Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 7 Der Israelit 13. Februar 1936 Polen. Ein schwerer Hausstreit unter den zionistischen Verfechtern des Jüdischen Weitkongresses. Warschau, 6. Febr. Alle jüdischen, politischen und wirtschaftlichen Organisationen entsandten ihre Vertreter zu einer Konferenz, die über die Organisierung des A11 weltlichen Jüdischen Kongresses zu beraten hatte. Die polnische Agudas Jisroel schickte keine Vertreter und erklärte in einem Schreiben, daß ihre Stellung an den Beschluß der Exekutive der Agudas Jisroel-Weltorganisation gebunden sei. Gleich zu Beginn der Debatte kam es zu einem schweren Zwischenfall zwischen Dr. Gottlieb, dem Vorsteher des zionistischen C.-K., und P o 1 j a k e - witsch, der zur Zeit die Grünbaum-Richtung in Warschau vertritt. G; besaß die Geschmacklosigkeit, zu sagen, der Kongreß sei als „die große jüdische Olympiade für die jüdischen Weltleiden" gedacht. P. und Genossen unterbrachen diese Aueßerung mit ironischem Lachen. Als dann Gottlieb noch den Vorschlag machte, einen Allpolnischen jüdischen Kongreß dem Weltkongreß vorausgehen zu lassen, kam es zu einer offenen Auseinandersetzung, die sich nicht in den schönsten Redeformen bewegte. Sie führte dazu, daß P. und Genossen demonstrativ den Saal verließen. In Abwesenheit der Opposition wurde aus der Mitte der Anwesenden ein Komitee zur Propagierung des Kongresses gebildet. Das Komitee soll sich mit Paris und Amerika in Verbindung setzen, so daß der Kongreß noch im Laufe de® kommenden Sommers in der Schweiz oder Frankreich abgehalten werden kann. Es wurde die Hoffnung ausgedrückt, daß die Agudas Jisroel-Weltorganisation sich am Kongresse beteilige. Der Beschluß der Agudas Jisroel-Weltorganisation ist aber bekannt, so daß wir den Anwälten des Kongresses nach dieser Rechnung hin keine großen Hoffnungen machen können. Der Parteirat des Misrachi. Warschau, 7. Febr! Dieser Tage tagte die dritte Session des Misrachiparteirates in Polen,' an dem auch die führenden Männer des Weltmisrachi teilnahmen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand ein Referat des Rabbi Gold, des derzeitigen Präsidenten des Misrachi, über die Lage im Zionismus und in Erez Israel. Seiner Meinung nach sei der High Commissioner Sir Arthur Wauchope kein Gegner des jüdischen Aufbaus und habe stets das Bestreben, die jüdische Frage in Erez Israel positiv zu lösen. In vielen äußeren Dingen habe er mehr für die Juden getan als die früheren Hochkommissare. Nur in Sachen des Legislative Council sei er der irrigen Ansicht, daß die Engländer in diesem Parlamente die Oberhand behalten würden, während wir mit Recht die Ueberhandnahme des arabischen Einflusses befürchten, denn die englischen Beamten in Erez Israel zählen leider nicht immer zu unseren Freunden. Wie dem auch sei, der Legislative Council könnte sich heute mir zum Unsegen für uns auswirken. Rabbi Gold behauptet, daß es viel Mühe gekostet habe, die Aguda und die Sephardim zum einheitlichen Zusammengehen in der Ablehnung des Legislative Council zu bewegen, was aber, wie alle Welt weiß, den Tatsachen vollkommen widerspricht, da die Aguda von vornherein ihren ablehnenden Standpunkt vertrat und in der einheitlichen Abwehraktion leitend war. Die jüdische Einheitsfront, sagte Rabbi Gold, sei noch weiter in Palästina zur Abwehr anderer Maßnahmen unabweislich notwendig. Im weiteren läßt sich der 'Redner über die beständige Reduzierung der Zertifikate und die noch bevorstehenden Eiriwanderungsbesc&ränkungen aus. Daß von den spärlichen Zertifikaten der Löwenanteil auf die deutschen Juden kommen soll, werde keiner bestreiten wollen, aber die 'deutsche Älijah habe auch ihre Schattenseiten, da die deutschen Einwanderer Palästina veirdeutsohten. Es seien sogar' Einwanderer, die in Mischehe leben, ins Land gekommen. Die polnische Judtenheit als das beste