Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1936)
- Date
- 1936-01-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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30. Januar 1936 Der Israelit Nr. 5 Seite 5 vclk, sobald es nur als lebendiger, mit allen Fasern in der aktuellsten- Gegenwart wurzelnder Organismus auferstehe, auch die Zentripetalkraft alles Lebendigen besitzen, und die Seelen der halb oder ganz Entfremdeten wieder für sich erobern werde. Eine symbolisch-dichterische Verkörperung dieses Wahrtraums der „Agudas Jisroel" ist der im Verlage von Erich Reiß in Berlin vor kurzem erschienene Roman von Sorna Morgenstern: Der Sohn des verlorenen Sohnes", der erste Band einer Romanreihe, die ein Gemälde des jüdischen Lebens der Gegenwart bringen soll. Es ist kein willkürlicher Einfall des Dichters, die Geschichte des kinderlosen polnischjüdischen Großgrundbesitzers, des frommen Wolf M o h y 1 e w s k i , der sich in dem legendären zwanzigjährigen Neffen drunten in dem großen Wien, dem Sohn des früh getauften und in Mischehe verheirateten Bruders, einen Leibes¬ und Geisteserbien erobern will — es ist wahrlich kein willkürlicher Einfall des Dichters, die Geschichte dieses heimkehrenden „Sohnes des verlorenen Sohnes" auf dem malerischen Hinteigrunde der zweiten Kienessio G e - daulo der Agudas Jisroel aufzubauen! Denn was sich da in deni individuellen Leben der chassidischen Familie abspielt, von dem verhängnisvollen Tage an, da der kleine, zwölfjährige Jossele um der schönen Uniform willen ä tout prix ins Gymnasium will, über die völlige Entjudung des Mannes 'hinweg bis .zum Wiedererwachen der jüdischen Sehnsucht in der Seeleder jungen Generation, die die Judenfeindschaft der Umwelt und zionistische 'Schlagworte zunächst einmal auf den Weg der Wahrheitssuche treiben — das ist ja ein typisches Geschehet), um dessentwillein „Agudas Jisroel" heute geschaffen werden müßte, wenn sie nicht Bestände. Die Alfred Mohylewskis suchen ihr Volk, und sie suchen nicht das künstlich geschaffene, in der politischen Retorte konstruierte zionistische Volk, sondern das jüdische, das durch weltgeschichtliche Bestimmung und in vieltausendjährigem Martyrium mit G'tt und seiner Thora zu untrennbarer Einheit zusammengeschweißte jüdische Volk, wie es im Bilde konzentrierter Einheit bis heute ja doch nur imR ahmen derKenessio Gedaulo die Bühne der neueren Geschichte betreten hat. Der Kenessio Gedaulo-Delegierte Wolf Mohylewski aus Dobropolije <und der Student Alfred Mohylewski aus Wien — ob auch jener von der Tribüne der Kenessio Gedaulo für die liehen Bestimmungen entsprechen auch zwei nach dem Auszug: a) K. 12, 43—50. Nachträgliche Bestimmungen über die Teilnehmer am Pessachmahle. b) 12, 51—13, 16. Befehle zur Heiligung der Erstgeburt. Dann Gebot von Mazzoth und Erstgeburt für die Zukunft. (Hoffmann.) 12, 5—29. Auch das ägyptische Proletariat wurde getroffen, weil .es nicht glauben sollte, daß G'tt seiner sozialen Lage wegein eingegriffen habe. Außerdem war auch das Proletariat an der Bedrückung beteiligt, da es glaubte, auf die noch tieferstehenden „vogelfreien" Juden herabschauen zu dürfen. II. 1, 13 drückt die Beteiligung de® ganzen Volkes an der Bedrückung aus. nana naa starb, weil die Tiere abgöttisch verehrt wurden und in ihnen die Götter Aegyptens bestraft wurden. (Wolf.) ö'na u^iid drückt die Ueberraschung über die wider Erwarten vielen getöteten Erstgeborenen aus. osrn Vsr onxa prnm drückt wohl das Verhaltender Aegypter aus. Vielleicht Hegt hierin aber auch ein Hinweis auf das Verhalten des Volkes. Es konnte sich anscheinend doch nicht so leicht trennen, wie sonst ein befreites Volk. Wie bewerten wir S. 35, 36, 38? Es steht nicht OB? sondern an«' Hierin liegt nach Wolf ein Hinweis auf die Art des Mitzdehems. Das Gebot der Mazzoth drückt aus, wie passiv Jisroel am Auszug beteiligt war und daß allein die Allmacht G'tt