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Der Israelit · 1936-01-30 · Heft 5 (30.1.1936) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 5 (30.1.1936)
Date
1936-01-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 5 1936 Freiwillige G'ttes,, Von Schalom Ben-Chorin. Kennt ihr sie nicht, die Freiwilligen G'ttes, seine unbesoldeten Diener? 0, ihr sollt sie kennen lernen. Geht nur am Freitag Nachmittag auf die Straßen von Jerusalem — um die Dämmerstunde, wenn der Sabbat die ersten langen Schatten seiner Heiligkeit aufs Pflaster wirft. Um diese Zeit macht die Sabbatwache G'ttes die Streife. Einzeln, in Paaren oder auch in kleinen Gruppen gehen die Wächter, die im Dienste des Herrn der Welt stehen, ihrem Amte nach. Sie tragen prächtige Uniformen: Pelzmützen, „Streimel" genannt, schmücken ihre bärtigen Häupter, von deren Schläfen lose, oder kunstvoll gedreht, lange Locken, „Pejes", baumeln. Rostrote und gelbe, violette und zebragestreifte, aber auch dunkelblaue Kaftane und solche aus schwarzem Samt, an den Säumen mit. Pelz verbrämt, umhüllen ihre zumeist hohen Gestalten. Wie die schottischen Soldaten des Königs von Großbritannien tragen auch diese Gardisten weiße iStrümpfe — zu Ehren des Sabbats, — iür den eine Lanze zu brechen sie entschlossen .sind. loh sprach von Bärten: das läßt leicht den Verdacht aufkommen, unser Freiwilligenkorps sei bei genauerem Hinsehen eine Art Veteranenver'ein, ein Verdacht, genährt durch die ebenso irrige wie verbreitete Anschauung, Frömmigkeit und Alter gehörten zusammen. Weit gefehlt: in den Reihen unseres Regiments gibt, es schneidige Leutnants — Milchbärte noch — aber durchglüht vom kühnen Kampfgeist ihrer Truppe und zu ■allerlei Husarenstückchen bereit. Auch der militärische Nachwuchs —die Sabbatkadetten fehlen nicht. Sie tragen dieselbe Uniform, wie die Alten — en miniature versteht sich — nur daß ihnen zumeist statt der feierlichen Pelzmütze (die nicht' übel zu Husarenstückchen paßt) flache Hütchen aus schwarzem Seidenrvelours oder dunkle Ripskäppchen auf dem miillimeterkurzen Haar sitzen, das nur an den Schläfen — man verzeihe die Metapher! — üppig ins Kraut schießt. Und nun — mein Freund — auf und dem Sabbat entgegen! In der Jaffastraße ist ein Barbier, eine ganz verstockte Seele. Die Sabbatwache kennt seine Schliche. Zwar schließt der geschäftstüchtige Herr zum Schein den Laden, aber hinter versperrter Türe schert er weiter Haupt-, und Barthaar, als sei noch immer heller Werktag. Aber es ist bereits /Sabbat über der Welt. Deshalb stellen sich die Freiwilligen vor die Türe, hämmern mit den Fäusten gegen die Fensterläden und brüllen aus Leibeskräften: „Schabbes! Schaibbes!", bis dem säumigen Barbier die Ohren gellen und sein Laden von dem Lärm einzustürzen 'droht, wie weiland die Mauern von Jericho. Oder der Gemischtwarenhändler in dem kleinen Kiosk in einem Seitengäßchen der Jaffastraße! Die Freiwilligen kennen den Schlingel, Wenn alle guten Juden bereits ihre Kaufläden geschlossen haben, um die heilige Sabbatbraut zu begrüßen, verkauft jener noch denen, die sich verspätet haben, Wurst und Brot, Käse und Eier, •von den Zigaretten, die bestimmt am Sabbat gepafft werden «ollen, ganz zu schweigen. Dieser Pflichtvergessene am Gemischtwarenstande gedenkt um die erste Sabbatstunde seinen Umsatz beträchtlich zu steigern. Und die Wache? Da sie nicht verhaften kann, redet sie durch den Mund eines alten ehrwürdigen Kaftanträgers dem Gemischtwarenhändler mit dem verstockten Herzen gütlich zu, er möge schließen — „tekef umijad!" — augenblicklich, um