Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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30. Januar 1936 Der Israelit Nr. 5 Seite 9 Der Thronwechsel in England. — Trauer- und Huldigungskundgebung des Board of Deputies. London, 27. Jan. Anläßlich des Thronwechsels in England fand am Sonntag, den 26. Januar, in London eine außerordent Hohe Sitzung des Board of Deputies of British Jews, der offiziellen Repräsentanz der englischen Judenheit, statt. Es wurde einstimmig beschlossen, eine Bei leidsadresse zu dem Tode König Georgs V. vorzulegen und König Eduard VIII. eine Begrüßung und Beglückwünschung auszusprechen. Die Resolution des Board of Deputies sieht ferner die Uebergabe einer Beileidsadres.se an Königin-Witwe Mary vor. Den Beschlüssen gemäß wird die Anglo Jewish Association eingeladen werden, bei der Ausführung der Resolution mitzuwirken. Der Vorsitzende des Board of Deputies, Neville Laski, der den Entschließungsantrag vorlegte, hielt eine Ansprache, in der er dem Andenken des,. verstorbenen Königs huldigte und einen Ueberblick über seine RegierangSizeit gab. „In der jüdischen Geschichte, erklärte Neville Laski, wird der Name König Georgs unvergänglich mit der Erneuerung Palästinas verbunden sein. In Dankbarkeit sind wir dessen eingedenk, daß Großbritannien unter der Herrschaft König Georgs, treu seinen edlen Ueberlieferungen der Sympathie für die Juden in ihrem Leiden und in ihrem Streben, das Versprechen gab und einlöste, die Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina zu erleichtern. Wer hätte, als König Georg den Thron bestieg, zu hoffen gewagt, daß Palästina noch unter seiner Herrschaft die Segnungen britischer Verwaltung genießen und daß die Fundamente des Jüdischen Nationalheims gesichert gelegt sein würden? Es war angemessen, daß die Huldigung der englischen Judenheit für den König die Form das König Georg-Waldes in Palästina erhielt. Seine Million Bäume, von denen der erste, der gepflanzt wurde, ein gnädiges Geschenk von König Georg selbst war, wird kommenden Geschlechtern ein lebendiges Sinnbild der Hingabe sein, die er in seinen jüdischen Untertanen erweckte." Nach einem Nachruf auf die während der Regierungszeit König Georgs heimgegangenen Präsidenten des Board of Deputies, Dr. L. Alexander, Steward Samuel und Henry Henriques sowie auf den Historiker Lucien Wolf, der Sekretär des Joint Foreign Committee war, führte Neville Laski weiter aus: „König Eduard VIII. hat dem Staatsrat erklärt: „Als mein Vater vor sechsundzwanzig Jahren hier stand, sagte er, es werde eines der Ziele seines Lebens sein, die konstitutionelle Regierung aufrecht zu erhalten. Ich bin entschlossen, in die Fußtapfen meines Vaters zu treten und, wie er es sein ganzes Leben lang tat, für Glück und Wohlfahrt aller Klassen meiner Untertanen zu arbeiten." — Unser König bringt zu seinem hohen und hohe Anforderungen stellenden Amt eine unvergleichliche Kenntnis seiner Völker, ihrer Arbeit und ihrer Muße, ihres Lebens und ihres Denkens mit. Die Flotte, Oxford, der Krieg, die Welt, sie alle haben dazu beigetragen, ihm Weitblick, Verstehen, Disziplin und Glauben "zu geben. Mit den Hoffnungen einer geeinten Nation empfängt er den Ausdruck unserer Huldigung, (unserer Treue, unserer achtungsvollen Liebe. Ais der verstorbene König auf den Thron kam, bestand diese Körperschaft aus 122 Abgeordneten, die 110 Synagogengemeinden repräsentierten. Heute vertreten 355 Deputierte 244 Synagogengemeinden und Wahlkreise in Großbritannien und dem Reich. Darum kann ich, wenn ich zu Ihnen als Ihr Präsident heute spreche, in Wahrheit sagen, daß es mein trauriges Privileg ist, in dem Namen und mit der Stimme einer trauernden britischen und Reich§judenheit zu sprechen." Mit einem Zitat aus den Sprüchen Salomos schloß Neville Laski