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Der Israelit · 1936-02-13 · Heft 7 (13.2.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 7 (13.2.1936)
Date
1936-02-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 7 1936 Das Opfer des Juden Eisig. Novelle von Alice Landsberg in: Wiesbaden. Eisig hieß er; seiner Mutter Mund rief ihn wegen der Kühle dieses Namens in dem heimischen Dialekt: Büibli — aber da ihre Lippen lange schon verstummten^ verrauschte der zarte Name wieder wie jene müde, versorgte Gestalt im .Nichts. — Wie lange er den. Vaternamen nennen durfte, wußte Eisig schon nicht mehr, so weit entfernt war die Zeit, in der man jenen Händler in sein stilles Grab senkte. Deshalb war er allein, wurde von einer Familie in die andere gestoßen, jeder glaubte zur gewissen Zeit genug an einem Waisenkind getan zu haben und in einem Zeitalter, das eben der Mitte des laufenden Jahrtausends entglitt, wurde Eisig ein junger Mensch. In diesem weichenden Mittelalter hockten die. Juden noch eng zusammen in einer Gasse und sahen einander bis zum Ueb erdruß, feindeten sich an, beargwöhnten sich und liebten sich doch. Still waren die Kinder in solchen Gassen, ihre Augen saugten allzuviel Kummer und widriges Beispiel in sich ein; ihr Lebenshungerjedoch wuchs schon im zarten Alter, deshalb wurden sie teils tüchtige, teils geniale Menschen, ohne je eine Jugend gehabt zu haben. Ghetto — ein Begriff für. Enge und jüdischen Traum von Glück in besserem Dasein —, darin wuchs auch Eisig auf, anders als die jüdischen Kinder seiner Umgebung, anders schon deshalb, weil er' verwachsen war und demütigen Geistes in allen Lebenslagen blieb. Keiner von seinen Zieheltern und später jenen Menschen, die ihm seine Arbeitskraft vergeudeten, ahnte, daß in diesem mißgestalteten Knaben ein ganz anderer Mensch steckte, jder sich gegen die allzu harte Wirklichkeit auf besondere Art zu schützen wußte, indem er sich eine Welt aufbaute, in und an die heran kein Außenstehender zu treten imstande war. Als er jedoch aus kindlichen Träumen in jene Welt des Gedanklichen glitt, wo Fragen laut wurden, deren Antwort er in der ewigen Schrift der Juden zu suchen genötigt war, wurden die Träume anders. Er glitt ins Bewußtsein, Angehöriger einer Lehre zu sein, die sich, .', unbeachtet aller Angriffe, in reinster Form erhielt. Unbändiger Stoiz packte ihn. Er faßte diese Erkenntnis nicht wie viele Juden als Last, sondern als jene Begnadung, deren Verleihung nur durch g'ttliohe Hand geschieht. Er wurde, wenngleich man sich hei diesem Waisenkind in religiöser Hinsicht wenig Mühe gab, der gläubigste junge Jude seiner Gasse. Kein Buch, seitdem er mühsam lesen und schreiben lernte, war vor ihm sicher und sein aufnahmefähiges Gemüt saugte in sich ein, was zum Judentum und all seinem Denken gehört. Bis er einst aus dem Dahindämmern eines schweren, aber doch gedankenlosen Lebens zu einem Streben erwachte, das einzig für die Menschen des damaligen Seins war. Es geschah während eines G'ttesdiehstes in derl kleinen dürftigen Synagoge. In sich versunken stand der nunmehr siehzehnjährige Eisig in der Reihe der Frommen und versenkte Blick und Gemüt ins Gebet. Durch irgend etwas aufgescheucht, glitt sein Blick zu jener Stelle, an der der Vorbeter soeben den Kiddusch über den Wein sprach und eines der wild flackernden Liöhtlein sich im häßlichen Becherverfing, der seit: vielen, Jahren dieser Gasse als Kiddusch- *becher diente. Vom vMetall war wenig mehr zu unterscheiden, die dumpfgraue Masse spiegelte sich in gleicher Traurigkeit im Licht, , wie das ganze Lehen der frommen Juden. Immer war es so gewesen, keinem, weder den Armen noch — den Reichen, fiel das auf hier in der Gasse, als nuti! dem jungen Eisig, der eine Vision hatte,, die $111 nicht mt&hr verlassen sollte: In der Hand dieses