den Sabbat nicht zu entweihen. Es nützt nichts. Der Kaufmann schließt nicht. „Dafke", zum Trotz läßt er offen, obwohl sich kein Käufer zeigt. Oder doch? Hier kommt noch eine verspätete Sekretärin aus einem Büro und will noch rasch das Nötigste für das „weekend" einkaufen. „Lassen Sie alle Hoffnung fahren, mein Fräulein: Sie bekommen nichts mehr!" Schon stehen die Freiwilligen vor dem Laden und lassen niemand herein, wenn auch der Kaufmann noch mit Vergnügen abgäbe, was immer die Dame wünscht. Aber was tut der Mann? Er holt seine Polizei. Widerwillig kommt ein Policeman, um seines Amtes zu walten. Man sieht, es macht ihm keine rechte Freude. Diese Leute, gegen die er da vorgehen soll, sind keine Verbrecher, auch keine „Unruhestifter". Genau genommen, sogar das exakte Gegenteil: R u h e s t i f t e r. Aber Dienst ist Dienst. Es geht natürlich, polizeimäßig gedacht, nicht ar$ daß ein paar Privatleute jeden Freitag Posten vor Geschäften aufstellen, um die Käufer mit sanfter oder weniger sanfter Gewalt abzuhalten, also muß sie der Policeman wegjagen. Das ist nun einmal sein Amt. Das alte Lied! Wie der hochgewachsene weizenblonde junge Mann in der schmucken Kolonialuniform auf die Gruppe der Freiwilligen zuschreitet, verwandelt er sich langsam, kaum merklich, in einen römischen Legionär in Brustpanzer und Raupenhelm und Beinschienen. Ach, der junge Mann selbst verwandelt sich, eigentlich gar nicht — es ist nur eine Kostümfrage. Und da stapft er nun, der „blonde Barbar", der sioh nach dem rauheren Klima seiner heimatlichen Insel sehnt, auf die Söhne des uralten Volkes zu. Und sie — sie stehen nicht mehr vor einem Gemischtwarenladen, dessen Eigentümer nicht rechtzeitig schließen will, jetzt hat sich der Kaufladen verwandelt in das Haus eines vornehmen Juden, der — um zu zeigen, daß er des Kaisers Freund ist — ein Bild des Cäsars in seinem Vorgarten aufgestellt hat. Und die Hüter der Ehre Israels haben das Bild zertrümmert, denn es steht geschrieben: „Du sollst dir kein Bildnis machen." Der römische Legionär versteht das alles nicht. Es ist ihm urfremd, so fremd, wie nur irgendetwas fremd sein kann. Aber er ist ein Prätorianer des Kaisers: deshalb verhaftet er — ohne, daß in seinem Herzen Haß wohnt — „diese fanatischen Juden", die sich ihrem unsichtbaren G'tt zuliebe mutwillig in Gefahr begeben. Was hat sich geändert? — Die Fassade, sonst nichts. Die Juden tragen Pelzmützen, statt loser Tücher und widersetzen sich der Staatsgewalt nicht um des zweiten, sondern um des vierten Gebotes willen und der junge Engländer — auch vor zweitausend Jahren kann es ein Engländer gewesen sein — steht nicht im Dienste Titus' oder Domitians, sondern ist im Solde des englischen Königs; auch trägt er eine elegante Tropenuniform, statt des unbequemen Panzerzeugs. Man ist hygienischer (geworden — das ist alles. Wie damals wohnt der „Landpfleger von Judäa" auf einem Hügel über der ewigen Stadt: ein eleganter Weltmann von freien Anschauungen, aber urfremd ist ihm dieses merkwürdige Völkchen, das zäher ist als Germanen und Gallier, Griechen und Perser ... Der Policeman ist langsam auf (unsere Freunde zugeschritten. Er will ihnen die Chance geben, „unbemerkt" in der Dämmerung zu entwischen. Die himmlische und die irdische Polizei stehen sich gegenüber, da bedenkt der Führer der Freiwilligen, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist und er und seine Freunde entfernen sich lautlos, auf und ab flanierend, wie friedliche Spaziergänger. Ihr meint wohl, die fromme Wache wird nur am Sabbat