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Der Israelit · 1936-01-30 · Heft 5 (30.1.1936) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 5 (30.1.1936)
Date
1936-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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30. Januar 1936 Der Israelit Nr. 5 Seite 3 und Leistung der gesetzestreuen in Deutschland. das geistige Niveau, die seelische Elastizität und die sittliche Reaktionsfähigkeit unserer Masse nicht verringert werden. In diesem Licht w i r d d i e Fr agevomLeistenundKönn e n des R ab b in e r s zur entscheidenden Lebensfrage unserer Gemeinden. Vor allem soll der Rabbiner eine starke, aufrechte Persönlichkeit sein, von Wahrheitsmut und künderischer Kraft, ein Erwecker und Forderer, mit eigener geistiger Prägung und starkem Willen. Es ist zu wenig, daß der Rabbiner in bloß negativ abwehrender Haltung nach außen den Schutz des Bestehenden, die Fortführung des vorhandenen religiösen Gutes als seine Aufgabe betrachtet. Es muß ihn der Drang zur Eroberung v o n Neuland, im Glauben an eine mögliche religiöse Renaissance, an die Gewinnung der Entfremdeten beseelen. Es genügt nicht, daß er selbst und sein Haus und mit ihm die aus sich heraus Willigen fromm und demütig dem G'tte Israels dienen, er sich sonst aber in allem anderen, wie seine faktische Stellung'es ihm nahelegt, sich in die Gegebenheiten fügt. Bei aller /Milde und Güte der Seele, die nicht richtet und nicht anklagt, die überall das Gute im Menschen sieht und iedem Streben gerecht wird, soll er dennoch werbend und fordernd der Oeffentlichkeit gegenübertreten, um dem sittlichen Ernst eines auf G'tt bezogenen Lebens überall Bodenijrzu schaffen. Er darf sich dabei öicht auf dieUiSynagoge und die Pflege der rituellen Institutionen beschränken. Er muß in den Vereinen und Versammlungen,' auf Katheder und Rednertribüriie stolz und siegreich das Wort der Thora zu Gehör bringen, muß in den Jugendbünden und Hätahscharäs, in den Zirkeln, wo man die ihebräische Sprache erlernt, in den Veranstaltungen jder; Kulturbünde sich in den Kreis der Mitwirkenden ( einschalten, überall selbstlos und ohne Prätentkfri Einfluß zu nehmen und dienend mitzuhelfen ^chen,;lediglich und allein zu dem .Ende,' daß; :jf$jsj; Wort der Ewigkeit nicht verstumme, und ^icht vergessen werde. ^;iFürdi^|f^e Setzung der Rabbinate ist . heute-;]biider Parteizugehörigkeit :oder--. der/%\W*H)Soh. leitender Kreise, nur nicht durch eine führende Natur, einen Menschen sie/her er Initiative und innerer Zielrichtung die Domäne ihrer Herrschaft bedrohen zu lassen, sehr oft entscheidend. Der religiöse und geistige Niedergang der Gemeinden wird dann die unausbleibliche Folge sein. iDas Amt des Rabbiners hat mit politischen Parteien nichts zu tun... E)er Rabbiner stehe vielmehr im wahrsten Sinne des! Wortes über allen Parteien, sei lediglich fCünder des" in den heiligen Quelle» niedergelegten jüdisqfiien Lebenssinnes, aus dem er die .Aufgaben desjfi^ugenblickes deutet; Er schäme sich, ein KnejcRt der Mächtigen und Reichen zu sein; er sei ^vielmehr vor allem gerade mit der breiten »Masse,.yerbunden nach dem Talmudwort: Künlmert euch um die Kinder der Armen, denn aus.] ihnen geht die Thora hervor. :Man gebe dem Ralbbiner wieder eine zentrale Stellung in der Gemeinde, entscheidend für alle Angelegenheiten der Gesamtheit wie des Einzelnen. Natürlich muß sichder Rabbiner zurückhalten, nicht in Dinge hineinzusprechen, an deren Entscheidung die religiöse und moralische Zukunft unseres Volkesljnioht interessiert ist. Aber wc diese in Frage kommt* da freue man