Element des Aulhaus dürfe darum hei der Zertifikatenverteilung nicht 'benachteiligt werileifc- ' Rabbi Gold schilderte zuletzt, wie es den Be strebunigen des Misrachi gelungen sei, in einer ganzen Reihe von Fällen grober Sabbatentweihungen in Palästina erfolgreich einzuschreiten. Der Etat des Ministeriums und die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen. Warschau, 7. Febr. In der großen Budgetdebatte ergriff der jüdische Dep. Minzberg (Aguda) das Wort, um einige An gelegenheiten des öffentlichen Lebens, die besonders Die Woche. Berlin. In Berlin wurde eine, Liebermann - Gedächtnisausstellung der Jüdischen Gemeinde eröffnet. Duisburg. Die Zahl der Gemeindemitglieder ist hier im letzten Jahre von 1180 auf 1077 zurückgegangen. Das bedeutet einen" Rückgang von 10 Proz., nachdem die Duisburger Gemeinde bereits in den zwei früheren Jahren über 20 Proz. ihres Bestandes verloren hat, Düsseldorf. Wie die „(Rheinische Landeszeitung" meldet, sind dieser Tage in den städtischen Schwimm- und Badeanstalten Düsseldorfs folgende Schilder zum Aushang gekommen: „Um Schwierigkeiten vorzubeugen, wird den Juden ■ der Zutritt zu den städtischen Schwimm- und Badeanstalten mit sofortiger Wirkung v e rboten. Der Oberbürgermeister." — Am 1. Februar ist in Düsseldorf ein neues jüdi" sches Altersheim eröffnet worden. Warschau. Zwei nationaldemokratische Studenten der Warschauer Tierärztlichen Hochschule, die bei einer Kundgebung für die Absonderung der jüdischen Studenten in den Hörsälen Juden attackiert hatten, sind zu je sechs Wochen Gefängnist verurteilt worden. London. Lord S n e 11, Mitglied der 1929 nach Palästina entsandten Untersuchungs- : kommission der englischen Regierung, hat für den 26. Februar eine Interpellation über den Legislative Council i n Palästina im Oberhause angekündigt. — Im englischen Oberhaus fand eine Gedenkfeier für Lord Reading statt, . bei der Vertreter aller; drei Parteien dem Andenken ,des großen .Staatsmannes huldigten. Budapest. Im Alter von ' 75 Jahren starb in Budapest der Reichstai-gsabgeordnete Paul Sandor, der im ungarischen politischen Leben eine hervorragende Rolle gespielt hat. Für die Gleichberechtigung des ungarischen Judentums und für die Vertretung 'der jüdischen Interessen7 hat er sich, stets mit besonderer Energie" eingesetzt. Jerusalem. Offiziell wird bekannt gegeben, daß im Dezember 1935 insgesamt 4312 Personen nach Palästina eingewandert sind, von denen 286 Kapitalisten im Sinne des Gesetzes waren. 295 Lizenzen wurden im Dezember vorigen Jahres an jüdische Aerzte erteilt. — Die Schwerarbeit wurde mit einer Regierungsverordnung für Frauen' und Kinder unter 15 Jahren verboten. — Wie die ITA. erfährt, sind im Januar rund 2100 Juden nach Palästina eingewandert. Die Zahl der jüdischen Einwanderer im Januar 1935 betrug 4336. —; Im Hinblick auf die 'geplante gesetzliche Einschränkung des freien Bodenverkaufs hat die Paiästina- ' Regierung begonnen, genaue Erhebungen über den in arabischen .und jüdischen Händen befindlichen Bodenbesitz durchzuführen. -— Von gut unterrichteter Seite wird der ITA.; mitgeteilt, "daß die Pa-- lästina-Regierung plane, Haifa ausschließlich zu (einem K r i e g s> h a f e n auszugestalten, während der Hafen von Jaffa für den Handelsverkehr ausgebaut werden soll. Tel Awiw. Nach stürmischer Debatte hat der Tel Awiwer Stadtrat beschlossen, die Geltung des Mi e t e r s c hu t z g es e t z e ®, demzufolge Mietssteigerungen nicht vorgenommen werden dürfen, um ein. weiteres Jahr zu verlängern. New Yörkh Im Alter vom 87 - Jahren ist in Bronx' *Frau Esther Her t^, die Mutter des Chief-Rabbi, des britischen Reiches, gestorben. .Frau Hertz war eine fromme jüdische'Frau von alter Art, die sich auch durch r;große: Mildtätigkeit auszeichnete, r-^ Daii Staatsdepartement in Washington /gibt bekannt,,' daß. George Waidswprth zum amerikanischen