aktiv. Ihr irrt euch. Auch Wochentags gibt es zu tun. Da hat sich z. B. herausgestellt, daß Reb Jechiel Poser (sein Vater war noch ein Chossid des Gerer Rebben!) unter die „Apikorsim" gegangen ist. Wer hätte derlei erwartet von Reb Jechiel Poser! Nun ist es arg, wenn ein Jude G'tt und die heilige Thora vergißt, aber am ärgsten ist es, wenn so einer eine „Missadah", ein Gasthaus hat. Und dem ist so, bei Reb Jechiel Poser. Und was tut ein Apikores, wenn er Gastwirt ist: er verkauft trefes Essen! Aber Jechiel Poser — ist nicht nur yin Abtrünniger, er ist auch ein „Ganew", ein Heuchler: jawohl, er hat die Stirn, zu versichern, sein Gasthaus sei koscher! Da greifen die Freiwilligen ein. Den ganzen Tag steht einer der Freiwilligen vor dem Gasthaus mit einem großen Schild an einer langen Stange. Und auf dem Schild steht geschrieben — sichtbar, allen Frommen zur Freude, den Freien aber ein Aergernis: „ T r e f a h ". Und Jechiel Poser kann keinen Policeman rufen, denn mit einem Schild, auf dem die lautere Wahrheit steht, darf sich jedermann auf die Straße stellen, Nicht immer sieht die Sache so friedlich aus wie beim rituellen Streikposten vor Posers Gastwirtschaft. Es gibt z. B. eine fromme Siedlung in Jerusalem, die sperrt ihre Straße am Freitagabend mit einer festen, schweren Eisenkette, so daß kein Auto durchfahren kann und säße der Hohe Kommissar selbst darin. Aber auch durch den Stadtteil Mea Schearim rate ich dem geneigten Leser, nicht am Sabbat oder Federtagabend zu fahren. Mea Schearim hat zwar keine Ketten, aber Steine, gute, harte Steine, die wohlgezielt weder die Kotflügel noch die Fenstersoheiben deiner Limousine verschönen. Deshalb rate ich jedem ab — wer es auch sei, die frommen Hüter herauszufordern, denn es steckt in ihnen noch eine ordentliche Portion Makkabäertum und die Makkabäer — wie man weiß — waren nicht furchtsam stille Leute, wenn es um ihr Heiligstes ging. „Jeschurun". Dieser Name hat für die Geistesgeschichte des gesetzestreuen Judentums in Deutschland eine besondere Bedeutung. Samson Raphael Hirsch s. A. hat •ihn zum Herold seiner Gedanken erhoben, mit denen er in seiner so betitelten Monatsschrift Mauern gegen den Ansturm der Assimilation errichtete. Und viele Jahrzehnte später, als Liberalisimus und Zionismus erneute Gefahren dem geistig selbständigen Leben der Orthodoxie entgegenführen, hat Josef Wohlg e m u t h in einer ebenfalls so betitelten Monatsschrift mit wissenschaftlicher Sachlichkeit, mit unbeirrbarer Zielrichtung und starker religiösier Wärme von neuem eine sichere Waffe gegen den feindlichen Ansturm geschaffen. Diese von allen positiven Kräften der deutschen Orthodoxie — ganz unabhängig von politischer Richtung — hochgeschätzte und auch von den Gegnern geachtete Zeitschrift hat schon vor Jahren ihr Erscheinen einstellen müssen, merkwürdig: wie der erste „Jeschurun" hat auch der zweite nur 17 Jahre existiert. Eine Zeitschrift, in der Zeitgebundenes und Ueberzeitliches, dem Alltage Hingegebenes und dem absoluten Geist« Verschriebenes in bunter Mannigfaltigkeit Revue passieren, ist nicht benutzbar ohne einen Schlüssel, der die Schätze schnell und ohne viel Aufhebens dem Suchenden öffnet. Solch ein Schlüssel heißt S a c h - und Personen -Reg ister. In mühseliger, opfervoller Arbeit hat Herr Rabbiner Dr. A. P o s n e r , Jerusalem, Sch'chnath Bucha* l'iin, Beth Isniailoff .dieses Register fertiggestellt. Es kann 'also jetzt jeder, der wissen will, was im „Jeschurun" von Wohlgemuth, der von 1914 bis

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