Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-02-06 · Heft 6 (6.2.1936) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 6 (6.2.1936)
Date
1936-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450915--81888-2539790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 6 Der Israelit 6. Februar 1936 ein Volk der beständigen Minorität, wie das jüdische, muß sie ganz besonders haben. Will es nicht von den Majoritäten, auf die es beständig stößt und die auf es stoßen, in seiner Eigenart erdrückt und auf gerieben -werden, so muß es sich regen, durch Rührigkeit seines Wesens sich schützen und wehren und seine Selbstbehauptung sichern. Außerdem hat allerdings wohl jedes Volk seine Bewegung, aber eben nur seine Bewegung, seine nur ihm eigene angepaßte und zielversprechende Bewegung. Und auch das Judentum hat nur sein ihm eigentümliches Gesetz der Bewegung auf seinen Lebensweg mitbekommen, und darauf kommt es an. Nicht die Bewegung an sich, einerlei welche sie ist, macht das Gesetz der jüdischen Bewegung aus, sondern die jüdische Bewegung der jüdischen Kennzeichnung muß es sein; sie muß die Merkmale des typisch Jüdischen an sich tragen. Welche diese sind, braucht nicht erst lange gesucht zu werden. Die zitierten Sätze von dem Aufbruchssinnbild des Volkes mit der Bundeslade geben sie uns kund. Die Bundeslade mit den Gesetzestafeln im Vorauszug ist es. Sie gibt uns das Signal unserer Bewegung an. Ihr nach geht unser geschichtlicher -Marsch. Die siegbare Kraft unseres Aufbruchs hängt nur von dieser Art unserer Bewegung ab. Wir wissen, daß in der Wüste vor jedem unserer Züge sich einen Dreitageweg voraus, die Bundeslade in Bewegung setzte. Wir wissen auch, daß, wo und wann das nicht geschah, sich ein Mißerfolg an den Aufbruch knüpfte. Wir wissen ferner, daß aus diesem Grunde auch in der weiteren biblischen Geschichte das Volk bemüht war, bei allen wichtigen Unternehmungen die Bundeslade heranzuholen und mit sich zu führen. Zwar nicht immer mit Erfolg, wenn die rechte Gesinnung fehlte und der Gegenstand der Bundeslade zum rein äußerlichen Fetisch wurde, aber doch stets aus dem Instinkt heraus, durch sie mit den Aufbruchsinsignien des ijüdischen Bewegungsgesetzes in Kontakt zu bleiben. Das iBewegungsgesetz des Judentums ist eben seinem wahren Wesen nach, mehr ein zentripetales als zentrifugales Gesetz. Nicht aus sich selbst heraus produziert das Judentum seinen Bewegiungsanstoß, sondern er wird an es herangetragen. Es gibt ein Bewegendes seiner Bewegung, tund das ist in unserem Bilde gesehen, der Bewegungsantrieib der Bundeslade. Daher ist auch der Bewegumgsabschnitt des Zuges durch die Wüste, so kurz er war, als der klassische Ausdruck jüdischer Epochalität zoi bezeichnen, und zwar sowohl als Musterkennzeichnung dessen, was wahre -jüdischie Dynamik heißt, als auch .als Nachwedsungisbeleg dafür, wohin und wozu erst jüdische Dynamik führt. Die Wüsten- Sidra-Anleitung für die Esra-Pirche Agudas Jisroel. nbvz nbv heißt begleiten. Pharao selbst gibt Israel königliches Geleit. Führe die geistige Situation des Volkes aus. Wie ist seine Stellung zum Götzendienst? Ist es die Ruhe allein, die eine Begegnung des Volkes mit Krieg unerwünscht erscheinen läßt? Liegt nicht vielleicht schon hierin der Anfang einer sittlichen Erziehung? crrnn heißt gerüstet oder zu einem Fünftel. Vier Fünftel mußten während der drei Tage "]sm sterben, •da sie 'das sittliche Rüstzeug für den Sinai nicht besaßen, Die einzelnen aufgezählten Etappen sind die Stufen ihrer seelischen Aufentwicklung. G'tt geht ihnen auf diesem Weg zum Sinai voran. Dieser Gedanke steht aber im Hintergrund vor der Tatsache, daß G'tt selbst vor dem Volke herzieht, so daß das Volk im Bewußtsein der G'ttesnähe sich einfach seiner Führung überläßt, ohne darauf zu achten, daß es wieder ägyptisches Gebiet betritt. Das Volk ist noch so weit in seiner geistigen Entwicklung zurück, daß noch etwas Größeres kommen muß, das durch das starke Erlebnismäßige das Volk in seinem Verhältnis zu G'tt