Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr; 7 Der Israelit Die bereits erwähnten Zeiten der Richter und der Könige in dem getrennten Reiche mit ihren Abstiegs- und Verfallserscheinungen sprechen ja Bände in dem Sinne. Ja, das (heilige Land ist selbstverständlich ein uraltes, nie aufzugebendes Aufbruchsziel des Judentums, aber es ist nicht schon das Ziel schlechtweg. Es ist nur das große Mittel zum eigentlichen jüdischen Ziel, Reälisierungsboden für die Verwiirklichun-g des Gedankengutes, das sich an das Wort Bundeslade knüpft, abzugeben und dieses Ziel in ständiger Bewegtheit zu erhalten. David hat dies richtig erkannt und in einem typischen Vorgang zum Ausdruck gebracht. Er holte, als sozusagen ersten großen Staatsakt, die lange in Verbannung gewesene Bundeslade in einem feierlichen Zuge nach Jerusalem ein, und tanzte dabei im Uebersohwang eines Glücksgefühls- Er -wußte, warum er tanzte. Diese symbolische Handlung, die Bundeslade an die nur ihr gebührende Spitze der Lebensbewegung im Volke zu setzen, mußte, das war ihm klar, in seinem an Bewegung ungemein reichen Leben, die Einleitung einer vom Gelingen getragenen Aufstiegsepoche in Israel und die wahre Festigung und Sinngebung des heiligen^ Landes in der jürlischen Hand bedeuten. Das ist eine wichtige; Erkenntnis. Sie führt uns gleich in das Herz einer wichtigen aktuellen Frage. Seit dem Einbruch der neuen Zeitwelle, die uns Juden aus der Ruhe und Selbstverständlichkeit unseres bisherigen gewohnten Daseins in der Welt aufgestört hat, ist diese Frage mit besonderem Nachdruck aufgetaucht und in den allgemeinen jüdischen Gesichtskreis getreten, sie wird augenblicklich auf das lebhafteste und leidenschaftlichste umstritten/ Es ist die Frage der Diaspora, der Zerstreuung der Juden in der Welt, eine der ältesten jüdischen Tatsachen, 'die schon seit der Zerstörung des ersten Tempels ein Stück der jüdischen Geschichte ausmacht und auf Jahrhunderte vor dem Untergang' rde£ . zweiten Tempels zurückreicht. Hat iiach dem1 in 'der neuesten. Zeitu,Ges6höhenen? a^dea^Ortod^ festen der" Diaspora Rüjtteln'dien, die Diaspora der Juden uberhaaipt noch 'den ert uäd '&inn . einer. jüdischen Aufgabe?' SoH' niän^in 'iiir, dort wo man kanh^ hoch weiter'' em/!'jüdisches :£Ziel eriDÜclcen ünd( ,,.ja"'' sagen zür' -TJiäspora, :ödeii? soll man, wo nur praktisch und iheoretisah möglich, aus dem Geschehenen und ihrem Wesen überhaupt heraus, das Urteil über die Diaspora ge-1 spröchen sehen ttrtd sie verneinen? Auf der einen* Seite vertritt man mit großer Ereiferung die Ansicht, daß dier Diaspora schon immer und jetzt erst recht überhaupt keine jüdische Aufgabe, darstelle, sondern" nur ein bedauerliches jüdisches Mißgeschick, ein Unglück, das es zu überwinden und beseitigen gilt, Und auf der anderen Seite sieht man gerade umgekehrt, in der Diaspora einen Segen, ja geradezu den Segen und die Aufgabe des Judentums, die nichts Geringeres als die Erhaltung des Judentums An sich schließt, und daher trotz aller Erschütterung, nicht zu verneinen und zu liquidieren, sondern . ZU bejahen sei. Von der Warte unserer bisherigen Betrachtung aus. .geseihen, ist der Widerstreit der Meinungen in dem Punkte mindestens müßig. ,Es .kann niemals darum gehen, in dert Diaspora an . sich und ebenso auch in Palästina ' an sich, schon die jüdische Auf gabe zu erblicken; und davon allein, auf sich selbst gestellt, den Segen und die Erhaltung des Judentums abhängen zu sehen. Denn es liegt im Wesentlichen an dem Inhält, den das Judentum sich da wie , dort durch- Zieleinhältung der letzten, echten-; und eigentlichen Aufgabe gibt. Es ist. nicht so,i wie man auf der einen Seite behauptet, daß nur; die Idee der alten Heimat, die Juden, als , Vo{k-(; und Nation erhalten! habe und ihre Auflösung]; verhinderte, -und: es ist erst recht nicfrt so, wie*; man es auf der anderen. .Seite hinstell^,, daß die l lange Lebensdauer der Judenheit yön^ihrer Zerstreutheit