sich,' in ihm den Wahrer: unsere^,, großen Traditionen zu besitzen. Da ist es vor allen Dingen d i e Pflicht der j e tzt M ä c: h;t:i g e n in den Gemeinden, ■ selbst das; Beispiel 2ü geben, wie man vom Rabbiner ausgegebene Losungen zu befolgen habe. Es ist P flieh t :d.e;r(:iint e 11 e k tuell e n K r e i s e, die geistige;Arbeit des Rabbiners zu fördern, (Fortsetzung von Seite 1.) Die Isolierung der Gemeinden, die sich infolge der gesetzlichen Bestimmungen als in sich geschlossene Zelle des Judentums konstituierte, bewirkte ferner auch eine Isolierung des einzelnen Rabbiners, der sich den Stand des religiösen W i s s e n s in seinem Amtsbezirk izum (Maßstab nabm und den Sporn und Stachel zur Selibstvervollkommnting, zum idealen Wettbewerb mit den Großen seiner Zeit in schöpferischer eigenständiger Beherrschung der Lehre verlor. So verarmte der Rabbiner innerlich mit, dem religiösen Verfall der Gemeinde. Es fehlte .meiner Tätig k ei t der große Schwung. Die leere Synagoge erkältete nur allzuoft den Mut und die Freude der Verkündigung des G'tteswortes; der Religionsunterricht, widerwilligen und unfreudigen Elementen erteilt, verschrumpfte zu immer kleinerem Radius des Unterrichtsstoffes, und alle Anstrengungen gesellschaftlicher Art und seelsorgerischen Dienstes; die wohl dem Einzelnen aus der Gemeinde zu gegebenem Anlaß zum Segen wurden, führten nicht zu einer solchen Zusammenfassung und zu solchem Gemeinschaftsleben, daß der Rabbiner, in den Mittelpunkt sich stellend, eine wirkliche Führerschalt zu.„größerer Daseinserfassung hätte ergreifen können.- Das Geb-ot 'der Toleranz, des schonenden Verständnisses für wirtschaftliche Schwierigkeiten oder religiöse Fremdheit vieler Gemeindemitglieder ließ:; e-, inen ernsten Ap p e 11 selbst an das e,t h i s;c he Feingefühl des Einzelnen nicht recht zu. Aus dem Rabbiner , wurde. ein Prediger, aus. dem für..das..religiöse Wohl und Wehe jedes Einzelnen und. der Gesamtheit sich verantwortlich füMenden Führer, dem Künder und Verkörperer des; Ideals, wurde 'ein Anreger und Sprecher, wurde ein teilnehmender Freund vor allein der Glieder höherer Gesellr sohaftsschichten innerhalb der Gemeinde. Es dürfte wohl heute allgemeine Ueberzeugung geworden sein, daß eine solche Stellung und Betätigung des Rabbiners, die vielleicht in ruhigen und satten Zeiten eine Berechtigung ha.-, ben mochte, gegenüber dem ernsten Aspekt unserer Gegenwart - nicht mehr ausreicht. Der in seinen tiefsten Tiefen erschütterte jüdische Mensch braucht den Halt einer starken überlegenen Persönlichkeit, die durch ihren inneren Gehalt weit über alles Schwankende und Wan- , kende des Augenblicks hinausragt. Angesichts der Angriffe, die gegen die Religion Israels geschleudert werden, verlangen die Gemeinden nach echter, überragender religiöser Autorität des Rabbiners, an dessen grundlegendem Wissen sich alle orientieren,sich von dem lastenden Drück ebrenkränkender; 'Verdächtigung des Heiligsten! freimachen (können. Und; iwenn: das äußere Leben tausenderlei Enttäuschungen bringt, wenn äußere Güter und äußere Ehre;, i keinei: ,Lebenserfüllurigi mehr ibieten, dann muß in ganz änderer Weise als bisher der religiöse Wert, unseres Gqmeinschäftsdaseinö in seiner Kraft und in seinem 'Sinn durch den Rabbiner "jedem zum Bewußtsein gebracht werden. 