weiterbringt. Zu 'diesem Zweck wird Pharao noch einmal gegen das Volk als Werkzeug G'fctes benutzt; wobei allerdings seine Bestrafung auch ihren Selbstzweck hat. So weit ist jedoch Israel schon in seiner Wanderung brachte die größte und glanzvollste Entfaltung des jüdischen Genius, oder besser gesagt, der jüdischen G'ttesbegnadung. Keine Periode der jüdischen Geschichte kommt dieser an Begnadung und Hochrangiigkeit gleich. Alles Große, Einmalige und Einzigartige des Judentums ist da entstanden. Das Judentum aller späteren Zeiten war im Kerne schon wie aus einem Guß in der Wüste fertig. Uebertroffen worden ist das Wüstenjudentum durch nichts weiter mehr, höchstens ausgebaut, gedeutet und ergänzt. Der Grundriß des Ganzen war schon hier gegeben. In der Spannkraft von Bewegung und Aufbruch, und zwar: von Bewegung und Aufbruch im jüdischen Grundkennzeichen der Bundeslade, ist alles da entstanden und von so hoher Begnadung erfüllt worden. (Schluß folgt.) Wochenrundschau- Sympathiestreik ohne Sympathie« Die arabische Welt in Aegypten und noch mehr in Syrien steht in hellen Flammen. In Kairo Studentenunruhen mit Toten und ' Verwundeten, in Syrien Generalstreik mit förmlichen Straßenschlachten. Die Bewegung greift nach Transjordanien über und begnügt sich dort .zunächst mit der gelinden Form des Sympathiestreikes. Daß es in unserem Palästina nicht an .Machenschaften fehlt, den Sympathiestreik auch dort auszurufen, ist erklärlich. Bis dabin konnten wir dem Spiele ruhig zusehen obwohl, wie wir erst in jüngster Nummer an dieser Stelle auf Grund des Donkan'sehen Werkes dargetan haben, uns nichts gleichgültig sein kann, was in der arabischen Welt vorgeht (Die Auferstehung Arabiens). Ein Sympathiestreik inPalästina würde uns schon eher berühren, denn wissen wir doch, daß solche Sympathiekundgebungen in Erez Israel in Wahrheit aus tiefer Antipathie kommen, und wissen wir doch auch, gegen wen sich die Antipathie eines bestimmten arabischen Teiles in Palästina richtet. Immerhin wird es für das jüdische Palästina ratsam sein, den Dingen mit ruhigem Blute entgegenzuschauen und vor allem keine arabischen Gläubigkeit, daß es beim Anblick der Streitmacht Pharaos zu G'tt als den Helfer schreit. Gleich aber vergißt es die Erziehung und seine materialistische vom Götzendienst Aegyptens geformte Anschauung bricht in seiner Klage gegen Moscheh durch. Satz 15 enthält einen Vorwurf gegen Moscheh. Er hat anscheinend nicht erkannt, daß G'tt die Aegypter zur Erziehung herbeigeführt hat und schreit zu G'tt, daß er helfe (was zu S. 15 zu ergänzen ist) gleich als ob G'tt erst dazu aufgefordert werden müsse. Dann tritt das größte Erlebnis ein auf dem Weg zur Reife für Sinai. Behandle die Schirah, indem Du sie erst vorliest, so daß sie als Ganzes wirkt und zeige dann an der Stimmung und an der Gestaltung des Ausdrucks, daß die Schirah mehr als nur ein Kunstwerk ist, daß sie in großen und doch armseligen Worten versucht, das große Wunder, die Offenbarung des Heiligen auszudrücken. Vergleiche zum Schluß damit die anderen Schiroth, die im Tnach vorkommen. Sinnwidrige Satzzerreißung. Von A, Mannheimer in Dettelbach. In neuerer Zeit ist es Mode geworden, den Schlußsatz des Kaddischgebeies — "bv nmy — in zwei Teile auseinander zu trennen, d. h. zwischen "bv nipy und dem folgenden "U'^y eine Pause einzulegen, m dem offenbaren Bestreben, die durch die Copula Oi und) verbundenen letzten Teile —_•. "»«nv b bvi wby — aneinander zu reihen. Nach Sinn, Inhalt und Satzbau läßt sich eine solche Trennung durchaus nicht rechtfertigen. Was ist der. Sinn des ganzen Satzes? Der Frieden schafft in, Seinen Höhen in der Welt der D'VaVan D'ok^»,. der Engelsscharen,] 1 und Himmelssphären, der. schaffe auch Frieden für und ganz Israel. [ Gefühle zu verletzen, solange sie nur in harmlosen Sympathiekundgebiuing.en mit den Brüdern jenseits der Grenzen ihren Ausdruck finden. Sollten ein paar Hitzköpfe allzu leicht geneigt sein auch einer Streifcparole zu folgen, so hat die jüngste