es den Auszug vollzogen hat. Zu den 430 Jahren siehe Ibn-Esra und Ramban. Siehe ebenso zu n'nnw b^b die Mephorschim. Wer Lohnsteuer z,ekkili, muss die Jüdische Winterhilfe bedenken! chassidischen Massen Polens das Wort führt, indes dieser, an der Seite seines Vormundes, des Journalisten Dr. Franikl, als einer von tausend Gästen auf der Galerie mit glühenden Wangen dem seltsamen Geschehen da unten folgt, der Haskara für die Märtyrer Hebrons, den geflüsterten Segensworten des Czortkower und Gerer Rabbi — es ist mehr als ein Zufall, daß sie sich auf dem Boden der zweitenKeness i o finden und finden müssen. Denn, wie es gleich zu Anfang heißt, der Gutsbesitzer von Dobropolje war „einer der Initiatoren der Bewegung der frommen Juden, die sich das Ziel vorgesetzt hatten, in aller Welt die Judenheit zur heiligen Lehre zu führen (und zurückzuführe n)." Und das Kapitel, das uns den Entschluß Alfred Mohylewskis erzählt, den „Weg seines Vaters zurückzulaufen" und mit dem wiedergefundenen Oheim in ,,Großvaters Zimmer", in das Bet- und Lernhaus der Mohylewskis heimzukehren, es schließt mit den Worten: „So war die Seele des Mannes Josef, genannt Mohylewski von Dobropolije, vierzehn Jahre nach seinem Tode in der Seele seines Sohnes Alfred auferstanden." Es ist die Wiederauferstehung des zu Tode emanzipierten und assimilierten Volkes der Thora! Sorna Morgenstern ist ein (Dichter von Rang. Seine Gestalten sind keine Schemen, sondern Menschen von Fleisch und Blut, und ein starkes Einfühlungsvermögen, das Landschaft und Menschen zu einander führt, die religiösen Akte des jüdischen Alltagslebens mit Ehrfurcht und Liebe durchseelt und die Eigenart jüdischer Volkssitte respektiert, findet in einer meist wahrhaft künstlerischen Sprachgestaltung adäquaten Ausdruck. Um aber nicht nur die seelische Haltung und das Einzel- und Familien-Milieu der chassidischen jüdischen Menschen mit künstlerischer Tiefe und Wahrhaftigkeit zu erfassen — was dem Verfasser bei seinen Hauptfiguren im großen Ganzen gelungen ist —, sondern um das ästhetische Nebenziel zu erreichen: die dichterische Gestaltung des Kenessio Gedaulo-Milieus mit seiner Spiegelung der ganzen Mannigfaltigkeit jüdischen Volkslebens, wären intimere und ausgebreitetere Kenntnisse religiöser, historischer, soziologischer Art erforderlich gewesen, als sie dem Verfasser offenbar zu Gebote standen. So mischen sich mancherlei kleine, aber störende Züge von Unechtheit in die Darstellung, so zum Beispiel die Ausmalung der die Kenessio einleitenden „Totenfeier", die in ihrer Theatralik als deplaziert von dem ostjüdischen Bemerkung zu den Wochenabschnitten. maer Kap. 6, Vers 10—13. Diese Sätze scheinen auf den ersten Blick überflüssig. Wird ja bereits in Kap. 4, V. 10—13 berichtet, daß Mosche sich mit der Begründung, er sei kein Mann der Rede, weigert, zu sprechen. Außerdem wird uns dort mitgeteilt, daß G'tt schließlich Ahron zum Sprecher für Mosche einsetzte (Kap. 4, V. 16}; was lehrt uns also der Satz ,,G'tt sprach zu Mosche und Ahron und Er gab ihnen den Befehl für die Söhne Israels und für Pharao (Kap. 6, V. 13) Neues? Ramban erklärt diese Verse folgendermaßen: Bei der Erscheinung dm Dornbusch erteilte G'tt Mosche den Befehl, zunächst zu den Söhnen Israels zu sprechen (Kap. 3, V. 15); dann sollen er und die Aeltesten Israels sich zu dem Könige von Aegypten begeben und zu ihm sprechen (K. 3, 10). Nachdem also Mosche nicht allein zu Pharao reden soll, sondern G'tt den Befehl gibt: „ihr sollt zu ihm sprechen" (3, 1&), hat Mosche keine Veranlassung, diesen zweiten Auftrag G'ttes, zu Pharao zu sprechen, zurückzuweisen. Die Weigerung Mosches mit den Worten „nicht ein Mann der Rede bin ich" — „Schicke doch, den Du schicken willst" kann sich daher nur auf den ersten Auftrag, zu den Söhnen Israels zu sprechen, beziehen. Bei diesem Befehl sagt G'tt zu Mosche: „So sagst du zu den Söhnen Israels" (3, 15); Mosche