Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1936)
- Date
- 1936-02-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. Februar 1936 Der Israelit Nr. 8 Seite 3 NaclubroctiO- (Fortsetzung von Seite 1.) sein soll, die Erwählung des jüdischen Volkes nicht mehr Glaubensartikel bleibt, da ist iene Gefahr eingetreten, die das Zurück fraglich macht. Denn das Gebet „Ghawerim ganz Israel" hat keinen Sinn mehr, wo die Lehre nur in einer bekenntnismäßigen Einheit der Verkündigung gesehen wird und nicht mehr in einer Gemeinsamkeit des Weges. Der Weg ist es, der in der paulinischen Innerlichkeit der Berliner jüdischen Reformgemeinde als Glaubens gegenständ ausgeschlossen wird. Wo 'andererseits jüdische Gemeinschaft durch ideenmäßige Einheit hervorgebracht wird, entsteht jüdische Partei, nicht jüdische Gemeinschaft. Der Chawer ist nicht bloß Gesinnungsgenosse. Die jüdische Lehre, die zur politischen Gesinnung wird, bringt die Glaubensgehalte des Judentums nicht zur Geltung. Das Judentum ist Verkündigung und Weg, Haggada und Halacha. Wo nur die Verkündigung berücksichtigt wird, entsteht die jüdische Sekte; wo nur der Weg belachtet wird, bildet sich die jüdische Partei." Ausdruck der wahren jüdischen Gemeinschaft soll für Maybaium die Kehilla sein, die 'kehilla kedoscha, die weder ein Polis, ein politisches Gebilde rein immanenter praktischer Zwecksetzung ist, noch eine Kirche, eine auf gewisse Glaubensmeinungen gegründete Heilsgemeinschaft jenseitiger Tendenzen. Die echte Gemeinschaft der Kehilla macht alle Glieder zu Chawerim mit dem Rabbiner als Mittelpunkt, und habe in einem echt jüdisohen G'ttesdienst ihren Ausdruck. Gegenüber der nationalistischen These, daß nur in Erez Jisroel die Anormalität unseres Diasporadaseins gebrochen, der jüdische Mensch wieder natürlich und erdverwurzelt werden könne, behauptet Maybaum, daß die Diaspora nirgends ihre Grenze habe, daß im Tiefsten kein Unterschied sei zwischen dem. Leben in der Gola und dem im heiligen Lande. Das Streben, die jüdische Geschichte zu einer politischen Hvie die anderer Völker zu machen, bekämpft er* mit dem Hinweis auf das Chanulöawunder, in dem sich die absolute Andersartigkeit unserer existentiellen Bedingungen und für Israel die Ungültigkeit des* sonst herrschenden Kräftespiels zwischen großen und kleinen Mächten siegreich erwiesen habe.; Das ist der Aufriß des Buches, das mit großer Stilgewandtheit geschrieben ist. Auch manches echte Goldkorn religiösen Empfindens findet sich darin. Besonders der letzte Abschnitt über das Chanukawunder ist oft von hoher religiöser Kraft. „Das Wort G'ttes macht frei, und die Demut des Glaubeins ist kein Hindernis für männliches Sichbehaupten. Das 'heißt nicht, daß sich der Weltmacht eine jüdische Macht entgegensetzen könnte. Einej jüdische Macht gibt es nicht. Auch wo der jüdische Glaube: zur Aktion wird, bleibt er unpolitische' '; Aktion, Die Bereitschaft der Makkabäer tyiajr Bereitschaft i zum Martyrium. Aber G'tt, der dem Abraham in die Hand fiel, als er Isaak opfern wollte, wendete den Makkabäern. das Martyrium in Rettung. „Israel ist wunderbar gerettet i durdh G'tt, eine Wunderrettung für die Zeiten, nicht werdet ihr beschämt, nicht werdet ihr enttäuscht, fort in die Zeiten ewig fort" (Jesaija 45, 17). Das Wunder der Chanukkageschiöhte leuchtet nicht nur uns Juden. Dieses Wunder rettet die Welt. Das Jüdenschicksal widerlegt die Auffassung, daß der Schwache verloren sei." Aber das Wesentliche, um das in .der konsequenten Durchführung seines Grundgedankens ginge, kommt leider nicht zum Durchbruch. Das Gefühl,, daß Judentum nicht nur: eine; Summe von Glaubenssätzen .und ,Ideen, sondern ,; ein Mehr ist als beides, ist zum Durchbruch gekommen. , Aber die Erkenntnis, daß unsere Volksgemeinschaft für all ihre Lebensbeziehungen und Lebensbetätigungen in ihrem