seine Ansprache. Griechenland. Elf jüdische Kandidaten bei den Parlamentswahlen in Griechenland, S a 1 o n i k i, 22. Jan. Zu den am 26. Januar stattfindenden Wahlen zum Die Woche. Heidelberg. Auf Grund des Reichsbürgergesetzes wurden u. a. die Professoren an der hiesigen Uinversität Hatsfeld, Jellenik, Ernst Levy und Hans Sachs in den Ruhestand versetzt. Warschau. Infolge der andauernden antisemitischen Ausschreitungen in Stadt und Kreis Lodz ist die dortige nationaldemokratische Partei behördlich aufgelöst worden. — Im Alter von 111 Jahren ist in Warschau Frau Ester Rachel Ackermann, wohl die älteste jüdische Frau Polens, in der Wohnung ihrer jüngsten 83)ährigen Tochter Gittel Hochmann gestorben. Bis in die letzten Tage war die Greisin ihrem Beruf als Altwarenhändlerin nachgegangen. Sie hatte bereits alle Papiere bereit, um in den nächsten Wochen zu ihren Enkeln nach Palästina zu übersiedeln. Ihre Ersparnisse von 300 Zloty übergab sie der. Tochter auf dem Sterbebett mit dem Wunsche, daß man ihre Gebeine später nach Palästina überführe. Kairo. Die ägyptische Regierung hat die Benennung einer Straße in Kairo nach Maimonid e s anläßlich der 800 Jahrfeier der Geburt des großen Religionsphilosophen angeordnet. Jerusalem. Emir Abdullah von Transjordanien und der frühere Khedive von Aegypten, Abbas Hilmi Pascha, waren anläßlich ihres Aufenthalts in Jericho Gäste der einzigen jüdischen Einwohnerin dieser Stadt. — Die illegalen Einwanderer im Gefängnis von Jerusalem haben nach elf Tagen den Hungerstreik eingestellt, als ihnen Freilassung gegen Kaution versprochen wurde. Dagegen dauert in Akko der vor sieben Tagen begonnene Hungerstreik der „Illegalen" fort. — Der Kolonierat von Kfar Tabor meldet, daß ein schon seit 28 Jahren in jüdischem Besitz befindliches Grundstück von Arabern besetzt wurde, die mit der Beackerung des Grundstücks begonnen hätten. Die Polizei hat die Einstellung der Feldarbeiten angeordnet und eine Untersuchung eingeleitat. — Der Konflikt zwischen jüdischen Kolonisten und Beduinen wegen der Rechte auf ein im jüdischen Siedlungsgebiet gelegenes Grundstück ist in freundschaftlicher Weise beigelegt worden. Der Jüdische Nationalfonds hat den Beduinen im Tauschwege ein Gebiet von 250 Dunam in einer anderen Gegend überlassen. Anläßlich des Friedensschlusses wurde ein Fest veranstaltet, an dem jüdische, arabische und englische Gäste teilnahmen. — Der ganze Jischuw nimmt an den Huldigungen für den neuen König Eduard VIII. von England teil. Sämtliche jüdische Institutionen haben an den neuen König und den High Commissioner telegraphische Loyalitätsbestrebungen gerichtet. Die zionistische Organisation bekam ein Telegramm von König Eduard VIII., in dem er den Dank der ganzen königlichen Familie für die Teilnahme zum Ausdruck bringt. — Der bekannte Arzt und Schriftsteller Dr. Hillel Joffe, einer der ältesten Chowawe Zion, starb im Alter von 72 Jahren. — Es wird bekannt gegeben, daß im abgelaufenen Jahre 107 000 Palästinatouristen sich in Palästina vorübergehend aufhielten. — Die Nachricht, daß der „Doar Hajom" sein Erscheinen einstellte, bestätigt sich nicht. Die Redaktion ging aus der Hand des bisherigen Schriftleiters P. Ginzburg in die von Josef Heftmann über. Tel Awiw. Ein neues* hebräisches Theater wird hier nach dem Vorschlag des Dichters Abraham Schlonski unter dem Titel „Rimpa" eröffnet. Der Name trägt die Anfangsbuchstaben der Schauspiel-, Ton- und Tanzkunst in ihren verschiedenen Kategorien. — Die Ressorts innerhalb der Stadtr Verwaltung wurden nun definitiv verteilt. Das Finanzressort behielt Vizebürgermeister R o k e a c h , für da9 Erziehungswesen ist P i n k a s , Vertreter des Misrachi, zuständig. Die Linke übernahm die Dezernate für Gesundheits- und Wohlfahrtswesen, sowie für technische und kulturelle