allein soll zu Israel sprechen. Da dieser aber in seiner Bescheidenheit glaubt, diese Mission nicht ausführen zu können, bestimmt schließlich G'tt Ahron zum Sprecher für ihn, einzig und allein aber nur zu dem Zweck, daß Ahron zu Israel rede. Ausdrücklich heißt es in diesem Zu¬ Auditorium in Wirklichkeit mindestens ebenso entschieden abgelehnt worden wäre wie die gelehrte philosophische Erörterung des westeuropäischen Referenten, ,,ob die Juden ohne G'ct leben können", wenn es sich eben nicht — was der Dichter offenbar nicht beachtete — ausschließlich um ein mzs^j motn für die wenige Tage vor der Kenessio Gedaulo hingemordeten Märtyrer von Hebron gehandelt hätte. Im übrigen ist gerade diese Geschichte von dem theologisch-philosophischen Vortrag über .das Problem ,,G'tt" — das dem wahren Juden eben kein Problem ist — einer der eindrucksvollsten und echtesten Züge in dem Kenessio Gedaulo-Gemälde, die dem Verfasser gelungen sind. Da steht ein orthodoxer Gelehrter westlicher Provenienz auf der Tribüne, um durch einen einstündigen Vortrag zu beweisen, daß das jüdische Volk ohne G'tt nicht leben kann — den Juden aber im Saal wird diese Beweisführung immer langweiliger und unerträglicher — der Saal leert sich mehr und mehr — da kein Raw oder Rebbe oben steht, kann man sich das erlauben —, sie strömen in Scharen in die Couloirs und — dawnen in unzähligen Minjonim mit Hislahawuth M a a r i w , die klassischste Antwort auf die rhetorische Frage des akademischen Redners, ob die Juden ohne G'tt leben können. Dieser unleugbar vorhandene Gegensatz einerseits zwischen westlicher Skepsis und östlicher Ungebrochenheit, dem feierlich-getragenen Pathos des Westlers andererseits und der gänzlich unfeierlichen Naturhaftigkeit des ostjüdischen Thoratreuen treibt auch die fernere Handlung des Romans merkbar weiter. Der sein originales, naturhaftes Volk suchende Student Alfred Mohylewski bekommt auf der Galerie der Kenessio Gedaulo einen Lachk r a m p f (er muß daher an diesem seltsamen Uebel von Anfang an leiden), wie er hört, daß da unten ein ,,Zylinder-Rabbiner" sich die geschmackvolle Ansprache an die Versammlung leistet: „Ihr Mannen der Agudas Jisroel" — und die tausend Juden im Saal, allerdings eine höchst unwahrscheinliche Verwicklung, halten die Lachmuskel-Explosion für ein — Bomben-Attentat auf den Kongreß und geraten in höchste Aufregung mit nachfolgender polizeilicher Intervention, die schließlich zur Schürzung des Knotens und seiner Entwirrung führt. Der agudistische Leser sieht über solche Unwahrscheinlichkeiten, deren es später noch einige gibt, um des vielen Schönen und Packenden willen gerne hinweg und er wird auch dankbar sammenhang, „er spreche für dich zum Volk" (4, 16). Ahron führte diesen Befehl aus, sprach zu Israel alle Worte, die G'tt zu Mosche gesprochen hatte und vollbrachte die Zeichen vor den Augen des Volkes (4, 30). Hierauf begaben sich Mosche und Ahron zu Pharao (die Aeltesten fürchteten sich, zu ihm zu gehen, s. Raschi 5, l)>, ihre Mission war aber nicht von Erfolg gekrönt. Nun forderte G'tt wiederum Mosche auf, daß er allein zu den Söhnen Israels spreche (6, 6); ohne Widerrede handelte dieser nach G'ttes Befehl, aber die Söhne Israels hörten nicht auf ihn (6, 9). Als aber hierauf G'tt Mosche befahl, allein zu Pharao zu sprechen (6, 10) erwiderte Mosche: „Wenn schon die Söhne Israels nicht auf mich hörten, um wie viel weniger Pharao" (6, 12}. Nun bestimmte schließlich G'tt, daß Ahron ständig, sowohl bei dem Ueberbringen seiner Befehle an Israel als auch an Pharao, Mosche zur Seite stehe. Dies ist der Sinn von Kap. 6, V. 13: „Und G'tt sprach zu Mosche und Ahron und gab ihnen den Befehl für die Söhne Israels und für Pharao, dem Könige von Aegypten." S. Sp. Kleines Feuilleton. Ein neues Werk synagogaler Komposition. Vor längerer Zeit wunde hier über die musikalische Freitagabendliturgie Jakob Oymonts, des Chor-