich ihm noch ein hübsches Beispiel aus der Gegenwart zur Illustration seiner eigenen Thesen geben. Er schreibt: „Daß die Reformgemeinde des Westjudentums judenchristliche Kirche ist, zeigt sich auch daran, daß die Trennung zwischen Männern und Frauen im g'ttesdienstlichen Raum aufgehoben wird. Da die christliche Andacht mit den (gläubigen Seelen den G'ttesdienst aufbaut, hat sie Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht zu machen. Die Seele — nicht der Mann, nicht die Frau — glaubt. Der jüdische G'ttesdienst, der priesterliche Gemeinschaft zu sein strebt, muß aber diesen Unterschied im Auge behalten, wie sehr er auch die Frau in den G'ttesdienst mit einbezieht. Priester kann nur der Mann sein, die Frau nicht. Anders ist es nur auf der Stufe des magischen Heidentums, wo die Frau Priesterin sein kann: Sibylle. Ein Rauch von Schwindel und Gnostik erfüllt jene Literatur, die wir als sibyllinische bezeichnen. Wenn Ekstase ein psychologisches Moment der Prophetie ist, die Hysterie ist es jedenfalls nicht. Aber wenn in der Reformgemeinde Frauen die Kanzel besteigen, so paßt es — für die Reformgemeinde. Hier wird Judentum nicht bloß verraten; sondern auch noch karikiert," Erst vor wengien Wochen hat der liberale Kollege Maybaums, Herr Diene mann aus Offenbach, einer Frau die Rabbinatsautorisation erteilt, und die Berliner Gemeinde hat sie zu Vorträgen für ihre Synagoge geladen. Es ist also von dem einen Liberalen das getan, was der andeer als einen Verrat und eine Karikatur des Judentums bezeichnet, als eine Einführung der Hysterie in die geheiligten Hallen unseres Tempels. Derselbe Rabbiner, der mit Maybaum die überlieferte Schechita abschaffen will, der einer Ehefrau, die keinen Scheidebrief von ihrem ersten Manne hatte, Chuppa und Kiddusohin mit einem anderen gab, hält es nun auch für richtig, bei seiner liebenswürdigen Ritterlichkeit gegen die Damen diesen die Kanzel und das Amt der rabbinischen Entscheidung freizugeben. Wenn es wahr ist, was Maybaum schreibt: ,,es bleibt ihm (dem liberalen Juden) überlassen, durch welche einzelne -Halacha er „die" Halacha fordert," warum sollte Herr Dienemann in seiner köstlichen Freiheit als Schöpfer neuer Halacha nicht auch einmal eine Anwandlung zur Karikatur verspüren? Partei befreites Judentum ohne einheitlich bindende Halacha gibt es nicht, Ki misspar orecho'hoju elaukecho Jehudo (Jirm. 2, .28); soviele Städte und soviele liberale Rabbinate du hast, Juda, so viele theoretische Judentümer, soviele praktische Schulchan Aruchs hast Boden unter uns erschüttert? a->bpvn Vyr'tf"»»» nRä "tfma „Am ersten Adar gilt es, über die Schekel zu künden." Dieser Satz wird sicher vielfach Ausgangspunkt sein, um zu Linderung von jüdischer Not aufzurufen. Möge dieser AppeJl, wo er sich vernehmen lassen mag, Herz und Hand öffnen! Es muß aber auch der Aufruf zur Behebung des jüdischen Indifferentismus oder jüdischer Irrwege sich Geltung verschaffen. Das Lenzeshoffen draußen soll und muß auch Lenzesblüten echten jüdischen Lebens wecken und überall tun das alte Sinaibanner getreue Israelskinder scharen, dann kommt auch uns der Lenz der Hoffnung und Weihe. Bemerkung. nw Kap. 20, V. 1—12. Bei den ersten zwei Geboten wird von G'tt 'in der ersten Person gesprochen, es heißt: Ich sei G'tt, dein G'tt, der ich dich hinausgeführt habe (V. 2); es soll dir nicht ein anderer G'tt sein vor meinem Angesichte (V. 3) usw.; und übe Liebe Tausenden, denen die mich lieben, und denen, die meine Gebote hüten (V. 6}. Hingegen Vers 7 lautet: Sprich den Namen G'ttes deines G'ttes nicht zu Nichtigem aus, denn G'tt läßt den nicht unbestraft, der seinen Namen zu Nichtigem ausspricht. Man hätte analog den vorhergehenden Versen erwartet, „der meinen Namen zu Nichtigem ausspricht," Das Gesetz des Schaibbath begründet die Thora mit den Worten: „Denn sechs Tage hatte G'tt g e b i 1 d e t, den Himmel und die Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebenten Tag; darum hat G'tt den Tag des Schabbath gesegnet und ihn geheiligt." Auch hier heißt es