Angelegenheiten. — Die Bevölkerung Tel Awiws hat dem neugewählten Oberrabbiner von Tel Awiw, Rabbi A m i e 1, anläßlich seines Eintreffens im Lande einen feierlichen Empfang bereitet. Eine eigene Abordnung war nach Alexandrien entsandt worden, um Rabbi Amieldort zu begrüßen. Eine zweite Delegation empfing ihn an der Eisenbahnstation R e c h o w o t. griechischen Parlament sind in Saloniki elf jüdische Kandidaten aufgestellt worden. Die Kandidatenlisten der Tsaldaris-Partei, der Kondylis- Partei, der Venezelisten, die feierlich von ihrer bisherigen antisemitischen Politik abgerückt sind und nunmehr für „grechisch-jüdische Verbrüderung" eintreten, die Liste des Generals Metaxas und die Liste der linksstehenden Arbeiterschaft enthalten je zwei jüdische Kandidaten. Der 11. jüdische Kandidat wurde von der republikanischen Caffandaris-Partei aufgestellt. Eine Liste ohne jüdische Kandidaten hat die antisemitische nationalistische Vereinigung „E. E. E." eingereicht. Da diese Gruppe sich aber die Mitarbeit des sehr judenfreundlichen früheren Gouverneurs von Mazedonien, Dragoumis, gesichert hat, erwartet man, daß es diesem gelingen wird, die antisemitischen Tendenzen der Organisation in den Hintergrund zu rücken. Hochrufe auf die Juden in einer von 20.000 Menschen besuchten Wählerversammlung. Saloniki, 23. Jan. In einer von 20.000 Menschen besuchten Wählerversamulmng, in der der frühere Ministerpräsident Tsaldaris sprach, wurden wiederholt Hochrufe auf die jüdische Bevölkerung ausgebracht. Nach der Versammlung erklärte Tsaldaris Vertretern der jüdischen Presse, er könne es nicht verstehen, daß es Länder gibt, die ihre jüdischen Bürger zurücksetzen. Die Juden seien ein friedliches, loyales Bevölkerungselement, von dem Griechenland nur Nutzen haben könne. In einer Wahlversammlung der Venizelisten, die bis vor kurzem noch eine ausgesprochen antisemitische Politik verfolgten, sprach, von den nichtjüdischen Versammlungsteilnehmern lebhaft begrüßt, der jüdische Kandidat Aron Sciaky. Auch dem zweiten jüdischen Kandidaten, dem Konsul Japans in Saloniki, Edwin Saltiel, wurde bei seinem Erscheinen in der Versammlung eine stürmische Huldigung dargebracht. Mit den jüdischen Kandidaten standen auf der Tribüne die bekannten Salonikier venizelistischen Führer Jassonides und Levandis, die vorher Hauptträger der antisemitischen Bestrebungen in der Partei waren. Levandis ist Schriftleiter der Tageszeitung „Makdedonia", die bisher als extrem antisemitisches Organ bekannt war. Abordnungen der griechischen Flüchtlinge aus Klein-Asien, die in den letzten Jahren die schärfsten Gegner der Juden waren, besuchten die jüdischen Kandidaten Sciaky und Saltiel und versicherten sie ihrer vollsten Sympathie. Zum erstenmal in der Geschichte des jüdischen Saloniki finden mehrmals täglich griechisch-jüdische politische Versammlungen statt, bei denen es zu Verbrüderungskundgebungen griechischer und jüdischer Venizelisten kommt. Palästina. Jerusalemer Brief. Dank an Rabbi Mosche Blau. — Düstere Wolken. — Agudazertifikate. — Der Sabbat im kommunalen Gesetz. — Zum Andenken an de Haan. Jerusalem, 22, Jan, In einer Sitzung der Agudaleitung in Jerusalem schilderte Rabbi Mosche Blau die Verhandlungen, die die Leitung in letzterer Zeit mit der Regierung, mit dem High Commissioner und auch mit den zionistischen Instanzen in verschiedenen Angelegenheiten geführt hat, insbesondere Meß er sich über die schriftlichen und mündlichen Verhandlungen in Sachen des Legislative Council aus. Die Unterlagen erweckten bei den Mitgliedern das größte Interesse, und sie drückten ihrem Führer Rabbi Mosche Blau Dank und Anerkennung aus. Die Aufregung ob der Gerüchte über ein neues Einwanderungsgesetz spiegelt sich auch in ihren Berichten wieder, doch läßt sich diese kaum mit Wor-