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Der Israelit · 1936-02-06 · Heft 6 (6.2.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 6 (6.2.1936)
Date
1936-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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6. -Februar 1936 Der Israeli t Nr. 6 Seite 3 Volk im Aufbruch, Diaspora in Bewegung (Fortsetzung von Seite 1.) erhalten. Von Genien, im /hohen und reichen Sinne dieses Wortes, ist aber nichtsdestoweniger kaum eine Spur. Ein paar tapfere, .abwehrstarke Kriegshelden, eine Prophetin als einzige Auslese, sonst nichts als ein düsteres Geschiohtskapitel voller Tiefstand und Verfall, Anarchie und Abstieg. Und noch ein anderes, ein Gegenstück. Die spanische Epoche, bekanntlich Jahrhunderte lang eine Glanzperiode an jüdischem Wohlergehen, hätte nach der erwähnten Theorie, wenn diese schon wirklich die letzten Ursachen erschöpfte, einen starken-Niedergang und Tiefstand der jüdischen Geistigkeit und Schöpferkraft zur Folge haben müssen. Statt dessen sehen wir das Gegenteil. Neben dem zeitlich räumlichen Glücke der Juden, auch einen Hochstand jüdischer Geistes- Produktivität, der zu den klassischen Erscheinungen im Judentum zählt. Man braucht nur an ein paar Namen aus dieser hohen Zeitperiode zu erinnern, um das zu veranschaulichen, an Namen wie Chasdai Ifen .Schaprut, Samuel Haniagid, Chasdai Kreskas, Salomen Gabirol, Joseph Albo, Iba Esra, Jehuda Hälevi und vor äUem an den geistesgewaltigen Moses iMaimonides.. Nein, die Grunde für das 'Merkwürdige ini Steigen und Fallen, Zunehmen und Nachlassen in der Ge schiciklskurve des Judentums erschöpfen sich noch nicht in den rein äußeren Wechselfallen des guten und schlechten Ergehens im materiellen Schicksalsilauf. Vielleicht sind diese die Wirkungen von Ursachen'.1 Die Ursachen selbst aber sind sie nicht, diese müssen tiefer liegen, und zwar ohne Zweifel in der starken Kausalität eines Naturgesetzes. Wenn wir Juden auch wissen, daß im Leben unserer Geschichte die tausendfach, erprobte „iHasohgacha pratit" vorwaltet; die besondere g'ttliche Vorsehung für Israel, und wir daher unseren Lebenslauf nicht schon mit dem Worte „Natur" erklärt ansehen können, weil wir die „ewigen, ehernen, großen Gesetze" dem freien Formungswillen G'ttes unterstellt ansehen, so nehmen trotzdem auch wir Juden den Standpunkt ein, daß G'tt, wie alles in seimer Welt, auch unser Leben und Geschehen im allgemeinen von Gesetzen und Prinzipien der Natur getragen sein läßt. Das talmuidische Wort: Olam keminhags noheg-, „die Welt nimmt ihren natürlichen Lauf", und law kol ijoma misrachisoh nissa* „picht an jedem Tage ereignen sich Wunder", drückt durchaus einen Grundansöhauungssatz des Judentums aus. Schon deshalb, weil es sonst mit dem freien Willensprinzip nicht in vollem Einklang stünde, wenn lalles, was das jüdische Leben betrifft, nur vom Gesichtspunkt der besonderen g'ttldchen Vorsehung aus zu betrachten wäre. — Nein, neben dem .zedtweisen wunderwirkenden Eingreifen, hat G'tt dem stabilen Lauf unserer Geschichte im Wesentlichen naturhafte Gesetze unterbaut. Er hat dabei allerdings: ein Außerordentliches getan und hat das auserwählte Volk auf manche dieser Gesetze im besonderen eingestellt, hat dieses oder jenes Naturgesetz stärker und sichtbarer für Israel hervorgehoben und betont, aber es ist doch immerhin die Einstellung auf ein Naturgesetz geblieben. So ist e£ auch zweifellos in unserer Frage des Auf und Nieder in unserer Geschichte der Kausalnexus eines Naturgesetzes, das sich bei uns Juden auswirkt. Er hat es uns als sozusagen unser Naturgesetz (hingestellt, gewiss ermaßen als das Entwederoder unserer Existenz und Laufbahn. Er hat dieses Naturgesetz gleichsam zur Hand genommen, es uns vor Augen geführt und gesagt: „Dein Steigen und dein Fallen, Israel, hängt von deiner Handhabung oder Hintansetzung dieses Naturgesetzes ab. Handelst du darnach, so hältst du dich hoch, verstößt du dagegen, so sinkst du in' die Tiefe." Und was ist es, dieses dem