Vorbeters gleißte und prunkte, dem Ewigen zu Ehren, allen hier zur Freude,' ein goldener Kiddusdhibecher, gefüllt mit edlem Wein, reich geschmückt mit biblischen Bildern. Erwachend strich sich Eisig über die feuohtheiße Stirne. War er wahnsinnig? Er blickte klar und ohne Hemmungen wieder zum Becher, der jetzt trübselig wie alles hier im Räume neben dem Vorbeter stand. Stände da — sagte sich der Junge — ein Becher aus Gold, ein wundersames Ding aus reinem Gold — müßte nach solch einem Kiddusch nicht Freude durch die ganze Woche hindurch bei den Menschen hier sein? Der Gedanke verfolgte ihn von 'dieser Stunde, wohin er auch ging. Zum erstenmal strebte sein Sinn aus dem Ghetto vor das streng »behütete Tor. Draußen waren glücklichere Menschen, freie, die ihr Heimatland besaßen und aufwachsen konnten in dem Gefühl der Geborgenheit. Aber nicht die Menschen lockten ihn, ihre Fähigkeiten, ihr Können und die ausgeübten Talente zogen ihn an. Er strebte aus den Mauern und mit seltener Energie setzte er es durch, die "Ketten seines bisherigen Daseins zu durchbrechen. Wie sollte er es beginnen, jenen Gedanken zur Erfüllung zu bringen, der unablässig in ihm bohrte? Es war eine lange Kette von Demütigungen, von Selbstverleugnung, Versagen des geringsten Wunsches, die ihn allein zum Anfang dieses Unternehmens führte. In der angrenzenden Stadt fand er Menschen, die seine Kräfte, die er trotz aller Verwaohsenheit besaß, wohl auszunützen verstanden, ohne sich selbst durch den Judenjungen zu kompromittieren. Aber erst, nachdem dies ein Goldschmied, ein heruntergekommener Meister, für sich in Anspruch nahm, war es Eisig zufrieden, daß er die niedersten Dienste tat, das Demütigste leisten mußte und dennoch Gelegenheit fand, jene Schicksalsstunde zu zwingen, die er mit allen Fasern seiner Seele herbeiwünschte.: der: Augenblick kam, an dem der Meister in eine Gefahr kam. Er hatte irgend eine Schwindelei begangen und sie wurde an einem Meister schwer geahndet, kam sie ans Tageslicht. In seiner Verzweiflung fiel der Blick auf den harrenden Jungen, der ihn anschaute und lächelte. „Ich weiß, Meister, was ihr denkt, ich könnte die Schuld auf mich nehmen — gewiß, das könnte so sein, ich nehme es freiwillig auf mich, gern und. voll Zufriedenheit, wenn Ihr mich die Kunst des Handwerks lehrt, die Ihr als Meister ausübt . . ." Hoffnung stieg auf in dem Meister, der nun der Brandmarkung auf beiden Wangen durch die Opferwilligkeit des Juden entgehen konnte. Alles versprach er, nicht allein mit Worten, er leistete sich den Schwur, seinen Lebenswandel zu bessern, ein guter Mensch zu werden, wenn er nur der schimpflichen Brandmaricung entging. Er fand es nicht unter der; Würde, dem'«Juden, die Hand zu drücken und zu geloben, ihm au allem zu helfen, wozu er Lust habe ... Und das Schicksal nahm seinen Lauf. Obwohl man \vußte, wo der eigentlich Schuldige saß, packte man sein Opfer, den Juden Eisig "und brandmarkte ihn auf beiden Wangen. Dann Mieß man ihn laufen. Aeußerlich gebrochen, aber [innerlich hell auflodernd durch das Opfer, das er seinem Glauiben bringen durfte, kehrte er — nun nur des Nachts kommend — zum Meister zurück, der vor. dem Verstümmelten auf die Knie fiel und weinte. Eisig aber hob ihn auf und mahnte ihn an;sein Wort. „Was liegt >an einem häßlichen Jüciengesicht? Schade nur wäre es um Euer Gesicht gewesen." Mühsam beruhigte sich der Mann, der sich schwor, den Juden wie. sein eigen Kind zu hatten, und nun begann das Eigenartige: der Meister holte sich an der Begeisterung, seines neuen seltsamen Sclralers' die alten, durch Trunk und Lasterverlorenen ^ä^igkeitei wieder.' Er glühte wie der junge Jaiäe/m Begeisterung,- jedes einzelne im Handwerk lernte er selbst wieder mit lind der Erförf tflieb^ laicsht atis. Er"'ife$»ni' <wieder Kundschaft, wurde geachteter