Gesetz, in exakten, überzeitlichen Regelungen, alle verbindend und vereinend-, alle zur Höhe des Ideals verpflichtend, ihr Wesen, ihre weltgeschichtliche Einzigartigkeit gefunden hat, dieser Erkenntnis verschließt sich Maybaum, indem er die Halacha zum Spielball der Willkür herabwürdigt und dadurch wiederum nicht einen Weg für alle Juden auf dem Erdenrunde proklamiert, sondern glaubt, irgendwelche beliebigen Wege ihnen an die Hand geben zu können. Er sieht nicht, wie dadurch wiederum die Grundforderung der Gemeinschaft im Kern zerstört'worden ist, wie das Gespenst der Parteiung, das vorher am Beginn der Halacha gestanden, jetzt am Kreuzweg der Halachoth sich erhebt. Hier aber gibt es nur ein Entweder-Oder. „Wer da sagt: die iganze Thora ist vom Himmel außer diesem einen Gesetz, außer diesem einen Vers, ja auch ' nur außer dieser einen Gesera schawa oder einem kal wochaumer, auf ihn ist gesagt: das Wort G'ttes hat er verachtet." Wohl kann für die Praxis des Baal Tschuwa gewiß die ganze Höhe religiöser Erfüllung nicht auf einmal erreicht werden. Wohl werden auch wir bewundernd und anerkennend jeden Schritt des Heimkehrers zur Annäherung an die ganze Thora, jede Wiederbelebung einer vergessenen Mizwa mitansehen. Aber für das theoretische Ziel ist die Grundfrage entscheidend: ob er dem Subjektivismus und Individualismus sich entschlageh will und in Gehorsam und Selbstdisziplin die halachisohe Norm als ewig-gültig und als auch für sich selbst verbindlich anerkennt. Wer hier prinzipiell religiösen Eklektizismus treiben will, wird das Ziel verfehlen, „Wer da denkt, diese Thora ist schön und jene nicht schön, auf ihn sagt der Vers: sie gaben preis das Kind zur Bühlschaft." Er nimmt nicht das Kind als Persönlichkeit insgesamt, sondern sucht an ihm einzelne Formen der Schönheit, an denen er Geschmäckivfindet. Qder ohne Bild gesprochen: ernimmt nicht das ' Judentum als historisches, in sich: geschlossenes - Ganzes, dem er auf Gedeih und Verderb verbünden ist, sondern spielerisch als einen Luxus, eine lebensverschönernde Beigabe, von der ihm Einzelheiten gefallen. So ist Maybaums Weg ein im Grunde verfehlter. Man hat audh bei der Lektüre seines Buches immer den Eindruck, als ab er der Unhaltbarkeit seiner Position sich letztlich bewußt ist. Mit großer Geschicklichkeit werden immer die Fragen, auf die es ankommt, in der Schwebe gelassen, statt durch eine klare Antwort Stellung zü nehmen. So spricht er z. B; über den Gedanken der Kürzung des G'ttesdienstes, sagt sehr richtig: „Die Kürzungen werden gefordert, weil der Aufbau des jüdischen G'ttesdienstes nicht verstandenwird." „Wo ein jüdischer G'ttesdienst einfach an Bedingungen der christlichen Andacht konstruiert wird, kann der der Thoravorlesung zukommende Ort und Rang nicht begriffen werden." Oder: „Der Jude steht in der Synagoge, um die verschiedenen Mizwot, die religiösen, den G'ttesdienst betreffenden Gebote zu erfüllen . . . Das Gebetswerk des synagogalen G'ttesdienstes darf, wie überhaupt, auch nicht in seiner Dauer mit der den Glaubenszustand der Seele fordernden christlichen Andacht verglichen werden." Aber, trotzdem vermager sich nicht zu der klaren Entscheidung durchzuringen, daß; die Gebetsordnung, wie sie uns überkommen ist, unverändert weiterzubestehen hat. , Vor. aliem( wird die Kernfrage, die für die Forderung eines parteibefreiten Judentums zii stellen! is^. -d.i e Frage der Orgel, das Sckiboleth^^r, den Ernst und die Aufrichtigkeit eines Menschen, dem die Zerspaltung des Judentums weh tut, mit einer nichtssagenden Handbewegung abgetan. Es heißt bei Maybaum: „Daß die Orgel für den jüdisohen G'ttesdienst vom Schulchan aruch nicht vorgesehen wird, ist richtig. Aber damit ist das Problem, das die Orgelfrage dem jüdischen G'ttesdienst stellt, noch nicht gelöst. Das Problem lautet nicht einfach: ist