herkommt und ihrer Mission unter den Völkern. Es gab. Zeiten, die groß und juden-y tumserhaltend in Palästina waren und solcheebenso in der Zerstreuung, und es gab Epochen, die gering und tiefstehend waren und bis an den Rand der Auflösung führten, sowohl in äPa lästina, als in der Diaspora. Es liegt nicht an;der starren Gebundenheit da oder dort, sondern, an der Beweglichkeit hier wie da im Sinne des alten Zieles. Wo Aufbruch und Bewegung herrscht, den jüdischen Grundwerten Raum zu verschaffen d. h. der Bibel und der Tradition, der Religion und der Ethik, und der ganzen Skala der Auf gaben, die das Kennwort ,.Bundeslade" zusafn menfaßt, da ist überall des Judentumes Berit fung vorhanden und seine Gegebenheit f\ir seihe Größe und Bedeutung. Wo das alles, oder das meiste aber fehlt, da ist das Judentum, einerlei wo, auf dem unrichtigen Wege. „Es geht nicht darum", hat z. B. Achad Haam einmal gesagt „daß man ein Land für ein Volk vorbereite, sondern ein Volk für ein Land". Aber mindestens muß es ebenso darum gehen, ein Volk für ,ein Land vorzubereiten, als ein Land für ein Volk. Das Judentum ist nicht ' wegen Palästina und wiederum erst recht nicht wegen der Diaspora da, aber beide sind des Judentums wegen da Beide können sich als Potenzen des Segens für das Judentum erweisen,: und ebenso als ver fehlte Voraussetzungen, je nachdem, wie s'iph das Judentum in ihnen auswirkt.;■/•'. Ein Midraschwort sagt: Gut war es, daß G^tt als er Israels Lebensraum im heiligen Lände zerstörte, seinen Zorn, an den Hölzern und St ei nen ausließ. Der Tempel und Staat ward zerstört, das jüdische Volk aber war geblieben Das sichtbare Jerusalem fiel, das geistige blieb stehen. Auch über die Dauer des heiligen Raumes Palästinas hinaus, ging der Zug des Judentums hinter der Bundeslade her -weiter. Aufbruch und Bewegung setzten Tiiqht aus. Einmal hieß der aneifernde Aufbruch .Jödhe'sk'ef und'^Ba-: .^ibylon, und ein anderes Mal Jochanaan ben Sakkai und Jahne. Neue'Werte int alten Geiste Itziii^ ^standen undJ rissen, trotz der. Fremder däs&|Ju- - äentum zu höchster Genialitat' und. OriginälLlät Isfort.;Die Misehna trat in. de% j^t^p.unskt, |||er Kji;Talriiüd entstand, d*& gaonäisbhe Zeit,: die |J|>a- 1 ^nisc|ie' htfhe . pichtefschaile, die^Mlüsdphief^jäie .j ljKab|jala,. .^i^fC^ssi^jpaüs und £ar manche j$ffei- ■ fftere kostbare -Frucfet des Judeii^ms' wardl? jge-? lipflückt, ■ die im1 Garten' der jüj&scheii Zerstr^u-^ %mg reifte. Kür darf''eines dazu nicht linbemefkt Jbleiben, uncL das schränkt dl^''Rfechtfert^ung der Diaspora gegenüber Palästina doch in efbem 'starken Mäße-ein. -Die&e und* andere; rage'i^ten Wertproduikt'e 'der Diaspora sind nicht wegen ■ der ,Diaspora und aus ihr heraus, sondern ir,otz der Diaspora entstanden. Nicht im Wegblick' von 'Palästina, sondern im Hinblick darauf, nicht in Abwendung von der alten Heimat, sondern gerade umgekehrt, in stärkster Zuwendung zu ihr. Die Formel: „Mebera jibane hamikdasch", -bald wird der Tempel erbaut, die Rabbi-Jochanan, ben Sakkai bei allen seinen Maßnahmen anwandte, schwebte wie ein Leitwort über, allen Triebkräfjten dem wahrhaft jüdischen Regsamkeit, in?^e^ {Diaspora; all die' Jahrihunderte^hiadurch;. bj^an die 'Schwelle 4er Neuzeit. Das „Zurück $&&H- Hhause", ist von Jcejiier j.üdiscEeii Idee: öder^Tat yder^Diaspora außer Kurs]gesetzt••■und außer^el^t gelassen worde'rf^ und wo dasfdennoch ,gesGj&f|, da ging es ebe.n 'nie|'üm( eine'; ^ährhäit-^oMl^Sdisch'e Sache. Diaspora, auch im besten SßffjW. war stets nur Mittel, während Palästina wohl Mittel, aber zugleich auch Ziel war. Dort, nur dort, sollte sich" das Judentum voll erfüllen, während, es sich in der Diaspora, selbst . bei _ stärkster. Spannkraft nur eingeengt un4 zum? Teil erfüllen kann. ' Dorthin ' gewandt'> schlugen^' alle Herzen,': bewegten sich alle läppen,' rögten - Jich alle Ideen und alle Hände im Turf. Dort^"erbl^kte Israel in der ganzen Zejsjtreij.ung das. Tor