'Aber er muß auch Entschlossenheit und Energie genug besitzen, nicht nur theoretisch zu lehren, .sondern auch Wege, zu weisen, z u r p r a k ti s c h e n A n ei gnung u n d z u f o n t-. schreitender E r f ü 11 u n ig d e r T b o r a- Gebote. Und in einer Zeit, da sich die Welt allgemeiner Kultur uns mehr und mehr verengt, die Fülle . geistiger: Strebungen und Strömungen nicht mehr , ungeschmälert sich uns durch Buch und Zeitung, durch Schule und Universität mitteilt, ist in ganz anderer Weise als vorher eine Durchtränkung, und Durehflutung unseres Mikrokosmos mit jüdischem Lehr gut notwendig, damit durch ihr Vorbild dazu beizutragen, daß man der Kanzel lausche, daß das Lehrhaus sich fülle, daß wieder ein allgemeines Interesse für Bibel, Talmud und jüdische Geschichte die Menschen ergreife und sie in den ihn erschlossenen Lehren eine wirkliche Bereicherung finden. Gebt euren Rabbinern die Aktivität zurück, gebt ihnen den Mut zur Ergreifung wahrer Führerschaft, gebt ihnen die Stoßkraft, um den Indifferentismus, die Gleichgültigkeit, die Gedankenträgheit und die Erstarrung in euren Gemeinden zu bekämpfen und zu besiegen; erniedrigt sie nicht zu einer Rolle gleich dem Chor in der antiken Tragödie, der nur in zuschauender Haltung, mit schönen allgemeinen Sentenzen, die von andern bewirkten Erfesthält. bedarf auch der ge- ,in Deutschland einer Es sollte anstelle des Nuancierungen und eignisse kennzeichnet und Auf der andern Seite setzestreue Rabbinerstand starken inneren Wandlung, aufreibenden Kampfes der Schattierungen ein Wettbewerb in der fachlichen Beherrschung der jüdischen Disziplinen eintreten. Die Rabbinen müssen vor allen Dingen in dauerndem Selbststudium, im Anschluß an die großen Stätten jüdischer Lehre, sowohl der Jeschiwoth, wie der modernen wissenschaftlichen Charakters, wieder danach streben, Größen der Lehre und der jüdischen Wissenschaft zu sein. Sie müssen iniganz anderer Weise als bisher die Kunst der Menschenführung und der. iMassenbeeinflussung, die Kunst der Textbehandlüng, des populären, gehaltvollen Schiurs sich zueigen machen. Die hebräische Sprache und Kenntnis des Heiligen Landes muß ihnen vollkommen geläufiges Gut sein, damit auch sie» dazu beitragen, (können, das größte Ereignis der Gegenwart, die lErschließung: von Erez Jisrael,'ihrer Gemeinde zum Miterleben zu bringen. Vor allem aber muß auch die innere Geschlossenheit des Rabbinerstandes wachsen, daß sie als eine geistige Macht, als wahre Vertretung echter Thorawissenschaft der Gesamtheit gegenübertrete. Nur durch eine starke rabbinische Führerschaft kann der Streit der Parteien, der Zerfall der Familien, die kleinbürgerliche Enge, jede moralische Anarchie, kurz alles das, woran unsere jüdischen Gemeinden so viel leiden, überwunden werden. Nur durch einen starken Rabbinerstand wird selbst in diesen Zeiten der Krisis, auch der deutschen Judenheit im Großen wie im Kleinen ihre alte Bedeutung in der Gesamtheit Jisraels, ihre spezielle jüdische Eigenart und Note bewahrt werden können. Wochenrundschau, Jüdische Auswanderungsschule. Die Gründung der, Jüdischen Auswanderungsschule, über die wir bereits vorige Woche kurz berichteten, wird bedauerlicherweise nicht einstimmig von dem jüdischen Pressechor' gut gelheißen. Es sieht beinahe so aus, als ob trotz aller gegenteiligen Versicherungen man es in zionistischen Kreisen nicht gerne sieht, daß eine systematische. Jugendausbildung, die nicht ausschließlich an Palästina, orientiert ist, von jüdischer Seite in Deutschland vorgenommen wird. Zwar gesteht auch das zionistische Organ zu, daß alle Auswanderungsmöglichkeiten ins Auge gefaßt werden müßten, auf der anderen Seite wird aber kritisch zu der Neugründung Stellung genommen: „Wo ist das Land, für das diese jungen Menschen ausgebildet werden sollen? Wo ist ihre Gemeinschaftsaufgabe, die sie

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