Judentume so sehr ans Herz geibund'eoie Naturgesetz? Es ist nichts anderes als das elementare Gesetz der Bewegung, der Bewegung und Ruhe. Entweder^ Bewegung und Steigen, oder Ruhe und Fällen. Das ist neben den Gesetzen seiner Religion und Nation, des jüdischen Volkes Gesetz der Natur. Wie das gemeint ist, wird sich noch näher zeigen. Jedenfalls ist es so, daß G'tt sein Volk in besonderem Maße darauf hingewiesen und Israel unverkennbar darauf hinge lenkt hat. Wo das geschehen ist, wo er das tat? In der Wüste geschah es, in der vierzigjährigen Wanderung, auf dem Zuge nach Kanaan. Die alles enthaltende Thora spielt mit Deutlichkeit idarauf an. In ihrem 4. Buche, nämlich mitten in der Er Zählung vom Wüstenzuge, stehen, außerhalb ihrer Reihenfolge, zwei eingeschaltete Sätze. Die Tradition hat sie für so wichtig angesehen, daß sie sie mit besonderen Kennzeichen, zwei umgekebr ten „Nun"-Buchstaben, als Einklammerungen versieht. Die Tradition geht soweit, diese zwei Sätze, als ein Buch der Thora für sich, also ge wissermaßen als ein sechstes Buch der Lehre anzusehen. Diese zwei Sätze enthalten den Hinweis, den wir meinen. Wörtlich steht in ihnen nur Folgendes: „Wenn sich die Bundeslade in Bewegung setzte, da sprach Moses: Auf, o Ewiger, und es zerstreuen sich Deine Feinde und es fliehen Deine Hasser vor Deinem Angesichte. Und wenn sie ruhte, sprach er: Kehre zurück, Ewi ger, zu den Myriaden der Stämme Israels". Nichts anderes spricht sich hier zunächst aus, als der Hinweis, von dem die Rede ist, die besondere Hervorhebung der Bedeutung von Bewegung und Ruhe in ihrer sdhicksakeinschnieidenden Auswirkung im Lebenszuge Israels. Entweder Bewegung, Aufbruch, dann Durchsetzung, Erhöhung, Befreiung und Größö, dann ist Israel oben, oder Ruhe, Stagnation, Erstarrung, dann ist Israel hintangesetzt, erniedrigt, selbst von G'tt verlassen, dann ist Israel unten. Die Bewegung der Bundesliade war ein Zeichen der Bewegung für das Volk. .Sobald sie sich, in Marsch setzte, setzte sich das Volk in Marsch und sobald 'dies geschah, also die Bewegung vor'sich ging, konnte Moses G'tt zum Aufbruch anrufen, d. h. den Durchbruch Israels und sein Sichbehaupten voraussetzen und erwarten. Sobald aber der Aufbruch nachließ, die Bewegung aussetzte, und in Ruhe überging, mußte Moses G'tt anflehen, zurückzukehren zu Israel, doch wieder bfeim Volke zu weilen, ein Zeichen und deutlicher Beweis dafür, daß nur in der Bewegung und hächt in der Ruhe G'tt ohne weiteres mit Israel ist. - Und so war es nicht nur in der Wüste, sondern auch stets in unserer ganzen' Geschichte. Bewegung und Ruhe waren stets die zwei Pole, zwischen denen sich Erfolg und Mißerfolg, Erhöhung und Erniedrigung, Aufstieg und Abstieg des Judentums vollzogen. Volk im Aufbruch, in Gewecktheit, Wachsamkeit und Bewegung, zog immer den Voraiuszug G'ttes, d. h. Israels Stänke und Geltung nach sich, bahnte dem Volke eine Gasse durch Widerstand und Hemmnis, ließ Störungen überwinden und zielgesetzte Aufgaben erfüllen, machte die Schwachen stark und groß, während Volk im Stillstand, in Ruhe und Abfindung, G'ttes Flucht zur Folge hatte, Hemmnisse und Widerstände verstärkte und erhöhte, Ziel und Aufgabe verdunkelte und verhüllte und die Stärksten schwach und mutlos werden ließ. Wie in /der Natur nach einer alten Ansicht, alles Geschehen seinem Wesen nach Bewegung der Atome im Räume ist, und nach einer neueren Auffassung, das Verhältnis von Stoß und Gegenstoß, so ist auch im Leben eires Volkes, im besonderen Maße aber, wie gesagt, im Leben des jüdischen Volkes, der Begriff der Bewegung in diesem Sinne maßgebend. Von Anstoß und Bewegung hängt Werdegang und Entwicklung ab. Wenn alles in Spannkraft und Bewegung ist, da ist es gut bestellt, da gibt es kein eisiges Erstarren und kein Versteifen bis zum Fossil. Epochen unserer jüdischen Größe waren stets, analog unserem Zuge durch die Wüste, Zeiten des Aufbruchs und der Bewegtheit, und Epochen unsere^ :jödäsch.en Tiefstandes waren, analog unserem Verhalten in der Periode