als sonst und man begann, ihn auch bei der Behörde jenen beim anderen bestraften Fehltritt zu verzeihen. Aber der Meister wurde nicht wieder hochnäsig, das war ihm vergangen, vor ihm stand als ewig mahnendes Beispiel Eisig, der Jude, der bald besser das Handwenk verstand als er selbst. Zuweilen jedoch fand er den Jungen traurig und blaß, ja hoffnungslos und er wußte dem Verschlossenen endlich den großen Plan seines Lebens zu entlocken. Er lachte auf. Wenn es weiter nichts war, ein Meisterstück war Eisig ohnedies dem Meister noch schuldig. Das Material — na, die Einnahmen erlaubten schon einige, Seitensprünge — lieferte er.- Es war wenig genug für jenes Ungeheuerliche, das er ihm angetan hatte. Kaum faßte es Eisig, daß er vorm Ziel stand, und seine Hände zitterten ihm beim Entwerfen des Modells. In tiefer Nacht, der Meister schnarchte bereits auf dem Ruhelager, modellierte und verbesserte er immer wieder. Ihm schwebten alle biblischen Gestalten vor Augen, von jedem einzelnen nahm er einen Zug, ein kleines Geschehen und hielt es fest auf den Wänden des. werdenden Bechers. Zuweilen hielt er inne und glaubte zu träumen, doch unter seinen Fingern gleißte es, die Form ward schon begannen die Gesichter auf dem blitzenden Glatt zu leben und zeugten von der künstlerischen Hand des jungen Juden. Wie lange noch und der Becher war vollendet . . . ein banges Gefühl hielt ihm den Atem gefangen, als er vor den Meister trat und ihm zur Begutachtung den fertigen Becher hinhielt. Der nahm ihn selbst in die Arme und küßte ihn auf die verunstalteten Wangen. „Gib mir dieses Wunderwerk, ich will dich schon berühmt machen ..." Entsetzt wich Eisig zurück. „Nein, Meister, nicht berühmt, dieser, Becher gehört meiner Gemeinde." Und so viel der Mann auch in ihn drang, er blieb fest. Der Becher gehörte laut Brief und Uebereignung vom Meister der kleinen. Gemeinde dieser Stadt. In jener Nacht jedoch, die diesem glücksvollen Tage folgte, stieg ein seltsames Bild vor Eisig auf, als er todmüde auf dem Lager ruhte. Er stand neben dem Vprbeter der Gemeinde und überreichte ihm, wie er es sich seit Jahren ausmalte, den Becher. Alle schauten auf ihn, auf die beiden Schandzeichen seiner Wangen und sie müßten sich sagen: er wurde schlecht, um G'tt zu dienen, das Opfer also niederen Ranges! Nein, schrie es in ihm, das durfte nie den strahlenden Glanz des Bechers trüben . . . Und so kam es, daß an dem folgenden Sabbatanfang ein Wunder geschah in der kleinen Synagoge des Ghettos, das alle Juden blendete in Gestalt des wundersam leuchtenden Bechers auf dem Tische, gefüllt mit köstlichem Wein, genau so, wie es der kleine Eisig als Kind gesehen hatte . . . Ein Wunder des Himmels, raunten die Juden, als feierlich der Vorstand der Gemeinde die Schenkungsurkunde des Meisters verlas, der in herzlichen Worten von dem unbekannten Spender sprach, in dessen Auftrag er diesen Becher der Gemeinde übermittelte . . . Weit hinten im Räume hockte, von keinem beachtet, von vielen wegen der Brandmarkung mißachtet, der kleine, verwachsene Jude Eisig, den seine Mutter, weil er ein gutes Herz hatte, Bübli nannte* und der das Haupt auf die Hände stützte, als wollte er weinen. Neben ihm stieß einer ihn an mit zischenden Worten: ob er denn kein Gefühl für das Wunder habe, das hier geschehen: die ärmste Gemeinde im Besitz eines goldenen Kidduschbechers? Da blickte ihn der junge Jude an, als, , sei er der Abgesandte des Allmächtigen selbst,; der'ihm bestätigte, daß er recht tat mit allem, was er getan und auf sich genommen hatte.zu Ehren des Ewigen und zu seinem Ruhme. Ein wenig müde war/der Blick, aber so strahlend, daß der vorher Zornige mild wurde und sich schweigend abwandt? von dem still Begeisterten. Und oben, am/Altar, griff die Hand 1

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