die Orgel erlaubt oder ist säe verboten? Es lautet: wie weit kann die Struktur eines echten jüdischen G'ttesdienstes die Orgel mitven/venden, und wo hat diese Verwendung ihre Grenze? Wenn der Organist nicht nur Musiker ist, sondern sich in die Seele des jüdischen G'ttesdienstes versenkt hat, wird es ihm gelingen, die Orgel in den Dienst des jüdischen G'ttesdienstes zu stellen. Er wird vor der Gefahr, die er immer im Auge zu behalten hat, bewahrt bleiben, mit der Orgel ein fremdes Element in den G'ttesdienst zu bringen. Es ist dann nicht mehr spezifisch jüdischer Cttesdienst, wenn die Orgel so vorherrscht, daß sie es ist, die die Andacht schafft, so daß jeder in der Gemeinde „andächtiger Zuhörer" ist und nicht Beter, der die Andacht priesterlich tätig selbst schafft." Kann es eine oberflächlichere Art geben, eine solche im Vordergrund des jüdischen Lebens stehende Frage zu behandeln? Was nützt es, wenn mit liebenswürdiger Geste gesagt wird: jawohl, die Orgel ist eine Gefahr, aber der Organist — vielleicht gar ein christlicher? — kann sich in das Wesen des jüdischen Gebetes versanken und sie dadurch dem echten G'ttesdienst dienstbar machen. Man sieht, Maybaum fühlt, wie schief seine Haltung ist. Die Orgel schafft Andacht, aber keine Beter; die Orgel ist gegen den Schulchan aruch, oder sagen wir es besser: gegen die jahrtausendalte jüdische Ueberlieferung. Die Orgel verletzt alle jüdischen Gefühle für den, der im G'ttesdienst Verbindung mit unserer glorreichen Vergangenheit, mit den S ch. opfern unseres Gebets, den Männern der Großen Synagoge und den Meistern der jüdischen Lehre sucht. Auch Maybaum weiß, daß das Spielen der Orgel am Sabbat dem jüdischen Gesezt ins Gesicht schlägt. Er weiß, daß „die Orgel „die Reformgemeinde des Westjudentums zur judenchristlichen Kirche macht," wie er sich selbst ausdrückt, nicht minder als die Aufhebung der Trennung zwischen Männern und Frauen im g'ttesdienstlichen Räume, die ja ebenfalls^ von seinen Berufskollegen gutgeheißen ward. Aber er glaubt über all diese Gedanken durch die sophistische Formulierung hinwegzukommen: es frage sich nur, wie weit kann man die Orgel zur Struktur des jüdischen G'tesdienstes mitverwenden? Wir haben wohl für Maybaums schwierige Position Verständnis. Er möchte ja sich, und seine eigene religiöse Vergangenheit, die ihm von seinen Vätern überkommen ist, rechtfertigen und retten. Aber es ist ein Versuch mit untauglichen " Mitteln. Es ist noch immer die alte Blickstarre, die die veralteten Ideale der Aufklärungszedt im Glanz des Einst sieht, die noch immer nicht aus dem Umbruch der Zeiten gelernt hat, die jüdischen Dinge unter dem rein jüdischen Aspekt im Lichte unserer Gesamtgeschichte zu sehen. Es ist noch imimer die alte Blickstarre, die die Orthodoxie mit feindlichem, verächtlichem Auge betrachtet, nicht als die treue Bewahrerdn unseres Erbgutes, sondern als verkrampfte Verneinerin der Neuzeit. Maybaum, der wahrscheinlich in seinen Jugendtagen sich mit solchen Ressentiments erfüllt hat, behandelt sie verächtlich und mitleidig wie eine Fossilie, ohne zu ahnen, daß das, was e r jetzt für das Judentum retten will, auch einmal in der Zeit der Maienblüte der Reform als chinesisches Zopftum und mangelnde Zeiterkenntnis verworfen worden ist. Geradezu naiv wirken seine Darstellungen über das Wesen des Rabbiners, der für ihn der Doktor ph.il-,- der akademisch Gebildete, die Standesperson, der Theologe geblieben ist. Man hört solch köstliche Wendungen wie: „Theologie ist das Bündnis des Glaubens mit dem platonischen Geist, vom •rabbinischen Judentum selbst führt keine Brücke zur platonischen Idee." Es kommt einem zu komisch vor, wenn heute noch solche Urteile einem p. p. Publikum serviert werden, dürfen. Vor. allem zeigt Maybaum in dieser Blickstarre, wie wenig er Franz Rosenzweig selbst verstan-