der Richter, Zeiten unseres Stillstandes und Sichhingebens an die Ruhe, id. h. amjene sich selbst aufgebende und einlullende Ruhe, in der man Schwung und Ziel verliert, in kleinliche Selibstbedaohtsamkeit und Abfindung gerät, das Hohe und Ragende aus dem Auge läßt und ängstlich die Linie des schwächsten Widerstandes wählt. Beweglichkeit tut darum stets in unserer Geschichte not. Einerlei wie es ihm geht, gut oder schlecht, der Jude soll sich davon nicht abfinden lassen, um sich etwa durch die Situation des Augenblicks von der Beweglichkeit in der Linie seines Wesenhaften abzuwenden. „Jetzt geht es mir gut, und hier habe ich es schön, was brauche ich mioh mehr für mein Volk und seine abseits liegenden Aufgaben zu ereifern?" Oder „jetzt geht es mir schlecht, ich habe es so schwer, was soll ich mich um andere, als meine eigenen Sorgen kümmern?" Diese philisterhafte Denkweise ist von dem verderblichen Mangel an Beweglichkeit und Aufbruchsschwung getragen, von der Ruhe, die den Verfall bedingt. So dachten und handelten die Juden in der Richterzeit. „Isch kol hajaschar beenaw jaasse", „jeder tat, was recht war in seinen Augen." „Hier sind wr im Lande", sagten sie sich, „wir kümmern uns nicht weiter darum, was unsere Hierherführung mit uns plante. Wir wollen nur Ruhe von unseren Feinden haben und unsere Existenz." So dachte man auch — um gleich ein näher liegendes Beispiel zu wählen — in den Zeitwellen der Assimilation. Der Antisemitismus war die einzige Sorge der Epoche. „Nur Ruhe halben und schön leben können." Sonst ließ man alles, oder das meiste, was wirklich jüdisches Judentum heißt, starr und unbewegt liegen, verkümmern und verblassen. So aber dachte man nicht z. B. im Ghetto, obwohl es da, wie wir wissen, unseren Ahnen sehr schlecht ging, und so dachte man auch nicht z. B. in Spanien, obwohl es ihnen da, wie wir wissen, zur Zeit sehr gut ging. Hieri wie dort herrschte, trotz allerstärkster persönlicher Ablenkung durch die trüben oder glücklichen äußeren Verhältnisse, die ständige überpersönliche jüdische Wachsamkeit und Beweglichkeit, das geschichtliche Aufbruchsziel jüdischer Idealbestimmung. Und hier wie dort trieb denn auch das Judentum dieser für G'tt und Volk stets bewegten Kreise, die herrlichsten Blüten. Denn eines ist gewiß und hundertfach erprobt: Aufbnuch und Bewegung sind von altersher echt jüdische Kennzeichen, ja, sie sind das älteste Vermächtnis unseres Stammes. Sie sind unserem Stamme sozusagen schon an der Wiege als nationale Lebensmelodien vorgesungen worden. Das Lebenswerk des Urahnen, an der Schwelle seines Eintrittes in die Geschichte, begann schon damit. „Lech lecha", ziehe hinweg", setze dich in Bewegung, begib dich in die Aufbruchslinie. Nichts ist für uns Juden so symbolhaft geworden, wie dieser Grundzug unseres Anfanges. Nicht aus Freude am Nomaidentum und nicht aus Unstetigkeit des Charakters, oder gar aus angeborenem Ahasvertum waren die Erzväter erkoren, das unruhige Leben der Wanderung zu führen, sondern zur lebendigen, beweglichen Wachhaltung ihrer Sendung für ihre Nachkommen und ihr Volk. Im Aufbruch bleiben, war ihre Richtschnur und nach dieser Richtschnur „hege braoha" zum Segen zu gereichen, war ihre Parole. Sinnvoll klingt in dieser Bedeutung ein talmudisches Wort: „Die Gerechten kommen nie zur Ruhe, nicht auf dieser und nicht in der zukünftigen Welt", Das Begehrteste und Seligste ist ihnen die Bewegung. Nun wird man einwenden, Bewegung und Aufbruch sind doch nicht bloß eine jüdische Sache, Bewegung, als Prinzip des gesteigerten Auftriebs ist doch bei allen Menschen und Völkern ein Gegenstand ihres Entwederoder. Kann denn irgend ein Volk, oder eine Menschengruppe bestehen und Bedeutsames hervorbringen, wenn ihr die Bewegung als führendes Gesetz und Leitmotiv fehlt? Gewiß, das ist richtig, kein Volk kann des Aufbruches entaäten, jedes Volk muß die Bewegung haben und hat sie auch, soweit es auf Geltung und Selbsterhaltunig Wert legt. Aber

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