Generalkonsul in Jerusalem ernannt worden sei; Er wird'im April sein Amt antreten.' die jüdische Bevölkerung betreffen, ,zu berühren. Die Zwängs<zuigehörigkeit der Gemeinden zu den öffentlichen Krankenkassen sei schwerste Belastung und bringe keinen Gewiinn, So zahle die jüdische Kehilla in Lodz 70.000 Zloty an.'die öffentliche Krankenkasse. Könnte dlie Gemeinde diese Summe für private* Aerzte ausgeben, es müßte kein Kranker ohne Arzt bleiben. Minzberg verlangte ferner volle Berücksichtigung -der arbeitslosen Juden bei der Arbeitsverteilung, ebenso Berücksichtigung bei den Leihkassen. Die jüdischen Gemilus Cheased-Kassen operieren mit einer Summe von 10 Millionen Zloty. 190.000 jüdische Familien nehmen diese Kassen in Anspruch. Die Regierung, müsse diesen Kassen mit größeren Subventionen helfen. Minzberg polemisiert gegen die polnischen Deputierten, die gegen eine Verlängerung der Arbeitsstunden für die jüdischen Geschäfte nach Sabbatausgang eintreten, im Gegenteil'wäre eine Verlängerung dieser Arbeitsstunden ein Akt der Gerechtigkeit und Billigkeit. Die antisemitische Welle in. Polen und die polnische Regierung.! W a r is c h a u , 7. Febr. Auf eine Interpellation des jüdischen Abgeordneten Dr. Emil Sommerstein über die zunehmenden . antijüdischen Attentate in Polen hat Innenminister Rackiewicz dem Sejm-Vorsitzenden folgende Antwort übersandt: „Die Erscheinungen der antijüdischen Aktion sind mir bekannt; die mir unterstehenden Organe wurden angewiesen, über der öffentlichen Sicherheit zu wachen, antijüdische Ausschreitungen sofort zu unterdrücken und auch Vorbeugungsmaßnahmen zu treffen. Bis heute stießen alle Exzesse auf energische Gegenwirkung; das wird auch an Zukunft so sein. Ich halte es nicht für zweckmäßig, irgendwelche neuen Verordnungen zu erlassen. Prozeß in Lodz gegen Schmuggler illegaler Palästina-Einwanderer. Warschau, 7. Febr. In Lodz wurde ein großer Prozeß gegen eine Reihe von Personen eröffnet, 'die beschuldigt sind, einen systematischen Schmuggel illegaler Einwanderer nach Palästina organisiert und daraus auf unred-' Bebe Weise Nutzen igezogeri zu haben. Die Angeklagten sind zum größten Teil Revisionisten, unter ihnen befindet sich auch der aus dem Arlosoroff- Prozeß bekannte Abraham Sta'vsky. . In der Anklageschrift wird den Beschuldigten vorgeworfen, sie hätten von über vierzig Juden größere Geldsummen unter dem Versprechen entgegen-" genommen, die Betreffenden nach Palästina ZU bringen. Die Auswanderer wurden zunächst nach dem polnischen Hafen Gelingen und dann auf das kleine Motorschiff „Wanda" gebracht. Nach dreitägigem Manövrieren in den Küstengewässern kehrte das Schiff jedoch nach Gdingen .zurück. Da das Schiff für eine längere Seereise keineswegs geeignet war, hatten die Passagiere während der Scheinreise nach Palästina auch in Lebensgefahr geschwebt. Zu dem Prozeß, der ungeheures Aufsehen erregt, und voraussichtlich acht Taige dauern wird, sind ungefähr hundert Zeugen geladen. Schächtverbot in Polen beantragt. Warschau., 6. Febr. Die Sejm-Abgeordnete Janina' Prystor,; die Gattin des Senats-Marschalls,- hat für den 7. Februar die Einbringung eines Antrags angekündigt, in dem ein gesetzliches Verbot des rituellen Schächtens für ganz Polen gefordert wird. Die Abgeordnete Prystor hat •sich für diesen Antrag die-'Unterstützung des Landwirtekreises in Sejm und Senat, der über hundert Mitglieder zählt, gesichert. Durch 'diesen Antrag! ist, wie der ITA. von jüdisch-parlamentariseher Seite mitgeteilt wird, die Schechita in Polen-"ernstlich gefährdet. Am 6. Februar haben sich die jüdischen rParr lämentarier gemeinsam mit einer Abordnung des :Rab,r binerverbandies zum Ministerpräsidenten, .zum gtellr vertfetenden Ministerpräsidenten, zum Kultusminister und. zum Innenminister begehren, um. darauf hinzi^ weisen; -daß der angekündiigte ' Antrag. mit den }h