zum Himmel'. Rühreftd war stets: die. AjahängHohikeit der [ Diaspora f8f Palästinaj'und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl Jm^ alterl7 ^Teimät. Aus, den entferntesten iMiederlassomgen. ' in aller Welt wandten sie sich hin, sandten; sie Gaben „nachhaüse" uhd ehipfingen Sendschreiben vontdort. Bis ins vierte Jahr hundert' 'erhielt sich z. Bf von der Liebe der Diaspora getragen, das Patriarchat in Palästina, und das Exilarchat und Gaonat in Babylonien, fühlte sich nicht anders als eine Fortsetzung davon, wenn auch nicht mehr auf der wirklichen heimatlichen Schölle, so doch im Geiste, ideell auf derselben, In viefen Gegenden der Zerstreuung sah man es z. B. lange als Sünde 'an, 'gemauerte Synagogen und festgefügte Häuser zu' haben. Man:>war doch nur vorübergehend in der Fremde, sagte man; bald würde man wieder heimkehren. Wenn es auch durchaus gilt, daß es nicht Palästina an sich ist, was es ausmacht, sondern nur der Inhalt, aiber Palästina hat eben den Vorsprung auch für den Inhalt. Die Verfechter der Diaspora berufen sich mit Vorliebe auf die talmudische These; „Eine Gnade hat G'tt Israel, erwiesen,.;4aß er es in die Zerstreuung unter die Völker führte." Aber sie übersehen eines, die Gnade besteht nicht in dem- Faktum der Zerstreuung, sondern eher umgekehrt, in dem Mittel, xlurch die Zerstreuung die Zerstreuung zu überwinden; Ins Exil geführt, oder auch von selbst dorthin ausgewandert, ging dem Juden zumeist erst dort der rechte Sinn für die verlorene öder verlassene Heimat auf und für den Geist der wahren jüdischen Auslebüng in ihr, den man zuhause gering achtete, und jetzt erst vollauf begriff. Die Felge-war, ein neuer starker Auftrieb der Sehnsucht zurück, ein neuer Aufbruchs- und Bewegutigsanstoß. i,An den Wasseibächen Babels saßen wir und weinten, als wir Zions Fall überdachten." Es 'War darum ^ie Gnade G'ttes : und nicht bloß seine Strafe — will der Talmud sagen — Israel ins Exil zu führen. Durch diese GnaderriäusWirkung :;kam:;<'«s, - 'daß der Jude/ in der Diaspora lebte,-wirkte, sich einwurzelte und be~ währteV aber* mit' dem »Herzen, im Inneren » seiner Seele in ständiger'Hingezogenheit, Bewiegung und Aufb'iuohsspannfung' in der Heimat, lebte. Das ist die Gäluthfunruhe," vom-der der. Midrasch-Rabba sagt-, daß! sie den Segen in sich -schließt, Israels große gesc'hiöhtitcihe- SehnstU'eh'ti nach dem. Zurück nicht untergehen'zur:lässen, :wie es-heißt: „Die Taube':;fand -"keine. Ruhestätte iüh ihnen,,Fuß," hätte sie ^sie rg0fiiiide?n,w sie;.wäre, nicht Nziurückgekehrti- ,:,Sie (d'ie/^jüdische .Giem.eins.chait:)!! sitzt unter deiii Völkern nind findet: keine Rimhe," fände sie sie,1 sie dächte nicht an ihre Rückkehr^,„Und unter diesem Völkern wirst du .nicht .rasten,f und es \\rird keine Rühestatt sein fürden*:Ballep deines Fußes," würde es -eine sein, und.:eine Rast geben, du -würdest längst nicht » mehr-in den?. .Einst deiner Vergangenheit und Zukunftwurzeln, wie es eben durch die Unruhe allezeit doch der Fall ir. ' : ■ •■ (Schluß,folgt.)" 'S v'^■k.^. Korrespondenzen. ' ' Deutsches Reich. ■■ >},•■■■< '■■■>■■ V ,.. -f. , Die jüdische Auswanderung, aus Deutschland, Frankfurt a. M., 8. Febr. Die „Frankfurter Z«itung" schreibt: Die Auswanderung jüdischer Arbeitnehmer aus Deutschland wirft auch von Deutschland her gesehen; einige 'organisatorische Fragen d auf; die dadurch entstehen, daß zur Vermittlung ' von Arbeitskräften . [ins- Ausland und gegebenehfalls 'für die Ausstellung ivort Pässeri Gutachten einzülhölen sinid, inwieweit die Auswanderung im Interesse Deutsehländs. liegt oder weniigistens den deutschen Interessen nicht 'Widerspricht. Daran sind, soweit bekannt, nach Anordnungen vom- Jahre 1934 und 1935 ' die Arbeitsämter und Zweiter die Industrie- und Handelskammern oder die'Handwerks- und Gewerbekammern als Gutachter beteiligt. Eine Auswändertöig trotz > Ableiuiung. einer . Unbedenklichkeitsbescheifligung des- Arbeitsamtes kann