Vergangenheit gezeigt, daß solche Bestrebungen am gesunden Sinne des arbeitenden arabischen Volkes scheitern. In Syrien wie in Aegypten mögen die Unruhen in nationalen Aspirationen begründet sein, die wir nicht nachprüfen wollen. In Palästina fällt »jede Voraussetzung für den blutigen .Streik weg. Und sollte er nur den Zweck haben den bekannten arabischen Forderungen Nachdruck und Auftrieb zu geben, so wäre auch dieser Zweck überholt durch die dieser Tage den Arabern durch den High Commissioner übermittelte Antwort des Kolonienministeriums auf ihr Memorandum vom 20. November, worin deutlich zum Ausdruck kommt, daß sich die Regierung und ihre Einwanderungspolitik niemals von arabischen Wünschen, sondern: der Aufnahmefähigkeit des Landes wird bestimmen lassen, sodaß sie auch den Bodenverkauf und den Neuerwerb durch Juden, solange es sich bei den Verkäufern nicht um das für ihre Existenz erforderliche Minimum handelt, nicht verhindern: können. Eines wird von den Arabern Palästinas nicht außer Acht gelassen werden können: Sowohl in Syrien wie in Aegypten gibt es keine jüdischen Niederlassungen, keine ijüdischen Grundbesitzer,, „die die Fellachen von ihrem Heimatboden verjagt hätten," keine steigende jüdische Einwanderung. Und gerade dort ist die Armut und die vielfache Not der Bevölkerung so groß, daß die politischen Treiber in diesen Reserven im Hintergrunde ihre willigsten Mitfolger finden. In Palästina könnte der Nationalismus der Anaiber, die zum größten Teil die besten Nutznießer des jüdischen Aufbaus sind, nur aus einer Quelle genährt werden, aus dem Judenhaß. Und dieser wird,, wie wir hoffen, nicht ausreichen, um das arabische Volk zur Unbesonnenheit zu treiben. So darf man hoffen, daß es vom Sympathiestreik nur bei der Sympathie bleibt, an der wir die Araber in keiner Weise hindern werden. Ein Sieg des Kaschruth in Amerika. Im Lande, wo die Verwilderung in religiösen Dingen am meisten Platz gegriffen hat, ist dieser Tage nach langem Hin und Her eine Gerichtsentscheidung zustande gekommen, die den berufenen Hütern der rituellen Zuverlässigkeit auf dem Lebensmittelmarkte Autorität und die Handhabe verleiht, sich Geltung zu verschaffen. Somit ist der zweite Satzteil, der das Objekt des Vergleichs enthält, logisch die Ergänzung zum ersten Satz und kann von diesem nicht getrennt werden, soll letzterer sinngemäß nicht verstümmelt erscheinen, „der Frieden schafft in Seinen Höhen, der schaffe „Frieden" . . . hat keinen Sinn ohne das Vergleichsglied bxw b"z rrby Die Angst, man könnte sprachlich oder am Gesänge das m bv von bvv> Lr Vszu lange trennen, ist ganz abwegig und keine Entschuldigung für eine derartige Satzzerreißung und Satzverstümmelung. Die Interpunktion in deutscher Uebertragung des "bvrw^v zeigt dies auch klar und deutlich auf Grund logischen Empfindens. Der Frieden stiftet in Seinen Höhen, der stifte Frieden über uns und über ganz Israel, Nach dem Wort „Frieden" weder Komma noch sonstiges trennendes Satzzeichen. Logik und Interpunktion müssen harmonieren. Was würde man von einem Lehrer halten, der den folgenden Satz also zerstückelte: „Der den Zeppelin über den Bodensee führte, der führte den Zeppelin; über die Alpenriesen und das Mittelmeer," Der Satz, dem konform gebildet, hört sich mit seinem Semikolon nach „Zeppelin" gewiß possierlich an. Kein Lehrer würde dergleichen in seiner Schule dulden, weil 'das nicht etwa nur eine Geschmacklosigkeit bedeutete, sondern eine Versündigung an jeder gesunden Logik. Man wird vergebens nach Parallelen suchen in irgend einem deutschen Lesebuch und gewiß auch nicht im jüdischen Schrifttum. Dichterische Lizenzen sprechen hier nicht mit. Es ist uns nicht bekannt, wo diese sinnwidrige Satzzerstückelung,.'die unsere Altvörderen nicht gekannt haben, zum ersten Male auftauchte, Sie ist jedenfalls kein „Tikkun" und noch weniger ein „Tikkun godaul'.'j eine bedeutsame Verbesserung. Je eher sie in der Versenkung verschwindet, desto besser.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.